Hundehaut.
Auf Ahnensuche in Transsilvanien

Das Manuskript
Ein Samstag im November
Es fühlte sich an wie ein Spätsommertag. Über den noch reichlich belaubten Bäumen türmten sich die Wolken, von Herbststürmen ungestört, zu hohen, weißen Klumpen. Im Weinladen war es ruhig gewesen, wie immer, wenn man schon nachmittags auf der heimischen Terrasse trinken konnte.
Bald war es 15 Uhr und Zeit, zu schließen. Ich konnte es kaum erwarten. Man hätte in einen Biergarten gehen können, so warm war es. Zuvor jedoch, vielleicht auch stattdessen, würde ich meine Mutter besuchen. Sie war seit kurzem, nach einem Aufenthalt im Krankenhaus, wo man sie zur Ausbildung des Nachwuchses ein bisschen zu ausgiebig therapiert hatte, in einem Pflegeheim untergebracht und erkannte mich nicht mehr.
Die ganze Woche schon hatte ich sie nicht gesehen, hatte noch den unwichtigsten Grund zugelassen, um mich daran zu hindern, ins Heim zu fahren. Ging es bei diesen Besuchen nicht ohnehin nur noch um mich und die Beruhigung meines Gewissens? Welche Bedeutung hatte meine Anwesenheit für meine Mutter, die mich entweder für einen ihrer längst verstorbenen Brüder hielt oder einfach für einen freundlichen Fremden?
Freundlich? Ein Fremder? Als ob meine Mutter je einen Fremden freundlich gefunden hätte! In der Demenz hatte sich ihr zurückgezogenes Wesen noch verstärkt. An ganz schlechten Tagen sprach sie gar nicht mit mir und hob kaum den Kopf, um mich anzusehen.
Ich verabscheute das Heim und mich selbst dafür, nicht in der Lage gewesen zu sein, es meiner Mutter zu ersparen. Obwohl ich wusste, alles getan zu haben – bis hin zum offenen und lautstarken Streit mit dem Chefarzt auf dem Krankenhausflur über die Notwendigkeit der dritten Vollnarkose in zwei Tagen – , fühlte ich mich verantwortlich und schuldig und bar jeder Absolution.
Schon das Gebäude an sich war mir zuwider, ein klassizistischer Klotz in Schönbrunner Gelb, immer zu stark beheizt, immer zu stickig, darin eine Duftmelange aus multipler Inkontinenz, vermischt mit ungelüfteten Betten, zu lang getragener Wäsche, im Großküchentopf zu Brei gedämpftem Gemüse und dem allgegenwärtigen Kamillen- oder Pfefferminztee, der in Schwaden die Gänge durchwaberte.
Es würgte mich immer ein wenig, wenn ich die Vorhalle betrat, die Flure durchlief und schließlich die Treppe in den zweiten Stock hinaufkeuchte. Den Fahrstuhl mochte ich nicht nehmen: was, wenn eine Leiche auf dem Weg in die Kühlkammern des Kellers war und wir steckenblieben?
Vorige Woche war mir der Besuch leichter gefallen. Auch dieser Tag war sonnig gewesen. Ich konnte mich etwas früher absetzen, hatte eine gekühlte Flasche Grauburgunder mitgebracht, die Mutter im Rollstuhl eine Weile durch den Garten des Heimes geschoben und mich mit ihr dann unter eine Pergola gesetzt, um auf das schöne Wetter anzustoßen.
Sie war klar und wach gewesen, hatte den Pfälzer Wein gelobt und sogar zugelassen, dass sich ein anderer Elendsinsasse zu uns gesellte, nachdem er mit etwas aus der Übung gekommener Höflichkeit um Erlaubnis gebeten und daraufhin auch einen Plastikbecher mit Wein erhalten hatte.
Und obwohl kaum gesprochen wurde, war es fast eine kleine Party geworden.
Bei der Erinnerung daran merkte ich, wie nervös ich war. Eine über Achtzigjährige, die nicht mehr im Stande war zu telefonieren, sollte man nicht eine ganze Woche nur dem Pflegepersonal überlassen. Natürlich würde man mich verständigen, wenn sich „etwas“ abzeichnete – ein Anruf, von wem auch immer, dieser Anruf, den ich mein ganzes Leben lang gefürchtet hatte –, aber das war nicht der Punkt. Ich wollte nach Möglichkeit nicht zu spät kommen, wie einer, den man aus Übersee herbeitelegrafiert und der trotz schnellster Reisemöglichkeiten damit rechnen muss, die Mutter nicht mehr rechtzeitig anzutreffen.
Was war eigentlich rechtzeitig in so einem Fall?
Ich bestellte ein Taxi für kurz nach 15 Uhr. Die Abrechnung, das Aufräumen – sie konnten bis Montag warten. Ich hatte das Gefühl, Zeit zu vergeuden, wenn ich den langen Fußweg zum Zug und die ebenso lange Fahrt in die Stadt in Kauf nähme. Mit dem Taxi wäre ich in der Hälfte der Zeit im Heim. Vielleicht würde es dann doch noch für ein Feierabendbier mit dem Rücken zu einer sonnengewärmten Wirtshauswand reichen, ehe es in der Dämmerung rasch kalt wurde.
Der Taxifahrer, ein Türke, sprach vollkommen korrektes Bairisch:
„Pressiert’s Eahna recht?“
„Wie kommen Sie darauf?“, fragte ich.
„Sie schau’n so aus“, antwortete der Fahrer. „Geht’s zur Geliebten?“
„Sie sind ein Gedankenleser, was?“ Ich bemühte mich, zu lächeln.
„De Weiba deaf ma ned wartn lassn, sonst san s‘ schneller weg wia dass d‘ schaugn kannst!“
Der Fahrer gab Gas, als müsste er einen Lottogewinn abholen. Nach knapp einer Viertelstunde waren wir am Ziel. Ich sprang aus dem Taxi, pfiff auf die Quittung, vermied die besuchervolle Vorhalle und eilte durch den hinteren, eigentlich dem Personal vorbehaltenen Eingang, von dessen zahlencodegesicherter Tür ich wusste, dass sie selten geschlossen war. Durch das Treppenhaus spurtete ich in die zweite Etage.
Die vierte Tür auf der linken Seite trug den Namen meiner Mutter – aber auch den ihrer Zimmergenossin. Lebenslang eine Einzelgängerin, hatte das Schicksal meine Mutter durch die Heimeinweisung dazu verurteilt, das letzte Kapitel ihres Daseins in Zwangsgemeinschaft mit einer vollkommen Fremden zu verbringen. Mich schüttelte es bei dem Gedanken. Was würde ich tun in dieser Lage? Die Andere aus dem Fenster werfen? Was konnte einem schon groß passieren, wenn man sich in einer Todeswarteanstalt ein wenig Privatheit erzwang? Vielleicht aber war man zu schwach dafür, zu gleichgültig gar.
Die Zimmertür war nur angelehnt, als sei gerade ein Pfleger im Raum oder dabei, etwas zu holen.
Trotz des Sonnenscheines lag der Raum im Halbdunkel. Das hintere Bett, am Fenster, gehörte der Mitbewohnerin. Es war leer.
Rechts an der Wand stand das Bett meiner Mutter. Sie lag darin, auf der linken Seite, im Nachthemd, nur halb zugedeckt.
„Na, du Schlafmütze?!“ flüsterte ich. „Ist es nicht arg früh, um sich hinzulegen?“
Ich berührte sie leicht an der rechten Schulter. Sie fühlte sich warm an.
„Hallo Mama. Ich bin’s. Richard.“
Abermals berührte ich ihre Schulter, jetzt mit einem leichten Ruckeln. Sie gab nach, doch lag eine Art Widerstand darin.
„Mama, wach auf!“ Jetzt flüsterte ich nicht mehr.
Es dauerte ein paar Sekunden, ehe die Ur-Angst in mir sich aus jahrzehntelangem Dösen aufrappelte, ehe mir schwante, dass jetzt der Augenblick gekommen sein könnte, wirklich Angst zu haben.
Ein letzter Sonnenstrahl zeichnete einen kleinen Lichtfleck auf die Gardine. An einem so schönen Tag hatte man nicht zu sterben.
Dann riss es mich aus dem Raum.
Ich rannte zum – wie immer leeren – Personalzimmer, sah einen Pfleger in einem anderen Raum verschwinden, erreichte ihn und zog ihn mit mir.
„Bitte, sehen Sie nach meiner Mutter! Sie wacht nicht auf!“
Der Pfleger war erfahren genug, um sich nicht zu widersetzen. Im Zimmer der Mutter angekommen, setzte er sich zu ihr aufs Bett, rüttelte sie, sprach sie an und gab ihr einen kleinen Klaps auf die Wange. Schließlich verdrehte er ein Stück Haut an ihrem Hals mit zwei Fingern. Als sie auch darauf nicht reagierte, drehte er mir sein Gesicht zu und schüttelte den Kopf.
„Es tut mir sehr leid“, sagte er, und ich spürte Aufrichtigkeit, obwohl es für den Pfleger vermutlich Routine war, „aber ich fürchte, Ihre Frau Mutter ist soeben verstorben.“
Stanniolherz
Auf den Tag genau vier Wochen später ließ der Friedhof keinen Zweifel an der Jahreszeit. Eisiger Wind trieb Schneeflocken waagrecht über den Platz vor der Aussegnungshalle und die wenigen Trauergäste beeilten sich, aus dem Eissturm in die Kälte des Gebäudes zu kommen, das schließlich nicht dafür gedacht war, sich darin wohlzufühlen.
In meinem Fall gelang das gut, denn dies war die erste Beerdigung, bei der mir die Hauptrolle zukam. Es ist ja keineswegs der oder die Verstorbene die wichtigste Person bei so einer Feierlichkeit, sondern vielmehr der Haupthinterbliebene. Aller Augen sind auf ihn gerichtet. Man mustert ihn, will sehen, wie er sich schlägt. Wie lange wird er sich das Weinen verkneifen können? Wird er vielleicht sogar die Situationsdramatik zur Gänze ausschöpfen und den Trauergästen das Vergnügen bereiten, zusammenzubrechen? Hatte er diesen Anzug nicht auch schon bei der Beisetzung seines Patenonkels an? Dass ihm der noch passt! Und wer hat seine Schuhe so blank poliert? Er ist doch angeblich Single!
All dessen war ich mir bewusst. Seit mich ein Onkel, vor Jahrzehnten, bei der fast ebenso kalten Beerdigung meiner Großmutter coram publico ermahnt hatte, die blau gefrorenen Finger aus den Hosentaschen zu nehmen, um der Würde des Ortes zu entsprechen, wusste ich, dass es bei dieser wie bei allen anderen Zusammenkünften meiner Verwandtschaft immer nur darum gehen würde, „la più bella figura“ zu machen, wie die halb-italophone Tante es genannt haben würde.
Nun stand ich also im Rampenlicht der großen Trauerkerzen. Ich hatte den Beerdigungszeitpunkt ausgewählt, die Urne, die Blumen, die Musik und, nicht zuletzt, dem Pfarrer die Trauerrede geschrieben. Wie viel konnte man dabei falsch machen?
Gleich bei meiner Ankunft hatte ich den pakistanischen Friedhofsdiener in seinem Verschlag aufgesucht und ihm die CD mit dem „Ständchen“ Franz Schuberts in die Hand gedrückt. Drei-, ach was: viermal hatte ich ihm eingeschärft, dass es das fünfte Stück sei, welches er bitte nach des Pfarrers ersten Worten abspielen solle. Ich ließ ihn sogar mit dem Finger auf dem Etikett die korrekte Zeile anzeigen, um sicherzugehen, dass „fünf“ auch im Pakistanischen „fünf“ bedeutet.
Tatsächlich erklang dann, ein paar Sekunden zu früh und den Pfarrer leicht abwürgend, statt sanft-melancholischer Klaviermusik ein überaus lebhaftes, der Zwölftonmusik bedrohlich nahekommendes Streichquartett eines weniger bekannten Komponisten in großer Lautstärke und mit einer völlig übertriebenen Dauer von viereinhalb Minuten.
Viel Zeit, um mir innerlich vorzusagen, dass niemand den Fehler bemerken könne, da keiner wusste, welches Lied das richtige gewesen wäre. Ach ja? fragte eine andere innere Stimme. Muss nicht jedem klar sein, dass man bei einer Beerdigung so was nicht spielt? Welch unpassende Gelegenheit, die Welt über deinen avantgardistischen Musikgeschmack in Kenntnis zu setzen. Mach‘ dir keine Hoffnungen: jeder weiß, dass es das falsche Stück ist – und in der Urne deiner Mutter herrscht gerade ein Sandsturm!
Ich wusste gar nicht, wie gemein ich zu mir selber sein konnte. Als es endlich endete, hing ich wie ein ausgewrungenes Handtuch auf dem Klappstuhl in der ersten Reihe.
Eine Erholungspause aber gab es nicht, denn der Pfarrer fuhr nun mit der Trauerrede fort, in die er ein wenig Geschichtsunterricht sprenkelte. Statt sich an meine Vorgabe zu halten und davon zu sprechen, dass es meiner Mutter nicht vergönnt war, in transsylvanischer Erde zu ruhen, machte er das ungarische „Széklerland“ ihrer Herkunft kurzerhand zu „Rumänien“.
„Jetzt reicht’s!“, hörte ich die Stimme meiner Mutter ziemlich klar aus dem Off.
„Könntest du dem Schwachkopf bitte den Weihwasserkessel um die Ohren hauen?!“
Vielleicht wäre das schon zuvor eine gute Idee gewesen, denn bereits vor Beginn der Trauerfeier war ich beim Versuch einer albernen Geste gescheitert, als ich, noch allein mit der Urne, diese rasch öffnen wollte, um ein kleines, in Stanniolpapier gewickeltes Schokoladenherz hineinzulegen, den Deckel aber nicht abbekam, ehe der Pfarrer abrupt neben mir stand. Das Herz in der Hose, gelang es mir wenigstens ganz zum Schluss ‒ die Friedhofsgärtner setzten bereits zum Zuschaufeln des Grabes an ‒ die Liebesgabe an der halbwegs richtigen Stelle fallenzulassen.
„Das war aber auch Zeit!“ Abermals war die Frau Mamá für mich klar zu vernehmen.
Bei noch weiterem Rückblick hatte sich schon die Vorbereitung der Zeremonie als kompliziert erwiesen, obwohl mir der dicke Dimi, ein russischstämmiges Relikt aus gemeinsamen Bundeswehrzeiten, der sich selbst als „zu Fett gewordenem Fatalismus“ bezeichnete, bei der Auswahl des Bestattungsinstitutes mit äußerst sachlichen Erkundigungen, Vergleichen aller Art und fern von jeder Rührseligkeit bereits den schwierigsten Teil abgenommen hatte.
„Du weißt doch sowieso nicht“, hatte Dimi gesagt, „was hinter den Kulissen abläuft. Du kannst zehntausend Euro abdrücken und sie klauen der Toten die Goldzähne. Dann lieber nur tausend, oder?“
„Meine Mutter hatte keine Goldzähne“, warf ich ein und wusste, dass es darauf nicht ankam.
„Schon gut, du hast kapiert, was ich meine, nicht?“
Nachdem Dimi innerhalb von zwei Jahren beide Eltern verloren hatte, verlieh er sich den Titel eines „Professionellen Hinterbliebenen“ und verglich sich gern mit dem „Undertaker“, einem amerikanischen Show-Kämpfer, der stets mit einem Sarg in den Ring stieg. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass man an Beerdigungskosten einsparen müsse, was immer möglich sei, da einem dies erlaube, effektiver gegen die Trauer anzusaufen. Und tatsächlich hatte er in kurzer Zeit einen Bestatter ausfindig gemacht, der preiswerte Seriosität versprach. Was folgte, erlebte ich so, wie ich glaubte, derlei erleben zu müssen: schlafwandelnd, absent, ferngesteuert, und was es da sonst noch an Beschreibungen der Tage nach dem ersten Schock gab. Mein Zustand erleichterte wirklich manches, und so hatte ich schließlich wie von Fäden gezogen den Vertrag unterschrieben und war mit Dimi, der rauchend vor der Tür gewartet hatte, am helllichten Tag und auf kürzestem Weg zum nächstbesten Griechen gegangen.
Beim dritten Ouzo überkam es mich.
„Sie wird nicht hier verbrannt, stell dir vor! Sie fahren sie nach Mainburg. Ich habe noch nicht mal nachgesehen, wo das liegt. Hätte ich mehr bezahlen sollen? Ich meine, für ein Krematorium in München?“
Dimi sah mich durch das Bierglas an.
„Nach allem, was ich von deiner Mutter weiß, ist sie gern gereist. Da ist eine Landpartie zum Schluss doch nicht das Schlechteste, oder? Und ich wette, in Mainburg war sie noch nie“.
Dimi war es dann auch gewesen, der bei der Aussegnung neben mir saß und seine schwere Russenhand auf mein Knie legte, als mich die Trauer schließlich doch mit aller Macht überkam.
Während der Pfarrer in seiner Ansprache gerade meine Worte verlas und die Ausbeutung des Menschen durch seine Brüder und Schwestern geißelte, in diesem Fall die meiner Mutter als unterbezahlter, alleinerziehender Frau durch das mittelständische Unternehmen, in dessen Dienste sie fast zwanzig Jahre lang all ihre Kräfte gestellt hatte, fiel mein Blick auf eine fein gekleidete ältere Dame, die auf einem Eisblock zu sitzen schien. Es war, wie ich mit einiger Verzögerung erkannte, die Mutter des gegenwärtigen Geschäftsführers eben dieses Unternehmens.
„Das wird ihr eine Lehre sein“, murmelte Dimi in mein rechtes Ohr, nachdem ich zuvor hinter vorgehaltener Hand geächzt hatte: „Oh Gott, Mamas alte Chefin! Wieso ist die hier?“
Als endlich die letzten Meter an Urnenbegleitung geschritten, die Weihwasserbesprenkelungen, Erdbeschaufelungen, Beileidsversicherungen und das Händegeschüttel vorüber waren, traf man sich in einer nahegelegenen Gaststätte zum Misslingen des letzten Kapitels. Die unbekannte Wirtschaft, die ich in großer Hast vor allem unter dem Kriterium ausgewählt hatte, nicht abermals in ein Restaurant zu gehen, in dem schon der Leichenschmaus eines anderen verstorbenen Familienmitgliedes abgehalten worden war, zeigte sich dem Anlass nicht gewachsen. Ein Kegelausflug hätte besser zu den massigen Eichentischen unter den weiß grün karierten Tischdecken gepasst und ein Napf zur Qualität der Speisen.
Man machte es also kurz. Ihr hohes Alter kam einigen der Trauergäste sehr gelegen. Es sitze sich nicht so gut mit der künstlichen Hüfte, hieß es, der Hund sei allein zu Hause, eine Enkelin müsse vom Au-Pair-Jahr am Flughafen abgeholt werden, nachts werde es schnell dunkel.
Als sich abzeichnete, dass meine verbliebenen Tanten und Onkel gegen meinen heftigen Widerstand die Rechnung unter sich aufteilen würden, was sich für mich in diesem Moment tatsächlich anfühlte wie ein Summenstrich unter meinem Leben, orderte Dimi geistesgegenwärtig eine Flasche „Absolut“-Vodka und signalisierte mir, wo er zu finden sei, wenn alle gegangen sein würden.
So schlich sich der 5. Dezember in Dimis Fiat Cinquecento mit laufendem Motor, Heizung und Schnaps aus seiner Bedeutung.
Am Ende fuhr Dimi betrunken nach Hause und ich – saß wieder in einem Taxi, wie vier Wochen zuvor, doch diesmal brachte es mich an einen Ort, an dem endlich alles egal war.
Edelweiß mit Trauerrand
Acht Monate waren vergangen. Ich hatte mich über den Winter in die Arbeit gestürzt, bis ich zu müde zum Trauern war, und im Frühjahr begonnen, mich durch den Nachlass meiner Mutter zu wühlen.
Es war tatsächlich kein sanftes Blättern, sondern ein Schaufeln und Graben, denn neben den üblichen offiziellen Papieren bestand mein Erbe aus einer Unmenge Fotos ohne Sortierung und zumeist in Schwarzweiß, von Hand geschriebenen Briefen, die nicht immer im richtigen Umschlag steckten sowie ein paar gelblichen, auf geheimnisvolle Weise wichtig scheinenden Blättern mit rissigen Rändern, Stempeln und schwungvollen Unterschriften. All das häufte sich in Schuhkartons vornehmer Marken, in Lebkuchenkisten aus Blech und lackierten Pappschachteln, deren ursprünglicher Inhalt mir rätselhaft blieb. Eine Handvoll Briefe steckte in einer Art Filzmappe, die mit bunten Stoffmustern bespannt und durch eine Schleife zugeknotet war, vermutlich von einer vergessenen Urgroßtante bei Kerzenschein fadenweise bestickt.
All diese Blätter und Briefe und Bilder hatten gemeinsam, aus einer anderen Zeit zu stammen, viele aber auch aus einem Land, das es so nicht mehr gab: Transsilvanien, als es Teil Ungarns war.
Einige der Namen auf den Kuverts, soweit ich sie lesen konnte, waren mir bekannt, wenngleich nicht vertraut, und auch ein paar der Menschen auf den Fotos hatte ich als Kind noch leibhaftig gesehen. Nicht von allen wusste ich, wer sie gewesen waren, doch allein die Vermutung, dass es Verwandte sein dürften, machte unmöglich, das Konvolut aus den Händen zu geben, und geschähe es noch so pietätvoll.
Schon der bloße Gedanke an einen Papierkorb verbot sich, da es zu fast jedem Blatt, zu fast jedem Bild eine Geschichte gab, die mir erzählt worden war – und das nicht nur einmal, stets aber vorwarnungslos und stets ein wenig zu lang für die Geduld eines Kindes.
Meist waren sie melancholisch, diese Geschichten, manchmal heiter, häufig mit Stolz oder Ehrfurcht gepaart und gelegentlich mit einer Meinung garniert, die aus der Zeit gefallen war. Doch meine Mutter scherte sich nicht im Geringsten darum, in ihren Gefühlen und Gedanken in einer anderen Epoche zu leben und mich damit zwangsläufig zu einem Bewohner zweier Welten zu machen, ihrer und meiner, der wirklichen.
So befremdlich das bisweilen war, genoss ich es auch, meiner Realität so einfach entfliehen zu können; mit einem Sprung in Gedanken konnte ich in die Welt meiner Mutter eintauchen wie in ein Bassin voller Vergangenheit. Ich malte mir aus, wie sie mit diesem Klassenkameraden, mit dessen Haarschnitt ich mich im Leben nicht in die Schule getraut hätte, zum Tanzen gegangen war, oder später, auf einem Faschingsball, ein gestreiftes Matrosenhemd trug und mit Konfetti im Haar Champagner direkt aus der Flasche trank. Ich pflückte Kirschen mit ihr im Garten der Urgroßmutter in einem Ort mit unaussprechlichem Namen und erfuhr vom Kaffeehaus-Geiger Barnabás von Géczy, in den sie als Mädchen verliebt gewesen war und der später ein berühmtes Orchester leitete, das niemand mehr kennt. Besonders liebte ich das Foto meiner Großmutter im Schäßburger Garten. Mit einem Kopftuch gegen die transsilvanische Hitze geschützt, hielt sie drei ihrer Kinder auf den Knien fest, in einer Erntepause vielleicht, vor dem zweiten großen Krieg, und ich stellte mir vor, wie es nach Sommer geduftet haben musste.
In Deutschland hatte sie nie ein Kopftuch getragen.
Erst jetzt, als Erwachsener, begriff ich das Selbstverständliche, das als Kind nicht gedacht werden kann: diese Vergangenheit, in die ich einen flüchtigen Blick werfen durfte, war für meine Mutter Gegenwart gewesen. Eine Welt, die sie mit ihren Augen wirklich gesehen hatte, nicht wie ich nur auf Fotos. Jetzt, da sie nicht mehr lebte, brachten die Fotos mir meine Mutter in Phasen ihres Lebens zurück, in denen ich sie nicht gekannt hatte. Und nur dank der Papierflut, der ich nicht Herr wurde, vielleicht auch nicht Herr werden wollte, konnte diese einstige Wirklichkeit in meiner Vorstellung fortleben.
Im Zentrum dieses Nachlasses aber stand eine Schatulle aus Holz, dunkel gebeizt und farblos lackiert, die nichts weiter enthielt als ein einzelnes, sehr altes Blatt stark vergilbten Papiers. Es zeigte ein Wappen in der linken oberen Ecke und war darunter dicht mit Worten in bräunlicher Tinte und ungarischer Sprache bedeckt. Ich kannte das Blatt seit Kindestagen, aber nur vage seine Bedeutung. Äußerst selten holte die Großmutter es hervor, und nicht, um es mir zu zeigen; da musste schon jemand Gewichtigeres am Tisch sitzen. Selbst lesen konnte ich es nicht, denn in einem halb ungarischen Haushalt aufzuwachsen, hieß keineswegs, Ungarisch zu lernen. Die Muttersprache war den Müttern vorbehalten – meiner und der ihrigen –, damit sie sich miteinander unterhalten konnten, ohne dass ich etwas verstand oder gar dazwischen plapperte.
Wie schön es jetzt gewesen wäre, die beiden Stimmen noch einmal zu hören, dachte ich auf dem Weg vom Parkplatz zum Friedhof, den ich noch immer fast täglich besuchte.
Stattdessen quietschte es schrill vom benachbarten Schrottplatz, als eine Presse ein Auto zu einem Würfel formte, und wie jedes Mal fragte ich mich, wer dieses Grab, in dem meine Mutter nun bei ihren Eltern ruhte, wohl ausgesucht hatte.
Sie selbst? Ihr Sinn für Ironie war berüchtigt und ich traute ihr zu, ein Grab zu wählen, das nur durch einen Zaun vom alten Eisen getrennt war und einen Kiesweg, auf dem Gassigeher Hunderunden zogen.
Ihr muss bewusst gewesen sein, dass auch sie eines Tages hier liegen würde.
Und ich war der Nächste.
Ich stellte die weißen und roten Blumen, die ich mitgebracht hatte, in eine Friedhofsvase und bohrte sie neben dem tiefgrünen Grabstein fest in die Erde.
Rot, weiß, grün – die Farben Ungarns.
Ganz ironiefrei hatte meine Mutter verfügt, dass nur diese auf und neben dem Grab etwas zu suchen hätten. Alle anderen Farben waren unerwünscht, und eine sogar ausdrücklich verboten: Gelb – ! – war Bestandteil der rumänischen Flagge, jenes ihr zutiefst verhassten Landes, dem so große Teile der ungarischen Heimat zugefallen waren. Sie nannte es nie beim Namen. Ging es hingegen um die von Deutschen besiedelten Gebiete, sprach sie so selbstverständlich von „Siebenbürgen“, wie die ungarischen Gegenden „Erdély“ oder „Széklerland“ hießen, und alles zusammen war schlicht „Transsilvanien“.
Ich erinnerte mich, meine Mutter einmal gefragt zu haben, ob es nicht noch Verwandtschaft geben könnte, dort, von wo sie zu fliehen hatte.
„Gut möglich“, hatte sie gesagt, „sehr wahrscheinlich sogar.“
„Und würdest du diese Leute nicht wiedersehen wollen? Oder ihre Nachkommen? Möchtest du die Orte nicht besuchen?“ hakte ich nach.
„Nein.“ Sie zögerte kurz, wie um die Rechtschaffenheit ihrer Antwort zu prüfen.
„Es ist nicht mehr so, wie es war. Es wird nie mehr so sein. Und Menschen ändern sich, wenn sie dazu gezwungen werden.“
Zurück vom Friedhof kramte ich die Schatulle hervor. Nun, da die Trauer nicht mehr alles vollständig unter sich presste, drängte sich Transsilvanien langsam dazwischen. Ließ ich den Gedanken zu, einmal dorthin zu reisen, blieb es nicht mehr stumm wie zuvor, sondern stupste mich an. Noch flüsterte es nicht „Komm doch!“, aber es hatte sich schon geräuspert. Und sein stärkster Köder lag in der Schatulle.
Bedeckt von einem Paar lederner Handschuhe, wie um sie auf magische Weise vor unbefugtem Zugriff zu schützen, besaß sie ein eigenes Fach in dem Schrank, in den ich provisorisch so manches gestopft hatte, was der Schmerz zuvor unlesbar machte.
Dieses Kästchen hatte kein gewöhnlicher Schreiner gefertigt. Am hinteren rechten Eck, knapp über dem Fuß, gab es eine kleine, verschiebbare Leiste, hinter der sich in einem Hohlraum der winzige Schlüssel verbarg. Man musste die Schatulle leicht kippen und auch sachte schütteln, damit der Schlüssel in die offene Ecke glitt. Es gelang sofort, wie schön. Manches schüttelt man nicht gern.
Das Dokument lag, zweimal gefaltet, in einem Umschlag, dem man ansah, was er überstanden hatte. Mindestens einen Krieg, vielleicht zwei. Nichts sonst war in dem Kasten, nur Alter und Staub.
Ich breitete das Blatt auf meinem Schreibtisch aus. Zum ersten Mal tat ich es selbst und niemand für mich. Als wäre es mir unbekannt, besah ich es anders als sonst. Von der Größe einer halben Zeitungsseite war es auch beinahe so dünn. Die bräunlichen Ränder vielfach eingerissen, die Ecken allesamt umgeknickt, schien die Schrift etwas verblasst zu sein, seit ich das letzte Mal versucht hatte, sie zu lesen. Auch das Wappen, ein klein wenig schief und nicht sonderlich spektakulär, hatte in meiner Erinnerung schon stärker geleuchtet. Oder sah ich es anders, seit ich kein Kind mehr war?
Kein Helmbusch wallte darüber, kein Fabeltier zierte es, noch nicht mal ein Löwe oder ein Pferd, sogar kein Geweih. Da stand nur ein Mann in Grün, mit Wams und Hosen, die Beine in kniehohen Stiefeln. In der rechten Hand hielt er eine Art Keule, zum Schlage bereit. Unter ihm wölbte sich ein Hügel, rot wie der Torbogen, der sich über ihn spannte. Bei genauerem Hinsehen war die Keule ein Morgenstern, kein einfacher Knüppel oder dergleichen. Ich war froh, dass es kein Besen war, denn der wenig edle Herr trug weder Helm noch Rüstung, nur eine Kappe auf dem Kopf, und so fehlte nicht viel zu Sankt Kehrwoch, dem Unentwegten.
„Ich wüsste nur zu gern, wer du bist!“, flüsterte ich dem Bewamsten zu. „Nach Prinz Eisenherz siehst du nicht gerade aus!“
Doch der Mann blieb so stumm wie der Text. Gewiss ließen die Worte sich entziffern, trotz ihrer oft unnötigen Länge. Doch verstand ich nur, was ein Name war. István kam mehrfach vor, ein Stefan also, auch von einem Georg und einem Andreas war die Rede und unterschrieben hatte das Ganze ein Mihály, ein Michael. Wirklich beeindruckend war aber die Jahreszahl ganz am unteren Ende:
1662.
Gab’s nicht ein Bier aus Frankreich mit dieser Zahl?
Was wusste Wikipedia über das Jahr?
Nicht viel: Die Holländer hatten Taiwan verloren, Blaise Pascal war gestorben, am englischen Hofe wurde Tee eingeführt.
Kein Wort von einem grün behosten Mann mit Morgenstern.
Zwar fand weiter unten der Tod eines siebenbürgischen Fürsten Erwähnung, eines gewissen Johann Keménys, doch überliest man leicht, was man nicht kennt.
Vorsichtig faltete ich das Blatt an seinen Platz zurück und stellte die Schatulle ins Fach. Der Luftzug meiner Hand erreichte die Briefe, sofort quoll mir ein Schwall entgegen, nicht alle konnte ich fangen.
Herrgott, was für ein Verhau!
Wenigstens dieses Fach musste jetzt sofort in Ordnung gebracht werden, und wenn die Ordnung nur darin bestünde, alles zusammenzuschnüren.
Drei Stunden später saß auch ich auf dem Boden, die Knie längst taub, eine Insel in einem See aus Papier.
Es war unfassbar, wer alles wie vielen geschrieben hatte und in welcher Häufigkeit! Hatten die Leute nichts Besseres zu tun? Die Tanten meiner Mutter schrieben im Wochentakt ihrer Schwester (und höchstwahrscheinlich sich untereinander), die Oma schrieb dem Lieblings-Cousin, der Großvater seinen Geschwistern, von denen zwei in Amerika lebten. Und all das entnahm ich bloß den Kuverts, denn die Inhalte waren meist auf Ungarisch.
Das galt auch für den einzigen Brief, der aus der Schweiz kam. Ihm lag eine Karte bei, aus schwarz umrandetem Büttenpapier. Und diese Todesanzeige sprach Deutsch!
Einem Dénes war die Ildikó gestorben, eine ferne Cousine meiner Mutter, viel zu früh, versteht sich, viel zu jung. Das Datum lag ein Vierteljahrhundert zurück.
Endlich. Ein Verwandter, der deutsch und ungarisch sprach. Und womöglich noch lebte!
Online fand ich nichts über ihn. So blieb nur die Adresse auf dem gepolsterten Umschlag mit dieser Marke, die ein Edelweiß zeigte. Der Brief war auf einem Postamt in Chur aufgegeben worden, doch den Namen des Dorfes, in dem er geschrieben worden war, hatte ich nie gehört.
Dieser Mann, so er nicht blind oder vertrottelt war, würde das Dokument in der Schatulle lesen und übersetzen können. Und ein paar der zigtausend Briefe. Vielleicht sogar alles.
„Gibt’s dafür nicht Übersetzungsbüros?“ meldete sich eine Stimme, die mir monatelang nicht mehr reingequatscht hatte.
„Doch, gibt es. Aber mit denen bin ich nicht verwandt. Und bezahlen kann ich sie auch nicht!“
Auf gut Glück in die Schweiz zu fahren, war keine gute Idee. Zu schreiben hingegen schon.
Besondere Anlässe erfordern besondere Briefe. Fast andachtsvoll zog ich die Tinte in meinen alten Füllfederhalter.
Mein Gekrakel erschreckte mich. Würde Dénes entziffern können, was ich ihn fragen wollte, worum ich ihn bitten musste?
Zwei Wochen später schrieb er zurück. Mit der Maschine, einem Farbband, das am Verblassen war, und Lettern, die hüpften. Doch der Inhalt war klar und verständlich.
Und ich nahm die Einladung an.
Die Küchentischschlacht
Das Haus lag einige hundert Meter über dem Tal, am Ende der Schotterstraße, die am Ende des Dorfes begonnen hatte. Im Grau des morgendlichen Nebels, der selbst die Berge verbarg, war es von weitem nicht mehr als ein Fleck.
Unsicher, ob die Piste nicht demnächst zur Weide würde, stellte ich das Auto auf halbfestem Untergrund ab und näherte mich zu Fuß. Der Fleck wurde größer, bekam einen Rand und hob sich bald braun von der grünen Wand der Tannen ab, die hinter ihm lag.
Ein steinernes Fundament stützte das Haus gegen den Hang, und jetzt sah ich, dass es eine richtige Almhütte war, aus dunklem Holz und mit roten Tupfen darauf, die Fensterläden sein mussten.
Etwas Bewegliches streifte mein Bein, ziemlich weit unten und zu grob, um eine Katze zu sein. Außerdem konnte es kläffen. Sieh da, ein Rauhaardackel! Nein, zwei. Sie hüpften auf kurzen Beinen um mich herum, höchst aufgeregt, laut aber friedlich.
Als ich die hölzerne Tür erreichte, stand sie offen und ein bärtiger Mann vor ihr, dessen Haar schon weiß, doch der längst nicht so alt war, wie ich befürchtet hatte. Er trug eine einfache, wollene Mütze, eine Cordjacke, darunter ein spruchloses T-Shirt und weite, nicht mehr ganz saubere Jeans über Schuhen, in die er rasch geschlüpft sein musste, denn die Schnürung war offen. Welche Erleichterung! Ich würde nicht die nächsten ein, zwei Tage bei Alm-Öhi wohnen. Dénes mochte alles Mögliche sein, ein Bergbauer war er nicht.
Auch der starke Akzent, mit dem er mich begrüßte, kam nicht aus den Bergen. Das war Ungarischdeutsch in fast klischeehafter Ausprägung, gedehnt und umlautreich, kurz vor der Persiflage. Doch wir verstanden uns, jedenfalls fast:
„Gleich das Hauptgericht – oder beginnen wir mit der Suppe?“ fragte Dénes, nachdem wir ins Haus getreten waren und er mir einen Kaffee ohne Milch oder Zucker in einem Becher aus Blech vor die Nase gestellt hatte.
„Ach“, sagte ich dankbar, „das ist eigentlich egal, solange es etwas zu essen ist!“
„Ich spreche nicht vom Essen. Willst du mit dem Dokument mit dem Wappen starten, von dem du geschrieben hast ‒ oder kämpfen wir uns erst durch die Briefe?“
Er wandte sich dem Kühlschrank zu, holte zwei Teller hervor und stellte sie auf den schweren Holztisch, der mitten in der Stube stand. Gewürfelter Käse lag auf dem einen und eine Wurst auf dem anderen, die definitiv nicht aus der Schweiz kam. Sie schien über einem kleinen roten Teich zu schweben, der ölig schimmerte.
„Ein Messer findest du in der Schublade unter der Tischplatte. Wasser ist hier in der Kanne und Pálinka steht auf dem Kühlschrank, falls Bedarf besteht.“
Dénes zeigte in die Richtung, aus der er kam.
„Pálinka?“, fragte ich. „Um diese Uhrzeit?“
„Hilft gegen Fett und Traurigkeit. Und es könnte traurig werden heute, mit all dem, was du im Gepäck hast.“
Ich hatte einen sehr alten Reisekoffer, dessen Ecken mit Blech beschlagen waren und dessen Griff noch an Metallscharnieren hing, mit einer Auswahl jener Briefe befüllt, die mir am wichtigsten schienen, so weit ich es beurteilen konnte. In einigen hatte ich weitere Todesanzeigen entdeckt. Von diesen erhoffte ich mir, Verwandtschaft zuordnen zu können, die mir noch unbekannt war. Ich hatte sogar begonnen, einen Stammbaum im Internet anzulegen, in dem ich bisher aber nur bis zu Oma und Opa gelangt war. Davon sagte ich Dénes natürlich nichts.
Der hatte den Koffer, ohne zu fragen, schon auf den Tisch gehoben und schöpfte mit beiden Händen die oberste Schicht des Inhalts heraus.
Eines der ersten Kuverts enthielt ein mehrfach gefaltetes Blatt mit breitem, schwarzem Rand, das auseinandergeschlagen einen guten Teil des Tisches bedeckte.
„Mach hier mal besser keine Fettflecken drauf“, sagte Dénes, „das ist ein ziemlich kostbares Stück Papier!“
„Warum? Ist der König gestorben?“
„So ähnlich“, kam trocken die Antwort. „Deine Urgroßmutter, wenn ich das richtig sehe. Und halb Transsilvanien steht auf der Trauerliste. Siehst du die ineinandergeschachtelten Zeilen ganz unten? Die, deren Schrift immer kleiner wird?“
„Ja, seh‘ ich. Was bedeutet das? Hatte der Setzer schon ein paar Pálinka?“
Dénes ignorierte den Scherz.
„Es bedeutet, dass hier nicht nur die Kinder und Enkel in direkter Linie aufgeführt werden, sondern auch Verwandte zweiten Grades und sogar noch weiter entfernte. Je größer der Abstand der Blutsverwandtheit zur Verstorbenen, desto kleiner der Name. So konnte man bei der Fülle der aufgeführten Personen rasch erkennen, wer der Toten am nächsten gestanden hatte. Außerdem reichte nur so der Platz auf dem Blatt.“
„Fällt dir auf, dass der Ehemann fehlt?“, fuhr Dénes fort. „Deine Ur-Oma hat ihn überlebt und ist als Witwe gestorben. Deswegen steht hier nochmal ihr Ehename darunter. Und direkt da drunter stehen die Namen der Kinder. Vier Töchter, natürlich, die Mátéffy Mädchen!“
Jetzt sah ich es auch: Mária, Teréz, Irén und Olga. Meine Großmutter und ihre drei Schwestern. Auch die zahllosen anderen Namen bekamen allmählich Sinn und Struktur; einige kannte ich, die meisten waren mir fremd.
Je mehr Dénes erklärte, desto weniger hatte ich das Bedürfnis, meine Gefühle hinter Witzchen zu verstecken. Auch nach Wurst und Käse war mir nicht mehr zumute. Ich war ohne Frühstück ins Auto gestiegen, morgens um vier. Jetzt war es fast zehn. Dankbar hielt ich den Kaffeebecher in beiden Händen. Wie gut sein heißer, bitterer Inhalt zu unserem Vorhaben passte: neugierig in die Vergangenheit einzutauchen und auf Namen von Menschen zu stoßen, von denen keiner mehr lebte.
Stunden vergingen so, unterbrochen nur von Dackelfütterung und Frischluftbetankung für uns vor dem Haus. Die Sonne hatte den Nebel längst aufgelöst und ich stand wie in einem Bilderbuch, umgeben von Schweizer Bergschönheit in einem vor Leben berstenden Sommer, während sich hinter mir, in der Küche, die Toten in Umschlägen stapelten.
„Sollen wir eine Runde gehen?“, fragte Dénes in meinem Rücken.
„Ja“, antwortete ich, „ich glaube, das möchte ich. Eine große Runde, ziemlich weit nach Osten. Aber erst nach dem ʻHauptgerichtʼ.“
„Dann lass es uns anrichten!“
Dénes breitete das Blatt behutsam vor sich aus und sah es lange an. Dann begann er, es langsam zu lesen, leise die Worte murmelnd, und seine Stimme veränderte sich und auch die Art, wie er sprach. Wie lange hatte ich kein Ungarisch mehr gehört!
Ab und zu hielt er inne und notierte ein Wort, manchmal auch einen halben Satz. Er war nicht zu stolz, zum Wörterbuch zu greifen, wenn ein Ausdruck zu veraltet war, um das deutsche Pendant aus dem Ärmel zu schütteln. Bald hatte er eine Liste, die ihm erlaubte, mir das Ganze auf Deutsch vorzulesen.
„Wir“, hub er an, „Apafy Mihály, aus Gottes Gnaden Fürst von Siebenbürgen, Herr über Teile Ungarns und Obergespan der Székler, tun hiermit kund:“
Ich merkte, dass ich dem nagelneuen, alten Onkel dicht auf die Pelle gerückt war. Er sah mich kurz an, lächelte, dann fuhr er fort:
„Da gewisse, treue Männer uns und unserem Fürstentum durch ihre Dienste, ihre Tapferkeit und ihr Verhalten wohlgefällig geworden sind, und da wir sowohl ihrer bisherigen Verdienste als auch ihrer zukünftigen Treue gewiss sind, haben wir beschlossen, ihnen besondere Gnade zu erweisen.“
Dénes schubste mich.
„Kannst du aufhören, mit den Füßen zu wippen? Bitte.“
„Das ist der Kaffee“, log ich.
„Dann geh pinkeln!“
„Geht grade nicht.“
„Also weiter: Daher erheben wir“, fuhr Dénes fort, „István Mátéffy, sowie seine Söhne András, György und István samt allen ihren rechtmäßigen Nachkommen mit dem heutigen Tage in den Adelsstand.“
Mátéffy. Der Mädchenname meiner Großmutter. Gerade noch stand er auf der Todesanzeige ihrer Mutter.
Anscheinend hatte ich das laut gesagt, denn Dénes lachte.
„Ich weiß“, sagte er. „Ich kannte deine Großmutter.“
„Aber ‒ ʻallen ihren rechtmäßigen Nachkommenʼ ‒ das würde bedeuten…“ ‒ ich konnte den Satz nicht vollenden, das war zu … peinlich?
„Ja, würde es!“, nahm mir Dénes die Worte aus dem Mund.
„Wenn wir vor dem ersten Weltkrieg lebten, würde es tatsächlich bedeuten, dass ein ungarischer Adeliger an meinem Küchentisch sitzt. Eigentlich sogar zwei.“
Er deutete eine Verbeugung an und lächelte.
„Gestatten – Sárosy Dénes, alter ungarischer Adel, nobilitiert durch Rákóczi György II., ebenfalls Fürst von Transsilvanien, nur halt etwas früher, im Jahre des Herrn 1650, glaube ich, wie dumm, ich habe den Brief nicht zur Hand.“
„Ähh, wie?“
„Vergiss es. Diese Zeiten sind vorbei. Und auch, wenn ich persönlich das schade finde, ändert es nichts an dem Fakt, dass es keinen Adel mehr gibt. Punkt.“
„Das ist mir schon … äh … bewusst“, erwiderte ich schwach. „Aber du verstehst, dass das gerade etwas überraschend für mich ist, oder?“
„Natürlich“, sagte Dénes. „Aber vielleicht lesen wir erst mal zu Ende. Womöglich kommt noch ein Passus ganz am Schluss, der dich ausdrücklich ausschließt!“
Er zwinkerte.
Diesmal war ich es, der seinen Scherz ignorierte.
Der Text ging nun näher darauf ein, welche Rechte und Pflichten die Nobilitierung mit sich brachte und beschrieb dann das verliehene Wappen. Was ich für einen Morgenstern gehalten hatte, wurde hier „Streitkolben“ genannt, ein wunderbar bildreiches Wort, wie Dénes und ich übereinstimmend fanden.
Der Schlusssatz lautete:
„Ausgestellt in unserer Residenz Gyulafehérvár, im Jahre des Herrn 1662, am 21. September.
Gezeichnet:
Apafy Mihály, Fürst
Bethlen János, Kanzler.“
Dénes sah mich von der Seite an. Ich starrte noch immer auf den Brief.
„Das ist alles“, sagte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
Dann, als ich immer noch schwieg:
„Ich wusste es. Aber ich hatte das Dokument nie gesehen. Bis jetzt.“
„Was wusstest du? Dass meine Oma adelig war? Scheint bei euch nicht so ungewöhnlich zu sein.“
„Ja, das auch. Natürlich. Aber die Jahreszahl war mir neu. Verstehst du? 1662. Das ist das Jahr der Schlacht bei Nagyszőllős.“
„Ja, und?“
„Adelsbriefe sind keine Chronik. Man schrieb nicht ausdrücklich hinein, wofür die Nobilitierung verliehen wurde. Jedenfalls so gut wie nie. Es geht um Dienste und Treue, und die haben zeitlos zu sein. Aber es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sich diese Verdienste nicht auf die Schlacht beziehen!“
Ich verstand noch immer nicht, worauf Dénes hinauswollte. Welche Schlacht?
„Nagyszőllős, Januar 1662. Ein Dorf bei Schäßburg. Auf deutsch heißt es „Groß-Alisch“. Apafy Mihály und Kemény János trafen dort aufeinander – und es war selbst für diese Zeit ungewöhnlich brutal.
Beide waren gleichzeitig Fürst von Siebenbürgen, also Transsilvaniens, und folglich war einer von ihnen einer zu viel. Kemény wurde von den Habsburgern unterstützt, Apafy von den Osmanen.
‚Mohács‘ sagt dir was, oder?“
„War da nicht auch eine Schlacht?“
„Sehr gut. Bzw. schlecht. Das Land geriet unter türkische Herrschaft und befand sich für Jahre im Ausnahmezustand. Die Allianzen wechselten öfter als Sommer und Winter. Mal verbündeten sich die Sachsen mit den Ungarn, dann wieder mit Habsburg, darauf wechselten die Székler zu den Türken, und ein paar außenstehende Völker mischten auch noch mit.“
Dénes schob einen Kerzenständer in die Mitte des Tisches.
„Das ist Schäßburg“, behauptete er. „Hier trafen die beiden Parteien erstmals aufeinander. Apafy hatte sich in der Stadt verschanzt, Kemény konnte sie aber nicht nehmen und zog ab, um sich Verstärkung zu holen.
Im Januar drauf kehrte er zurück. Aber auch Apafy hatte osmanische Reiter zur Unterstützung erhalten, die ihm bei einer Belagerung freilich nichts nützten. Er musste die Feldschlacht suchen!“
„Woher weißt du das alles?“, warf ich ein. „Du bist ja ein Lexikon!“
„Das erkläre ich dir später.“ Dénes schien ungeduldig.
„Es war also Winter. Kemény ging nach Schäßburg, traf Apafy nicht mehr an und folgte ihm. So kam er von Osten in ein Tal und hatte die Sonne im Rücken. Falls sie denn schien!“
Dénes zog den Brotlaib zu sich und stellte ein Milchkännchen darauf. Es wackelte bedenklich.
„Apafy hatte seine türkische Reiterei auf der Flanke eines Hügels positioniert, nah beim Dorf (die Kaffeetasse wanderte hinter das Brot). Dort wartete die Infanterie, bereit, sich zwischen die Häuser zurückzuziehen, sollte Keménys Truppe zu mächtig sein.
Die Reiterei griff von der Seite und mit dem Schwung des Hanges das Habsburger Heer an. Das übrigens nicht nur aus Österreichern bestand. Auch Ungarn kämpften für Wien. Und Kroaten und Bayern. Aber dann geschah das:“
Dénes ließ die Wurst vom Teller rollen; ein fettiger Fleck breitete sich rot auf dem Holztisch aus.
„Kemény stürzte vom Pferd. Gleich zu Beginn der Schlacht! Er wurde in kürzester Zeit zu Tode getrampelt.“
Dénes schien sein Tisch völlig wurst zu sein; er rollte die Fürstendarstellerin hin und her und klopfte mit den Fingern darauf.
„Wie schrecklich!“, heuchelte ich Betroffenheit, so leise wie möglich glucksend. „Und wie ging es weiter?“
„Wie nicht anders zu erwarten! Die Habsburger Truppen gerieten in Panik und flohen zum Dorf ‒ hinein in die Spieße von Apafys Infanterie.“
Auf dem Küchentisch brach Chaos aus.
„Während die Ungarn sich schon daran machten, die Leichen zu fleddern, suchten Keménys Überlebende ihr Heil in der Kirche des Dorfes. Von wegen geweihter Boden, Kirchenasyl und so weiter. Sie bedachten nicht, dass ihnen Muslime auf den Fersen waren. Denen war die Kirche egal. Sie schlachteten alle ab, ausnahmslos, vor den Mauern, auf dem Friedhof, im Inneren der Kirche.“
Dénes atmete tief durch.
„Es war ein grandioser Sieg für Apafy. Jetzt war er der einzige Fürst von Siebenbürgen.“
„Und du denkst…?“, wagte ich zu fragen.
„Ich bin sicher. Jetzt, da ich den Adelsbrief und sein Datum kenne, bin ich sicher. Dein Urahn István und seine Söhne haben bei Nagyszőllős gesiegt. Und dafür wurden sie geadelt.“
„Aber sie haben im Grunde gegen ihre eigenen Leute gekämpft!“
„Das ist richtig. Aber wie ich schon sagte“, antwortete Dénes, „in Transsylvanien waren die eigenen Leute nie lange dieselben.“
Über der Schlacht auf dem Küchentisch war es Abend geworden. Ohne Erklärung war Dénes vor die Tür getreten und als ich ihm folgte, sah ich, dass er Holz in einem gemauerten Ofen zum Brennen brachte, an dem ein blitzblanker Grillrost lehnte. Während ich einfach nur dastand und sich die Scheite langsam in Glut verwandelten, holte er Fleisch aus dem Kühlschrank und öffnete eine Flasche Rotwein. Es schien ein Schweizer Wein zu sein, ein Pinot Noir.
„Trink!“, forderte Dénes mich auf.
„Du hast einiges zu verdauen, und es kommt gleich noch Essen dazu. Du kannst hier schlafen, keine Sorge. Es gibt ein Gästezimmer. Wird Zeit, dass es mal wieder benutzt wird.“
Als wir die zweite Flasche öffneten, immer noch draußen, jetzt unter Sternen, wusste ich nicht nur sehr viel mehr über meine Ahnen, sondern auch etwas mehr von Dénes. Seine Familie – denn er war ja nur ein angeheirateter Onkel – stammte aus dem äußersten Südosten Transsilvaniens, jener Ecke, in der die Karpaten „einen Knick machen“, wie er sagte, „um das ganze Land der Ungarn zu umschließen und draußen zu halten, was nicht hineingehört“.
„Seid ihr alle so … äh … grenzbewusst?“, fragte ich.
„Das ist ein gutes Wort dafür“, sagte Dénes mit einem Lächeln.
„Ja, sind wir. Wer ‒ wie wir Ungarn ‒ seit fast fünfhundert Jahren jeden Krieg, den wir führen mussten, verloren hat, nimmt es etwas genauer mit den Details als die Sieger das tun. Und ich bin sowieso familiär vorbelastet. Stell dir vor: mein Großvater war noch Offizier in der k. u. k. Armee!“
„Wie der Härr Oberlaitnand Lukasch beim braven Schwejk?“ Der Rotwein gewann jetzt klar die Oberhand.
Dénes schmunzelte.
„Vielleicht – aber nur hinter geschlossenen Türen. Nach außen drangen bloß Disziplin und Strenge. Mein Vater hat das übernommen, leider, obwohl die Zeiten längst andere waren.“
„Gut, dass du kein Soldat geworden bist. Sonst säßen wir vielleicht gar nicht hier.“
„Möglich. Für den Krieg war ich zum Glück zu jung. Aber viel wichtiger war meine Mutter. Sie war Pianistin, liebte die Kunst und alles Schöne. Sie hätte sich von ihrem Flügel gestürzt, wenn ich je in Uniform angetanzt wäre!“
„Was hast du stattdessen gemacht?“
„Autos gebaut. So ungefähr, jedenfalls. Ich bin Ingenieur und habe im Schwäbischen bei einem nicht ganz unbekannten Hersteller ein paar Details erfunden. Das wurde so gut honoriert, dass ich in die Schweiz ziehen musste.“
„Verstehe. Das erklärt aber nicht, weshalb du dich mit Schlachten so gut auskennst.“
„Es sind eigentlich nicht die Schlachten, die mich interessieren. Dieses tumbe aufeinander Einschlagen, das Töten aus Todesangst, die grauenhaften Verletzungen und würdelosen Tode ‒ das ist was für Psycho-, Patho- und andere -logen.
Mich faszinieren die Hintergründe. Die häufig vernachlässigten Geschichten am Rande. Wie zum Beispiel kamen deine vier Vorfahren dazu, Apafy zu dienen? Wo kamen sie her? Was trieben sie in Schäßburg, während sie auf die Stunde des Kampfes warteten? Was taten sie danach?
Oder denk an den Adelsbrief! Das, was du hier mit dir herumträgst, ist nur eine Abschrift. Wer hat sie angefertigt? Wann? Wo? Warum? Kannte er das Original ‒ oder schrieb er nur, was er vom Hörensagen wusste? Und die vielleicht wichtigste Frage: Gibt es das Original noch? Es wäre nicht nur wegen seines Inhalts besonders!“
„Sondern? Weswegen noch?“
„Nun“, sagte Dénes nach einer kleinen Pause und senkte dabei leicht die Stimme, „weil man solche Dinge damals nicht auf Papier schrieb.
Die Treue, die durch den Titel belohnt wurde, sollte sich auch im Material zeigen. Und was ist das Treueste, das es gibt?“
Ich starrte Dénes an, dessen Gesicht von der erlöschenden Glut des Grills nur noch schwach beschienen wurde. Mein Blick fiel auf die beiden Dackel, die wie zwei umrisslose Würste zu seinen Füßen lagen.
„Ein Hund?“, fragte ich, nur halb im Ernst. „Aber…“
„Ganz recht“, kam es leise aus der Dunkelheit. „ʻKutyabőrʼ, wie wir in Ungarn sagen.
Adelsbriefe schrieb man auf Hundehaut.“
Ein namenloser Hund
Am Keisder Kirchplatz war es am schönsten. Nach einer kurzen Entenjagd, die mehr ein Scheuchen war und bloß als Vorwand diente, sich an diesem schon beträchtlich warmen Morgen in den Saubach werfen und abkühlen zu können, schleppte sich der Hund, ein schon etwas betagter, kurzhaariger Mischling, ein wenig ungeschickt, aber stark tropfend an Land, schüttelte sich gerade so weit, wie sein Instinkt ihn dazu zwang und trottete dann leicht humpelnd zu seiner Lieblingsstelle, an der sich die Schatten des mächtigen Turms der Wehrkirche und einer ebenfalls mächtigen Ulme trafen. An dieser Stelle lag immer etwas Stroh, weil viele der Fuhrwerke in Richtung Süden hier nochmal hielten, um den Pferden eine kurze Futterpause zu gönnen, ehe es in die Berge hinauf ging. Im Winter, wenn alles im Matsch versank, war der Platz einer der wenigen trockenen, und jetzt, in der Hitze des Juli, nicht so staubig. Hier würde er es bis weit in den Nachmittag aushalten, ehe der Sonnenstand – oder der Hunger – ihn dazu zwingen würden, sich zu bewegen.
Ein paar Kinder, starrend vor Dreck und munter auf dem Weg zum Bach, kamen ihm entgegen und versuchten, ihn spielerisch mit einem Stock zu ärgern, was er routiniert durch einen Schlenker zu vermeiden wusste. Wenige Meter weiter zuckte er kurz zusammen, als ihn ein krachendes Geräusch schmerzhaft ins linke Ohr traf, das von der Dorfschenke und einem Holzfass stammte, das dem Schankwirt und seinem Gehilfen zu schwer geworden war. Die Männer fluchten auf deutsch, und auch wenn der Hund kein Wort verstand, vermochte er doch zwischen dieser und den anderen Sprachen zu unterscheiden, die im Dorf gesprochen wurden. Von den Deutschen gab es ab und an sogar einen Knochen, aber nicht alle der hier Lebenden waren so freundlich zu herrenlosen Hunden.
Ein Reiter ohne Sattel auf einem sehr müden Pferd querte die Hauptstraße und trieb ein paar Hühner vor sich her, die zu dumm waren, seitwärts zu fliehen. Das Gegacker ließ einen anderen Hund in Riech-, aber außer Sichtweite kurz aufbellen. Es war dies mehr eine Beschwerde über gestörten Schlaf als wachsames Lautgeben, denn das Bellen ging fließend in maulendes Jaulen über, das rasch verklang.
Aus sehr großer Ferne, für Menschen unhörbar, konnte der Hund die Stimmen einiger Frauen wahrnehmen, die auf einem Feld arbeiteten und dabei sangen.
Alles in allem aber war es still.
Er war jetzt an seinem Lieblingsplatz angekommen, hatte sich dreimal um die eigene Achse gedreht, dabei den größten Teil des Strohs um sich herum verteilt, so dass er letztlich doch auf der blanken Erde liegen würde und sich endlich wenig elegant fallengelassen, als am südlichen Rand des Dorfes ein Planwagen auftauchte. Zwei Männer saßen auf dem Bock. Der Ältere trug eine graubraune Fellmütze, ein zerschlissenes, über der Brust geschnürtes Hemd, eine dreiviertellange Hose und ein Messer im Gürtel, bei dem es nicht ganz zum Schwert gereicht hatte. Er war barfuß, während der jüngere, der sich ein Tuch um den Kopf gebunden und sich, trotz der Wärme, eine Art Decke über die Schultern gelegt hatte, dicke, rindsledernde Stiefel trug, die bis unters Knie reichten.
Als der Wagen am Ortseingang eine alte Bäuerin passierte, riss die ihre Schürze hoch, wand sich ab und barg ihr Gesicht darin. Obwohl an Gerüchen manches gewohnt, konnte sie nicht anders, als ein Lufthauch vom Karren sie streifte: das war Verwesung.
Auch die Männer rochen nicht gut, sie mochten sich lang nicht gewaschen haben. Doch das reichte nicht annähernd an den Gestank ihrer Ladung.
Es war das Unglück unseres namenlosen Hundes, dass der Wind an diesem Tag nur schwach und nicht wie meist aus Westen wehte. Statt Reißaus zu nehmen, war er eingedöst, und als sich das Geräusch der Hufen und hölzernen Räder seinem Schlafplatz näherte, anstatt weiter der Dorfstraße zu folgen, war es nur sein Gehör, das diese Unregelmäßigkeit notierte. Tatsächlich blinzelte er kurz mit einem Auge, doch die Hitze hatte ihn unendlich träge gemacht. Als der beißend-süßliche Gestank endlich seine Nase fand und Alarm auslöste, wäre es gut gewesen, er hätte so blitzartig aufspringen können, wie ihm das Adrenalin durch die Adern schoss. Zwar kam er mit den Vorderpfoten hoch, doch hinten lahmte er.
Die beiden Zigeuner aber verstanden ihr Handwerk. Sie waren nahezu lautlos vom Wagen geglitten und wandten sich dem Hund von hinten zu. Damit standen sie zwar im Wind, waren aber heran. Mit großer Geschicklichkeit führte der ältere die lange hölzerne Stange, mit der er sich sein jetzt wütend um sich schnappendes Opfer vom Leib halten konnte, falls die Schlinge den Kopf verfehlte. Was sie nicht tat; sie legte sich vielmehr präzise um den Hals des Tieres. Sofort war der zweite Fänger zur Stelle. Die vermeintliche Decke um seine Schultern war ein grober Jutesack, den er gewandt abwarf und in derselben Bewegung öffnete. Durch die Stiefel geschützt stellte er sich breitbeinig über das sich windende Tier, zwängte es zwischen seine Knie und zog ihm den Sack über den Kopf. Sofort ließ der Ältere die Stange los und schnappte sich die Beine des Hundes. In weniger als drei Sekunden war er im Sack gefangen. Die Männer zerrten das Bündel an der herausstehenden Stange zum Wagen. Dort lagen die Keulen griffbereit. Sie wussten nicht nur, wie man Hunde fängt. Sie waren auch gut darin, Tiere so zu töten, dass im Fell keine hässlichen Schnitte und Löcher verblieben.
Das entsetzliche Wimmern des sterbenden Hundes drang bis zu den Kindern am Bach und schreckte sie auf. Doch als sie den Kirchplatz erreichten, sahen sie nur einen Planwagen, der nordwärts fuhr, dem Saubach folgend. Den Blutfleck an der Stelle, an welcher der Wagen zuvor gestanden hatte, wussten sie nicht zu deuten. Auch dass der Hund, der sonst täglich auf dem Kirchplatz unter der Ulme gelegen hatte, nie wieder dort liegen würde, kam ihnen ebenso wenig in den Sinn, wie die Tatsache, dass dieses Tier nur mehr ein blutiger Kadaver war, dessen Fell in einer Gerberei in Bistritz zu einem feinen Stück Pergament werden würde, auf welches sich bei Hofe die allerwichtigsten Dinge festhalten ließen.
Der Hof aber lag in Gyulafehérvár, auch Alba Julia genannt, und das Jahr war 1661.
Aber auch davon wussten die Kinder nichts.
Viele Völker, mehr oder minder
Dénes kickte einen Tannenzapfen gerade so weit von sich weg, dass die beiden Dackel ihn mit wenigen Sprüngen erreichen und sich darum balgen konnten. Ich versuchte es auch, doch die Hunde rührten sich nicht. Stattdessen glotzten sie Dénes fragend an.
Wir spazierten schon eine halbe Stunde auf einer gepflegten Schweizer Forststraße durch einen gepflegten Schweizer Wald, um das Sauerstoffzelt frisch zu füllen, unter dem der Rotweinkater im Sterben lag. Nach all den Stunden in Dénes‘ Gesellschaft wusste ich so viel über meine Vorfahren, dass es fortan nie mehr genug sein würde. Woraus folgte, dass eine Reise nach Transsilvanien so gut wie beschlossen war.
„Bist du sicher?“, fragte Dénes, nachdem ich ihm meine Entscheidung verkündet hatte.
„Ziemlich. Das heißt: ja.“
„Hmmm. Ich glaube nicht, dass du weißt, worauf du dich einlässt.“
„Dann erzähl‘ es mir!“
„Na gut“, sagte Dénes. Und erzählte.
Das Wichtigste sei, sagte er, zu begreifen, dass Transsilvanien schon immer ein Schmelztiegel war. Alle möglichen Völker seien im Lauf der Jahrhunderte dort hindurchgezogen, einige dageblieben, andere inzwischen wieder fort. Nahezu alle leiteten aus ihrer Anwesenheit einen Besitzanspruch ab, der für Jahrhunderte zu Konflikten geführt habe. Heute seien die Verhältnisse vordergründig geklärt, im Hintergrund aber rumore es weiter.
„Wer hat Transsilvanien denn als erster entdeckt?“, fragte ich ein wenig schulbubenhaft. „Dem müsste es doch gehören.“
„Genau das ist einer der Hauptstreipunkte“, antwortete Dénes. „Sicher wissen wir nur, dass vor rund zweitausend Jahren das Volk der Daker dort lebte, von denen der römische Kaiser Traian berichtet. Sie sollen regelmäßig Raubzüge auf das Gebiet des Imperiums unternommen haben. Daraufhin beschlossen die Römer, sich Dakien einzuverleiben, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Es scheint ihnen gelungen zu sein, was dafür spricht, dass zu dieser Zeit noch keine Zigeuner im Land waren. Aber das nur am Rande.
Die heutigen Rumänen jedenfalls berufen sich darauf, Nachkommen dieser Daker und damit als erste in Transsilvanien ansässig gewesen zu sein. Vor dem Hintergrund der Raubzüge glaube ich das sofort!“
Ich lachte nur kurz, denn Dénes kam jetzt in Fahrt.
In Wirklichkeit, fuhr er fort, seien die Rumänen ein schwer greifbares Volk. Das gelte nicht nur geschichtlich. Auch Europas Polizei könne ein Lied davon singen. Sie lebten seit dem EU-Beitritt des Landes wahlweise in den Sozialsystemen des Westens, wo sie sich in verwandtschaftlich betriebenen Erwerbsprogrammen organisierten ‒ oder blieben zuhause und widmeten ihre Zeit dem Tragen zu enger Lederjacken, der Schnapsbrennerei, dem Fälschen von Geschichtsbüchern und dem Nähen schwimmbadgroßer, rumänischer Flaggen, mit denen sie ungarische Siedlungen großflächig abzudecken versuchten, um ihren Besitzanspruch zu veranschaulichen.
„Besitzanspruch?“
„Ja. Transsilvanien gehört heute zu Rumänien.“ Dénes seufzte.
„Wie kann das sein? Wieso waren so viele ungarische Briefmarken auf den Kuverts, die wir durchgesehen haben? Und woher kommen all die deutschen Straßennamen?“
„Langsam, Richard. Es geht ja gerade erst los.“
„Was ist mit den Ungarn?“, liess ich nicht locker.
„Wenn es etwas gibt, das wir Ungarn wirklich gut können, ich sagte es gestern schon, dann ist es Kriege verlieren. Und beim Ersten Weltkrieg haben wir dabei in mehrfacher Hinsicht unser Bestes gegeben ‒ und das war das Erdély, wie wir Transsilvanien nennen. Man nahm es uns weg, schwupps, und überreichte es den Rumänen, weil die gerade günstig standen und ausnahmsweise eine Hand frei hatten.“
Festgenagelt, so Dénes weiter, wurde das in einem Vertrag, benannt nach dem Ort seiner Unterzeichnung: „Trianon“. Das Gebäude stehe noch und sei ein Anbau des Schlosses Versailles, den Ludwig XIV zu gänzlich anderen Zwecken habe errichten lassen. Sollte ich je Anlass haben, einem Ungarn den Tag verderben zu wollen, genüge es, dieses eine Wort fallen zu lassen. Es funktioniere seit fast einhundert Jahren.
„Übrigens war das nicht alles, was man uns nahm.“ Dénes Stimme klang jetzt etwas gepresst, als fehlte es ihr an Luft hier im Wald.
„Was kam denn noch?“
„Ungarn verlor mehr als siebzig Prozent seines Staatsgebietes. Siebzig! Stell dir das einmal vor! Wenn du das auf das heutige Deutschland übertragen wolltest, blieben gerade mal Bayern und der größte Teil Baden-Württembergs übrig; alles andere wäre futsch.“
Mir fehlten die Worte. Dann kamen ein paar Kleinlaute zurück, aber ich ließ sie nicht raus.
„Die Ungarn, die auf dem Papier jetzt keine Ungarn mehr waren, blieben auch nach der Teilung der Länder dort, wo sie lebten. Dadurch sind sie heute die zweithäufigste Bevölkerungsgruppe Transsilvaniens und damit die größte Minderheit.
Doch Vorsicht!“, Dénes hob einen Zeigefinger. „Die meisten von ihnen sind eigentlich Székler.“
„Was sind denn Székler?“
„Das weiß ich nicht. Obwohl ich einer bin. Niemand weiß es genau. Wir sprechen einen ungarischen Dialekt, schreiben aber mitunter in Runen. Das brachte ein paar Völkerkundler auf die putzige Idee, Székler könnten eigentlich Germanen sein. Sieht man sich die Trinkgewohnheiten an, ist das gar nicht so abwegig. Tacitus, den wirst du kennen, schrieb ja bekanntlich, die Germanen seien von morgens bis abends sternhagelvoll. Das gilt für einige Székler auch, fürchte ich. Aber weißt du, was gegen die Theorie spricht?“
„Was?“
„Die Sprache. Was spricht denn sonst? Ein Germane wird niemals Ungarisch lernen, die schaffen ja nicht mal Italienisch und scheitern schon bei der Aussprache von „Chianti“. Ungarisch spielt in einer anderen Liga. Selbst die Székler konnten es nur lernen, weil sie jahrhundertelang an der Seite der Ungarn durch die Steppe streunten, bevor sie in Pannonien seßhaft wurden. Und trotzdem können sie es nicht richtig!“
Dénes lachte jetzt herzlich über seinen eigenen Scherz und sich selbst.
„Ich spreche ganz gut Italienisch“, warf ich ein, als Dénes sich wieder beruhigt hatte.
„Kein Wunder, du Halbblutgermane. Aber für Ungarisch hat es trotzdem nicht gereicht!“. Déner zwinkerte mir zu.
Dann erklärte er, wie man Székler von Ungarn unterscheiden könne, wenn man der Sprache nicht mächtig sei. Man müsse dazu das Haus der fraglichen Person ausfindig machen! Bestehe der Eingang aus einer gewöhnlichen Tür, wohne ein Ungar darin.
Stehe jedoch vor dem Haus ein hölzernes Tor mit Rundbögen, doppelt mannshoch oder gar das Haus selbst verdeckend, mit sorgfältigst geschnitzten Mustern verziert, einer Jahreszahl und einem Segensspruch, dabei gekrönt von einem Vogelhäuschen mit Bullaugen, dessen Dach weite Teile des Tors überspanne, sodass die Vögel bei Regen darin kegeln könnten, dürfe man getrost einen Schnaps darauf wetten, dass es ein Székler gebaut habe!
„Kegelnde Vögel wollte ich immer schon sehen!“
„Da gibt’s nichts zu sehen. Hörst du nicht zu? Gekegelt wird drinnen!“
Dénes bemühte sich sichtlich, ernst zu bleiben. Und müde schien er auch zu sein.
„Sollen wir eine kleine Pause machen? Geschichte ist anstrengend.“, schlug ich vor.
„Sehr gern.“, nahm Dénes den Vorschlag an.
Wir setzten uns auf einen Stapel geschälter, harz- sowie käferfreier Baumstämme und schwiegen. Ich dachte über Dénes‘ letzte Worte nach, er vermutlich schon über die nächsten. Die Dackel lagen sofort bei ihm, der ihnen aus seiner Hosentasche etwas zu knabbern gab.
Als wir den Spaziergang fortsetzten, merkte ich, dass wir gar nicht mehr weit vom Haus entfernt waren. Mir war völlig entgangen, wohin wir liefen.
„Wir sind ja beinah‘ zuhause!“, stellte ich fest.
„Ja, fast. Aber wir haben auch nur noch eine Gruppe. Die Sachsen. Da wird es für dich doppelt interessant, denn dein Großvater war ja einer. Bei denen kennt man die Herkunft ziemlich genau. Nur weiß man nicht so recht, wie es mit ihnen weitergeht. Leider.“
Ihren Namen, so Dénes, verdankten sie einer nachlässigen Übersetzung des lateinischen „Saxones“, mit dem im Mittelalter ganz allgemein deutschstämmige Siedler bezeichnet worden seien, weshalb sie rein gar nichts mit den heutigen Sachsen im Osten Deutschlands gemein haben. Sie seien vielmehr ab dem 12. Jahrhundert aus linksrheinischen Gebieten zwischen Lothringen und der Eifel nach Transsilvanien ausgewandert, was sich u.a. dadurch beweisen lasse, dass sie in ihrem seit 800 Jahren unveränderten Dialekt, dem Såxesch, von einem heutigen Luxemburger verstanden würden, keineswegs aber von einem Leipziger.
Angelockt habe sie der damalige ungarische König Géza II, der ihnen weitgehende Autonomie in Aussicht stellte, wenn sie im Gegenzug das Land ein wenig auf Vordermann brächten. Was er ihnen vermutlich verschwiegen habe, war der Grund für die Notwendigkeit, aufzuräumen, denn der habe in den unentwegten Raubzügen östlicher und südlicher Nachbarvölker gelegen.
„Ihre Namen werden in den Annalen genannt – und es sind keine Rumänen darunter. Weil sie noch gar nicht da waren. Deshalb!“
Er machte eine kurze Pause, sah mich an, sah meine Verwirrung – und fuhr fort.
„Wie dem auch sei ‒ nachdem die Siebenbürger Sachsen, gemeinsam mit den Széklern, die Petschenegen, Kumanen, Kabaren, Baschkiren und weißgott wen noch alles zurückgeschlagen hatten und dachten, nun sei Ruhe für ein Weilchen, kamen die Osmanen. Aber das ist schon wieder ein anderes Drama.“
Der Vollständigkeit halber (und obwohl ihr Wirken eher auf Unvollständigkeit abziele), sei noch die Volksgruppe der Sinti und Roma zu nennen, meinte Dénes, deren Aussehen und Verhalten verblüffend an die schlimmen Vorurteile erinnere, die man früher Zigeunern entgegenbrachte. Sie seien die einzige Volksgruppe in Transsilvanien, deren Zahl nicht abnehme, umgekehrt proportional zum Hab und Gut der drei anderen Ethnien.
Während die Székler teilweise tapfer die Stellung hielten, teilweise aber auch Mischehen mit Rumänen eingingen, haben die Sachsen es sich inzwischen im Westen bequem gemacht. Freigekauft in den 1980er Jahren durch üppige Zahlungen Deutschlands an das Ceaușescu-Regime, pflegten sie jetzt lieber Sentimentalität statt Realität.
Alljährlich am Pfingstsonntag träfen sie sich auf der Operettenbühne Dinkelsbühl, grillten problematisch aussehende Würstchen und lamentierten spätestens nach dem dritten Timişoreana, Rumäniens zweitbestem Bier, über den Verlust der deutschen Heimat. Es würden bestickte Kissen und bemalte Holzteller verkauft, auf denen bäuerliche Szenen oder die Schwarze Kirche von Kronstadt zu sehen sei. Dann tanze eine Folkloregruppe aus einer Kleinstadt in Missouri, allesamt Nachfahren ausgewanderter Sachsen, eine zu Recht unbekannte Malerin dürfe ihr Lebenswerk präsentieren, ein gemeinnütziger Verein stelle das neueste Genealogieprojekt vor, bei dem man nach zwanzig Jahren Recherche bereits beim Buchstaben B aus Ort C angekommen sei, der Vorsitzende der Vertriebenenvereinigung finde unnötige Worte zur Notwendigkeit der friedlichen Koexistenz von Sachsen und Rumänen, und alle liebten am innigsten die Stadt, in der sie nicht mehr leben wollten: Schäßburg.
„Da muss ich hin!“, sagte ich.
„Da musst du hin.“, sagte Dénes.
Oktoberfest pe românește
Der deutsche Sommer hatte seine wärmsten Tage hinter sich und München rüstete sich für ein Ereignis, dem ich nur zu gern entging, die „Wies’n“. Aber noch war ich nicht sicher, wie ich die Reise antreten würde. Dann, an einer Bushaltestelle, leuchtete blau eine Lufthansa Anzeige auf:
„Entdecken Sie Hermannstadt ‒ jetzt für 99 Euro!“
„Überredet“, sagte ich.
Die Ankündigung, nach Transsilvanien reisen zu wollen, das „Land hinter den Wäldern“, wie es im Mittelalter getauft worden war, führte im Freundeskreis nicht zu Empathie und Schulterklopfen. Stattdessen hieß es, ich solle stets ausreichend Knoblauch mit mir führen und den Vollmond meiden. Niemand schien mehr über das Land zu wissen, als das, was es nicht war: Heimat von Vampir und Werwolf, ein düster-bizarres Hochgebirge in ewigem Schnee mit Burgen im Disneyland-Stil.
Im Scherz fragte Dimi:
“Wie, Transsylvanien gibt’s wirklich?” – um nach einer Kunstpause den klugen Rat nachzuschieben, dass ich nichts trinken solle, was blind macht.
„Wie sehe ich das dem Getränk an?“, fragte ich.
„Gar nicht“, antwortete Dimi, „vor allem nicht, wenn es zu spät ist.“
Wir saßen beim letzten Bier auf bayrischem Boden und Dimi schüttelte sich vor Lachen. Mein Blick ließ ihn schneller zur Ruhe kommen, als er beabsichtigt hatte, und da er nun etwas Sinnvolles beitragen wollte, grub er eine Geschichte aus, an die er sich selbst wohl nur halb erinnerte und außer ihm niemand mehr.
„Mein Großvater war auch mal in Transsilvanien. Soll schön sein, dort.“
„Dein Großvater? War der nicht Russe?“
„Und wie!“, sagte Dimi. „Aber mein Großvater war auch im Krieg. Da kam man gut rum als Russe, vor allem gegen Ende.“
„Er war als Soldat in Transsilvanien?“, fragte ich ein wenig unnötig.
„In den höchsten Tönen hat er es gelobt. Vermutlich, weil er da fast verreckt wäre.“
„Interessante Logik.“
„So weit ich mich erinnere, was er erzählt hat, kämpfte er weniger gegen die Ungarn und Deutschen, sondern vor allem gegen den Hunger. Er scheint seiner Einheit abhanden gekommen zu sein. Oder die Einheit ihm. Vielleicht ist er desertiert, keine Ahnung. Oder sie haben sich im Suff aus den Augen verloren. Irgendwie muss er es jedenfalls geschafft haben, sich in den Westen durchzuschlagen. Er wollte nach Spanien, glaube ich ‒ aber frag mich nicht nach Details.“
Ich fragte nicht und sah zu, dass ich heimkam, denn am nächsten Morgen war es soweit.
Ich kauerte in einer Canadair 900, deren Mittelgang mich gezwungen hatte, den Kopf auch nach dem Einsteigen gebeugt zu halten, auf dem Flug von München nach Hermannstadt, zum Lufthansa Entdeckerpreis.
Ohne die geringste Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde und auch ohne präzisen Reiseplan, starrte ich nach dem Start in den wolkenlosen Himmel, nur durch eine dünne Plastikscheibe und Kabinenwand von ihm getrennt, und das Wortspiel lag nahe, ins Blaue zu fliegen.
Ich hatte Kopien von einigen der Dokumente und Briefe dabei, die Dénes verständlich für mich gemacht hatte, ohne wirklich zu wissen, ob und wofür ich sie brauchen würde. Aber sie enthielten Adressen und Namen und Datumsangaben, an denen ich mich vielleicht entlang hangeln konnte. Denn irgendeiner Route würde ich folgen müssen.
Nach einer guten Stunde setzte bereits der Sinkflug ein. Nun verstand ich, weshalb es hieß, Transsilvanien transportiere den Besucher ins Mittelalter zurück. Unter uns gab es nichts außer Landschaft, absolut nichts. Keine Spur von Autobahnen, Strommasten, Industriegebieten oder anderen zweifelhaften Segnungen der Neuzeit. Stattdessen konnte ich bald Fuhrwerke erkennen, gezogen von Esel oder Pferd, die sich auf schmalen Straßen Raum und Zeit mit Autos teilten, die auch nicht sehr viel schneller unterwegs zu sein schienen.
Selbst der Flughafen erschien wie ein vorsichtiger Versuch, den Übergang von der Postkutsche zur Raumstation zu wagen: es war ein mitten auf die offene Wiese gestellter Stahl-Glas-Beton-Quader, beschriftet mit: “Aeroportul International Sibiu”. Das klang natürlich etwas aufregender als “Einer von vier Flughäfen Rumäniens” und wirkte, als habe man Wert darauf gelegt, den Schriftzug leicht wieder entfernen zu können, falls sich der Weg in die Moderne als Irrtum erweisen sollte und der Quader doch wieder für Hühner, Maiskolben oder sonstwas gebraucht werden würde.
Entsprechend unmittelbar war auch die Ankunft. Wir flutschten nicht durch eine enge Fluggastbrücke mit vergilbten Scheiben in eine klimatisierte Touristenauffanghalle. Wir durften richtig aussteigen und in eine Wand aus Wärme laufen, die aus verbranntem Kerosin und heißem Spätsommertag bestand. Da wartete auch kein Shuttle-Bus, in den wir eilig gescheucht worden wären, nein, man ließ uns Zeit, in Ruhe anzukommen und das Rollfeld in alle Richtungen zu erkunden. Erst als zwei Passagiere drohten, den Navis ihrer Smartphones folgend in den Weiten der transsilvanischen Weiden verloren zu gehen, eilte ein Uniformierter herbei und blies uns mit strengem Trillerpfeifen den Marsch zur Passkontrolle.
Die Zollmatrone hinter der Drehtür ‒ noch nicht daran gewöhnt, selbst EU-Bürgerin zu sein ‒betrachtete und durchblätterte unsere Pässe mit großer Sorgfalt, auf dass nichts verloren gehe, was versehentlich zwischen die Seiten geraten sein könnte. Dann lag nur noch das Gepäck-Rollband mit unseren Koffern darauf still vor uns. Sie hatten uns überholt, während wir die Kontrolle durchschlichen, und da durch die riesigen Glasscheiben weit und breit kein anderes Flugzeug zu sehen war, konnten wir sicher sein, dass es unsere waren.
Gleich hinter dem Band endete auch der Quader. Abermals trat ich ins Freie und sah: es gab keine Taxis. Da war nichts außer Wiese und Landschaft und … Taxi-Vermittlern.
Eine Handvoll offenbar mehrsprachiger Mobilitäts-Agenten, im Schatten des Quaders auf Fluggäste wartend, näherte sich uns Gestrandeten ganz ohne Hast und fragte uns nach dem jeweiligen Ziel der Reise. Fand sich eine genügend große Gruppe, die in dieselbe Richtung wollte, begann ein gemächliches Telefonieren mit Taxibesitzern unter gleichzeitigem Verprovisionieren der im Gange befindlichen Dienstleistung.
Bei Einbruch der Dunkelheit trudelten die ersten Fahrzeuge ein, wurden mit Sack und auch Pack beladen und rollten bald wieder davon. Mein Hotel lag anscheinend abseits der Mainstream-Unterkünfte, denn ich erhielt ein eigenes Taxi, einen Dacia natürlich, auf das ich jedoch auch am längsten zu warten hatte.
Dann dauerte es nur mehr ein halbes Stündchen, bis die zehn Kilometer nach Hermannstadt zurückgelegt waren, was sich als ein für rumänische Straßen durchaus flottes Tempo erwies. Die Fahrt fühlte sich dennoch deutlich länger an, denn der Fahrer wünschte zu plaudern.
Es war erstaunlich, wie gut er mein Italienisch verstand und entsetzlich, wie wenig ich sein Rumänisch. So verging die Zeit mit bemühten Scherzen über das Nichtkapieren, doch immerhin, sie verging. Am Ziel zeigte das Taxameter knapp 30 Lei, etwas mehr als sechs Euro.
Der Fahrer sah auf meinen 20 Euro-Schein, als hätte ich ihn mit einem Dolch bedroht. Sein Wert überstieg seine Bestände an Wechselgeld erheblich. Ich bot ihm an, mir in Lei herauszugeben, doch das daumendicke Bündel an Geldscheinen, das er darauf aus seiner Hosentasche zog, reichte bei weitem dafür nicht aus. Unter leisem Jammern stieg er aus, gezwungen, das Devisenversteck preiszugeben. Überraschenderweise befand es sich im Kofferraum unter einem platten Ersatzrad.
Während der Fahrer in einem Hohlraum kramte, fragte er mich, ob ich in Hermannstadt zu bleiben gedenke oder, falls nicht, wohin es noch gehen solle?
Ich nannte Schäßburg als nächstes Ziel, sogar korrekt auf rumänisch:
“Sighişoara”.
Schäßburg? Wie wundervoll! Die Stadt sei seine Heimat, welch glückliche Fügung, er wollte ohnehin dieser Tage nach Hause. Wir könnten gleich los, sein Auto sei so gut wie meins, sagen wir: 80 Euro? Ob ich selbst fahren möchte, vielleicht? Das sei kein Problem, die Polizei frage nie nach dem Schein, Scheine seien ihr lieber. Wozu also hier im Hotel absteigen, wenn ich noch heute, wahrlich, in Schäßburg sein könne?
Es entspann sich ein sanftes Feilschen, ein merkantiles warm up für die weitere Reise, wie ich mir sagte, dann waren wir bei 40 Euro und Schluss.
„Letztes Gebot?“, grinste der Fahrer mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Was tat ich hier eigentlich? Ich wollte doch überhaupt nicht nach Schäßburg, jedenfalls heute noch nicht. Warum verhandelten wir über den Preis?
Ich drückte dem Fahrer das Wechselgeld, das er dem Kofferraum soeben entnommen hatte, zurück in die Hand.
„Das ist dafür, dass wir heute nicht nach Schäßburg fahren, einverstanden?“
14 Euro Trinkgeld verschwanden sogleich in der Taxlertasche, lachend folgte ein winkender Abschiedsgruß, ein Goldzahn blinkte feierlich im Abendlicht auf.
Ich bezog mein Zimmer und war gespannt, wieviel bei solchen Taxipreisen ein Bier kosten würde, womöglich gar eines mit Abendessen.
Die Altstadt lag nur zehn Gehminuten vom Hotel entfernt, der Weg dorthin war bestens beschildert.
Jetzt erst, im Gehen, nach all dem Transfer-Theater, wurde es wirklich. Dieses Kopfsteinpflaster unter meinen Füssen: war zweifelsfrei echt. Die handverputzten Hauswände, die steinernen Torbögen, die gußeisernen Straßenlaternen, die allmählich zu leuchten begannen ‒ ich konnte stehenbleiben und sie berühren. Sie waren wirklich da und ich war es auch, ich war in Transsilvanien, tatsächlich, nach so viel Überlegungen und doch ganz ohne Plan. An einem seiner bedeutendsten Orte noch dazu, in Hermannstadt, das vor fünf Jahren Europäische Kulturhauptstadt gewesen war. Tatsächlich zeigte sich an einigen Ecken, dass die Vorbereitungen für dieses Ereignis noch immer in vollem Gange und im Herzen der Stadt sogar vereinzelt schon abgeschlossen waren.
Wie musste es zuvor hier ausgesehen haben?
Das Zentrum der Stadt, auf einer Anhöhe gelegen, besteht im wesentlichen aus zwei aufeinanderfolgenden Plätzen, dem “kleinen” und dem “großen Ring”, die im Süden, in Richtung der nahen Karpaten, noch von Teilen einer Stadtmauer umfasst werden.
Während der “Kleine Ring” den einsetzenden Sonnenuntergang optisch sehr zu seinen Gunsten zu nutzen vermochte und in gedämpften Pastelltönen hochromantisch leuchtete, enttäuschte sein großer Bruder, wenngleich schuldlos.
Eine Looping-Achterbahn beherrschte die Mitte des Platzes, aufs grellste von farbigen Strahlern beschienen. Technomusik hämmerte den Rhythmus zu pubertärem Gekreisch aus spiralförmig rasenden Wagen, während es aus Holzbuden und ihren Zwischenräumen rundum so ziemlich nach allem roch, woran man ein Volksfest erkennt.
Zentrum des Ganzen war ein Festzelt, was sonst. Wie aus dem bayrischen Alpenvorland hierher gebeamt, zu früher Abendstunde schon bestens gefüllt und von einer Blaskapelle in rotweißen Karohemden und ledernen Hosen kräftigst beschallt.
Hinter den Posaunen hing ein Banner von der Rückwand der Bühne.
“Oktoberfest pe românește”
war da zu lesen, neben dem Foto eines Mannes in steirischer Tracht, der ein Schnapsglas hielt, wie um den Gästen zuzuprosten und dabei so fettglänzend grinste, als habe er soeben das Grammelschmalzbrot erfunden.
Doch abgesehen von Mann und Musik war die hiesige „Oktoberfest“-Variante dem Original angenehm überlegen. Das Publikum war animiert, jedoch nicht außer Rand und Band. Ein Platz war leicht gefunden, man winkte mich herbei, statt mit stierem Blick zu hoffen, dass ich weiterzöge. Die Lautstärke war hoch, doch ließ sie Gespräche zu, und die Luft war noch nicht zur Unatembarkeit verdickt. Niemand tanzte auf den Tischen, keiner lag darunter. Vorzüglich war das Bier, Timişoreana, das aus Fässern strömte, nicht aus Fass-Attrappen, und das nicht von Hypertonikern in Würfelform gezapft wurde, sondern von einer ungewöhnlich hohen Zahl ungewöhnlich hübscher Mädchen. Sie waren ausschließlich im Rahmen der Bierversorgung zugange, erschienen wie aus dem Nichts, mit mehreren Halbliter (!) -Krügen beladen, verwandelten sich im Augenblick des Trinkgelderhalts für einen kurzen Moment in überirdisch bezaubernd lächelnde Elfen und verschwanden sogleich danach wieder, vermutlich in eine andere Dimension.
Zu schade, dass es weit und breit keinen Spiegel gab, um eine Theorie zu prüfen, der ich nach dem zweiten Bier zu vertrauen begann. Wie flink sie waren, diese reizenden Geschöpfe, und wie einfach es war, gleich mehrere um mich zu scharen, wenn man den Preis eines Glases von 30 Cent auf 2 Euro erhöhte! Leckte sich eine da gar die blutroten Lippen? Oder lag das bereits am Bier?
Das Essen freilich brachten sie nicht, das hatte man selbst sich zu holen. Und hier hängte das Fest sein Vorbild endgültig ab, denn es brach sämtliche Futter-Rekorde: Die gesamte hintere Langseite des Zeltes bestand aus einem einzigen, riesigen Grill.
Unterarmdicke Würste brieten darauf, Hügel aus Schnitzeln, Halden aus Schweinenacken und einiges mehr, was durch Hitze geschmacklich gewinnt. Schweinshaxen ragten aus Bratkartoffel-Terrassen, zur Knusprigkeitssteigerung vorgekocht in kupfernen Kesseln auf offenen Feuern, nun auf dem Grill auf das Leckerste saftig gebräunt und wie ein gegartes Abbild jener glänzenden Masse leuchtend, die vor dem Grill Schlange stand.
Auch andere Beilagen gab es, kleinkindgroße Brotlaibe etwa und weit größere Einmachgläser, gefüllt mit allem, was der fruchtbare Boden nur hergab. Sie türmten sich, als hätten sie das Zeltdach zu tragen.
Mit Nahrung für Tage auf dem Tablett, fand ich einen anderen Tisch mit weniger Volk und mehr Platz zum Sinnieren. Das also war das Land meiner Ahnen?! Doch ich hatte bisher nur Rumänen getroffen. Was würde sich ändern, wenn ich dahin ging, wo Sachsen und Székler lebten?
Als Abend und Stimmung weit genug vorangeschritten waren, um eine zeltweite Polonaise in Gang zu setzen, nahm ich dies als Zeichen zum Aufbruch. Mein Zug ging zudem schon früh am Morgen. Den Rest von Hermannstadt würde ich mir auf dem Rückweg ansehen. Zumindest dachte ich das, während ich durch die kühle Nacht zum Hotel zurücklief und hoffte, dass meine nächste Reisestation eine schweinshaxenfreie Zone sein würde.
Von Zügen und Zwängen
Hermannstadt schlief noch den Schlaf der Satten und Bezechten, als ich mich in aller Frühe auf den Weg zum Bahnhof machte. Selbst im Hotel, dessen Zimmer für 20 Euro den Komfort einer deutschen Drei-Sterne-Unterkunft geboten hatte, deutete fehlender Kaffeeduft darauf hin, dass noch niemand damit beschäftigt war, ein Frühstücksbuffet aufzubauen.
Ich hatte mir das Bett mit einer Mücke geteilt und es grußlos und unausgeschlafen verlassen, aber was ist ein Aufenthalt in Transsilvanien ohne kleinen Blutverlust?
Froh um mein leichtes Gepäck, einen mittelgroßen Trekking-Rucksack, hoffte ich auf Koffein am Wegesrand, vielleicht mit einem Lángos dazu, wenn ich Glück hatte. Ich kannte die salzigen Hefeteigfladen, die in heißem Fett gebacken werden seit Kindertagen durch die ungarische Großmutter und wusste, dass sie in ihrer Heimat ein Grundnahrungsmittel sind, das man fast rund um die Uhr an jeder Ecke bekommt. Das hier war zwar nicht (mehr) Ungarn, aber vielleicht lebte das Gebäck in der Backstube „Zum frühen Vogel“ oder wo auch immer noch fort?
Tatsächlich: kurz vor dem Bahnhof dampfte es schon zu dieser morgendlichen Stunde sehr appetitlich aus einer Bäckerei. Das waren keine Schokokipfel, die hier die Straße bedufteten, das war ohne Zweifel heißes Schweineschmalz!
“Gogoşi” nannte man die goldgelben Teigringe hier. Sie hingen in einem Metallgestell im Schaufenster der Backstube zum Abtropfen und sahen nach leichter Gallenkolik aus, also perfekt. Während ich mir zur Transportsicherung einen dicken Stapel Papierservietten schnappte und ein paar Münzen, die mir vom Vorabendfest in der Tasche geblieben waren auf den Tresen legte, überkam mich die Erinnerung an Omas gewaltiges Backbrett, das an zwei Haken an der Küchenwand hing. Wann immer sie ihren Mann bat, es für sie herunterzunehmen, wussten alle, es würde ein besonderer Tag.
Das Gogoşi, das die Bäckerin mir reichte, war etwas dicker als ein Lángos, schmeckte aber genau so gut und genügte auch der Tradition, die wollte, dass man sich beim ersten Bissen die Lippen zu verbrennen hatte. Dagegen half normalerweise der kühlende Sauerrahm, den man sich in Ungarn neben geraspeltem Käse und ein paar dutzend gepressten Knoblauchzehen in Sonnenblumenöl aufs Lángos klatscht; hier aber gab es nur die knusprige, gesalzene Reinform.
Ich war nicht der einzige, der um diese Uhrzeit schon ein transsilvanisches Frühstück genoss. In der nahen Bahnhofsbar, in der ich einen Kaffee zu bekommen hoffte, traf ich auf einen Trupp Bauarbeiter, die ebenfalls Gogoşi aßen. Wie es schien, waren deren Fladen auch nicht belegt, dafür aber gefüllt. Es mochte eine speckhaltige Eimasse sein, die da rötlich-gelb glänzte, aber ich kam nicht nah genug heran, um genaueres sagen zu können. Einiges sprach dafür, dass die Füllung noch fettiger war als die Hülle, denn sie tranken Schnaps aus Wassergläsern dazu und, ein wenig alibihaft, einen Espresso.
Das fügte sich in spätere Beobachtungen, denen ich hier etwas vorgreife. Rumänen trinken nämlich nicht nur zum Frühstück Schnaps, sondern eigentlich immer, während das Schnapsbegleitgetränk je nach Tageszeit wechselt: vor neun Uhr ist es Kaffee, danach Bier oder Wein. Mittags kann, aber eher versehentlich, eine Cola dazwischengeraten, doch spätestens ab dem frühen Abend gleicht sich das aus, indem man zum Schnaps einen großen Extraschnaps trinkt. All dies geht mit erstaunlicher Normalität einher, wie ich überhaupt den Eindruck gewann, dass das Trinken in diesem Land anderen Regeln folgt als bei uns. Nirgendwo sah ich eine einzelne Person mit einer Bierflasche in der Hand, wie sie in Deutschland längst zum Straßenbild gehört; wenn in Transsilvanien getrunken wird, dann wie beim Ball von Graf Kroloc in Polanskis “Tanz der Vampire”: stets in der Gruppe, und die Getränke werden geteilt.
Auch im Zug saßen fünf oder sechs Männer, die eine Bierflasche von ungewöhnlicher Größe im Kreis herumgehen ließen. Offensichtlich auf dem Weg zur Arbeit, waren sie bester Dinge und verhielten sich dennoch erheblich leiser und gesitteter als eine vergleichbare Anzahl nur halb so betrunkener Teenager auf dem Heimweg vom Oktoberfest nach Rosenheim.
Der Zug selbst wirkte hingegen nicht, als sei er für eine Distanz wie diese geschaffen. Ein verdelltes Schild in einer Messinghalterung berichtete, dass der Waggon, in dem ich mich befand, im Elsaß verkehrt hatte, als mein Großvater eingeschult wurde.
Wie ein Blick über die Gleise zeigte, saß ich damit noch in einem vergleichsweise modernen Zug. Die meisten anderen sahen aus, als stammten sie von einem Truppenübungsplatz. Sie schienen hauptsächlich auf Langstrecken zum Einsatz zu kommen, auf denen sie weniger oft dem Abenteuer von Anfahren und Abbremsen ausgesetzt waren.
Eine Gruppe englischsprachiger Jugendlicher hatte es sich in einem der Wracks gemütlich gemacht und vertraute in adoleszentem Optimismus darauf, damit sicher nach Bukarest zu gelangen, denn das war das Wort, das in einem frühen Versuch digitaler Textanzeige über der Kabine des Lokführers gelegentlich schwach aufflackerte.
Still wünschte ich ihnen Glück ‒ und prompt rollte mein Gefährt an. Nach etwa zehnminütiger Beschleunigung hatten wir das Tempo eines beherzten Greises mit Rollator erreicht. Höchste Zeit, an der nächsten Station anzuhalten.
Dass man für diesen Service keine allzu ambitionierten Fahrkartenpreise erheben kann, sah ich ein. Dennoch hatte ich den Betrag, der mir am Schalter genannt worden war, für einen Irrtum zu Ungunsten der rumänischen Eisenbahngesellschaft gehalten. Nun erkannte ich die Logik dahinter: wenn die Differenz zwischen einem Ticket und keinem Ticket so gering ist, dass sie nicht ins Gewicht fällt, kann man sich das Kontrollieren der Fahrgäste sparen. Folgerichtig ignorierte mich kurz darauf ein Schaffner und beteiligte sich lieber an der kreisenden Bierflasche der fröhlichen Herrenrunde, in der er jeden gut zu kennen schien. Anschließend fand er seine Lochzange nicht mehr.
Diese Gemütlichkeit steigerte sich noch an der nächsten Station, als zwei Männer und eine Frau, alle etwas älter, zustiegen und auf den drei Sitzen um mich herum Platz nahmen. Die Männer trugen gewaltig ausladende, schwarze Hüte, die sie nicht abnahmen, weshalb sie sich einander gegenüber setzen mussten. Unter den Hüten wuchsen mächtige Schnurrbärte. Noch weiter unten war alles in außerordentlich weit geschnittene, ebenfalls schwarze Nadelstreifenanzüge gehüllt. So waren sie bereit für komme, was wolle, Viehmarkt oder Vorstandssitzung.
Die Frau hatte sich zur Abrundung ihrer Körperfülle in mehrere Lagen bunter Röcke und dazu kontrastierender, graubrauner Strickjacken gewickelt, deren oberste Schicht aus einer taschenreichen Lederweste bestand. Auf dem Kopf trug sie ein ebenfalls sehr buntes Tuch. Sie nickte mir lächelnd kurz zu, zeigte mir die Pracht ihrer goldene Zähne und wandte sich darauf den Männern zu, um einen Streit fortzusetzen, der wohl schon vor der Zugfahrt begonnen hatte.
Obwohl ich kein Wort verstand, zeichnete sich durch Tonfall und Sprechdauer klar ein weiblicher Sieg ab, den die Männer gar nicht erst abwarten wollten; sie zogen sich bald aus dem Gefecht in den Übergangsbereich zwischen die Waggons zurück und zündeten sich dort erstmal ein Pfeifchen an.
Die Frau, nun beschäftigungslos, besann sich meiner. Mit schwerem Akzent, aber durchaus verständlich, fragte sie auf deutsch:
“Hast du Schokolade? Bisschen Schokolade?”
„Wie? Äh, nein. Tut mir leid.“
Zu dumm, wie konnte das passieren? Warum hatte ich, der ich nie Schokolade mit mir führte, ausgerechnet heute keine dabei? Sollte ich die Wärme des Tages als Schuldigen suchen oder schlicht behaupten, meinen Vorrat schon selbst verzehrt zu haben? Und woher, zum Teufel, wusste sie, dass ich deutsch sprach?
Doch die Frau wollte gar keine Entschuldigung hören.
“Keine Schokolade? Nicht schlimm. Gibst du Geld, ich kaufe.”
Auch hier fiel meine Antwort negativ aus, was sie kein bisschen beeindruckte. Ablehnungsroutiniert und psychologisch durchtrainiert, dachte sie gar nicht daran, ihren Platz zu räumen und einen anderen Fahrgast anzubetteln, sondern vertraute darauf, dass ich es mir anders überlegen könnte. Beharrlich blieb sie sitzen, fragte aber kein zweites Mal. Ihre gleichmütige Hartnäckigkeit verlängerte die gefühlte Reisedauer für mich erheblich; dann stieg sie ‒ mit beiden Männern ‒ am nächsten Halt aus, nicht ohne mir freundlich zuzuwinken.
Die Entspannung währte nur kurz. Ein junger Mann in schwarzem Anzug, die Hosen und Ärmel etwas zu kurz, stürzte durch die hinter mir liegende Tür in den Waggon, mit mehreren Plastiktüten bepackt. Schwitzend und dabei eine Haarsträhne mehrfach hinter das rechte Ohr klemmend, begann er fahrig und dabei unentwegt mit sich selbst im Gespräch, die Tüten zu leeren; in Sekunden waren die Sitze um mich mit allerlei Dingen belegt, einem wilden Sammelsurium so neuwertig glänzender wie vollkommen unnötiger Utensilien, die er hastig ordnend ausbreitete. Ich erkannte ein aufklappbares Werkzeug-Set im Miniaturformat, einen Duftwasser-Flacon in Form einer Jukebox, pailettenbeklebte Kugelschreiber, die glitzerten wie eine Disco-Kugel, Plastikkrawatten, Kaugummispender aus verchromtem Kunststoff (mit Kurbel!) und ein Paar Damenstrumpfhosen mit perlenbesetzter Naht. Kaum war alles ausgepackt, hastete der Mann voran in den nächsten Waggon, dort die restlichen Tüten zu leeren, ohne sich auch nur eine Sekunde damit aufzuhalten, ein Erklärkärtchen zu zücken, aus dem vielleicht hervorgegangen wäre, dass er taubstumm oder in anderer Weise ein armes Schwein war, das vom Verkauf dieser Dinge zu leben hatte.
Fest entschlossen, dem Jungen lieber Bargeld zu schenken, als etwas von dem Zeug zu kaufen, achtete ich darauf, nichts davon anzufassen. Irgendwo, irgendwann hatte ich gelesen, dass die bloße Berührung solcher Objekte nach balkanischem Rechtsverständnis eine unanfechtbare Willenserklärung darstelle, die Artefakte sogleich erwerben zu wollen!
Prompt fiel die Jukebox dem Geruckel des Zuges zum Opfer und damit zu Boden, zerbrach aber nicht. Gottseidank! Schon bückte sich der wohlerzogene Deutsche in mir, um das Kunstwerk aufzuheben ‒ da schritten gerade noch rechtzeitig die ungarischen Gene ein. Ich musste den Flacon auf jeden Fall unter die nächste Sitzbank kullern lassen, auf dass er meinen Aufsichtsbereich verließe; wer immer ihn aufhob, würde dann zusehen müssen, wie er sich aus der Affäre zog. Während ich meinen Oberkörper wieder aufrichtete, sah ich, dass andere Reisende die Kostbarkeiten durchaus auch mit den Händen betrachteten. Offenbar versuchten sie, durch Abschätzen des Gewichtes auf einen etwaigen Wert und angemessenen Preis schließen zu können. Mit einem schnellen Griff langte ich nach der Jukebox und legte sie auf den Sitz neben mir zurück.
Nach wenigen Minuten kehrte der Besitzer des elitären Sortiments zurück, wieder leicht gehetzt und tatsächlich durch dieselbe Tür, durch die er auch gegangen war. Es hätte mich nicht komplett überrascht, wenn es die gewesen wäre, durch die er beim ersten Mal kam.
Wort-, klag- und regungslos packte er alles wieder ein. Zwei Reihen weiter hielt er kurz inne. Ein Mann erwarb ein Feuerzeug (für welchen Betrag konnte ich nicht sehen), das er aus dem Fenster warf, sobald der Verkäufer den Waggon erneut verlassen hatte.
Dann kehrte endlich Ruhe ein.
Seit einer Weile folgte die Bahnstrecke jetzt schon dem Tal eines sich noch sehr natürlich windenden Flusses, den sie wieder und wieder querte; ich war mir nicht bewusst, dass er von dort kam, wohin ich wollte, sondern genoss die Landschaft, die aus einer anderen Zeit zu stammen schien. Sanfte Hügel reihten sich aneinander, dabei oft kaum bewachsen, sondern nur mit Gras bedeckt. Kleine Wäldchen krönten manch einen, doch es blieb insgesamt licht. Alle paar Kilometer hockte ein Dorf zwischen Höhen, immer wie zufällig gerade dort gewachsen, weil es nebenan nicht hätte gedeihen können. Nichts wirkte grob in die Natur gezwungen, alles wie spielerisch von oben verstreut. Und nirgends störten ein Strommast, ein Windrad oder eine Mobilfunkantenne.
So erreichten wir Mediasch. Eine Schwester meines Großvaters hatte von hier oft an ihn geschrieben. Sie war nicht fortgegangen nach dem Krieg, hatte hier aus- und durchgehalten, was darauf folgte. Gelesen hatte ich keinen ihrer Briefe, und doch war mir, als würde ich ihren Inhalt kennen.
Regina Schwarz, Mediasch. Die etwas zittrige Handschrift einer alten Frau auf einem billigen, mattweißen Kuvert.
Auf dem Bahnhofsschild las ich den Namen der Stadt, in meiner Vorstellung stand ihrer direkt daneben. Es ruckelte leicht, als wir wieder anfuhren und es kam nicht vom Zug.
Viel später, nur noch acht Kilometer westlich von Schäßburg, erreichten wir die vorletzte Station dieser Fahrt, Seleuş. Ein langer Betonblock diente als Bahnsteig in einem weiten, grünen Tal. Links, etwas erhöht, zur Hälfte von Bäumen verdeckt, zeigte ein weißer Kirchturm, wo der Ort sich befand.
So sah Dénes‘ Esstisch also in Wirklichkeit aus, denn Seleuş war der rumänische Name von Nagyszőllős oder Groß-Alisch.
Unwillkürlich kam mir die Hundehaut in den Sinn, und obwohl ich die Antwort kannte, fragte ich mich erneut, weshalb es ein Hund hatte sein müssen?
„Denk an Herrmannstadt“, flüsterte eine unernste Stimme in mir, während der Zug sich in die nächste Kurve legte.
„Alles andere hing schon auf dem Grill…!“
Großvaters Haus
Schässburg empfing mich mit Sonnenschein und Wärme. Als der Zug aus dem Schatten des letzten Tunnels kroch und in rumpelnder Schwere auf den Bahnhof zurollte, war nichts als das Wichtigste zu sehen: der Burgberg im strahlenden Gegenlicht, das Format des Zugfensters füllend.
Geblendet stieg ich aus, langsam wegen der hohen Stufen, vielleicht ein wenig feierlich sogar. Da war ich also, in dieser kleinen Stadt im weiten Nirgendwo des mir ansonsten unbekannten Ostens, von der ich mehr gehört hatte, als über alle Metropolen dieser Welt.
Schässburg. Mehr als 800 Jahre alt, gegründet durch siebenbürgisch-sächsische Siedler, 1298 in einem päpstlichen Ablassbrief erstmals auf deutsch „Schespurch“ genannt, Segesvár von den Ungarn getauft, Sighișoara von den Rumänen. Heimat meines Großvaters, der, noch im 19. Jahrhundert geboren, zwei Weltkriege überlebte, fünf Kinder großzog und mir, seinem Enkel, noch mit 95 erklärte, einhundert Jahre alt werden zu wollen, das sei kein Problem, denn sein Arzt habe es ihm versprochen. Dann, in einem Münchner Pflegeheim, wo er sich von einem Routine-Eingriff erholen sollte, von den Schwestern am offenen Fenster vergessen und ein paar Tage später an einer Lungenentzündung erstickt.
Auch damals kam ich zu spät.
Und wieviel zu spät kam ich hier.
Ich konnte nicht gleich auf den Vorplatz treten, ich musste die Ankunft verlängern und dringend die Nase putzen. Wie gut, dass es auch hier eine Bahnhofsbar gab. Ein Cappuccino begleitete mich beim Sammeln des ersten Eindrucks, der ja der wichtigste ist, und meiner selbst.
Ich musterte den Vorplatz, koffeinsatt-melancholisch, allmählich bereit für alles, was da nun kommen mochte.
Links lagen Hallen, die niemand mehr zu brauchen schien, eine Fabrik, die nichts mehr produzierte. Vor mir das „Restaurant Pensiune Café Chic“. Es stellte sich in gelben Leuchtbuchstaben vor, unter denen ein zweiter, neonroter Schriftzug „Hot Pizza“ anpries, ohne dem ersten der beiden Wörter Strom zu gönnen. Auf der Holzterrasse vor dem Eingang vertrockneten Topfpflanzen auf Kunstrasen, während Plastiktische in Form halbierter Baumstämme Anspruch auf rustikalen Charme erhoben.
Rechter Hand aber, gleich hinter dem Taxistand, begann die Strada Libertaţii, mein allererstes Ziel. Bunergasse hieß sie bei den Deutschen, als mein Großvater dort wohnte, und zwar auf Haus Nummer 8.
Was würde er denken, dachte ich, wenn er mich jetzt sähe, der ich nur noch in meiner Erinnerung sein Enkel war? Wenn er sähe, wie ich jetzt, fast exakt 20 Jahre nach seinem Tod, ein paar Lei auf den Bahnhofskaffeetisch legte und mit großen Schritten seiner Straße folgte, die Hausnummern herunterzählend und dabei die Arme schüttelte, damit das Koffein sich besser verteile. Vielleicht aber auch die Ergriffenheit.
An der ersten Kreuzung links lag das Hotel, das ich gebucht hatte. Ich ließ es dort liegen. So schwer war der Rucksack nicht, dass ich ihn erst einmal abstellen müsste.
Die Straße der Freiheit verlief nicht gerade, sie zog sich in einer weiten Kurve nach links (ich bitte, das nicht politisch zu lesen). Der folgte ich, im Gehen nun immer weiter zur Mitte der Straße hin driftend, um das Haus so früh wie möglich zu sehen.
Das Haus der Altvorderen, von dem ich wusste, dass es jetzt Jugend beherbergte und in dem kein Platz für mich mehr gewesen war, als ich von Deutschland aus angefragt hatte; das Haus, dessen Adresse mein Großvater bei seiner Trauung als Wohnsitz angegeben hatte, im November vor 86 Jahren, überliefert in einem amtlichen Blatt.
Dieses Dokument trug ich bei mir, in Kopie, in einer Plastikhülle und in der Hoffnung, mich damit als jemand ausweisen zu können, dem man nicht ohne weiteres den Einlass verwehren würde – denn selbstverständlich wollte ich das Haus nicht nur von außen sehen.
Von außen aber sah ich es jetzt: einen klassizistischen Würfel, ziegelgedeckt, terracotta und weiß die Fassade, die Fenster rotweinrot davon abgesetzt. Ein schmiedeeisernes Tor links neben dem Haus führte ins Grüne dahinter.
Die junge Frau, die auf mein Klingeln nicht umgehend öffnete, verstand auch mein Englisch nicht gleich. Sie schien zu glauben, ich wollte mir unter dem Vorwand, den Eigentümer zu kennen, ein gratis Zimmer erschleichen. Dann sprach ich Deutsch und zeigte ihr das Dokument – gleich war sie Herzlichkeit und ganz Überschwang. Gewiss könne ich das Haus besichtigen, wo ich beginnen wolle?
„Hier“, sagte ich. „Genau hier, unter diesem Türsturz, auf dieser Stufe“, und dachte hinzu: über die mein Großvater seine Braut getragen hat.
Links führte eine Treppe nach unten. Keller werden nicht renoviert, da wird es am ehesten aussehen wie früher. Ich stieg hinab, meine Führerin folgte mir.
Der Partyraum, den ich vorfand, brachte mir meine eigene Jugend näher als die meines Großvaters. Dunkel lackierte Wände, Tropfkerzenreste in Flaschen, durchgesessene Cordsamt-Sofas, Marlboro Aschenbecher auf einem grüngrauen Glastisch. Es roch wie auf einer Feier, wenn es Zeit wird, zu gehen.
Was gab es sonst? Eine Waschküche, ein Getränkelager, einen Billardraum und eine Bartheke, improvisiert aus Holzpaletten, auf die durch ein Kellerfenster ein wenig Sonnenschein als kleiner Lichtfleck fiel, der mich zurück ins Helle zog, ins Erdgeschoss.
Der größte Raum hier, ein Schlafsaal, ließ noch erkennen, dass er einst aus zwei stattlichen Zimmern bestanden hatte, deren Fenster stuckverziert zur Straße zeigten. Wie viel Platz die Bewohner sich damals gönnten! Im rückwärtigen, zum Garten gewandten Teil des Hauses, mussten sich eine riesige Küche, eine Kammer und ein gleichfalls sehr großes Bad befunden haben. Jetzt standen auch hier Stockwerkbetten, windschiefes Aluminium, schwarz eloxiert.
Die Frau schien zu erraten, was ich dachte.
Das Haus, erklärte sie, sei zu Ceauşescus Zeiten als viel zu groß für einen Haushalt betrachtet worden. Man habe Trennwände eingezogen, die Küche halbiert und aus den vorderen Räumen vier Kammern gemacht. Mindestens zwei Familien hätten so hier gelebt, mit getrennten Zimmern für Eltern und Kinder. Der jetzige Zustand komme somit dem ursprünglichen sogar wieder näher.
„Aber natürlich ist es nicht dasselbe“, fügte sie fast bedauernd hinzu.
Nach hinten führten mehrere Stufen ins Freie hinab. Hier hatte es einen Garten gegeben, der groß genug war, um Obst und Gemüse zu liefern, vielleicht sogar Kleinvieh zu halten. Jetzt war der Boden zubetoniert, lieblos und lückenhaft. Nur einen Weinstock und zwei Feigenbäume hatte man ausgespart, doch sie trugen nicht, obwohl jetzt doch Erntezeit war.
Grau waren die Platten unter meinen Füßen, rauh auch und rissig, und so verzogen wie die Fassaden der Ostblockmonströsitäten, angeblicher Architektur, die gleich hinter dem Garten aufragte. Sie schienen fast ineinander zu greifen, die Platten des Bodens und der Wände dahinter. Wie viele alte mussten den neuen Gebäuden zum Opfer gefallen sein? Seltsam, dass die Grenze zwischen furchtbar und schön so exakt hier verlief!
Ich sprach aus, was ich dachte, und die Frau gab mir recht:
„Ja. Das war ein unglaubliches Glück!“
Ich verstand nicht gleich, sie erklärte es.
Unweit, beim Fluss, habe man damals mit dem Demolieren der alten Häuser begonnen. Kaum waren einige niedergerissen, wurde die Wunde mit Neubaubeton gefüllt, und in kürzester Zeit türmte sozialistische Scheußlichkeit sich über dem Staub der k. und k. Monarchie. Ein Haus nach dem anderen folgte. Eben hatte man Nummer 6 zerstört – 8 wäre als nächstes an der Reihe gewesen – da stoppte der Frevel von einem Tag auf den anderen.
„Wie das?“, fragte ich.
Sie haben den Diktator erschossen. Gerade noch rechtzeitig.
Ich erinnerte mich an die Fernsehbilder, an die Verkündung des Todesurteils gegen Ceauşescu und seine Frau, Weihnachten 1989, und an diese eigentümliche, wegwerfende Handbewegung des Verurteilten im Moment des Schuldspruchs. Diese Geste hatte mich erschüttert und zugleich gerührt. Ich hatte sie oft bei meinem Großvater gesehen und hielt sie für eine fatalistische, für die Region typische Reaktion auf ein unbedeutendes Missgeschick, das man abschließend akzeptiert. Hier aber ging es doch um viel mehr, um Ceauşescus Verbrechen, um ein ganzes System, das zusammengebrochen, gestürzt worden war ‒ und doch war diese eine Geste alles, was er vor seiner bevorstehenden Hinrichtung auszudrücken vermochte.
Plötzlich stand ich wieder am vorderen Eingang des Hauses. Ich hatte meinen Rückweg nicht wahrgenommen und die junge Frau hatte mich schweigend begleitet. Sie schien zu spüren, wie tief in Gedanken ich war. Dann fiel mir selbst die Stille auf. Um sie zu beenden, wollte ich danken und Abschied nehmen, da bemerkte ich ein paar Markierungen an der Wand, Kratzer im Putz, farbig unterlegt, etwa auf Höhe der Schultern. Sie sahen aus wie Wasserstandzeichen, wie ich sie aus Regensburg oder Passau kannte, doch da floss schließlich die Donau!
Meine Begleitung war mir mit den Augen gefolgt und ersparte mir einmal mehr eine Frage. Es seien in der Tat Hochwasser-Marken, sagte sie. Die Kokel sei kein friedlicher Fluss. 1975 habe sie die Dämme und jahrhundertealte Rekorde gebrochen.
Wieder tauchten Fernsehbilder in meiner Erinnerung auf, apokalyptische Fluten, braune, zäh wallende Massen, die bis zu den Dächern einer alten Stadt reichten, die ich nicht kannte. Ich saß als Kind auf der sicheren Couch, zwischen der Mutter und ihren Eltern und verstand das Entsetzen nicht in ihrem Blick.
Man habe zur Auflage bekommen, beim Neuanstrich Farben und Ornamente so genau wie möglich wieder herzustellen, fuhr die Frau fort. Genaueres dazu könne mir Nicola sagen, der Eigentümer. Er sei am Abend und dann wieder am Sonntag da ‒ falls ich da nochmal vorbeischauen wollte.
„Ja gerne, vielleicht“, sagte ich und wollte es nicht.
Ich dankte ihr sehr, abermals auf der Stufe, mit einem Fuß noch in Großvaters Haus und dem anderen schon wieder im Jetzt. Es gelang mir nicht, mich im Gehen nicht umzudrehen, und so winkte ich einmal zurück, doch da war die Türe schon zu.
Von der übernächsten Straßenecke glänzte das Schild einer Bar bis zu mir, dahin wandte ich mich. Dort gab es Kaffee, Wasser – und einen Schnaps.
Am Siechhof
Ich hatte eine prächtige Aussicht. Sie erstreckte sich vom Haus meines Großvaters über eine Kaffeetasse, ein Schnapsglas und die Große Kokel bis zum Burgberg, in jeder Hinsicht der Höhepunkt jeder Schässburgbesichtigung.
Dorthin wollte ich jetzt, als mir beim Bezahlen meines ersten rumänischen Frühstücks eine kleine Gasse zu meiner Linken auffiel. Sie wand sich vom Fluss weg, leicht bergauf und wirkte so unberührt von der Moderne, dass sie in eine dörfliche Vergangenheit zu führen schien. Hier gab es noch Häuser mit Holzverkleidung, hier waren die Höfe Werkstätten, nicht Gärten, vor allem aber faszinierte mich ein ungewöhnlich niedriger Turm mit einem spitzen Dach aus bemoostem Blech, der zu einem Kirchlein zu gehören schien, das direkt an den Bahngleisen stand und mir aus dem Zug schon aufgefallen war, sich aber gegen das größere Schauspiel des Stadtpanoramas nicht durchzusetzen vermocht hatte.
„Stefan cel Mare“ benannte ein Schild die Gasse und maß ihr sogar den Rang einer „Strada“ zu. Wie hübsch, interpretierte ich schnapsbeflügelt den Namen italienisch. Ein Stefan am himmelblauen Meer. Oder war Stefan so blau wie das Meer?
„Weder noch“, sagte Google, Stefan cel Mare war Stefan der Große. Ein moldauischer Woiwode. Er herrschte vor fünfhundert Jahren im Land nebenan, wurde von den Rumänen jedoch posthum adoptiert.
„Ach!“, sagte ich. „Warum denn das? Herrscht etwa Heldenbedarf im Land der Schokoladeerbettler und Devisenverstecker? Haben sie mit Vlad Ţepeş noch nicht genug?“
Noch bevor Google antworten konnte, stießen Stefan der Adoptierte und ich in spitzfindigem Winkel auf den kleinen, von sehr viel Zeit tiefer gelegten Hof um das Kirchlein, der ein großes Gemüsebeet war. Das Kirchlein selbst sah aus wie ein Tannenbaum, den ein Kind gezeichnet hat. Die rostrote Tür war der Stamm; darüber lagen, wie gestapelt, zwei rechte Winkel aus Fassade und Dach, dann folgte das Türmchen, das oben spitz auslief. Alles in allem war dieser „Baum“ für eine Kirche nicht hoch; stieg man auf die flache Umfassungsmauer des Hofes, befand man sich mit der Augenhöhe schon oberhalb der Tür. Nur auf der rechten Seite störte ein Anbau die Symmetrie der Fassade, doch das sehr zu Recht. Ein Schild verriet den Grund:
„Siechhofkirche“ stand dort, nicht ganz einfach zu lesen. Darunter:
„Sie wurde im XVI. Jahrhundert mit einer Außenkanzel erbaut, von der den Aussätzigen gepredigt wurde.“
Etwas Kühles krabbelte meinen Rücken entlang. Ein Tier konnte es nicht sein, denn das Krabbeln lag zwischen Haut und Rückenmark. Als es den Nacken erreichte, klingelte leise ein Glöckchen.
Es kam nicht aus der Kirche.
„Am Siechhof No. 4“ war die Adresse eines der Trauzeugen meiner Großeltern gewesen.
So stand es auf dem Hochzeitsdokument in meiner Tasche.
Ich zitterte ein bisschen, als ich von der Mauer stieg und das Papier erneut aus dem Rucksack hervorkramte, in das ich es nach der Hausbesichtigung zurückgesteckt hatte.
Ich musste sichergehen.
Noch während ich die Sütterlinschrift des Standesbeamten zum dutzendsten Mal entzifferte (als hätte ich den Inhalt nicht auswendig gekannt), erklang leise und aus allertiefster Erinnerung eine Stimme, die ich jahrzehntelang nicht mehr gehört hatte. Es war die meines Großvaters, so klar, als stünde er neben mir. Da war freilich niemand, doch ich hörte es deutlich:
„Sichoff“ sagte er, „Mir hun bäm Sichoff gewont“, im Dialekt der Sachsen, seiner Muttersprache. Sonst nichts, doch es genügte. Als Kind hatte ich das Wort für einen Namen ohne Bedeutung gehalten. Jetzt verstand ich es plötzlich; ein Kirchenschild und ein Trauungsbericht hauten mir die Erkenntnis um die Ohren, wo ich hier eigentlich war! Hier lagen einst die Felder, von Bauern meines Namens beackert, jahrhundertelang. Und im Hof dieser Kirche, jenseits des Flusses, in sicherem Abstand zur Stadt, vegetierten die „Siechen“, wie man sie nannte, die Leprösen, die man scheute wie der Teufel das Weihwasser.
Wer wollte hier leben, in der Nähe dieser Erbarmungswürdigen? Nur die, die nicht anders konnten, Kleinstbauern, deren ererbte Parzellen eben so lagen, wie sie es immer schon taten.
Hier also. Hier hatten meine Vorfahren ihre kurzen, mühsamen, eng miteinander verwobenen Leben geführt, als Bauern, als Müller, als Tischler und Seiler. In diesen niedrigen, alten, ziegelgedeckten Häusern, die sich jenseits der Gleise den Hang hinauf zogen und sich rechts, hinter dem Kirchlein, wo es zum Bahnhof ging, in die Wiesen einduckten, als wollten sie besser gar nicht gesehen werden vom Burgberg der Macht.
Hier bahnten sich Ehen bei der Feldarbeit an und später vielleicht auch am Bahndamm; man brauchte zur Brautschau nicht über den Fluss, hinter dem die hohen Stände mehrgeschossige Häuser besaßen. Hier war der Vetter der Trauzeuge, seine Tante die Schwiegermutter und die zweite Cousine die Braut.
Erinnerungen drängelten sich in mir um den besten Platz vor dieser Bühne. Sie alle suchten Bestätigung. Im langsamen, ziellosen Gehen sah ich den missbilligenden Blick meiner Großmutter wieder vor mir, wenn ihr Mann den Siechhof erwähnte. Es war ihr wohl peinlich, dass er von hier kam, zumindest von seines Vaters Seite.
Ich hörte die Stimme jener Großtante, die sich am Telefon stets mit „aus Schässburg“ meldete, als wäre das ihr Name. Schnell galt es dann, ihren Bruder an den Hörer zu holen, denn so ein Gespräch konnte damals, in den Siebzigerjahren, den Anrufenden ein Vermögen kosten.
Ich lauschte ängstlich der mütterlichen Erzählung von dieser hölzernen Brücke, die vom Wasser der Kokel zersplittert ward ‒ und umrundete geistesabwesend die Kirche, querte die Gleise, bedachte vieles, nur nicht die Möglichkeit eines Zuges.
Dann holten mich Gräber zurück in den leuchtenden Tag.
Sie lagen links von mir, auf einem Hügel mit steiler Flanke, so selbstverständlich wie eine Parkbank am Wegrand. Alt waren die Steine, die häufig schräg zwischen Bäumen steckten, das sah man von weitem.
Von Nahem sah man, dass die Steinreihen weit den Hang hinauf reichten, von Nadelbaumdächern verborgen, die untersten von einem dichten Zaun aus hölzernen Planken verdeckt. Schwarz gebeizt trennten sie Friedhof und Straße, folgten dem Hang ein Stück aufwärts, verloren sich bald in einzelne Latten. Noch später hörte der Zaun einfach auf.
Hatte sich die Vergangenheit bisher nur an mich herangeschlichen, saß sie mir jetzt im Genick. Ein weißes Blechschild gab ihr eine Form:
„Evangelischer Friedhof Siechhof“ stand da. Nicht auf Rumänisch. Auf Deutsch.
Ich wusste nicht, wie viele Friedhöfe Schässburg besaß. Vieles war vor der Reise zu klären gewesen, das hatte nicht dazugehört. Für mich kam nur der „berühmte“ Friedhof in Frage, bei der Bergkirche droben. Wo sonst sollten erhabene Ahnen wie meine denn ruhen? Etwa hier? Am Siechhof? Unter all den anderen Protestanten?
Wie warm dieser Vormittag bereits war. Und wie schwer auf einmal der Rucksack.
Die Pforte roch nach Holz und Harz, heiß war die schmiedeeiserne Klinke. Dahinter kniehoch ein steinerner Brunnen. Graubraunes Brackwasser stand darin, vielleicht noch vom letzten Winter. Ein paar Insekten badeten trotzdem. Ich lehnte den Rucksack in den Schatten des Brunnens.
Einen solchen Friedhof kannte ich nicht. Ein steiler, von hohem Gras bewucherter Hang, den Bäume und Büsche vorm Abrutschen schützten. Schmale Pfade zwischen den Gräbern, kein Kies auf sorgsam geharkten Wegen. Dicht lagen die Gräber beisammen. Ich musste auf ihre Steinränder steigen, um eine Reihe nach oben zu kommen.
„Pass auf, wo du hintrittst!“, mahnte im Kopf die Stimme der Mutter.
„Sei unbesorgt!“, flüsterte ich zurück. „Es mangelt mir nicht an Pietät, nur an Platz.“
Bald lag ein erster Theil vor mir. Vorname und Lebenszeit sagten mir nichts. Zwei weitere folgten, ehe ich, nun schon in der dritten Reihe von unten, ein Grab fand, das war mir vertraut.
Ja, richtig, ein Foto war das gewesen, im Nachlass der Mutter. Es zeigte die Ruhestätte eines ihrer Onkel, seiner Frau und, schon fast auf dem sandigen Boden, den Namen des Kindes, einer Tante von mir, mit fünf Jahren verstorben, vor meiner Geburt.
Ich suchte den Standort des Fotografen. Jetzt stimmte die Stelle und ich sah auf das wirkliche, farbige Abbild des schwarzweißen Fotos. Wer mochte es aufgenommen haben? Ein Bruder, eine Schwester der Toten? Lagen er oder sie in der Nähe? Und wer war hier noch? Wie viele davon hießen wie ich?
„Das grenzt ja an ein Familientreffen!“, spottete die Stimme der Mutter, klang aber genauso überrascht wie ich.
Moment. Wenn sie zu mir sprach, was war mit den Anderen?
Saßen sie auf den Deckeln der Gräber und tuschelten über des Nachkommens Neugier?
Konnten sie mich womöglich gar sehen?
Ich wagte es nicht, mich abzuwenden. Langsam, im Rückwärtsgehen, wollte ich Abstand und Deckung gewinnen. Ein Baum hinter mir stand im Weg. Harz an seiner Rinde klebte sogleich auch auf mir. Ich drehte mich seitlich, das Hemd mit Vorsicht zu lösen – und sah im Stolpern ein weiteres Grab.
Mannshoch stand warmgrau der Sandstein, von moosigem Giebel gekrönt, davor eine mächtige Platte als Deckel. Eine halbierte Plastikflasche, Palmkätzchenzweige darin ohne Wasser, in den Winkel zwischen Grabmal und Platte gestellt, hatte seit mindestens Ostern Wind und Wetter getrotzt.
Darüber, gemeißelt und doch im Verblassen, las ich die Namen.
Stefan Theil, stand darauf, Katharina Binder darunter. Zuunterst die als Kind gestorbene Tochter. Maria.
Es war das Grab meiner Urgroßeltern.
Etwas drückte und würgte mich sanft, als ich Tage und Jahre, Geburten und Tode verglich mit dem, was ich wusste. Es gab keinen Zweifel.
Wärme stieg in mir auf, doch nicht allein wohlig. Sie war mit Scham gemischt, vor jener unbekannten Person, die nach dem Grab sah und Palmkätzchen brachte, wenn auch nur in der Plastikflasche, wenn auch inzwischen verdörrt. Und ich – stand hier mit leeren Händen.
Dieses Detail war eines zuviel. Die Ordnung im Kopf gab sich geschlagen. Nicht mal zwei Stunden war ich in Schässburg ‒ und hatte mehr Familie um mich geschart als zuhause in Jahren.
Ich musste hier weg.
Am Brunnen den Rucksack aufklaubend, eilte ich durch das Tor, Richtung Fluss, zur Ortsmitte Schässburgs.
Blumen mussten her.
Der Fliesenflorist
Es war Mittag und heiß. Grau flimmernd, mit den bonbonfarbenen Tupfern der Häuser am Rand, lag die Strada Libertății menschenleer vor mir. Ich folgte ihr das kurze Stück zum Fluß. Er war nicht mehr als ein Rinnsal. Keine Spur von „Große Kokel“, wie er auf deutsch bei den Sachsen hieß. „Târnava Mare“ nannten ihn die Rumänen, „Küküllő“ die Ungarn. Das passte am besten: Ein Name wie ein Bach mit Entenküken.
Meine Mutter liebte es, als Kind an der Kokel zu spielen, doch es gelang mir nicht, mir diesen Spielplatz vorzustellen; zu plan, zu grau, zu phantasielos säumten ihn die Betonbefestigungen des Ufers mit den Wohnquadern der sozialistischen Jahrzehnte darüber.
Vor mir glitzerte der Asphalt im Sonnenlicht, etwas weiter entfernt leuchteten Sonnenschirme in dunklem Rot. Dort schien ein Markt zu sein, der wie gerufen kam.
Im halbdunklen Schutz der Schirme ließen sich bald Kohl-, Salat- und Händlerköpfe unterscheiden. Dazwischen stapelten sich Obst und kleineres Gemüse. Paprika in Schoten, Knoblauch in Zöpfen, Kräuter in Sträußen. Blumen gab es nicht.
Doch es gab Wespen. Ungeheure Schwärme füllten die warme Luft des Marktes in solcher Dichte, dass ich zum Atmen die Hand vor den Mund hielt. Was nicht flog, weidete sich am Obst. Besonders begehrt waren Wassermelonen, die hier aufgeschnitten präsentiert wurden. Die reifsten Melonen waren nicht rot, sondern schwarz-gelb gestreift. Die Wespen schienen die Früchte nicht anzufliegen; sie liessen sich einfach fallen. Vollgesogen hoben sie mit klebrigen Flügeln wieder ab, taumelnd im Fruchtzuckerrausch, und surrten ‒ planlos wie ich ‒ zwischen den Ständen der Marktleute herum, setzten sich auf Beeren, Bananen und Birnen, auf Hände und Nasen, mit größter Contenance von deren Besitzern ertragen, teilweise bewundernswert ignoriert. Ein Hundertstel dieses Insektenaufkommens hätte in Deutschland im Fernsehen Erwähnung gefunden.
Belästigt vom Geschwirr und Gesumme verließ ich den Markt unerfüllten Zwecks und merkte erst, als ich wieder am Fluß stand, dass die Richtung nicht stimmte.
Egal, dann eben hier lang.
Zwei Brücken weiter schien Schäßburg zu enden. Die Straße verbreiterte sich und folgte der Kokel ins irgendwohin. Aber hier, gleich rechts von mir, gab es ein Eck, um das ich bog – und das war exakt der richtige Punkt. Eine der unterstädtischen Hauptstraßen nahm hier ihren Anfang, auf der Geschäft an Geschäft sich reihte. Gleich hinter einem Schnapsladen lag möglicherweise mein Ziel, ein schmales, weißes Gebäude, dessen Eingangstür vollständig von Plastikblumen umrankt war, die man an die Fassade geklebt hatte.
Vier Stufen führten zu einer gläsernen Doppeltür, durch die kein Licht nach draußen fiel. Ich presste die Nase gegen die Scheibe und konnte Schemen von Eimern und Vasen erkennen, allerlei Buntes darin.
Schnell stand ich wieder am Fuße der Treppe.
Was, wenn die Blumen alle aus Plastik waren?
Unentschlossen ging ich ein Stück, machte kehrt, wiederholte die Tour, wie einer, der Pinkeln muss, aber nicht will. Äugte erneut durch die Scheibe ‒ und trat beherzt endlich ein, in kühlfeuchte Dunkelheit.
Unverzüglich erschien der Herr der Finsternis, ein grünbeschürzter, ob meines Besuches hoch erfreuter Mann mit rundem Kopf und wenig Haar.
„Bună ziua!“ grüßte er mich, ich nickte wortlos zurück. Geschickt darin, aus wenig bis nichts ein Geschäft zu machen, wie alle Rumänen, denen ich bislang begegnet war, fing er umgehend an, aus den Tiefen seiner Höhle floristische Gräuel emporzutauchen, die er mir stolz präsentierte. Die meisten dieser Sträuße erinnerten in ihrer Anordnung an eine Balkan-Grillplatte, nur dass hier das Fleisch durch Blumen ersetzt worden war und die Servierplatte durch eine Plastikfolie in mehreren Lagen.
Hinter des Händlers fast kahlem Haupt leuchtete ordinär ein Kunststoffkranz knallorange von einem Stuhl. Ich zeigte darauf, freilich nur, um die Richtung vorzugeben, der die Suche folgen sollte.
„Sepolcro!“, erläuterte ich meine Geste in bewährtem Italienisch.
Der Händler reagierte nicht.
„Una decorazione per una tomba“, fuhr ich fort.
„Doam?“ Fragend blickte der Florist mich an, etwas schien ihm zu dämmern.
„Cimitero!“, setzte ich hartnäckig nach und traf, hurra! die gemeinsame Wurzel der beiden romanischen Sprachen.
„Cimitir, așa e! Foarte bine, foarte bine!“ strahlte der Blumenhändler jetzt sehr. Schnell war ein Gebinde aus rosa Plastikblüten an türkisblauen Stengeln zur Hand, anlassgemäß mit schwarzem Tüll verschleiert wie eine sizilianische Witwe. Rumänische Erläuterungen, in denen Begeisterung anklang, begleiteten das schaurige Stück.
„Stop“, bot ich Einhalt, „fiori veri, per favore!“ Echte Blumen, bitte! Und fügte frustriert ein deutsches Schimpfwort hinzu.
Das kannte der Händler.
In gar nicht üblem Deutsch und mit seltsam ins Bedauern gestülpter Mine erklärte er mir, er habe derzeit nur Rosen „in echt“, langstielig und herrlich, obendrein rot wie Blut; ob’s die sein dürften?
Sie durften. Hatte ich eine Wahl?
Bald häufte es sich auf dem Arbeitstisch in herrlichem Blutrot; das groteske Werk begann. Mit der Fingerfertigkeit des Geübten drehte der Rosenbändiger die Blumen in einer Weise ineinander, wie ich es noch nie gesehen hatte, wundersamerweise ohne sich an den Dornen zu stechen. Kaum war ein Basisgewinde entstanden, fädelte er weitere Rosen von oben in den Strudel, wobei er nach etwa jeder dritten Blume (wir hatten die Gesamtzahl des einzusetzenden Materials unvorsichtigerweise noch nicht verhandelt) eine dünne, farbige Plastikfolie halb zwischen die Blüten quetschte, halb im Wind flattern ließ.
So gebannt wie hilflos sah ich zu, während er sich außerordentlich freute, mich auf Deutsch von seinem Tun ablenken zu können.
Er sei, erzählte er freimütig, eigentlich gelernter Fliesenleger. In die Blumenbranche sei er auf Umwegen gekommen, die keine Rolle spielten. An Deutschland trage er nur die schönsten Erinnerungen in sich, an Gelsenkirchen, genauer gesagt, wo er vor vielen Jahren die Sprache Goethes und Schillers erlernt habe, vielleicht nicht ganz astrein, doch immerhin. Wundervoll sei’s dort gewesen, kein Vergleich zu Schäßburg, denn in Deutschland habe das Geld auf dem Boden gelegen, und auch in seinem Fall nicht nur berufsbedingt. Noch immer bedauere er, dort nicht mehr tätig zu sein; warum, verriet er mir nicht.
Einschläfernd war sein Sprechen für einen ohnehin Müden, mental schon leicht Ausgelaugten, betäubend für einen, den das Schuldgefühl am Kragen hatte. So ließ ich ihn gewähren, einfach nickend, als er immer wieder um Erlaubnis bat, weitere Dekorfolien, Zierbändchen und Feuchtlackspray-Schichten anbringen zu dürfen, bis der Strauß schließlich jene billige Unanständigkeit ausstrahlte, die hier als Veredelungsgipfel empfunden wurde.
Mein Lob gar nicht erst abwartend, vertraute der Blumenwürger jetzt, da es ans Zahlen ging, nicht mehr allein seiner Sprachfertigkeit. Wie auch in anderen Ländern des Südens wurden unbequeme Fakten direkt in die Kasse getippt, auf dass man sie nicht lang erklären, sondern einfach nur vorzeigen musste. In diesem Fall war die Kasse ein uralter Taschenrechner, groß wie ein Schreibblock und natürlich von Casio.
In dessen Display war Platz für sehr große Zahlen. Spätestens jetzt wäre es an der Zeit gewesen, ein paar meiner Wahrnehmungen mit meinen noch arbeitsfähigen Hirnzellen zu synchronisieren und diese um eine Einschätzung der Lage zu bitten, doch stattdessen glotzte ich bloß in überfordertem Einverständnis auf die Zahl „90“, die mir unmissverständlich entgegenleuchtete. Widerspruchslos und sehr zum Entzücken des Fliesenfloristen, fummelte ich die gewünschte Summe hervor und reichte sie ihm.
Es dauerte bis zur Mitte der Kokel-Brücke, ehe meine Benommenheit schwand. Ich hatte rund 20 Euro für Blumen ausgegeben – in einem Land, in dem man für diesen Betrag seine drei besten Freunde zu zwei Tagen Party einladen kann.
Als ich den Friedhof erreichte, war ich dennoch halbwegs versöhnt. Ich hatte im Gehen die meisten der Folien gelöst, die Bändchen entzurrt, fast alles aus Plastik fortgeworfen und mir ausgerechnet, dass ich in Deutschland fürs gleiche Geld nur einen Bruchteil der Rosenmenge erhalten hätte, freilich eleganter arrangiert. Einen Teil des Glitzerfummels behielt ich, um die als Vase dienende Plastikflasche aufzuhübschen. Einen besseren Wasserbehälter konnte ich nicht finden.
Erst jetzt holte ich die Andacht nach und gestattete mir sogar, mich auf die Grabplatte zu setzen. Als ich mich nach einer langen Unterredung mit meinen Ahnen langsam auf den Weg machte, um endlich in meiner Pension einzuchecken, wo man seit Stunden auf mich wartete, war ich seelisch eingependelt. Die Gräber meiner Vorfahren gefunden zu haben, und das zufällig, war weit mehr als ich erwarten konnte.
Leise hoffte ich, auch für die Lebenden nicht unbemerkt zu bleiben. Auch wenn ich keinen Sarg hinter mir herzog oder Mundharmonika spielte, wie die großen Fremden des Kinos, würden die Blumen auf dem Grab meiner Urgroßeltern im erzählfreudigen Siebenbürgen hoffentlich nicht folgenlos bleiben.
Auf Schäßburgs Berg
Auch das zweite Hotel meiner Reise überraschte angenehm, vom grell rosafarbenen Fassadanstrich, den ich auch bei abendlicher Heimkehr leicht wiederfinden würde, bis zur Rezeptionistin dieser „Pensiunea Mario“, einer freundlichen älteren Dame, die passabel Deutsch sprach. Sie warf nur einen kurzen, routinierten Blick auf meine Reservierung, ohne in Preisnachverhandlungen zu treten oder andere Komplikationen auszulösen und wies mir den Weg zu meinem Zimmer im Souterrain.
Dort war es angenehm kühl. Die niedrige Decke wies die gleichen regelmäßigen Wölbungen auf, die mir auch im Keller des großväterlichen Hauses aufgefallen waren. Nicht weit von diesem entfernt, mochte es durchaus zur selben Zeit erbaut worden sein. Es fühlte sich an, als wäre ich dort.
Lang blieb ich freilich nicht. Geduscht und vom Rucksack befreit, machte ich mich gleich wieder auf den Weg, nun endlich in die Oberstadt, der Schäßburg seine Ehrung als Weltkulturerbe verdankt.
Von Norden kommend, nähert man sich dem Burgberg von seiner spektakulärsten Flanke. Zuunterst drängt sich eine Farbpalette aus niedrigen Häusern dicht aneinander und mit dem Rücken an den Hang. Die Gärten, sonst hinter dem Haus gelegen, sind hier enge, steil gestufte Terrassen, die einen grünen Streifen über die Hausdächer legen. Darüber folgt eine erste Mauer, die den Berg einfasst, darüber eine zweite, die eigentliche Festungsmauer, die hier das Plateau mit den mächtigen Gebäuden der Oberstadt trägt.
Ich wählte nicht den klassischen Weg, der durch den Stundturm, das Wahrzeichen Schäßburgs, am schnellsten nach oben geführt hätte, sondern entschied mich für eine zwischen Bäumen versteckte, steile Treppe ein Stück rechts von mir, die mich in Serpentinen an der Mauer entlang führte und von Westen in die Zitadelle brachte.
14 Wehrtürme schützten einst diese Mauer, von denen noch neun erhalten sind. Sie tragen die Namen der Zünfte, die in der Stadt ansässig waren. Mich entließen die Bäume am Schneiderturm aus ihrem Schatten. Schnaufend sprenkelte ich das altehrwürdige Kopfsteinpflaster mit dicken Schweißtropfen, die sofort verdunsteten.
Der erste Blick rundum zeigte mir ein sehr viel größeres und schöneres Schäßburg, als ich nach meinen Touren vom Vormittag erwartet hatte. Die Stadt lag nicht nur zwischen Kokel und Burgberg; auch im Süden und Osten zog sie sich in die Täler des Schaaser Baches, des Hundsbaches und des Wolkersdorfer Baches hinein, die nach den großen Überschwemmungen vereinigt, um die Altstadt geleitet und erst dahinter der Kokel zugeführt worden waren. Am hübschesten aber fand ich, von hier oben das Siechhofkirchlein zum Heiligen Geist mit dem Friedhof dahinter klar ausmachen zu können. Das würde fortan mein ideologisches Basislager sein!
Der Gasse stadteinwärts folgend, gelangte ich zum Schusterturm, der mit jedem Meter, den man ihm sich näherte, immer unheimlicher wirkte. Dennoch schien er bewohnt, denn an den wenigen, kleinen Fenstern hielten geschlossene Vorhänge das Sonnenlicht ab. Vielleicht auch den Mondschein?
Vor diesem Gemäuer war es kein Kunststück, sich auszumalen, wie der brave Schuster Schorsch in sturmgepeitschter Herbstnacht im Erkerzimmer ein paar Stiefel besohlt, als ihn durchs Fenster jäh das Licht des Vollmonds trifft. Geifernd und jaulend verwandelt er sich, springt aus der Kammer, jagt die hölzerne Außentreppe hinab, um Beute zu reißen und ahnt nicht, dass dort schon Kate Beckinsale wartet, mit Silberkugeln bestens bewaffnet … ich musste lachen, während es mich ein zugleich schüttelte. Wie konnte man sich in diesem Turm nachts auf die Toilette trauen?
Ein Blick in den sachlichen Reiseführer holte mich aus meinen Phantasien zurück. Niemand lebe im Schusterturm, hieß es da. Nur einer der Schäßburger Türme sei bewohnt, und zwar der mit der schönsten Vampirschloss-Architektur, der Seilerturm, passenderweise gleich neben dem Eingang zum Bergfriedhof gelegen. Und es sei auch nur der Friedhofsgärtner, der hier so idyllisch lebe, wer sonst.
Lesend strich ich die katholische Kirche aus dem Besichtigungsprogramm und erreichte die Tischlergasse. Sie ist mit ihren niedlich aneinander gereihten Häusern in pastellbunten Farben, dem historischen Pflastersteinboden und ihrem leicht schrägen und kurvigen Verlauf der malerisch-romantische Höhepunkt der Oberstadt und nach dem Stundturm vermutlich das zweitmeist fotografierte Motiv. Während auch ich erwog, ein paar Fotos zu schießen und dafür stehengeblieben war, schlurfte ein anderer Fußgänger ganz nah an mir vorbei. Es war ein hoch betagter Mann, leicht gebeugt, doch keineswegs gebrechlich, in dessen Weg ich stand und der den kleinstmöglichen Umweg nahm, um mich mit äußerster Gemächlichkeit zu umgehen, ohne mich eigentlich zur Kenntnis zu nehmen. Zeit schien für ihn keine Rolle zu spielen. Als er vorüber war, wackelte er zurück auf die schattige Seite der Gasse, machte ab und zu halt und stützte sich leicht mit der Schulter gegen die nächstbeste Hauswand. Ich konnte nicht wegsehen. Nach langen Minuten erreichte er endlich sein Zuhause. Erst jetzt begann er, in seinen Taschen nach dem Schlüssel zu fahnden, was abermals ein gutes Weilchen dauerte. Als er ihn schließlich hervorgekramt, die Türe entsperrt und in größter Ruhe das Haus betreten hatte, stand die Sonne ein klein wenig tiefer als zu Beginn der Szene. Der Alte verschwand gleichsam im Gegenlicht, der Himmel im Westen begann schon, leicht golden zu leuchten.
Ich hatte mich von seinem Tempo anstecken lassen und ging jetzt selbst deutlich langsamer. So kam ich zum Rathaus, errichtet an der Stelle des einstigen Klosters der Dominikaner. Kühl hob es sich mit seiner Sandsteinfassade von den bunten Häuschen ab, die es umstanden. Bei einem fehlten auf dem Dach die Ziegel. Man konnte zwischen den morschen, ausgedörrten Balken des Dachstuhls ins Innere sehen, wo sich eine Gruppe rumänischer Bauarbeiter zum fröhlichen Rauchen verabredet hatte.
Das musste ich knipsen!
Der Sucher war noch nicht auf Augenhöhe, als ich einen Blick in meinem Rücken spürte. Stand ich jemandem im Weg? Taxierte mich ein Taschendieb? Wer auch immer ‒ ich würde ihn verewigen. Abrupt drehte ich mich um, die Kamera jetzt am Auge. Die schnelle Bewegung ließ mich schwanken, und doch erkannte ich sofort, wer mir entgegenglotzte.
Diese riesigen Augen.
Die überlange Nase.
Der monströse Schnurrbart.
Natürlich. Es wäre seltsam gewesen, ihm – ausgerechnet IHM – hier nicht zu begegnen, und so starrten wir uns an, kurz, aber heftig, Graf Dracula und ich.
Eigentlich war es kein Wunder, dass die Stadt ihrem berühmtesten Sohn ein Denkmal errichtet hatte, wenn auch nicht restlos klar ist, ob Vlad III. Draculea wirklich Schäßburger war. Dass er auf der Büste mit seinem Beinamen „der Pfähler“ firmierte, den er seiner etwas eigenwilligen Art verdankte, Exempel zu statuieren, war in jedem Fall bemerkenswert, denn damit konnte man im 21. Jahrhundert vermutlich nur noch in Transsilvanien Beifall finden.
Der Standort der Büste erklärte sich durch ein sehr alt wirkendes, aber ordentlich renoviertes Gebäude in kanarienvogelfarbenem Gelb, nur ein paar Meter gegenüber an einem Platz gelegen, an dem die Touristendichte rapid zunahm. Zwischen dem Grafen und seinem angeblichen Geburtshaus lädt der Stundturm hier von seiner Innenseite zum Fotografieren und Besteigen ein, vorausgesetzt, man vertraut der Statik. Ich wandte mich dem Haus des walachischen Woiwoden zu, der hier 1431 zur Welt gekommen sein und ein paar Jahre seiner Kindheit verbracht haben soll, ehe es ihn zum Türkenaufspießen aus dem Städtele hinaus zog.
Heute beherbergt das Haus ein Café und den obligaten Blutrunst-Befriedigungsshop, in dem Gruselbereite allerlei Unfug erwerben können.
An einem der filigranen Metalltische vor dem Café saß ‒ dem Zustand seines schwarzen Fracks nach zu schließen ganzjährig ‒ ein lieblos geschminkter Vampirdarsteller und blickte betrübt über den Platz. Er war so offensichtlich angewidert von seinem Los, für ein paar Lei den Dracula geben zu müssen, dass man meinen sollte, dies würde die Touristen davon abhalten, ihn zur Fotobeute zu machen. Doch die schreckten vor nichts zurück und feuerten sogar ihre Kinder an, auf des Traurigen Schoß oder Rücken zu klettern, wo sie an seinem Umhang zupften, Bisse andeuteten oder ihm kichernd Eselsohren mit den Fingern aufsetzten, während die Eltern knipsten wie im Rausch.
Eiligst verließ ich die schaurige Szene und stieg zur Piaţa Cetăţii hoch, dem ehemaligen Burgplatz. Hinter dem „Haus mit dem Hirschgeweih“ beginnt die Strada Scolii, an deren Ende die „Schülertreppe“ liegt. 1642 errichtet, führt die überdachte Holzkonstruktion zum Gipfel des Burgbergs, auf dem sich neben der Bergkirche das Gymnasium befindet. Die Schüler sollten während des steilen Anstiegs zum Orte geistiger Anstrengung nicht auch noch unter schlechtem Wetter zu leiden haben. Dort hinauf wollte ich unbedingt, denn auch meine Mutter war auf diese Schule gegangen.
Zuvor jedoch erwartete mich ein Spalier des Grauens in Form von Andenkenläden und Souvenirbuden, aus denen überall das Gleiche quoll: Gummifledermäuse, Stoffspinnen, Plastiktotenschädel, T-Shirts mit Horrormotiven, Vampirschnaps in burgförmigen Flaschen, Kunststoffhälse mit Bissspuren, schwarze Kutten, Dracula-Anstecker, Skelett-Ketten und dergleichen mehr. Vergeblich versuchte ich, eine Ansichtskarte zu erwerben, die etwas anderes zeigte als eine Auswahl blutverschmierter Comic-Figuren.
Dann ging es aufwärts. Schnell beneidete ich die mir entgegenkommenden Kinder: für sie war ein langer Schultag zu Ende. Erleichtert sprangen sie bergab, während ich schnaufend Stufe um Stufe zählte und sofort vergaß, wie viele es waren.
Oben angekommen sank ich neben dem Weg ins Gras und fragte mich, wie viele Male meine Mutter wohl hier hinaufgestiegen war?
Als ich wieder atmen konnte, warf ich einen kurzen Blick ins sehr bescheidene Innere der Bergkirche, erwog und verwarf den Gedanken, das Gymnasium zu betreten und entdeckte schließlich das offenstehende Friedhofstor, neben dem ein Schild ausdrücklich zum Besuch einlud.
Schon nach wenigen Schritten wurde mir klar, dass meine Erwartungen an das Ausmaß des Schäßburger Bergfriedhofs die Wirklichkeit nicht einmal streiften. Ein Meer aus Grabsteinen bewies hier die Theorie vom gekrümmten Raum und selbst die Existenz eines Wurmlochs, durch das man direkt auf den Wiener Zentralfriedhof oder den Pariser Père Lachaise wechseln könnte, schien mir nicht absurd; unfassbar, wie auf einem so kleinen Berg so viele Gräber Platz finden konnten!
Es dauerte nicht lang, bis ich auf das erste Grab mit meinem Nachnamen stieß. Diesmal aber, anders als auf dem kleinen Friedhof beim Siechhof, schien das Phänomen kein Ende zu nehmen. Schon nach wenigen Schritten folgte das nächste; links seitab ein weiteres, und von dessen Einfassung aus, kaum hatte man diese wie bei „Himmel und Hölle“ erhüpft, war bereits ein anderer Grabstein zu sehen, der denselben Namen trug.
Durch Hanglage und Zeit waren viele der Gräber nicht gut in Form. Umfassungsmäuerchen waren abgerutscht, Grabsteine hatten sich verschoben. Ein Busch versuchte, den Stein, der ihn beim Wachsen störte, seitlich zu überwuchern. Manche Gräber gewährten gar Einblicke; im Halbdunkel waren die Särge zu ahnen. Ob sie geschlossen waren, sah man nicht.
Kühl kribbelte Wind in meinem Nacken.
Nach dem vierzigsten Grab eines toten Verwandten hörte ich auf zu zählen. Mit dem Fotografieren hatte ich gar nicht richtig begonnen; es gab zu viel zu sehen dafür. Der Friedhof erschien mir wie eine gewaltige, unüberdachte Familiengruft: Wanderer, kommst du nach Schäßburg, wem willst du noch etwas verkünden? Es liegen schon alle hier!
Wieder standen mir Bilder aus dem Nachlass der Mutter vor Augen, wieder andere Menschen, denen ich nie begegnet war, gestorben, bevor ich geboren wurde, und eine neue Stimme, diesmal ganz frei von sentimentalen Gedanken, fragte mich schlicht:
„Was geht’s dich an?“
„Sie waren mir ähnlich“, antwortete ich. „Jedenfalls vermute ich das. Und ohne sie wäre ich nicht.“
Solche Dialoge führen Dehydrierte. Seit dem Schnapskaffee bei Opas Haus hatte ich nichts mehr getrunken, dafür tapfer geschwitzt. Ich musste hinunter von diesem Leichenberg, und nicht über die Treppe, sondern auf kürzestem, steilstem Wege.
Ein kleines Stück östlich des Stundturms kam ich heraus, fand einen Laden, der mich mit kalter Cola versorgte und schlurfte weiter, längst müde genug, um ins Hotelbett zu fallen, aber noch immer nicht satt vom Entdecken.
„Strada Stefan Octavian Iosif“ verkündete ein Schild an der Ecke.
„Hintergasse“ hieß die Straße, als Schäßburg noch nicht in Rumänien lag. Das jedenfalls behauptete ein Verzeichnis der deutschen Straßennamen, das ein ehemaliger Bewohner der Stadt online veröffentlicht hatte. Auch in dieser Gasse hatte mein Großvater gewohnt, nach seiner Heirat, mit Frau und zwei Töchtern bereits. Doch für diese Adresse hatte ich kein Dokument bei mir, das die Hausnummer nannte.
Die Straße führte vom Burgberg nach einem Knick in Richtung Süden. In dieser Kurve sah ich zurück. Alles war auf dem Bild, das ich hier fotografierte, alles, was mir erinnernswert schien ‒ nur nicht das Haus hinter mir. Das hätte eines eigenen Fotos bedurft, des wichtigsten von allen…
Und ich folgte auch nicht der noch kleineren Gasse, die ein kurzes Stück weiter begann. Es wäre die Strada Păstorilor gewesen, das Hirtengässchen, in dessen Haus Nummer 31 meine Urgroßmutter gestorben war, auf deren Grab jetzt rote Rosen lagen. Doch auch das wusste ich nicht, und allmählich wurde es dunkel.
Auf dem Weg zum Hotel kam ich wieder am Stundturm vorbei. Das war hier anscheinend nicht zu vermeiden. Ein Stück rechts davon führten Stufen in schrägem Winkel eine enge Gasse bergauf. Über das dadurch entstandene Eck wölbte sich ein sehr altes Haus in die Gasse hinein.
Ich kannte diese Ansicht. Aus einem Buch, das auf meinen Knien lag. Vor fast fünfzig Jahren. Als Kind saß ich zwischen Opa und Mutter und staunte, von ihrer Erzählung gebannt. Die Urgroßmutter habe in diesem Haus gewohnt, erklärten sie mir. Und das Foto zeige ein ganz bestimmtes Fenster der Wohnung, das zum Burgberg hin ging. So stark und breit seien die Wände gewesen, dass meine Mutter als Kind sich in ganzer Länge auf das Fensterbrett legen und trotzdem noch strecken musste, um den Stundturm zu sehen.
Kein Zweifel, ich stand vor dem richtigen Haus, auch wenn jetzt ein Schriftzug „Bijou“ daran klebte. Nur ein paar Meter über mir war diese Fensterbank, auf der meine Mutter gelegen hatte; die wollte ich sehen! Irgendwie würde ich den Bewohnern erklären, warum sie mich einfach hineinlassen mussten!
Eine schwarze, eiserne Brücke überwand einen kleinen Graben und führte zur Tür. Wie alt sie war, aus dunklem Holz, mit Schnitzereien verziert. In einer Vase davor standen richtige Blumen, keine aus Plastik, und daneben, auf einer Decke, lag ein richtiger Hund. Ein Gigant von einem Schäferhund. Und wie er knurren konnte! Richtig laut und sehr schlecht gelaunt. Schon lag er nicht mehr, sondern zerrte an dieser Kette zwischen ihm und dem Haus.
Das also sollte nicht sein und jetzt war’s auch genug.
Bald leuchtete das Hotel neonrosa im Licht der Straßenlaternen. Ich schaffte nicht mal die Hälfte der Pizza, die ich mir unterwegs gekauft hatte und lag weit vor meiner üblichen Uhrzeit schwer wie ein Grabstein im Bett.
In sächsischer Hand
Nicht weit von Schäßburg, der Länge nach durchschnitten von der Hauptroute in den Süden, liegt das Dorf Keisd. Sein rumänischer Name lautet „Saschiz“ und leitet sich vom ungarischen „Szászkézd“ ab, was „Sachsenhand“ bedeutet und die Vermutung zulässt, dass sich der Ort und die umliegende Gegend traditionell in solcher befanden.
Hier kam 1897 mein Großvater zur Welt. Seine Mutter war, wie damals üblich, zur Entbindung ins Elternhaus zurückgekehrt, denn dort gab es mindestens eine Frau, die das schon durchgemacht hatte.
Meinen Großvater aber grämte es ein Leben lang, kein gebürtiger Schäßburger zu sein.
Im Morgengrauen machte ich mich mit leichtsinnig leichtem Gepäck und der Absicht, am späten Nachmittag zurück zu sein, auf den Weg von Schäßburg nach Keisd. Da die Landstraße selbst für rumänische Verhältnisse stark befahren ist und zudem in einem unnötig weiten Bogen ans Ziel führt, hielt ich es für praktischer und zugleich reizvoller, ein paar Steigungen auf mich zu nehmen, Waldstücke zu durchqueren und dabei noch einiges an Distanz einzusparen, statt der Straße zu folgen.
Kartenlos verließ ich die Stadt, und auch mit digitaler Routenführung war nicht zu rechnen, da hier Funkloch an Funkloch grenzte. Mein legendärer Orientierungssinn aber, dank dem ich einst in Bologna mein Auto wiedergefunden hatte, würde mich auch hier leiten wie einen Zugvogel an den Äquator; zudem schien die Sonne und ich musste ja bloß nach Südosten laufen.
Am Ortsende Schäßburgs zweigte eine kleine Straße zwar bergauf, aber so perfekt in die richtige Richtung ab, dass ich nicht anders konnte, als ihr zu folgen. Die Steigung war stark, so stark, dass sich der Weg in Serpentinen nach oben wand. In einer Kehre, beim Verschnaufen, überfuhrwerkte mich fast ein Pferdewagen, meterhoch mit Heu beladen. Vielleicht hatte der Kutscher mich nicht gesehen, vielleicht war‘s ihm einfach egal.
Bald wurde Asphalt zu Schotter, zu Kies, zu Lehm. So ging es an Wellblechhütten, Obstgärtchen, Hühnerhäusern und tatsächlich zwei weiteren Friedhöfen vorbei, die ich ausnahmsweise unbeachtet ließ. Endlich war der Gipfel erreicht, er lag bereits im Wald.
Hier kam es zu einer zweiten Begegnung, diesmal mit einem Fußgänger. Er trug Jackett und Pullover zur Jogginghose – die Nationaltracht der Rumänen – und war demnach auf dem Weg zu wichtigen Geschäften.
Wohin ich wolle? fragte er.
„Nach Saschiz“, sagte ich.
„Sahskiez?“ korrigierte er. Das sei doch weit! Leicht 20 Kilometer! Wie ich das schaffen wolle?
„Non preoccuparti!“, beschwichtigte ich, zum Mittagessen bin ich dort!
Er sah mich an wie einen, den man verloren gibt, machte aber sogleich das Beste daraus:
„Fumezi? Dă-mi țigările tale! – Rauchst du? Gib mir deine Zigaretten!“
Als ich verneinte, war es mit seinem Interesse vorbei. Eine Handbewegung verabschiedete mich im Weitergehen; ob ein Segenswunsch darin lag oder die Hoffnung, der Teufel möge mich holen, ließ sich nicht unterscheiden.
Der Weg führte nun durch recht dichten Wald, der nur noch selten ausreichend Sonnenschein zu mir ließ, um die Marschrichtung zu prüfen. Als die raren Strahlen mein rechtes Ohr beschienen, sah ich ein, dass es Zeit war für eine Korrektur. Doch rechts von mir wurde der Wald noch dichter, und so folgte ich lieber einem bequemeren, breiten Weg, auf den ich bald stieß, der stark bergab und leider ebenfalls nach Norden führte. Es schien hier schlichtweg nicht möglich zu sein, ostwärts zu laufen.
Bald tauchten Häuser auf. Ein bezauberndes Industriegebiet lag glänzend vor mir, an der Hauptstraße nach Székelyudvarhely, etwa vier Kilometer hinter meinem Ausgangspunkt. Von dem aus ich acht Kilometer durch den Wald gelaufen war.
Der Zeitverlust entledigte mich meines Vorsatzes, nicht per Anhalter zu reisen. Den Autofahrern war das recht egal, doch schon bald schnaubte von hinten ein Pferd heran und der Wagen, den es zog, war leer ‒ bis auf einen Pelz, in dem der Kutscher lebte und aus dem eine Hand mir winkte, als der Wagen mit größter Gemächlichkeit an mir vorüber rollte. Ich zögerte erst – doch als die Hand die Geste wiederholte, nahm ich kurz Anlauf und sprang auf.
Auf der Ladefläche gab es nichts als des Kutschers Schatten. Genau dorthin setzte ich mich. So war ich nah genug, um den Mann zu hören, falls er denn reden wollte, und beließ mich zugleich im Status von Frachtgut. Doch dem Chauffeur war nicht nach Reden. Nur kurz erkundigte er sich, ob ich nach Bukarest oder an die Schwarzmeerküste wollte, denn das würden wir heute nicht mehr ganz schaffen. Dann schwieg er wieder, für gut eine Stunde, während mich das knarrende, holpernde Gefährt und die schon hoch stehende Sonne in hitzeträgen Halbschlaf wiegten.
Am Keisder Ortseingang schreckte ein Ruf mich auf. Der Kutscher schien jemanden zu grüßen, hielt aber nicht. Erst als wir uns dem Dorfplatz näherten, rief er laut „Saschiz, Saschiz!“ und streckte den Arm vom Wagen weg, mit fuchtelnder Hand.
Ich bedankte mich artig auf Deutsch, sprang ab und winkte, als könnte der Kutscher mich im Rückspiegel sehen. Doch der fuhr schon knarzend südostwärts weiter, fast der Sonne entgegen, während ich mich erstmal orientieren musste. Zur Linken und hinter mir staubte die Straße, rechts über den Dächern der Häuser saß auf einem Höhenzug eine Burgruine im Wald. Vor mir aber ragte ein mächtiger Schattenspender empor, höher als jeder Baum, ein Kirchturm gewaltiger Größe. Alt, frei und kolossal stand er da und verdeckte die Sonne. Die Kirche zum Turm aber lag, stark ummauert, einige Meter dahinter. Den gläubigen Dörflern zum Schutze, den dräuenden Osmanen zur ‒ natürlich, das also war eine Wehrkirche!
Der Eingang, ein schwarzes, hölzernes Tor, mit Nägeln beschlagen, war geschlossen, ein Schild kündigte baldige Öffnung an.
Perfekt. In der Wartezeit würde ich das Geburtshaus des Großvaters suchen. Ich hatte mich noch in Deutschland erkundigt, welche Häuser sich einst oder noch im Besitz von Menschen befanden, die hießen wie ich, doch die Hauptstraße hatte früher mehrere Namen und die Zählung der Häuser sich mehrfach geändert. Was anno 1900 noch Haus Nummer 12 in der X-Gasse war, konnte jetzt 280 auf der Hauptstraße sein. Zudem ist mein Name in Siebenbürgen nicht gerade selten. Es gab daher mindestens drei Kandidaten. Sicher war es das beste, die gesamte Hauptstraße einmal rauf und runter zu laufen und alles zu fotografieren, was als Adresse in Frage kam.
Mitten im Ort fand ich ein Haus, das mir aus Ahnenforscher-Kreisen dringend empfohlen worden war: eine gewisse Sara Theil sollte da leben, hochbetagt zwar, doch mit bestem Gedächtnis gesegnet, die sicherlich höchst Interessantes zu erzählen wisse. Doch auf mein hartnäckiges Klopfen öffnete niemand.
Erst auf dem Rückweg zur Kirche fiel mir die Verlassenheit auf, die Keisd ausstrahlte. Fast jedes dritte Haus war stark beschädigt, manch eines nur noch ein Haufen bröckelnder Steine, vielen fehlte das Dach. Doch alle besaßen zumindest ein Tor, und das war immer verschlossen, als gäbe es in den Ruinen noch etwas zu holen.
Hier und da wurde ein Laden betrieben, geöffnet aber war nur das Spirituosengeschäft. Davor stand ein Holzfass und diente einer Gruppe Rumänen als Tisch fürs zweite Schnapsfrühstück. Sie beäugten mich mit leichtem Misstrauen, ganz anders als im touristenvollen Schäßburg, und wandten ihre Blicke erst ab, als ich mit einer Plastikflasche Wasser aus dem Laden trat. Sie wussten natürlich genau, was wirklich darin war, ganz klar, ich gehörte damit zu ihnen.
Inzwischen wurde die Kirche belagert, zur Abwechslung nicht von Osmanen, nein, es war schlimmer. Ein Reisebus aus dem Schwäbischen hatte einen Rentnerschwarm ausgesetzt, der vor dem Tor im Turm ein Träubchen bildete, vermutlich um Schatten zu sparen, ehe man ihm Einlass gewährte.
Am Eingang verkaufte ein Mädchen Eintrittskarten und selbstgemachten Honig. Während ich beides erwarb, fragte es mich in fließendem, wenn auch stark såxesch gefärbtem Deutsch, ob ich der Fremde sei, der durch Keisd laufe und die Häuser fotografiere?
„Securitate!“, sagte ich, und meinte: „na sicher!“
Voller Freude über meinen Scherz und das hervorragende Funktionieren des Keisder Nachrichtendienstes erklärte ich der Kleinen, was mich hergeführt hatte und wonach ich suchte. Das überforderte das Kind. Es griff zum Telefon und alarmierte die Mutter. Die eilte so rasch wie besorgt herbei, sprach ebenfalls deutsch und erwies sich als Vertretung der eigentlichen Kirchenkuratorin, die praktischerweise gerade auf einem Klassentreffen in Deutschland weilte.
Meine Erklärungsversuche interessierten in kürzester Zeit ein gutes Dutzend Personen, die unsichtbar ins Kirchenschiff gesickert waren und mich jetzt im Kreise umstanden. Obschon allesamt alt, schienen sie durchaus entschlossen, die Schlinge aus Körpern, die mich umgab, notfalls enger zu ziehen, bis der Dorfschulze mit dem Scharfrichter eintraf, oder, wenn ich Glück hatte, die Polizei. Während ich den Schwaben aus dem Bus genauso egal war wie die Kirche ‒ bei denen ging’s nur um die Höhe des Eintrittsgeldes und wann es etwas zu essen gab ‒ lauschten die Sachsen sehr aufmerksam dem Verhör zu meiner Herkunft und meinen Absichten durch die Hilfskuratorin. Da alle Deutsch verstanden, lösten sich Argwohn und Schlinge rasch in freudiges Staunen und Händeschütteln auf.
Ein weiteres Telefonat wurde geführt und man gab mir zu verstehen, dass man zur Beantwortung detaillierter Fragen soeben das kollektive Ortsgedächtnis verständigt habe, einen alten Herrn, der bereits auf dem Weg hierher sei. Einstweilen könne ich mir im übrigen gern die Kirche ansehen.
Immer noch staunend über die Effizienz des siebenbürgischen Fernmeldewesens, fiel mir beim Rundgang das Können der siebenbürgischen Schreiner auf. Die holzgetäfelte Kanzel zierte ein Schriftband aus inkrustinierten Buchstaben rund um den Sockel. Von weitem glaubte ich schon, abermals einen sehr vertrauten Namen zu lesen; aus der Nähe wurde klar, dass auch hier Vorfahren gewirkt hatten: gleich mehrere Handwerker hießen wie ich und waren an der Fertigung der Kanzel beteiligt gewesen. Zum Lohn durften sie sich darauf verewigen, aber nur in mehrsinnigen Buchstabenformen.
Eine tiefe Männerstimme, getragen von einem Hauch Knoblauch, wehte mich von hinten an und drang übers Ohr bis zur Nase: das Gedächtnis war eingetroffen. Es gehörte einem rüstigen, vermutlich über siebzigjährigen Mann in blauem Arbeitsoverall und gebügeltem, fleckenlos weißen Hemd, der mir sofort wie ein alter Bekannter erschien, da auch er den Dialekt meines Großvaters sprach.
Herr Binder, wie er sich mir als Namensvetter (und vermutlich entfernter Verwandter) meiner Urgroßmutter vorstellte, erwies sich rasch als wandelndes, überaus freundliches Lexikon für Keisder Stadt- und Familiengeschichte. Trotz seines Alters und des schon wieder sehr warmen Tages ließ er es sich nicht nehmen, mich durch fast den gesamten Ort zu führen und dabei zu nahezu jedem Gebäude eine Erläuterung zu dessen ehemaligen und heutigen Eigentümern abzugeben, bis wir schließlich vor seinem eigenen Zuhause standen. Es war dies eines der wenigen gepflegten Häuser Keisds, denn der alte Herr brachte den größten Teil des Jahres in der siebenbürgischen Heimat zu und floh nur während der kältesten Monate in eine zentralgeheizte Wohnung nach Deutschland. Sommerliche Abwesenheit dürfe man sich nicht leisten, sagte er, denn sie führe zu Verlusten. Neuerdings seien die Zigeuner dazu übergegangen, sogar fruchttragende Obstbäume zu fällen, um diese als Nahrung, Baustoff und Brennholz in einem zu nutzen, während sie sich früher aufs Grundstück geschlichen hätten, um bloß zu ernten. Wo niemand auf seine Habe achte, werde alles, was nicht niet- und nagelfest sei, binnen kürzester Zeit entfernt oder annektiert. Leerstehende Gebäude würden besetzt und damit rasch zu Ruinen, da die nomadisierenden Bewohner nicht davor zurückschreckten, im Winter den Dachstuhl zu verheizen und anschließend ins Nachbarhaus weiterzuziehen.
Wir wandten uns wieder der Kirche zu, bogen dann aber links Richtung Waldrand ab. Herr Binder wies mich auf einen kleinen Brunnen hin, die sogenannte „Tannenquelle“ und versicherte mir mehrfach, unbesorgt daraus trinken zu können. Das Wasser war herrlich und sein Genuss blieb folgenlos.
Es wäre schlau gewesen, meine Flasche, die längst ausgetrunken war, hier aufzufüllen. Doch im Banne von Binders Erzählungen dachte ich nicht an die Realität.
Die Anstrengung unseres Marsches war dem alten Herrn jetzt deutlich anzusehen. Da mein nächstes Ziel der Friedhof war, verabschiedete ich mich so taktvoll wie ausgiebig von meinem so hilfreichen Begleiter und stapfte in der mittäglichen Spätsommerhitze bergauf zu einem weiteren Gräberfeld, gespannt, ob und welche Verwandtschaft ich dort finden würde.
Die „Ausbeute“ war weitaus geringer als in Schäßburg. Hier waren Binders (natürlich), Ehrmanns, Dörners, Fritschs und Thellmanns klar in der Mehrheit, doch es gab auch ein Grab mit dem Namen Theil.
Dort stand ich lange.
Nun war klar, weshalb bei Sara niemand geöffnet hatte. Wir hatten uns nur um ein paar Monate verpasst.
Ein Waldspaziergang
Bei nahezu 30 Grad mittags in der prallen Sonne ohne Kopfbedeckung auf einem Friedhof mit der Kamera im Anschlag von Grab zu Grab zu huschen, ohne etwas gegessen und nur wenig mehr getrunken zu haben, führt zu einem eigentümlichen Zustand. Es beginnt wie ein Flow. Man bewegt sich wie von selbst, die Zeit erlischt, man vergisst, wo man ist, man erleidet einen Kreislaufkollaps.
Jedenfalls beinahe.
Die Vorstufe, leichte Verwirrtheit, hatte ich längst durchlaufen. Jedem Begleiter wäre sie aufgefallen, doch es gab keinen. Es gab überhaupt niemanden außer mir auf diesem Gräberfeld, und selbst wenn ich aus der Entfernung vom Keisder Secret Service beobachtet worden sein sollte, nahm niemand Einfluss. Gewiss hatte man dort längst erkannt, dass die einzige Bedrohung, die von dem Irren auf dem Friedhofshügel ausging, gegen ihn selbst gerichtet war.
Ich hatte vollkommen vergessen, auf die Uhrzeit zu achten, den Rückweg ausgeblendet und mein Durstgefühl war schon vor einer Weile in Ohnmacht gesunken. Erst als der Akku der Kamera restlos erschöpft war, merkte ich, dass es meinem nicht viel besser ging.
Es mochte gegen 14 Uhr sein, als mir dickflüssig die Erkenntnis ins Bewusstsein rann, 20 Kilometer von meinem Hotel entfernt in einem Ort zu sein, der keinen Bahnhof hatte.
Ein rostiges Gitter versperrte den Getränkeladen, in dem ich am Vormittag noch Wasser gekauft hatte. Das Dorf lag staubig, flimmernd und wie unbewohnt. Selbst die Hunde waren still.
Anders die Straße, auf der ich nun nach Norden marschierte, zurück nach Schäßburg. Sie war die einzige Route in den Süden und führte zu weitaus belebteren Plätzen als Keisd es war: Braşov, Bukarest, danach Sofia, Thessaloniki oder Istanbul, je nach Wahl. Von dorther kamen und dorthin donnerten LKW im Minutentakt mit Höchstgeschwindigkeit ohne Rücksicht auf die leise Landschaft und das dösende Dorf; Wanderer auf der Strecke waren nicht vorgesehen, und auch für Tiere wurde nicht gebremst. Der Fahrtwind des ersten 30-Tonners, der nur Zentimeter an mir vorbeidröhnte, hatte mich fast in den Graben gedrückt. Bald folgte der nächste, dann einer in Gegenrichtung. Keiner würde stoppen, wenn ich den Daumen raushielte. Das müsste schon ein anderer Finger sein, aber dann wäre es besser, der Truck hielte nicht.
So konnte ich nicht weitergehen.
Ein asphaltiertes Sträßchen zur Linken erlaubte einen Ausweg, zurück in die Natur. Es führte talwärts bis zu einem Bach, den eine kleine Brücke überwand, dann wieder leicht nach oben auf eine weite Graslandschaft. Fern dahinter lag ein Wald. Schön war es hier, schön einsam. Mein morgendlicher Umweg war schon vergessen, erneut lockten mich Ruhe und die Aussicht auf eine Abkürzung. Keine Strommasten, keine Zäune, keine Schilder gab es hier, man könnte sagen: es war menschenleer. Ob es auch tierleer war?
Weiter dem Bach folgend nahm die Steilheit des Hügels wesentlich stärker zu, als es von weitem ausgesehen hatte. Ein Weg zweigte nach links zum Waldrand ab, ein Trampelpfad folgte dem Wasser. Dort musste ich bleiben. Nur nicht in den Wald und auf den Berg!
Denn der Wald: kam näher. Mehr und mehr bedeckte er den Hügel bachwärts, während dieser sich immer stärker nach links schlängelte. Auch der Uferbewuchs nahm jetzt zu, als wollte das Grünzeug sich demnächst die Äste reichen. Jetzt war klar, ich musste ans andere Ufer, so rasch wie möglich. Durch das Gestrüpp war jenseits eine flache Wiese zu erkennen. Wie ein unfertiges Puzzle lag sie hinter dem Bachlauf, beige gefleckt mit grasenden Schafen. Mir aber ging kein Lämmchen auf.
Endlich fand sich ein Durchlass. Der Bach war hier etwas breiter und dadurch auch flacher. Mit etwas Glück würde das Wasser keine allzu empfindlichen Stellen erreichen. Was aber war mit den Füßen? War es schlauer, barfuß durchs Nasse zu stapfen oder lieber keine Verletzung zu riskieren und mit nassen Schuhen weiterzuwandern?
Die Entscheidung blieb mir erspart, denn von der anderen Bachseite knurrte es zu mir herüber. Laut, wütend, ein bisschen grunzend sogar.
Gab es Orks in Transsylvanien?
Keine Ahnung, das hier waren Hunde. Hausschweingroße, übelst gelaunte Hirtenhunde, zottig grau behaart. Sie hatten direkt gegenüber Stellung bezogen und ließen mit ihren beeindruckend sichtbaren Zahnreihen keinen Zweifel daran, mich unter keinen Umständen auf der ihnen überantworteten Weide zu dulden.
Vlad und Dracul, wie ich sie spontan taufte, knurrten und geiferten sich näher ans Ufer heran. Wie wasserscheu waren die beiden?
Ich tastete in den tiefsten Taschen meiner Hose nach dem Pfefferspray, von dem ich so sehr gehofft hatte, es nicht zu brauchen, fand es – und ließ es an seinem Platz. Bloß keine Neugier in den beiden Bestien wecken! Am Ende dachten sie, ich zöge ein Leckerli hervor, bevor es daran ging, sich über den Hauptgang herzumachen.
Froh, am Ausziehen der Schuhe gehindert worden zu sein, machte ich die Erfahrung, dass man bei hinreichender Adrenalinausschüttung problemlos rückwärts bergauf gehen kann. Ich wagte nicht, Vlad und Dracul den Rücken zuzukehren, auf dass ihre Instinkte dadurch nicht weiter angefeuert würden. Gleichzeitig galt es, die beiden nicht allzu panisch anzuglotzen. Wohl wissend, dass umgekehrt vier Augen fest auf mich gerichtet waren, tat ich, als sei der Ausflug an den Bach ein Irrtum und meine Erleichterung groß, wieder auf dem rechten Weg zu sein – der leider immer noch der linke war.
Während ich dem Wald immer näher kam und auf einer Schräge lief, hatten Vlad und Dracul freies Feld vor sich. Und dumm waren sie leider nicht. Kaum bot sich mir eine Gelegenheit, das Ufer zu wechseln, besetzten sie meine Anlandezone. So ging das ein paar Mal, dann hatte der Bach den Wald erreicht und für den Feigeren wurde es Zeit, nachzugeben.
Nachgeben hieß in diesem Fall, zwischen Nadelbäumen einen ziemlich steilen Hang in einer Richtung hinaufzukrabbeln, die von meinem Ziel wegführte. Gut daran waren nur der Schatten der Bäume, der schön langsam länger wurde, und die Tatsache, dass ich zu diesem Zeitpunkt nichts von der kleinen Bahnstation wusste, die keine 500 Meter hinter Vlads und Draculs Weide lag; ich hätte mich sonst womöglich geärgert.
Oben auf dem Hügel lichtete sich der Wald. Die Sonne stand im Westen, wohin ich wollte. Das erleichterte die Orientierung: wenn ich so geblendet war, dass ich überhaupt nichts mehr sah, stimmte die Richtung. Leider wurde der Weg jetzt zunehmend durch Sträucher und Büsche verengt, und bald war ich so dicht von Gestrüpp und dornigen Hecken umgeben, dass die Sichtweite praktisch auf Null sank. Ein strenger Geruch aus warmem Gebüsch, Gräsern, Brennnesseln und altem Holz umgab mich, während von vorne die Sonne stach und blendete. Was war das da links im Gestrüpp? Wuchsen dort etwa Brombeeren? Oder was?
Moment.
Waren Beeren nicht das natürliche Umfeld von ‒ Bären?
Besonders hier, in Trans…verdammt!
Was wusste ich eigentlich über Bären? Man soll nicht weglaufen, fiel mir als Erstes ein. Stattdessen auf sich aufmerksam machen. Singen, Tanzen, Hüpfen, wie in der Montessori-Schule. Am sichersten ist man, wenn der Bär glaubt, einen Geisteskranken vor sich zu haben, dem er lieber aus dem Weg geht.
In Ordnung. Das mit dem Vorwarnen würde nicht funktionieren, solange die Büsche so dicht standen, dass ich praktisch mit jedem Schritt einen vor mir hockenden Bären versehentlich in den Hintern treten konnte, weil ich ihn nicht sah.
Welch erquickliche Vorstellung! Wie der Bär es schätzen würde, beim Beerenschlabbern getreten zu werden! Eine hervorragende Art, auf mich aufmerksam zu machen. Sollte es dazu kommen, würde ich mich nicht totstellen müssen. Ich würde sicherheitshalber tot umfallen.
Das Pfefferspray jetzt umklammernd wie einen Haltegriff im Bus, bahnte ich mir in sehr kleinen Schritten den Weg durch die Dornen, die sich an Hemd und Hose verhakten, von unten durch mit den Dornen befreundete Disteln stark unterstützt. Alles stach, zwickte, zog an mir, behinderte mich.
Woher eigentlich wehte der Wind?
Wenn es nach Bär röche (wie riecht Bär überhaupt?), hieße das, der Bär könnte mich nicht riechen – so viel hatte ich bei Karl May gelernt. Roch es aber nicht nach Bär, wurde ich ihm quasi soeben auf dem Witterungs-Tablett serviert. Nur kurz ließ mein Hirn adrenalinumrauscht die sachliche Erwägung zu, dass die Anwesenheit von Bären in diesem Waldgebiet überhaupt nicht gewiss war. Lebten die nicht alle viel weiter im Süden, bei Braşov, wo sie Amerikaner fraßen, die versuchten, ein Selfie mit ihnen zu schießen?
Eine Wurzel vor meinem Fuß beendete das Gegrübel. Im Fallen löste die haltsuchende Hand das Pfefferspray aus, das traf mich seitlich mit vollem Strahl und rollte davon, als ich in einem Dornenbusch aufschlug.
Gesicht, Hände und Unterarme mit brennenden Striemen blutig gekratzt, dazu hustend und japsend, lag ich eine Weile orientierungslos herum, ehe mir das Fehlen des Sprays auffiel. Halbblind auf die Handflächen gestützt, suchte ich den Umkreis ab, fand aber nichts außer Brennnesseln, in die ich mit tränenden Augen beidhändig griff und die mich beim Zurückweichen im Gesicht streiften.
Wut, Schmerz, Durst, Hitze, Müdigkeit und ein Anflug von Panik vereinten sich jetzt endlich zur richtigen Entscheidung: scheiß auf den Weg, du musst raus aus diesem Gestrüpp, raus aus dem Wald, egal wohin. Und wenn du es nicht mehr bis Schäßburg schaffst, wird sich irgendein Ort finden, wo es Menschen, Wasser und Hilfe gibt.
Ohne Kontrolle der Himmelsrichtung und ohne jede Rücksicht auf unwahrscheinliche Bären stapfte ich auf die erstbesten Bäume zu, die ich oberhalb der Buschlinie sehen konnte. Tatsächlich wurde das Strauchwerk lichter und endete bald. Im Wald lief ich so gerade wie möglich bergab und schlug nur einen Haken, wenn neuerlich Büsche auftauchten. Die Sonne stand jetzt tief und strahlte die Bäume fast waagrecht mit goldenen Strahlen an, für deren Schönheit ich absolut keinen Sinn hatte. Jetzt zählte nur, was nicht angestrahlt werden konnte, was kein Hindernis bot! Gut eine halbe Stunde verging, bis der Waldrand in Sicht kam. Ein Acker trennte ihn von einer fernen Straße, dahinter lag ein Dorf.
„Vânători“ stand auf dem abgeblätterten Stationsschild des Bahnhofs-Verschlages, denn ein Haus konnte man das nicht nennen. Der Bahnsteig selbst war nichts als ein länglicher Klumpen Beton, die Gleise rot vom Rost. Und doch waren Menschen hier, die auf einen Zug zu warten schienen. Einige gaben sich Mühe, mich nicht anzustarren, anderen gelang das nicht. Ich sah aus wie frisch gegeißelt, war verklebt von Schweiß und Schmutz und konnte kaum noch aufrecht stehen.
Der Zug kam kurz nach sechs und brauchte 12 Minuten zum Schäßburger Bahnhofsbuffet. Eine kleine Gruppe Rumänen saß um einen Bistrotisch und trank sich in den Samstagabend hinein. Sie würden noch ihren Enkeln die Geschichte von dem blutverschmierten Fremden erzählen, der leicht zitternd 50 Lei auf den Tresen legte, eine Literflasche Wasser aus dem Kühlschrank nahm, sie auf Ex austrank und in die untergehende Sonne verschwand.
Fürstenmord
„Hier ist es gut“, sagte Ilie zu seinem Gehilfen, ohne ihn wirklich anzusprechen. Sie hatten, in etwa dem Lauf des Baches folgend, in dem ihr Opfer sein letztes Bad genommen hatte, das Dorf weit hinter sich gelassen, und da Radu erwartungsgemäß nicht widersprach, brachte Ilie den Karren zum Stehen.
Der Bach mündete hier in die Kokel. Ein wagenradgroßer Stein, von allen Seiten umspült und doch nicht zu tief im Wasser gelegen, war mit seiner rauhen und leicht schrägen Oberfläche wie geschaffen, um die Häute grob zu säubern. Später, wenn sie abgetropft waren, wäre es Radus Aufgabe, sie mit Salz einzureiben.
„Der kommt wie bestellt.“
Ilie sprang vom Bock und stapfte mit bloßen Füßen ins Wasser.
„Warum trocknen wir das Zeug nicht einfach nach dem Waschen?“ fragte Radu. „Es ist warm, kein Regen in Sicht. Haben wir es eilig?“
„Ja, ich habe es eilig!“ rief Ilie, der bereits knietief im Bach stand. Er sprach über seine Schulter in Richtung des Wagens und vermied, sich umzudrehen, da er damit beschäftigt war, seine Hose aufzunesteln. Die Kaffee- und Schnapsmischung – aus der sein Frühstück im wesentlichen bestand, seit er auf die Idee gekommen war, dem osmanischen Blutwaller das Gegengift gleich beizumengen – fühlte sich vom Plätschern des Wassers unaufhaltsam angezogen.
„Ich nicht“, rief Radu so einfältig wie berechnend zurück.
„Was glaubst du, weshalb wir nicht nach Braşov zurückfahren, hä? Da gibt es ein halbes Dutzend Gerbereien, da herrscht Konkurrenz, da zahlen sie einen Löwenthaler für den Zentner Hundehaut. Nur wir beide sind leider so dumm und fahren nach Bistritz zu Boldizsár, der uns bescheißen wird. Machen wir das gerne?“
„Ich weiß nicht“, kam es etwas leiser vom Wagen.
„Lisuse Cristoase, ai milă de mine!“, flehte Ilie um Erbarmen. „Nein, prostule, wir machen es aus der Not. Weil wir nicht gepfählt werden möchten, weiterhin beide Hände brauchen, unser Augenlicht sowieso und, nicht zu vergessen, die paar Leu, die wir mit dieser Drecksarbeit verdienen können. Daher fahren wir nach Norden, denn dort gibt es schlimmstenfalls Sachsen, und wenn es arg kommt, ein paar Székler, aber weder Osmanen, noch Bulgaren, Griechen, Kroaten und vor allem keine Tataren. Und jetzt wirf mir die letzten Häute runter!“
Breitbeinig und -händig mit dem Verschnüren seiner Hose beschäftigt, watschelte er ein kleines Stück zum Wagen zurück, stopfte sich ein paar rote Beeren in den Mund, die an einem Strauch am Ufer wuchsen, schaffte es schließlich, das Einfallstor für Plagegeister abzudichten und wurde gerade rechtzeitig mit allem fertig, als das Bündel Häute auf die Böschung klatschte.
Er watete damit zum Stein zurück und machte sich mit dem langen Messer an die Arbeit, sorgsam darauf achtend, dass die Strömung nur mitnahm, was auch fort sollte. Ein kleiner Riss im Fell konnte beim Aufspannen desselben ein veritables Loch ergeben; so viel hatte er von der Pergamentbereitung schon verstanden.
Nach einer langen Weile – Radu war längst eingenickt – breitete er die Häute am Ufer aus. Dann ging er abermals zum Fluss und wusch sich, so gut das mit kaltem Wasser ging, den roten Schleim von den Händen. Ein klebriger Rest blieb dennoch zurück; der würde sich mit der Zeit schon verreiben. Der Stein war jetzt von zahllosen Fliegen bedeckt, die zunehmend auch in seine Richtung schwirrten.
„Auf geht’s, Radu, die Arbeit ruft. Mach dich ans Werk, bevor die Fliegen die Häute aufgefressen haben!“
„Fliegen?“ Radu schreckte auf. „Aah, die Fliegen“, setzte er nach und betastete unwillkürlich sein Gesicht. „Ohne die wäre die Welt… das Hundefangen gar nicht so übel, nicht? Und ohne das Blut natürlich, und den Gestank, versteht sich, und die Hitze, diese mörderische Hitze, und die schlechte…“
„Gura, Radu – halt’s Maul, Radu!“, schimpfte Ilie, der es sich inzwischen im Gras bequem gemacht hatte, während Radu mit dem Salzen begann.
„Wir können froh sein, dass die hohen Herren fast jedes Jahr Landtag halten und noch nicht auf die Idee gekommen sind, ihre Beschlüsse in Stein zu meißeln. Oder möchtest du lieber Felsbrocken sammeln, Radu, mein Freund?“
„Felsbrocken? Waj! Das wäre schlecht. Das könnte ja jeder. Hunde fangen können nur wir.“
„Auch Hunde fangen könnten viele, aber sie werden’s nicht machen.“
„Wegen der Fliegen?“
„Ja, das auch.“
Aus der Gegend von Temeschwar stammend, die fest in türkischer Hand lag, hatten sie sich über Wochen erst östlich in Richtung Kronstadt und später, als auch diese Stadt zunehmend unsicher geworden war, auf ihrem Streifzug weit nach Norden treiben lassen. Ihr Jagdgebiet war die unscharfe, imaginäre Grenze in den Hügeln zwischen Neumarkt, dem Reener Ländchen und Odorhellen, wo deutsche und ungarische Siedlungen nebeneinander lagen.
Doch auch die Türken waren in größeren und nie zu kleinen Gruppen ständig in Bewegung, und es ging das Gerücht, das nicht allzu ferne Schäßburg sei gerade ihr Ziel. Wenn es schlecht lief für die Stadt zwischen Kokel und Schaaser Bach, würde sich dort entscheiden, wessen Willkür in Siebenbürgen fortan walten würde. Doch das war Politik; der galt es, aus dem Weg zu gehen, sie brachte nur Ärger. Begegnungen mit türkischen Soldaten durfte man gar nicht erst riskieren. Sie waren immer kostenpflichtig, und Felle als Bezahlung nicht gefragt. Für Leute wie Ilie und Radu konnte der Preis daher mehr als hoch ausfallen, je nachdem, welche Art von Wegmarkierung die Türken für sie vorsehen würden. Es musste nicht gleich der Pfahl sein; man konnte mit einer Hand davonkommen, also einer verbliebenen Hand, während die andere fortan, an einen Baumstamm genagelt, Reisenden die Richtung wies. Was immer sich die Männer Ali Paschas einfallen ließen, es war besser, eine etwas schwierigere Route zu wählen, die gewährleisten würde, größeren Orten fernzubleiben, wo man als Hundefänger und Zigeuner doppelt ungern gesehen war.
Der Abnehmer der Häute hingegen, der Gerber Boldizsár, zu dessen Werkstatt bei Bistritz sie jetzt unterwegs waren, stand über Gerüchen und Gerüchten. Er würde die verkrusteten Häute auf einem Tisch ausstreichen, bei dem es darauf nicht mehr ankam und sie auf Fehler prüfen. Er würde etwas von der Kruste abkratzen und Radu unter die Nase halten: Dafür willst du Geld, du zigeunischer Scheißhaufen? Sag mir, bin ich blöd?
Und Radu würde ins Stottern geraten, während Boldizsár schon lachte und Ilie auf eine sachliche Verhandlung drängen würde, an deren Ende sie froh sein durften, nicht allzu sehr über Boldizsárs schmutzigen Tisch gezogen worden zu sein. Mit Glück gäbe es dann einen Löwenthaler, der bis zum nächsten Frühjahr reichen konnte, vielleicht aber auch nur etwas Silber, das Weihnachten verbraucht sein würde.
Doch bis dahin war es weit. Der kürzeste Weg, dem Mieresch folgend und erst hinter Sächsisch Regen nach Nordwesten abbiegend, verbat sich. Dort siedelten – der Name verriet es – vornehmlich Sachsen, von denen sie nur wenig besseres erwarten durften als das, was sie den Hunden angetan hatten. Die östliche Route über Szentimre war zu bergig und führte deutlich zu tief durch Széklerland. So blieb ihnen keine Wahl, als zwischen Steilheit und Kürze den Mittelweg zu suchen, um ihre stinkende Fracht in gerade noch akzeptablem Zustand vor Boldizsárs Hütte abzuladen.
Am folgenden Abend hatten sie kurz vor Hölzeldorf das Ufer des Şar erreicht, wo sie nach Art der Hundefänger (so weit flußaufwärts wie möglich) ihre Lederflaschen füllten und ‒ in ausreichendem Abstand zu ihrer Fracht ‒ ein einfaches Nachtlager aufschlugen. Sie aßen den Rest des Fladenbrotes vom Vortag, etwas Speck, Zwiebeln und einen Käse dazu, der in einem geschlossenen Raum für Aufruhr gesorgt hätte.
Mit dem ersten Hahnenschrei brachen sie auf, umfuhren den Ort so weitläufig wie nötig, doch so eng wie möglich, und als ihr Schatten links des Wagens angekommen war, behielten sie die Richtung für eine gute Stunde bei. Ein riesiges Kornfeld öffnete sich zu einem schmalen Pfad, dem sie eine weitere Stunde folgten, ehe in einiger Entfernung das nächste Dorf sichtbar wurde. Die Gegend war sanft hügelig, im wesentlichen Grasland, in den flachen Bereichen bepflanzt und von Buschreihen durchzogen auf den sonst kahlen Hängen. Hier und da stand eine Obstbaumgruppe, weit und breit jedoch kein Wald. Der Weg war zuletzt leicht angestiegen und dadurch zum Kamm geworden; sie konnten sehr weit sehen. Unter ihnen lief ein weites Tal nach Norden, gut eine Meile entfernt lag ein anderes, größeres Dorf. Sie hielten kurz an, um zu erwägen, wie es am besten zu umfahren sei.
Als sie den Reiter hörten, war er schon da.
Zwei Dinge fielen sofort an ihm auf, während er einen weiten Halbkreis um ihren Wagen beschrieb, den Wind suchte, sich näherte, als er ihn im Rücken wusste: er war kein Soldat, und sein Ausritt war nicht geplant. Ohne Hut oder nennenswertes Gepäck, nur mit einem zu Reisebeginn vermutlich weißen, jetzt ins staubige Beige changierenden Hemd, einem leichten Umhang, dreiviertel langer Hose und mit Schnallenschuhen bekleidet, war er für die Temperaturen des Tages gerüstet, nicht aber für eine Nacht im Freien oder einen abendlichen Wolkenbruch. Seine Kleidung war mehr als ordentlich, doch keineswegs prächtig. Auffällig hing an seinem Gürtel ein Säbel, doch der Mann sah nicht aus, als wisse er ihn zu führen. Auch das Pferd, das sich jetzt deutlich sträubte und gern vor dem Gestank zurückgewichen wäre, war nicht irgendein Gaul und doch nichts Besonderes. Er hatte etwas Mühe, es zu zügeln, und drängte es jetzt seitwärts in Richtung des Wagens. Trotz der Wärme trug er Handschuhe, und die, das sah man gleich, waren nicht billig, aus feinem Leder gearbeitet und mit Spitze gesäumt. Er streifte den linken ab und hielt ihn sich vor das Gesicht. Das machte es nicht leichter für die beiden auf dem Kutschbock, sein Ungarisch zu verstehen. Doch immerhin war es Ungarisch, wenn auch mit deutschem Akzent, und außerdem war er allein.
„Ich folge einem Wagen. Nicht einem wie eurem, und dennoch ist sein Zweck … nun, diesem ganz ähnlich. Habt ihr ihn gesehen?“
„Nein, Herr.“ Ilie antwortete wahrheitsgemäß und drückte zugleich seinen Ellenbogen in Radus Seite, damit der schwieg.
„Wir kommen von Süden, Herr, und wurden nicht überholt. Um was für einen Wagen handelt es sich?“
„Würdet ihr nicht selbst so stinken, hättet ihr ihn vermutlich sogar gerochen, wäre er euch begegnet. Seine Polster sind mit Dill gefüttert. Man sagt, es schärft die Hunde.“
„Das stimmt!“ rief Radu dazwischen.
„Welche Hunde, Herr?“ fragte Ilie.
„Die Jagdhunde des Herrn Kemény, unseres Herrn und – von Habsburgs Gnaden – seit kurzem Fürst ganz Transsilvaniens. Es ist der Wagen, mit dem sie zur Arbeit gefahren werden, wenn ich so sagen darf. Heute allerdings befördert er etwas anderes, weit Nobleres, und das gilt es, nicht aus den Augen zu verlieren!“
„Darf man fragen, was das ist, Herr?“
„Nein, man darf nicht. Ich sehe schon, Ihr seid nicht hilfreich. Und nun lebt wohl, Ihr …“
Sein Pferd schon auf der Stelle wendend, überlegte der Fremde, ob er den Satz mit einem präzisen deutschen Schimpfwort, das die beiden vielleicht nicht verstehen würden, einer exquisiten, nur im Ungarischen anzutreffenden Beleidigung, oder einfach unvollendet ausklingen lassen sollte, als der Knall einer Muskete im Norden seiner Entscheidung zuvorkam:
„Gütiger Gott!“ ‒ im Schreck gewann die Muttersprache.
Der Knall hallte nach, weitere Schüsse folgten. Ganz schwach war nun auch Geschrei zu hören, Befehle, Hilferufe, doch sicher war hier nichts.
„Um Himmels Willen, das müssen sie sein!“ In höchster Eile trieb der Reiter sein Pferd hügelabwärts, dem Dorf und dem Lärm entgegen. Schnell war er außer Sicht.
Auch Ilie reagierte schnell. Er klatschte mit den Zügeln, schnalzte mit der Zunge, pfiff, schrie und schimpfte, um das Pferd in Gang zu setzen, so rasch, so weit, so weg wie möglich.
Sie hatten die Wahl zwischen dem Dorf, aus dem die Schüsse kamen und dem, das sie gerade umfahren hatten. Es gelang ihm, den Karren zu wenden. Mochte man sie auch mit Mist bewerfen, hier galt es, schlimmeres zu vermeiden.
Die Hauptstraße des Ortes war leer.
„Ist heut ein Sonntag?“ fragte Ilie.
„Nein, ich glaube Montag“ mutmaßte Radu. „Warum?“
„Sieh nur: keiner da. Ich dachte kurz, sie hocken alle in der Kirche. Aber wir haben wohl einfach Glück.“
Das Pferd noch immer im Trab haltend, knarzte der Wagen die einzige Straße des Ortes entlang, die Ilie wie stets und überall viel zu lang erschien. Hätte man nicht ein paar Biegungen einbauen können, hinter denen es sich eher verschwinden ließ? Eine Allee anlegen, in deren Schatten man nicht so klar zu sehen war? Stattdessen lagen die Häuser Seite an Seite, aufgereiht wie die Maschen auf einer Stricknadel, mit dem Eingang hinter einem flachen Graben, abgeschirmt von der Straße durch eine mehr oder weniger hohe Mauer, durchlässig nur für Katzen und diese wundersamen, flugunfähigen Vögel, die trotzdem stets überall waren, wo man sie gut fangen konnte. Groß war die Verlockung, viel größer die Furcht vor dem, was sie hinter sich wussten. Wo geschossen wurde, war das Weite zu suchen. Schnell und ohne Hühnerbraten. Alte Landfahrerregel.
Die Sonne saß ihnen jetzt fast so heiß im Nacken wie die Angst. Noch stärker schwitzte nur das Pferd auf der noch immer gut ansteigenden Straße. Das Dorf in ihrem Rücken war schon unter Gras versunken. Ein Wegkreuz markierte eine Abzweigung. Ost- und obendrein talwärts führte ein lehmiger Pfad in weitaus mehr Landschaft, durchwunden von einer dunklen Reihe von Bäumen, also einem Bach: Eine leichte Entscheidung.
Sie blieben bis zum Abend in ihrem schattig kühlen Zeitverlust. Hier würde man sie schwerlich finden, und wer überhaupt sollte sie suchen?
„Stephan Dobelius. Um Eurer Frage zuvorzukommen. Ich vergaß, mich vorzustellen heute Morgen. Aber jetzt haben wir etwas mehr Zeit, uns zu unterhalten.“
Ilie saß allein am Ufer, Radu steckte hinterm Busch. Wieder war der Reiter unbemerkt gekommen, im Gegenlicht der letzten Abendsonne und durchs Gestrüpp des Bachbewuchses. Im Schreck nahm Ilie an, dass ihn jetzt der Teufel holte; warum hatte Radu so ein Glück, gerade jetzt versteckt zu sein?
Nur ein Umriss war für ihn sichtbar, eine schnaubende, dampfende Masse und offenbar behaart. Ilie wankte, das Blut in den Beinen, vom Aufspringen in Todesangst.
„Was ist das? Wer seid Ihr …?“ Mit hoher Stimme kam die Frage, zu der die Antwort schon gegeben war. Ilie begriff, hustete kurz und schluckte die falsche Tonlage hinunter.
„Te jóságos ég, habt Ihr mich erschreckt!“
Dobelius war abgestiegen. Er hielt das Pferd eng mit der Linken.
„Wo ist euer Kamerad, der Hundekenner? Und wollt Ihr mir nun nicht freundlicherweise ebenfalls verraten, wie Ihr heißt?
„Radu“, kam es nicht sehr laut aus dem Gebüsch. „Und er ist Ilie.“
„Gut“, erwiderte Dobelius. „Man soll die Leute mit Namen kennen, mit denen man zu arbeiten hat. Ich brauche Eure Hilfe, und das sofort.“
„Unsere Hilfe, Herr? Jetzt?“ Ilie schaffte es, seine Stimme noch weiter zu senken. „Es wird gleich Nacht. Hier sind wir sicher, äh, nun, waren es, ehe Ihr kamt. Sind wir es noch? Und wie habt Ihr uns gefunden?“
„Ich jedenfalls tu‘ Euch nichts. Auch nach getaner Hilfe nicht, falls Ihr dies befürchtet. Euch zu finden war nicht schwer. Ihr wart auf dem Weg nach Norden, als ich euch traf. So viele Wege führen nicht dorthin. Ich musste nur Cozma umreiten, schon traf ich wieder auf eure Spur. Den Rest hat euer Geruch besorgt.
Dass es Nacht wird, ist von größtem Vorteil. Im übrigen braucht Ihr mich nicht ‚Herr‘ zu nennen, denn ich bin keiner. Ich heiße Stephan, wie gesagt. Sprecht Ihr eigentlich Deutsch?“
„Nein, Herr. Stephan, Herr. Sprecht Ihr Rumänisch?“
„Nicht der Rede wert. Bleiben wir also beim Ungarischen. Nun aber los, packt Eure Sachen, es gibt viel zu tun.“
„Warum wir, Herr, ehm … Stephan?“ Radu, der inzwischen vollständig bekleidet aus dem Gebüsch getreten war, bemühte sich um eine Art Habachtstellung, die in solchem Gegensatz zu seiner Erscheinung stand, dass Dobelius beinah ein Lachen zugelassen hätte, nach dem ihm nicht war.
„Die Arbeit ist schmutzig, so wie Ihr. Und sie hat mit dem Tod zu tun, gleichfalls wie Ihr. Ich glaube schon gar nicht mehr, dass es Zufall war, Euch begegnet zu sein!“
„Mit dem Tod? Mit Schmutz?“ Ilie kratzte sich im Nacken. „Was ist eigentlich geschehen dort heute Morgen, als die Schüsse fielen? Was habt Ihr gesehen?“
„Nichts Gutes, wie du dir denken kannst, ganz und gar nichts Gutes. Jetzt kommt, ich erzähle Euch auf dem Weg das Nötigste.“
„Einen Moment noch. Wir können nicht mit Euch gehen. Wir sind in Eile und müssen dringend nach …“ Ilie zögerte einen Moment zu lang.
„Bistritz“, half Radu.
„Neumarkt“, beharrte Ilie und schlug sich mit der Hand an den eigenen Kopf, weil Radus nicht erreichbar war.
„Es geht um unsere Häute. Wir müssen…“
„Sie so teuer wie möglich verkaufen? Gewiss doch.“ Dobelius überlegte. „Ich kaufe sie euch ab. Nennt Euren Preis!“
Ilie winkte Radu zu sich her, legte seine Hand auf dessen Schulter, dem Ohrläppchen ganz nah. Er lächelte beinahe gütig, als er ihm tief in die Augen sah, und nur zur Sicherheit trat er ihm auf den Fuß.
„Fünf Löwenthaler, Herr“, wandte er sich an Dobelius. „Die Häute sind von bester Qualität. Sogar die Hofschreiber kaufen bei unserem Gerber ein. Keine zu alten Hunde, keine kranken, alles sauber er…“
„Wir machen es anders. Ich gebe euch zwei!“ unterbrach Dobelius ihn. „Zwei Löwenthaler. Aber nicht für die Häute, die lasse ich euch. Dafür verfüge ich über Euch und Euren Wagen, solange es mir nötig scheint. Und wenn ihr euch gut anstellt, bekommt ihr vielleicht noch mehr. Einverstanden?“
Als sie aufbrachen, war es im Osten schon dunkel. Erste Sterne standen am sattblau leuchtenden Himmel. Der Karren rumpelte ins Abendrot und stank, Dobelius ritt wacker nebenher und sprach. Sie nahmen den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren, und obwohl sie langsamer fuhren, verging er viel schneller als am Vormittag.
„Wir sprachen ja schon über unseren Landesherrn, Fürst Kemény, so ich mich erinnere. Und Ihr wisst, dass er erst vor kurzem zum Fürsten wurde. Sein Vorgänger hieß Barcsay, Ákos Barcsay, und ich bin…“, Dobelius pausierte einen Moment, „…war dessen Kammerdiener.“
Als keine Nachfrage kam, sprach Dobelius weiter.
„Fürst Barcsay war ein friedliebender Mann. Im Rahmen des Möglichen, versteht sich. Er wollte den Titel nicht, und genau deshalb wurde er ihm von den Türken übergestülpt. Nach Jahren des Krieges, den sie gegen seinen Vorgänger, Georg Rákoczy II., geführt hatten, sollte einer an die Macht, der Ruhe geben würde. Die Osmanen haben Wien im Visier, seit jeher. Sie müssen die ewigen Geplänkel in Transsilvanien beenden, um ihre Kräfte gebündelt gegen Habsburg richten zu können.
Fürst Kemény ist kein Freund der Türken. Die Sachsen unterstützen ihn darin, und neuerdings sogar die Székler. Fürst Barcsays Bruder Gáspar verheerte voriges Jahr ihr Land, als sie sich gegen ihn wendeten. Seither hassen sie ihn derart, dass sie keinen Herrn aus diesem Geschlecht mehr hinnehmen werden. Und das Land ist ohnehin ausgepresst; die ständigen Tribute an die Pforte zehren alles auf.
Kemény sah seine Gelegenheit. Längst versucht er, mit Habsburgs Hilfe die Türken zurückzudrängen, doch Wien ist unentschlossen. Kemény musste ein Zeichen und sich selbst in Szene setzen. Er ließ Barcsay verhaften und sich zum Fürsten erklären. Ich glaube nicht, dass das ein gutes Ende für ihn nimmt, doch man wird sehen.“
Es war jetzt vollkommen dunkel geworden. Radu hatte eine Laterne angezündet, die aber nur ihn und Ilie beleuchtete und die Umgebung umso finsterer erscheinen ließ. Wie zwei Kinder, denen der Großvater ein Märchen erzählt, saßen sie auf dem Kutschbock und verstanden bestenfalls die Hälfte. Aber sie ahnten, dass sie drauf und dran waren, in etwas hineingezogen zu werden, mit dem man als einfacher Hundefänger besser nichts zu tun hatte. Was wollte Dobelius von ihnen? Sollten sie mit ihm gegen die Türken kämpfen? War ein Kammerdiener so mächtig? Er hatte ihnen eine – für ihre Verhältnisse – Unmenge Geld gegeben und noch mehr versprochen. Man würde gut überlegen müssen, wann der richtige Zeitpunkt war, sich davonzumachen.
Dobelius erzählte weiter:
„Fürst Barcsay saß in Görgeny in Haft, einer Burg ganz in der Nähe von Keménys Stammsitz in Marosvécs. Auch seinen Halbbruder, Sigmund Buday, hatte man dort festgesetzt. Es fehlte ihnen an nichts, nicht zuletzt deswegen, weil ich mich frei bewegen und für sie sorgen konnte.
Offiziell galt Fürst Barcsay als verschwunden. Aber was, wenn ihm die Flucht gelänge? Schon eine einzige Nachricht über seinen Verbleib, die nach draußen und zu den Türken dränge, wäre Keménys Verhängnis. Er fürchtete ohnehin, Barcsay könnte heimlich seine Befreiung vorbereiten. Also musste er fort, in ein Versteck, wo niemand ihn vermuten würde.
Unter dem Vorwand, für eine höhere Bequemlichkeit des immerhin ehemaligen Fürsten sorgen zu wollen, ordnete er die Verlegung Barcsays nach Kővár an, die Steinburg, eine Festung weit im Norden, in einer Schleife des Flusses Lápos gelegen. Es ist ein weißer Fleck auf der osmanischen Karte; kein Türke war je dort. Und keiner würde dorthin kommen. So wichtig war er den Türken dann doch nicht.
Doch leider war Kővár nur ein Vorwand, und leider haben wir es nicht geahnt.
Eine Zofe warnte uns noch, der Transport sei für heut morgen anberaumt. Fürst Barcsay schickte mich rasch davon, damit ich ihm in Freiheit folgen könnte, statt ihn als Mitgefangenen zu begleiten. Man wählte den Hundewagen als unverdächtiges Gefährt und tat, als reite man zur Jagd. Doch bald trennten sich Jäger und Wagen, der bald darauf den Weg verließ.
Als ich euch traf, hatte ich die Spur verloren. Die Schüsse brachten sie zurück, und ihr Zweck war der Befürchtete. Es war Kemény zu wenig sicher, Barcsay bloß umzuquartieren. Als ich am Mordplatz eintraf, war man bereits dabei, ihn zu verscharren.“
Dobelius holte tief Luft und senkte den Kopf.
„Jedenfalls soweit ich das sehen konnte. Ich musste natürlich in Deckung bleiben.“
„Das ist eine schreckliche Geschichte, Herr, Stephan“, sagte Ilie nach einer Weile.
„Aber nun, da Euer Herr tot ist, was können wir noch tun?“
„Was ihr tun könnt?“ Dobelius hob den Kopf und sah Ilie fest an.
„Ihr werdet mir helfen, ihn auszugraben und seine Leiche den Türken zu bringen!“
Die Vetternwirtschaft
Mit geleckten Vortages-Wunden bestieg ich einen frühen Zug, der mich noch vor Tagesanbruch zur nächsten Etappe meiner Reise bringen sollte. Hatte ich mich bisher auf sächsischem Terrain bewegt, wurde es nun Zeit, die Seiten zu wechseln und mich jenen Menschen zu nähern, deren Sprache ich nicht sprach und bei denen mir Italienisch nicht helfen würde: den Széklern.
Die Verbindung zwischen beiden bestand in meinen Großeltern und war zu Beginn des 20. Jahrhunderts alles andere als selbstverständlich. Sachsen und Székler achteten sich, Freunde waren sie nicht.
Mein sächsischer Großvater hatte den größten Teil des Ersten Weltkriegs in italienischer Gefangenschaft überlebt und war mit Anfang Zwanzig nach Schäßburg heimgekehrt, wo er seine Schreinerlehre zu einem Meisterbrief führte.
Meine ungarische Großmutter, ein höheres Töchterchen aus niederem Adel, lebte gut dreißig Kilometer entfernt in einem Ort mit unmissverständlichem Namen: Székelykeresztúr, eine Siedlung von Széklern, errichtet um ein christliches Kreuz.
Wie sie sich kennenlernten, ist nicht überliefert, wohl aber, wie die Ehe sich anbahnte. Beziehungsweise anradelte. Denn nur zu gern erzählte mein Großvater, wie er seine Angebetete zum samstäglichen Tanzabend in Schäßburg mit dem Fahrrad in Keresztúr abholte und sie zur vereinbarten Zeit wieder dort ablieferte. Das bedeutete, dass er die Strecke an diesem Tag viermal fuhr, davon zweimal mit „Gepäck“.
Die Fahrten lohnten sich, bald wurde geheiratet. 1928 kam das erste Kind zur Welt, eine Tochter, meine Mutter ‒ und das in Székelykeresztúr. Hier hoffte ich, ihr Geburtshaus zu finden, möglicherweise ein paar aufschlussreiche Dokumente ‒ und vielleicht sogar eine Spur der Hundehaut, auf deren Fährte mich Dénes gesetzt hatte.
Ich stieg aus dem Zug und trat in das trüb-gelbe Licht der Bahnhofslaternen, das gerade weit genug über die Gleise hinaus leuchtete, um mich im Halbdunkel einen Schotterweg erkennen zu lassen.
Ich drehte mich einmal im schwarzblauen Kreis, um zu erkunden, wohin ich mich wenden musste, als ich sanft angerempelt wurde. Etwas stapfte hinter mir auf. Ein zweiter Rempler folgte, sofort ein etwas stärkerer, dritter, dann sah und roch ich zugleich: ich war von Kühen umringt, eine Herde hatte mich beiläufig eingemeindet. Die Tiere waren so übernächtigt wie ich und schoben mich harm- und hirtenlos auf ihrem allmorgendlichen Weg mit zur Weide – die freilich nicht im Ortskern lag.
Vorsichtig gleitend, schiebend und drängelnd befreite ich mich Kuh um Kuh sehr langsam aus dem rustikalen Rudel, und als ich wieder Herr meines Weges war, stand ich irgendwo auf freiem Feld.
Ein erster Anflug von Sonnenschein zeigte mir im Westen und einiger Distanz etwas wie Häuser.
Wie fast alle transsylvanischen Siedlungen besteht auch Székelykeresztúr im Wesentlichen aus einer mehr oder weniger geradlinigen Hauptstraße, zu deren beiden Seiten sich die Häuser reihen, mit der Schmalseite und einem Tor zur Straße hin zeigend und allem, was wichtig ist, nach hinten versteckt.
Dieser Haus-Garten-Haus-Rhythmus, gelegentlich unterbrochen durch ein Motel, ein Wettbüro oder einfach eine Ruine, führte mich an mehreren Kirchen vorbei, an einer kleinen Grünanlage, deren frisch gepflanzte Bäume mit Luftballons geschmückt waren und schließlich in die Ortsmitte mit dem unverzichtbaren Denkmal des Nationaldichters Sándor Petőfi, der auch mehr als 150 Jahre nach seinem geheimnisvollen Tod noch von vielen fast wie ein Heiliger verehrt wird. Sicher war auch der Platz um das Denkmal nach ihm benannt. Tatsächlich zeigte das zweisprachige Straßenschild zwar nicht Petőfys Namen, aber dessen hehres Ziel: Plaţa Libertaţii / Szabadság Tér, Platz der Freiheit.
Die ersten Geschäfte öffneten jetzt, darunter ein hoch willkommenes Café. Beim Versuch, ein Frühstück zu ordern, wie ich es aus Schäßburg kannte, begannen die erwarteten Probleme. Hier wurde Ungarisch gesprochen, und Gogoşi hießen jetzt wieder „Lángos“. Außerdem gab es keine, denn sie mussten erst gebacken werden. Stattdessen gab es Kaffee, der sich ebenfalls von dem unterschied, was man so kennt.
Da weiter im Westen noch etwas Stadt übrig war, setzte ich meinen Marsch wach, aber hungrig, in diese Richtung fort und erreichte bald eine weitere Kirche, die unitarische. Sie unterschied sich architektonisch nur gering von den bisherigen, im Vorgarten jedoch erheblich, denn auf einer gepflegten Wiese stand eine Gruppe von dunkel gebeizten, mit Schnitzereien verzierten Holzstämmen, die teils mit Bändern in den ungarischen Farben geschmückt waren und mich entfernt an Marterpfähle erinnerten.
Ich wusste vom unitarischen Glauben nur, dass meine Großmutter ihm angehört und nie darüber gesprochen hatte. Sicher hätte sie ihrem von Winnetou und Old Shatterhand begeisterten Enkel gegenüber erwähnt, wenn Marterpfähle in ihrer Religion eine Rolle gespielt hätten. Anscheinend taten sie es nicht. Weil es in München keine unitarische Kirche gab, besuchte sie sonntags manchmal die Neuapostolische, von der meine protestantische Mutter sagte, das sei „eine ähnliche Sekte“, und da ich mit zwölf keine Ahnung hatte, was eine Sekte war und meine Oma zugleich nie den Eindruck machte, als stimme etwas nicht mit ihr, ließ ich es dabei bewenden und stellte keine Fragen.
Kurz hinter der Kirche, nur ein paar Häuser weiter, stieß ich auf das nächste große Gebäude. Es war so mächtig, dass ich die Straßenseite wechselte, um es in seiner ganzen Breite erfassen zu können. Vor mir erhob sich eine Art zweigeschossiger Palast, dessen Fenster und Eingang mit Giebeln im Neo-Renaissance-Stil verziert, aber seit dem letzten Krieg weder geputzt, noch geweißelt worden waren. Neben der Tür, in einem der Pfeiler, die den Rundbogen darüber trugen, steckte ein eiserner Fahnenmast, um den sich eine zerfetzte, verblichene, rumänische Flagge gewickelt hatte. Die Fenster waren blind, in manchen fehlte eine Scheibe.
War das etwa das Rathaus?
Ein blaues, verwittertes Schild mit heller Schrift stellte klar: es war das Krankenhaus. Und zwar das staatliche, Zweigstelle Székelykeresztúr.
Hier würde ich mir nicht mal den Blutdruck messen lassen, dachte ich, während ich sehr langsam verstand, dass hier sogar Kinder geboren wurden!
War meine Mutter etwa in dieser Bruchbude zur Welt gekommen?
Das konnte nicht sein. Sicher war es wie bei ihrem Vater gewesen: die Geburt geschah im Elternhaus der Mutter. Es musste so sein. Gewiss war meine Großmutter ebenfalls aus Schäßburg, wo sie als Ehefrau lebte, zur ersten Niederkunft nach Hause gefahren.
Und dieses Zuhause wollte ich finden!
Von Dénes wusste ich, dass die Mátéffy aus Szentábrahám stammten, einem Dorf nur wenige Kilometer entfernt. Nach dem frühen Tod meines Urgroßvaters zog dessen Witwe mit ihren vier Töchtern in die Stadt, hierher, nach Székelykeresztúr. Und die Adresse kannte ich auch ‒ von einem handbeschriebenen Briefumschlag aus dem Nachlass meiner Mutter. „Csekefalvi utca“ stand dort zu lesen.
Doch die Hausnummer fehlte, denn der Postbote brauchte sie nicht. Er kannte damals wohl jeden im Ort persönlich.
Aber ich würde nichts unversucht lassen; die Straße lag nur ein kurzes Stück hinter mir, gleich neben Petőfis Denkmal. An der Hausecke, an der sie auf den Freiheitsplatz mündete, hing unter dem Namensschild ein zweites, kleineres:
In der Pension, die sich einst an dieser Stelle befand, habe der Dichter die letzte Nacht seines Lebens verbracht, erzählte es auf Ungarisch.
Tatsächlich war Petőfi nicht weit von hier am 31. Juli 1849 spurlos verschwunden, vermutlich gefallen durch die Hand russischer Soldaten nach dem bereits verlorenen Gefecht um Ungarns Freiheit. Doch seine Leiche wurde nie gefunden.
Wie Ur-Omas Haus.
Denn auch die Csekefalvi utca folgte dem gleichen Muster wie die Hauptstraße. Auf ein Gebäude folgte ein Garten, dann wieder ein Haus. Ab und zu lag ein Acker dazwischen, ein Rinnsal wohl auch. Durch die meisten Tore konnte man in die Höfe blicken. Überall pickten Hühner, fast überall döste ein Hund. Die Gärten waren liebevoll angelegt und ähnelten einander: Blumenstauden zierten die Ränder der Beete, an Pfosten hingen Utensilien und Werkzeuge, die bei uns nur zu Dekorationszwecken gedient hätten. Hier und dort war auch jemand am Werk, doch fragen konnte ich nicht. Niemand würde sich erinnern, in welchem Garten meine Großmutter und ihre Schwestern gespielt hatten, es war schlichtweg zu lange her.
So hatte Keresztúr sich unerwartet schnell für mich erschöpft. Nicht ahnend, was es noch zu bieten haben würde, setzte ich mir ein naheliegendes, neues Ziel: Szentábrahám.
Da nichts dorthin fuhr, würde ich abermals – laufen. Diesmal aber auf der Landstraße, ohne Abkürzung, Hirtenhunde oder sonstige Bedrohlichkeiten.
Muss ich erwähnen, dass es wieder ein heißer Tag war? Dass die Luft schon am Vormittag flimmerte und mein Hemd an mir klebte? Diesmal jedoch hatte ich Wasser dabei, bloß die Straße bot keinen Schatten. Stattdessen verlief sie zwischen zwei Höhenzügen durch ein Tal mit reichlich Stauraum für Hitze.
Csekefalva markierte die Hälfte der Strecke. Das Dorf war klein, verfiel allmählich, leistete sich aber den Luxus zweier Kirchen, eine auf jeder Seite der Straße. Beide Türme wiesen eine erhebliche Schräglage auf, als hätten sie miteinander gewettet, wer länger schiefstehen konnte. Tatsächlich lagen die Kirchen ein gutes Stück auseinander, doch aus der Ferne wirkten sie, als neigten die Türme sich einander zu, wie zwei schwerhörige Alte, die das Ohr des anderen suchten. Hatte meine Großmutter sie auch so gesehen? Oder standen die Türme vor hundert Jahren noch aufrecht?
Zwei heiße Kilometer später, nach einem langen, flimmernden Abschnitt der Straße, markierte ein überraschend gepflegtes Fußballfeld den Ortsrand Szentábraháms. Drei Maissilos lagen dahinter, gegenüber ein kleines, hölzernes Zier-Széklertor mit dem üblichen Gruß: „Isten hozott!“ (Gott hat dich gebracht!) und einer Runenschriftzeile darunter.
Wie lang hatte ich für die sieben Kilometer gebraucht? Ich war kurz vor zehn Uhr gestartet. Jetzt war es … wo war meine Uhr?
Ich suchte in sämtlichen Taschen, im Rucksack, an den unwahrscheinlichsten Orten, lief bis zum Fußballfeld zurück, wo ich angehalten hatte, um etwas zu trinken – doch die Uhr blieb verschwunden. Sie musste mir vom Handgelenk geglitten sein, fortgespült vom Schweiß, der seit Stunden an mir hinunterrann, während ich der Vergangenheit hinterher- und entgegenlief, bis hier, in dem kleinen, alten, transsilvanischen Dorf keine Zeit mehr vonnöten war.
Die unitarische Kirche lag unweit vor mir, sie schien frisch gestrichen, doch auch ihr Turm stand schief. Dort lag mein Ziel.
Hier musste es Dokumente geben, einen Pfarrer, mit Glück einen alten. Hier würde ich alles über meine Ahnen erfahren, hier würde vielleicht gar die Hundehaut liegen, in einer Schatulle wie meine Kopie daheim; wie praktisch, dass sich hier jahrhundertelang nichts verändert hatte!
Weithin silbern glitzerten die Schindeln des spitz aufragenden Kirchturmdaches. Im Näherkommen bot sich eine Szene wie aus dem Märchen: die kleine, reinlich wirkende Kirche, vom Alter leicht zur Seite gedrückt, grenzte an Weinstöcke und einen obstbaumbestandenen Hang. Vom Dorf trennte sie eine Wiese, auf der ein einzelnes Pferd im Schatten des einzigen Baumes friedvoll graste. Zur Straße wurde die Kirche von einer Mauer nur symbolisch beschützt: kaum schulterhoch war die weiß getünchte Barriere, mit roten Ziegeln gedeckt wie das Kirchdach. Den Zugang zum kleinen Vorhof und ehemaligen Friedhof an der südlichen Seite des Schiffes regelte ein hölzernes, mit gemauertem Giebel geschmücktes Tor, darauf das Wappen der unitarischen Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Über allem schwebte die Mittagshitze etwas leichter als sonst, denn ein Lufthauch wehte von Norden. Zikaden schnarrten der Stille zum Trotz, ein Vogel pfiff gleich darauf.
Das Tor stand offen. Aus der Kirche kam Gesang. Ich legte das Ohr an die Tür, schnell wurde es feucht wie die Augen. Die ganze Gemeinde musste da drinnen versammelt sein. Natürlich! Es war Sonntag, kurz nach Zwölf. Der Gottesdienst ging seinem Ende zu.
Nichts wie weg, dachte ich. Verschwitzt wie ich war, wollte ich keinen ersten Eindruck im Ort meiner Ahnen abgeben. Außen an der Kirchenmauer lehnend, als suchte ich bloß deren Schatten, wartete ich das Läuten der Glocke ab. Bald schwappte eine Welle aus Gläubigen gemächlich vorbei, die Männer im sonntäglichen Schwarz, als glühte es nicht im Freien, die Frauen im farbblassen Kleid.
Erst als die Letzten vorüber waren, wagte ich mich in den Hof. Neugierig auf das Innere der Kirche, aber immer noch vorsichtig gespannt, blieb ich am Türpfeiler stehen und schielte ums Eck. Gleichzeitig trat der Pfarrer ins Freie.
Ich schreckte zurück, der Pfarrer stand still, drei Männer dahinter liefen fast auf.
„Bocsánat! Entschuldigung!“, brabbelte ich, im Rückwärtsgang Abstand gewinnend.
Der Pfarrer lächelte. Wie die drei hinter ihm trug er schwarzen Anzug passend zum Schnurrbart, doch während jene sich wieder in Formation brachten und ihre etwas zu kleinen, schwarzen Hüte zurechtrückten, blieb er hutlos stehen. Er legte sich nur den Talar, den er in der Hand gehalten hatte, über die Schulter und sprach mich auf Ungarisch an.
Verstand ich ein Wort? Natürlich nicht.
„Bocsánat!“, sagte ich abermals, „sajnos nem beszélek magyarul.“
Der einzige Satz, den ich fließend auf Ungarisch aussprechen kann, erklärte ihm, dass ich kein Ungarisch spräche.
Sofort wiederholte er seine Frage, jetzt in ziemlich gutem Englisch und deutlicher schmunzelnd:
„Sie sind fremd hier, wie es scheint. Was kann ich für Sie tun?“
„Eine Menge, vermutlich.“
Endlich am Ziel, plapperte es nahezu unkontrolliert aus mir heraus.
„Zumindest hoffe ich das. Ich bin auf der Suche nach meinem Urgroßvater. Sein Name ist Mátéffy. Ferenc Mátéffy. Ich glaube, er hat hier gelebt.“
Der Pfarrer sah mich staunend und durchaus belustigt an. Er zögerte zwei Sekunden, dann sagte er:
„Mátéffy kann ich bieten. Die drei Herren hinter mir heißen alle so. Nur keiner von ihnen Ferenc. Ich bedaure.“
Der Pfarrer war über diesen Scherz wesentlich erfreuter als ich und nutzte mein verblüfftes Schweigen, um seine drei Begleiter aufzuklären. Die aber verstanden so wenig wie ich, was sich hier gerade abspielte. Einer stellte eine Frage. „Mátéffy“ kam darin vor.
„Heißen Sie auch Mátéffy?“, übersetzte der Pfarrer.
„Eigentlich nicht. Das heißt, in gewisser Weise schon. Es ist der Mädchenname meiner Oma. Aber mein Opa war Deutscher, verstehen Sie? Deshalb heiße ich anders, aber …“
„Nun, ich heiße Boros. Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich denke, wir klären alles Weitere am besten im Pfarrhaus. Ich habe Hunger; Sie auch?“
Herr Boros wandte sich wieder an die drei Mátéffys, die jetzt in begeistertes Lachen ausbrachen und nun alle zugleich auf mich einredeten. Sicherheitshalber lachte ich mit, ohne ein Wort zu verstehen, dann waren wir schon auf der Straße und nach wenigen Schritten in der himmlisch kühlen Pfarreiküche dem Paradies ein gutes Stück näher.
Die ungarische Verhörtechnik erwies sich als ausgesprochen wirkungsvoll. Man setzte mich auf einen Stuhl in der Mitte des Raumes und begann, mich zu füttern. In kürzester Zeit hatte mir Herr Boros, während die Mátéffys mich stehend, staunend, starrend umringten, die Werkzeuge gezeigt: Wein, Wurst, Brot und Käse, ein paar Zwiebeln, Wasser und zwei Flaschen Schnaps.
Nun brach er das Brot mit geübter Hand, einer der Ministranten schnippelte Wurst, der nächste drückte mir ein Glas in die Hand. Zwischen Kauen und Trinken brauchte ich nur wenige Namen zu nennen, die Herr Boros übersetzend und einordnend Stammbäumen zuwies, die hier in der Küche spontan zu sprießen begannen.
Alle drei Mátéffys, so wurde schnell klar, waren mit mir verwandt. Auch Cousins untereinander, stammten sie von Geschwistern und Cousins meines Urgroßvaters ab; es war die reinste Vetternwirtschaft, in der von nun an jede Übereinstimmung mit einem Pálinka begossen wurde, während dem Pfarrer, auch hier Mittler zwischen den Welten, vom Übersetzen bald der Schweiß auf der Stirn stand.
Nach einer Stunde war aus der Vernehmung eine veritable Familienfeier geworden und die Runde erheblich beschwipst. Ich dachte an meinen Rückweg. Noch hatte niemand angeboten, mich nach Keresztúr zu fahren und offensichtlich war auch niemand mehr in der Lage dazu. So drängte ich Herrn Boros zur Offenlegung der Kirchenbücher, auf dass ich wenigstens Fotos zur späteren Auswertung mit nach Hause nehmen könne, ehe ich mich in Marsch setzen würde, doch der Pfarrer schüttelte bedauernd den Kopf.
„Es gibt keine Kirchenbücher. Jedenfalls keine alten. Was die Russen im Krieg nicht vernichtet haben, wurde von den Rumänen mitgenommen. Das wenige Übrige liegt in ihrem Staatsarchiv, in Csíkszereda, soweit ich weiß. Es tut mir leid. Noch einen Schnaps?“
Ja, denn das war ernüchternd. Wo nicht einmal vor Kirchenbüchern halt gemacht wurde, scherte sich sicher auch niemand um ein altes Blatt Pergament…
Umgehend goss der Pfarrer ein, abermals stießen wir an.
Das Aufstehen klappte trotzdem ganz gut. Ich wollte gerade den Umarmungs- und Verabschiedungsreigen beginnen, als der Pfarrer mit einem der Mátéffy-Vettern eilig zu diskutieren begann. Der schien eine Idee zu haben.
„Csaba sagt gerade“, sagte der Pfarrer, „er wisse von einem, der die Ahnen erforscht und dir mehr helfen kann als ich. Er ist ein kluger Mann, ein Universitätsprofessor. Ich kenne ihn auch, über die Kirche. Wir können ihn anrufen!“
„Und dann?“, fragte ich.
„Dann trefft ihr euch. Er kann dir alles erklären, er weiß Bescheid. Du besuchst ihn einfach!“
Noch während ich überlegte, ob es in meinem Zustand eine gute Idee wäre, einen Unbekannten heimzusuchen, hatte der Pfarrer sein Handy hervorgezogen, Csaba diktierte die Nummer, man hörte es tuten ‒ und Boros drückte mir rasch das Telefon in die Hand!
Eine freundliche, leicht heisere Stimme meldete sich auf Ungarisch. Ich verstand nur den Namen, Farkas, sonst nichts.
„Bitte entschuldigen Sie die Störung am Sonntag“, stammelte ich auf Englisch, „ich rufe aus dem Pfarrhaus in Szentábrahám an. Der Pfarrer, ein paar Cousins und ich haben … äh … ein bisschen gefeiert, und nun sagte man, ich solle Sie wegen meiner Vorfahren anrufen. Bitte legen Sie nicht auf, das ist kein Telefonstreich.“
Die Antwort kam in akzentfreiem Englisch:
„Ich verstehe. Machen Sie sich keine Sorgen. Vielleicht reichen Sie mir einmal den Herrn Pfarrer? Danke.“
Herr Boros und Herr Farkas schienen sich gut zu verstehen, soweit ich das aus dem Tonfall und gelegentlichem Gelächter heraushören konnte. Nach ein paar Minuten legte der Pfarrer auf, ohne mir das Telefon noch einmal gereicht zu haben.
„Alles in Ordnung“, sagte er. „Du kannst Herrn Farkas aufsuchen. Er wird dir alles zeigen und erzählen, was er weiß; er ist sehr nett.“
„Aha, na gut. Und wo finde ich diesen Herrn Farkas?“
„In Kolozsvár.“
„Wo, äh, ist Kolozsvár?“, fragte ich.
Herr Boros lachte jetzt herzlich.
„Zu weit zum Laufen.“
Mauerschau am Maros
Was haben ein rumänischer Überland-Bus und ein Raumschiff gemeinsam, das mit Lichtgeschwindigkeit fliegt?
Die Zeit vergeht langsamer darin.
Nicht so langsam, dass ich mir Sorgen machte, bei meiner Rückkehr nach Deutschland keine lebenden Freunde mehr anzutreffen, aber langsam genug, um den Nerven einiges abzuverlangen auf dieser Fahrt nach Marosvásárhely, dem deutschen Neumarkt am Mieresch, dem rumänischen Târgu Mureş, das auf dem Weg nach Kolozsvár lag.
Und nicht nur die Fahrt und die Namen strapazierten die Nerven, auch die Spannung und Vorfreude auf den geheimnisvollen Herrn Farkas, dessen Name auf Deutsch „Wolf“ bedeutete und der mir bei der Jagd nach meinen Vorfahren und, wer weiß, der Hundehaut so hilfreich sein könnte.
Während sich der Bus mit röhrendem Dieselmotor, dunklen Rauch ausblasend, die enge, kurvige Straße ins Waldmassiv des Harghita-Gebirges hochquälte, lehnte ich mit dem Kopf am Fenster, gepolstert durch einen schmutzbraunen Vorhang, der nicht viel jünger war als das Turiner Grabtuch, und gab mich den Erinnerungen der letzten Tage ‒ besonders aber des letzten Tages ‒ hin.
Natürlich hatte mich niemand zum Bahnhof nach Keresztúr gefahren und so lagen sieben Kilometer sonniger Rückmarsch vor mir, nachdem ich mich vom „Wirtshaus zum Pfarrhaus“ verabschiedet hatte. Wie ich die Strecke in meinem Zustand schaffte, weiß ich nur lückenhaft. Das Fußballfeld, bei dem ich auf dem Hinweg meine Uhr verloren hatte, wurde jetzt bespielt. Eine gar nicht kleine Zuschauermenge hatte sich zu diesem Dorfsonntagsklassiker eingefunden, der auf Kirchgang und Mittagessen zu folgen hatte. Niemand nahm Notiz von dem Fremden, der leicht schlingernd vorüberschwitzte. Nach der Uhr brauchte ich auch kein zweites Mal zu suchen; ich hätte sie entweder nicht gesehen oder sie war schon gefunden.
Die anschließende Zugfahrt nach Schäßburg war zur Gänze im Gedächtnis gelöscht. Erst das Abendessen ließ sich wieder herbeidenken, denn ich hatte mir auf die Entbehrungen des Heimwegs ein Steak gegönnt, das fantastisch wenig kostete und mit einer mir bis dahin unbekannten Beilage aufgetragen wurde, einem lauwarmen Püree aus Bohnen und Knoblauch, garniert mit rohen Zwiebeln, das ein wenig zu meiner Ernüchterung beitrug und mich vor jedweder Form nächtlicher Belästigung bewahrte.
Am nächsten Morgen warf ich den Reiseplan um. Nur zwei Ziele blieben auf der Liste, weil sie meiner Mutter viel bedeutet hatten: Székelyudvarhely und Neumarkt.
In der ersten Stadt, die eine ungewöhnlich hohe Ahnendichte aufwies und mit einem großen Friedhof lockte, hatte sie als Dreijährige einen Sommer bei der Großmutter und einer Tante verbracht und in wenigen Wochen ungarisch gelernt.
Mal sehen, wie viel ich mir an einem Tag aneignen konnte.
In Neumarkt, dem zweiten Ziel, hatte sie ein paar Jahre gelebt. Ihre jüngere Schwester und der erste von drei Brüdern kamen hier zur Welt. Der Familie ging es gut, der Großvater verdiente sein Geld in einer großen Möbelfabrik. Meine Mutter hatte oft von dieser Zeit erzählt. Von sonntäglichen Spaziergängen auf einer Mauer etwa, für die sie ihr bestes Kleid anziehen durfte, nein: musste, was sie sehr genoss. Es handelte sich wohl um eine transsilvanische Form der italienischen Passeggiata, bei der es weniger um die Fortbewegung geht, als darum, zu sehen und gesehen zu werden. Diese Mauer würde ich liebend gern finden.
Fast viermal täglich verkehrt ein Zug von Schäßburg ins rund 50 Kilometer ferne Udvarhely und braucht nur wenig mehr als eine Stunde. War man durch den üblichen Schandgürtel sozialistischer Bauformen hindurch, der auch diese Stadt umwand, wurde es durchaus hübsch, straßenweise sogar prächtig. Man konnte sich Udvarhely leicht vor hundert Jahren denken, geschäftig, elegant, urban. Für mehr als das Denken, für echtes Spüren, fehlten mir Führung und Geduld, und so wurde mein Besuch mehr zu einem Durchlauferhitzen als dem erhofften Tauchsieden. Den Friedhof fügte ich rasch meiner inneren Sammlung von Gräbern hinzu und versäumte, sehr zum späteren Gram von Herrn Farkas, ein ganz bestimmtes Grab abzulichten, doch ich greife hier vor.
Erwartungsgemäß gab es weniger Mátéffys hier, dafür wimmelte es von Lőrinczys und anderen aus Briefen vertrauten Namen, vermutlich einmal mehr alles Verwandte.
Auch das Haus der Urgroßmutter fand sich in der winzigen József Attila ut, weil die Straße noch hieß wie damals, als sie hier wohnte, doch als ich vor dem bescheidenen, dafür rebenbewachsenen Széklertor stand, fehlte die Ruhe, zu klingeln und um Einlass zu bitten. Zu sehr zog es mich weiter, zu sehr rumorte der Wunsch in mir, auch Neumarkt rasch abzuhaken, um der Pflicht genügt zu haben und zur Kür nach Kolozsvár endlich zu dürfen. Gern hätte ich „eiligst“ geschrieben, doch ich hatte die transsylvanischen Züge erlebt und entdeckte nun, was die Busse vermochten…
Es war ein Werktagsmorgen, die Sitze von Pendlern und Händlern bis auf den letzten belegt, für die eine dreistündige Fahrt zur Arbeit weder ungewöhnlich noch lang war. Sie würden zwei Drittel des Tages oder länger von zu Hause fort sein; entsprechend umfangreich war das Gepäck. Koffer, Körbe, Kisten und auch der ein oder andere Käfig füllten die Gepäckablage mit Schwere und Leben; einer hatte zwei Zwergziegen dabei, die er zwischen den Knien bei sich behielt.
Wir stoppten nach gut einer Stunde erstmals in Corund, einem Bergdorf, das für sein Kunsthandwerk bekannt ist. Während der Busfahrer ein paar Zigaretten rauchte, hätte der Tourist günstig einkaufen können: Flechtkörbe, die Brennholz für einen Winter fassten, Schaf- und andere Fellumhänge, bemalte Porzellan-Nachttöpfe, Lederpeitschen, Brotzeitmesser vom Typ „Bärentöter“, hölzerne Melkschemel, Zaumzeug, Hirtenmützen, Kuhglocken, Emaillekessel an eisernen Ketten, Strohballen und was man daheim in Deutschland sonst noch gut würde brauchen können.
Pinkeln hingegen konnte man nicht.
Der Tourist umsprang ein paar Mal den Bus, quetschte sich dann zurück in den Sitz und verkniff es sich eine weitere Stunde, bis zum zweiten Halt.
Der bot zwar Bäume, doch etwas stellte sie in den Schatten. Eben noch waren wir durch sonnige Landschaft vor uns hin gerollt, mit Gärten beidseits und Herden, da wurde es schlagartig dunkel im Bus.
Von Notdurft und Neugier beschleunigt, knallte ich beim Sprung aus dem Bus fast gegen die Wand, die sich neben ihn geschoben hatte. Grau, bemoost, gewaltig. Kalter Beton, leicht feucht und gewölbt, links und rechts kein Ende in Sicht. Langsam sah die Fliege nach oben, langsam begriff sie die Form des Kolosses, eine Form, zu der man sonst lieber Abstand hält: ich klebte am Kühlturm eines Kraftwerks.
Mitten im Nichts, direkt an der Straße, ohne jede Absperrung erhob er sich, ein Relikt der Vergangenheit, gebaut für eine Zukunft, die nicht eingetroffen war. Gleich dahinter ein zweiter: Stillgelegt alle beide und stehengelassen, gleichgültig gegenüber der Schönheit der Landschaft, ein Mahnmal für den Traum von Rumäniens Größe durch Planwirtschaft.
Niemanden kümmerte das. Schon lehnte der Fahrer mit dem Rücken am Schlot, die erste Kippe im Mund. Zwei weitere würden folgen; mein Zeitfenster, um im Grün zu verschwinden. Dann ging es weiter.
Gegen Mittag erreichten wir Neumarkt. Die Stadt barst vor Leben. Vierspurig führte die Straße ins Zentrum, von Autos verstopft, der Lärm war enorm, gewaltig der Schmutz.
Am Busbahnsteig hing ein Stadtplan und verriet, wie weit es ins Zentrum war. Wie man dorthin kam, verriet er nicht, also ging ich zu Fuß.
Ein langgezogener Platz, mit Blumen etwas zu üppig geschmückt, markierte den Anfang der Innenstadt. Links befanden sich das ehemalige Rathaus mit einer Statue der kapitolinischen Wölfin, die hier offenbar ein drittes Kind gesäugt hatte, sowie dem Kulturpalast der Stadt, einem Jugendstilbau in Betonfolkloristik. Gleich gegenüber lag der Kulturpalast der Bevölkerung, das erste McDonalds-Restaurant, das ich in Transsilvanien sah.
Zahllos wehten beidseits des Platzes die obligatorischen Flaggen, dem Zweifler zu zeigen: alles hier war fest in rumänischer Hand. Anders als in den Städten zuvor, drängte sich auffällig jüngeres Volk auf den Straßen, auch anders im Typus, mit dunklerem Teint und dunklerem Haar, die Burschen kontrastvoll in reinweißes Sportswear gewandet, die Mädels in nachtschwarzes Leder.
Wie es schien, lebte man hier hauptsächlich für die Paarung, und die hatte früh zu erfolgen. Wer ab einem gewissen Alter nicht vom Markt war, verheiratet oder auf ewig verschmäht, hatte sich aus dem Sortiment zu nehmen und unterlief eine Art rückwärtsgewandter Metamorphose. Nicht zum Schmetterling bestimmt oder mit Brutpflege allzu beschäftigt, wiederholte sich die Mästung der Raupe.
Dann wichen die hohen, eng anliegenden Stiefel klobig-bunt-glänzenden Turnschuhen, womöglich puschelbewehrt, bauchfreie Leibchen pastellfarbenen Zelten und Stützstrumpfhosen im Schwarz nasser Robben ersetzten den Minirock.
Bei den Männern war es nicht besser. Auch sie verformten sich kurz nach der Vaterschaft, spätestens aber mit Vierzig. Das Geckenhafte aber blieb auch fortan wesentlich und endete erst kurz vor dem Krückstock.
Obligat bis jenseits der Sechzig war die lederne Jacke, glänzend und immer ein wenig zu eng. Der Kopfbewuchs, egal wie dicht oder spärlich, blieb gegeelt und heckenartig gestutzt. Die wuchtige Halskette junger Jahre tauchte nun gliedweise andernorts auf: Ein Ring pro Finger war Pflichtbestückung, der wichtigste aber steckte am Daumen: Hier baumelte schlaff, was Potenz versprechen sollte ‒ ein Schlüsselring mit Stern, Propeller oder vier weiteren Ringen aus Ingolstadt.
Unter solchen und anderen Eindrücken erreichte ich mein Hotel, welches das Bild hübsch vollendete, denn es sah aus wie ein Puff.
Ich hatte nicht vor, hier lange zu bleiben. Zum ersten Mal auf dieser Reise fühlte nichts sich auch nur entfernt wie zu Hause an, zum ersten Mal war ich nichts als Tourist.
Und das gerade hier, in Marosvásárhely, dem Marktplatz am Mieresch. Die Stadt war 600 Jahre eine Hochburg der Székler gewesen, ungarischer vielleicht als selbst Budapest, dann fiel sie Rumänien zu. Die ursprüngliche Bevölkerung sank auf unter die Hälfte ‒ und das ging nicht spannungsfrei ab. Im Frühjahr 1990 musste nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen Rumänen und Ungarn das Militär eingreifen; seitdem wird wieder friedlich mit den Zähnen geknirscht.
Auf der Suche nach den Spuren jener Menschen, deretwegen ich eigentlich gekommen war, fand ich jenseits der Altstadt die Strada Mihai Viteazul, Rumäniens tapferen Michels. Hier hatten meine Großeltern, nun schon mit drei Kindern, eine Zeit lang gewohnt. Klástrom utca hatte die Straße vor einem knappen Jahrhundert geheißen, was auf ein Kloster hinweist. Jetzt erschloss sie einen ganz unklösterlichen Stadtteil mit Häusern des einstigen Bürgertums zu dessen bester Zeit. Doch wie schon zuvor kannte ich auch hier die Hausnummer nicht, unter der meine Vorfahren gelebt hatten. So blieb mir nichts anderes übrig, als wieder einmal hinauf und wieder hinunter zu laufen, wie schon in Keresztúr, wie auch in Keisd, die Kamera stets vor der Brust, ein Haus nach dem anderen knipsend, zum Staunen der Leute, die mich dabei sahen*.
Die Häuser glichen sich stark. Sie wirkten wie kleine Villen in ihrer neuklassizistischen Vornehmheit, und waren doch alle stark am Verfallen. Entstanden waren sie wohl um das Jahr 1900, als man der Straße in einem Schwung ein neues Gesicht verlieh. Breit waren sie nicht, die bourgeoisen Behausungen, vielleicht sechs bis acht Meter, doch mit wenigstens zwei Geschossen versehen. Das bot mehr als ausreichend Fläche, um unbeengt zu leben. Eine ganze Pastellpalette spiegelte sich in den Fassaden mit ihrem vertikal gegliederten Putz. Groß waren die Fenster, in sechs Felder gegliedert und symmetrisch auf die Etagen verteilt. Ganz oben, in der Mitte des Hauses, gab es oft einen Dachaufbau für weiteren Wohnraum. Und dahinter? Lag ein Garten vielleicht.
Etwa auf halber Länge kreuzte die Straße eine alte Allee. Dort standen die Bäume, die Stämme weiß hitzegeschützt, in zwei Reihen am Rand eines Gehwegs inmitten der Straße; daneben die Fahrspuren, ehe ein weiterer Bürgersteig beiderseits folgte. Zwischen jedem zweiten Baum hockte eine Bank, grün lackiert mit verschnörkelter Lehne, hölzernem Sitz und gusseisernem Fuß. Im nächsten Zwischenraum folgte auf die Bank eine Laterne. Ein Weg, wie zum Spazieren gemacht. Breit genug, um im Vorbeigehen jene zu grüßen, die einem entgegenkamen, die Bäume gestutzt genug, um den Hut ziehen zu können. Die Häuser zu beiden Seiten schienen hier nobler noch, mit Backstein und Stuck fast englisch anmutend.
Zu einladend war gleich die vorderste Bank nach dem langen Weg, ich musste mich setzen. Jetzt sah ich, dass die Allee eine weite Kurve beschrieb. Durch die fast verdeckt, erkannte ich einen Kiosk, ein altes Gebilde aus grünem Metall, mit weißen Streifen verziert. Zwei Männer dort tranken stehend ihr Bier.
Eine wunderbare Idee.
„Ursus“ stand auf der Dose, der kalte Bär tat mir gut. Die Männer prosteten mir zu, ich grüßte und schlenderte zu meiner Bank zurück.
Eine der Laternen trug ein sehr altes Schild, von den Zweigen beinah verdeckt: „Bulevardul Cetăţii“ stand darauf, Festungs-Boulevard.
Im Setzen kam die Erkenntnis, vermutlich mit Hilfe des Bieres.
Eine Festung hatte eine Mauer. Diese Allee, die zum Begehen so einlud, folgte in Kurven dem Rand der Altstadt. Sie war die Mauer, auf deren Resten meine Mutter sonntags flanierte, sie war wie geschaffen dafür.
Zum ersten Mal war ich wirklich an einem Ort, an dem sie mit Sicherheit auch gewesen war. In einem Paralleluniversum stand sie vielleicht gerade hier, als siebenjähriges Kind, neben ihrem alternden Sohn, an der Hand ihres Vaters.
Wie warm dieser Nachmittag war!
Aber es war kein Schweiß, der in mein Bier tropfte.
* Welches das richtige Haus war, sollte ich erst viele Jahre später erfahren. Eine ungarische Architektin aus Marosvásárhely, die ich mit ihrer Familie in Siena kennengelernt hatte, machte sich anhand meiner Fotos und des Stadtarchivs die Mühe, es herauszufinden. Es war Nr. 11, der Geburtstag meiner Mutter.
Professor Wolf
Die Zugfahrt nach Kolozsvár begann im morgendlichen Nebel. Der war keine Seltenheit um diese Jahreszeit, doch ungewöhnlich dicht vor meinem Fenster. Auf dem Weg zur Toilette bemerkte ich, dass auf andere Sitze Sonnenschein fiel.
Sieh an: Zwei Reihen weiter ließ sich die weite, sanft gewellte und fast baumlose Landschaft, durch die der Zug munter ratterte, viel besser genießen. Heimelig wirkte es da draußen, friedlich, fast etwas Auenlandhaft. Man bekam Lust, sich in das vom Schafkot erweichte Gras zu legen und in den wolkenlosen Himmel zu starren.
Kolozsvár also. Die Stadt der drei Namen. Cluj-Napoca hieß sie auf rumänisch, und wie nochmal ‒ ach ja, Klausenburg auf deutsch. Ein ganz kleines Glöckchen bimmelte hinten im Oberstübchen; wo hatte ich den Namen schon einmal gehört?
Als wir in den Bahnhof einfuhren, wusste ich es. Das würde meine Eröffnung werden, wenn ich den Herrn Professor begrüßte. Ein brillanter Scherz!
Meine Unterkunft lag ganz zentral; ich musste vom Bahnhof nur wenige Kilometer auf der schnurgeraden Strada Horea nach Süden laufen, einem vierspurigen Boulevard von äußerster Schäbigkeit, um dann den Somesch, eine Art Fluss, zu überqueren ‒ und schon war ich da.
Das Hotel hieß, wie auch sonst, „Transsilvanien“, wohlgemerkt auf deutsch, und befand sich in einem Innenhof, in dessen erstem Stock rundum ein Balkon verlief, über den die Zimmer zu erreichen waren. Meines war etwas größer als das Badetuch, zwischen dessen Fäden man das Bett erkennen konnte, auf dem es ausgebreitet war. Immerhin war das Fenster sauberer als das im Zug, dafür schloss die Tür nicht dicht.
Die Kamera musste also mit auf die Erkundungsrunde, während es wenig wahrscheinlich war, dass der Rest meines Gepäcks nach sechs Tagen Reise gestohlen würde.
Es waren nur wenige Schritte zum Platz der Vereinigung mit der gotischen Michaelskirche aus dem 14. Jahrhundert und dem Reiterdenkmal des Matthias Corvinus, der als Ungarns größter König gilt.
„Matthias Rex“ stand in großen, aus Metall gegossenen Lettern auf dem Sockel.
„Manchester United“ stand auf einer gewaltigen Fahne, von der die Statue beinahe verdeckt wurde, weil sich zwischen Kirche und König ein paar tausend englische Fußballfans versammelt hatten.
An diesem Dienstag nämlich, dem zweiten Spieltag der Champions League-Vorrunde, hatte der international bedeutungsarme CFR Cluj die rote Armee der Fußballwelt zu Gast.
Knapp zwölf Stunden vor dem Anpfiff wimmelte es auf dem durch Großbildschirme, Lautsprechertürme und Getränkebuden ohnehin beengten Platz bereits von englischen Fans, die wie üblich ihr Bestes gaben, um den Gegner unter dem Absingen legendärer Hymnen mit maximaler Lautstärke schon vor dem Spiel zu schwächen, indem man sich seiner Biervorräte bemächtigte. Transsylvaniens zweiter Fastfood-Laden, ein KFC diesmal, kam da als Basislager gerade recht.
Dabei hätte es der Fans gar nicht bedurft. Auch ohne sie übertraf Kolozsvár alles, was ich bisher an Lebensdichte und Radau auf meiner Reise wahrzunehmen hatte. Hier drängte sich alles, was Räder hatte, die alten, engen Straßen vielfach überfordernd, während zahlloses Fußvolk in sämtlichen Tempi dazwischenwimmelte, gehetzt der Geschäftsmann, zielstrebig die einkaufende Hausfrau, dumm dastehend der orientierungslose Tourist, nervös die eilige Joggerin, langsam der Rollatorenschieber, wippend die nah am Straßenrand kauernden Bettler. Jeder Zentimeter zählte, auf Gehweg und Fahrbahn, und elektrisch betriebene Busse, von Oberleitungen abhängig, zementierten unflexibel den Stau.
Zum Glück lag mein Ziel so zentral, dass zumindest die Autos mir nicht dorthin folgten. Da, wo ich hinwollte, waren die Pflastersteine mächtig genug, sich in den Fugen dazwischen den Fuß zu verstauchen. Steinerne Poller schützten die Ecken der uralten Häuser, auf dass kein Lieferwagen sich erdreiste, hier das Glück des Haltenkönnens zu suchen. Manche Gassen waren gleich ganz mit Ketten versperrt.
An der Stirnseite einer dieser Gassen und daher von weitem sichtbar, befindet sich das bekannteste Gebäude der Stadt: das Geburtshaus des Königs Matthias aus dem 15. Jahrhundert.
Schräg gegenüber, in einer Art Stadtpalast, liegt die gesuchte Universität (Kolozsvár hat mehr als eine). Auch hier kam ein berühmter Klausenburger zur Welt, István Bocskai, der 150 Jahre nach Matthias Herr über Siebenbürgen war.
Hier also residierte Herr Farkas, der drittwichtigste Ungar von allen, für mich jedenfalls.
Ein schweres, hölzernes Tor öffnete sich mit leisem Summen mühelos auf mein Klingeln hin. Als ich eintrat, rappelte sich ein sehr alter Pförtner aus seinem Sessel empor, kündigte mich telefonisch an und kam sogar hinter dem Sicherheitsglas hervor, um mich aufs Höflichste zu empfangen und vor mir zur nahen Treppe zu schlurfen.
Wie zu einer Audienz schritt ich die hellen Stufen aus Marmor hinauf, im Tempo schon stark von Ehrfurcht gedrosselt. Aus Nischen in den strahlend weißen Wänden blickten mich dunkle Büsten einst wichtiger Personen sorgfältig und ein klein wenig misstrauisch an.
Oder war ich es, den gerade das Vertrauen verließ?
Eine sehr lebendige Frau mit ein paar Akten unter dem Arm eilte treppauf an mir vorbei, nicht ohne „jó napot“ zu wünschen. Auf der obersten Stufe hielt ich inne, eine Doppeltür vor mir, weiß lackiert mit grauen Intarsien.
Die Frau, schon fast in einem der Gänge verschwunden, sah sich um und bemerkte mein Zögern. Lächelnd kam sie zurück, öffnete mir die Tür und zeigte nach drinnen.
„Gehen Sie nur hinein“, sagte sie jetzt auf Englisch, „Emőd erwartet Sie!“
Emőd?
War das ein Name oder ein Titel?
Das erste, was ich sah, war die Rückseite eines riesigen Computerbildschirms, der hochformatig ausgerichtet war. Dahinter, teilweise verdeckt, saß ein wohlgenährter Mann in legerem Hemd und blickte mich neugierig über den Rand seiner Brille an.
„Herr Farkas?“ fragte ich zögernd auf Englisch.
„Genau der!“, kam es zurück und im etwas dünnen, leicht rötlichen Bart zeigte sich ein breites, herzliches Grinsen. Sofort stand er auf und trat hinter dem Schreibtisch hervor. Jetzt konnte ich sehen, dass er Jeans und Sandalen trug. Er mochte Mitte Vierzig sein, hatte leuchtend hellblaue Augen und ein Gestrüpp auf dem Kopf, das man nicht mal mit bestem Willen eine Frisur nennen konnte.
„So also sieht der berühmte Professor Abronsius aus Klausenburg aus!“, startete ich meinen vorbereiteten Scherz. „Polanskis unerschrockener Vampirjäger!“
„Sie meinen Königsberg, nehme ich an“, antwortete Farkas, ohne eine Sekunde zu zögern. „Professor Abronsius aus ʻTanz der Vampireʼ hat in Königsberg studiert, nicht hier in Klausenburg. Eigentlich schade; ich hätte gern so einen Kollegen! Und wir sind doch viel näher dran an Graf Dracula als die Preußen, nicht wahr? Waren Sie schon in Schäßburg?“
Ich bejahte knapp.
Auweija!
Natürlich war es Königsberg, es war doch eine Anspielung auf Kant, wie peinlich!
Und er hatte es sofort bemerkt und aufs charmanteste verhindert, dass es mich ganz aus der Kurve trug. Schäßburg. Draculas Geburtsort, Heimat meines Großvaters. Wir waren also gleich im Thema.
„Da wir uns sowieso nur auf Englisch unterhalten können“, fuhr Farkas fort, „schlage ich vor, wir nennen uns beim Vornamen. Ich heiße Emőd. Nimm Platz!“
Er zog einen Stuhl für mich heran, setzte sich selbst in seinen ziemlich teuer aussehenden Sessel und zeigte auf den riesigen Monitor.
„Wenn man hauptsächlich für den Dekan einer ungarischen Universität in Rumänien arbeitet, liegt der Schwerpunkt auf dem Schreiben von Bittbriefen. Ich habe daher das Bildschirmformat diesem Zweck angepasst. Für unsere Zwecke sollte ich den Monitor aber wieder quer stellen, denn wir wollen ja Stammbäume betrachten.“
„Richard, angenehm1“, hinkte ich leicht hinterher und setzte hinzu:
„Emőd ist ein ungewöhnlicher Name. Ich habe ihn noch nie gehört.“
War das jetzt unhöflich?
„Er ist alt, sehr alt. Ich habe gelesen, er geht auf skythische und sarmatische Wurzeln zurück. Angeblich gibt es einen Gebirgszug dieses Namens im Nordwesten Indiens. Der wiederum ist nach dem Verb ʼemelkedniʻ benannt, was ʼsich erhebenʻ bedeuten soll. Wir haben in Ungarn eine Stadt, die auch Emőd heißt. Ich war aber noch nie dort und glaube auch nicht, dass es da besonders Erhabenes zu sehen gibt.“
Ich rückte meinen Stuhl näher an den Bildschirm. Was Emőd mir auf dem Bildschirm zeigte, war deutlich spannender als die Etymologie ungarischer Vornamen. Ich sah einen enorm umfangreichen, vielhundertfach verästelten Stammbaum von ʼMyHeritageʻ, einem Genealogie-Programm. Links oben konnte ich die Gesamtzahl der Personen darin ablesen: 2.715.
„Ich habe nicht alles selbst recherchiert“, erklärte Emőd jetzt. „Es gibt ein paar gute und auch ein paar entferntere Bekannte, die so freundlich waren, mich auf ihre Daten zugreifen zu lassen und meinem eigenen Baum dadurch beim Gedeihen zu helfen. Der älteste Eintrag ist aus dem späten 17. Jahrhundert. Ein Mátéffy, übrigens.“
„Das war der Mädchenname meiner Großmutter, mütterlicherseits.“
„Ich weiß, der Pfarrer hat es mir erzählt. Und das ist außerordentlich interessant. Willst du wissen, warum?“
Emőd grinste wieder. Ich spürte, dass auch er sich auf unser Treffen vorbereitet hatte, allerdings nicht mit einem dämlichen Witz. Er musste etwas Besseres auf der Pfanne haben.
„Die Frau deines Urgroßvaters Ferenc, nach dem du in Szentábrahám gesucht hast, war eine geborene Lőrinczy. Ihr Bruder Béla war der Schulleiter in Székelyudvarhely, ein sehr angesehener Mann. Er hatte einen Sohn, Géza, der ‒ zufällig mein Großvater war.
Du weißt, was das bedeutet?“
„Nein, das heißt, vielleicht. Moment.“
Emőd grinste nicht mehr, er lachte jetzt.
„Willkommen zu Hause, mein lieber Cousin!“