Mauerschau am Maros
Was haben ein rumänischer Überland-Bus und ein Raumschiff gemeinsam, das mit Lichtgeschwindigkeit fliegt?
Die Zeit vergeht langsamer darin.
Nicht so langsam, dass ich mir Sorgen machte, bei meiner Rückkehr nach Deutschland keine lebenden Freunde mehr anzutreffen, aber langsam genug, um den Nerven einiges abzuverlangen auf dieser Fahrt nach Marosvásárhely, dem deutschen Neumarkt am Mieresch, dem rumänischen Târgu Mureş, das auf dem Weg nach Kolozsvár lag.
Und nicht nur die Fahrt und die Namen strapazierten die Nerven, auch die Spannung und Vorfreude auf den geheimnisvollen Herrn Farkas, dessen Name auf Deutsch „Wolf“ bedeutete und der mir bei der Jagd nach meinen Vorfahren und, wer weiß, der Hundehaut so hilfreich sein könnte.
Während sich der Bus mit röhrendem Dieselmotor, dunklen Rauch ausblasend, die enge, kurvige Straße ins Waldmassiv des Harghita-Gebirges hochquälte, lehnte ich mit dem Kopf am Fenster, gepolstert durch einen schmutzbraunen Vorhang, der nicht viel jünger war als das Turiner Grabtuch, und gab mich den Erinnerungen der letzten Tage ‒ besonders aber des letzten Tages ‒ hin.
Natürlich hatte mich niemand zum Bahnhof nach Keresztúr gefahren und so lagen sieben Kilometer sonniger Rückmarsch vor mir, nachdem ich mich vom „Wirtshaus zum Pfarrhaus“ verabschiedet hatte. Wie ich die Strecke in meinem Zustand schaffte, weiß ich nur lückenhaft. Das Fußballfeld, bei dem ich auf dem Hinweg meine Uhr verloren hatte, wurde jetzt bespielt. Eine gar nicht kleine Zuschauermenge hatte sich zu diesem Dorfsonntagsklassiker eingefunden, der auf Kirchgang und Mittagessen zu folgen hatte. Niemand nahm Notiz von dem Fremden, der leicht schlingernd vorüberschwitzte. Nach der Uhr brauchte ich auch kein zweites Mal zu suchen; ich hätte sie entweder nicht gesehen oder sie war schon gefunden.
Die anschließende Zugfahrt nach Schäßburg war zur Gänze im Gedächtnis gelöscht. Erst das Abendessen ließ sich wieder herbeidenken, denn ich hatte mir auf die Entbehrungen des Heimwegs ein Steak gegönnt, das fantastisch wenig kostete und mit einer mir bis dahin unbekannten Beilage aufgetragen wurde, einem lauwarmen Püree aus Bohnen und Knoblauch, garniert mit rohen Zwiebeln, das ein wenig zu meiner Ernüchterung beitrug und mich vor jedweder Form nächtlicher Belästigung bewahrte.
Am nächsten Morgen warf ich den Reiseplan um. Nur zwei Ziele blieben auf der Liste, weil sie meiner Mutter viel bedeutet hatten: Székelyudvarhely und Neumarkt.
In der ersten Stadt, die eine ungewöhnlich hohe Ahnendichte aufwies und mit einem großen Friedhof lockte, hatte sie als Dreijährige einen Sommer bei der Großmutter und einer Tante verbracht und in wenigen Wochen ungarisch gelernt.
Mal sehen, wie viel ich mir an einem Tag aneignen konnte.
In Neumarkt, dem zweiten Ziel, hatte sie ein paar Jahre gelebt. Ihre jüngere Schwester und der erste von drei Brüdern kamen hier zur Welt. Der Familie ging es gut, der Großvater verdiente sein Geld in einer großen Möbelfabrik. Meine Mutter hatte oft von dieser Zeit erzählt. Von sonntäglichen Spaziergängen auf einer Mauer etwa, für die sie ihr bestes Kleid anziehen durfte, nein: musste, was sie sehr genoss. Es handelte sich wohl um eine transsilvanische Form der italienischen Passeggiata, bei der es weniger um die Fortbewegung geht, als darum, zu sehen und gesehen zu werden. Diese Mauer würde ich liebend gern finden.
Fast viermal täglich verkehrt ein Zug von Schäßburg ins rund 50 Kilometer ferne Udvarhely und braucht nur wenig mehr als eine Stunde. War man durch den üblichen Schandgürtel sozialistischer Bauformen hindurch, der auch diese Stadt umwand, wurde es durchaus hübsch, straßenweise sogar prächtig. Man konnte sich Udvarhely leicht vor hundert Jahren denken, geschäftig, elegant, urban. Für mehr als das Denken, für echtes Spüren, fehlten mir Führung und Geduld, und so wurde mein Besuch mehr zu einem Durchlauferhitzen als dem erhofften Tauchsieden. Den Friedhof fügte ich rasch meiner inneren Sammlung von Gräbern hinzu und versäumte, sehr zum späteren Gram von Herrn Farkas, ein ganz bestimmtes Grab abzulichten, doch ich greife hier vor.
Erwartungsgemäß gab es weniger Mátéffys hier, dafür wimmelte es von Lőrinczys und anderen aus Briefen vertrauten Namen, vermutlich einmal mehr alles Verwandte.
Auch das Haus der Urgroßmutter fand sich in der winzigen József Attila ut, weil die Straße noch hieß wie damals, als sie hier wohnte, doch als ich vor dem bescheidenen, dafür rebenbewachsenen Széklertor stand, fehlte die Ruhe, zu klingeln und um Einlass zu bitten. Zu sehr zog es mich weiter, zu sehr rumorte der Wunsch in mir, auch Neumarkt rasch abzuhaken, um der Pflicht genügt zu haben und zur Kür nach Kolozsvár endlich zu dürfen. Gern hätte ich „eiligst“ geschrieben, doch ich hatte die transsylvanischen Züge erlebt und entdeckte nun, was die Busse vermochten…
Es war ein Werktagsmorgen, die Sitze von Pendlern und Händlern bis auf den letzten belegt, für die eine dreistündige Fahrt zur Arbeit weder ungewöhnlich noch lang war. Sie würden zwei Drittel des Tages oder länger von zu Hause fort sein; entsprechend umfangreich war das Gepäck. Koffer, Körbe, Kisten und auch der ein oder andere Käfig füllten die Gepäckablage mit Schwere und Leben; einer hatte zwei Zwergziegen dabei, die er zwischen den Knien bei sich behielt.
Wir stoppten nach gut einer Stunde erstmals in Corund, einem Bergdorf, das für sein Kunsthandwerk bekannt ist. Während der Busfahrer ein paar Zigaretten rauchte, hätte der Tourist günstig einkaufen können: Flechtkörbe, die Brennholz für einen Winter fassten, Schaf- und andere Fellumhänge, bemalte Porzellan-Nachttöpfe, Lederpeitschen, Brotzeitmesser vom Typ „Bärentöter“, hölzerne Melkschemel, Zaumzeug, Hirtenmützen, Kuhglocken, Emaillekessel an eisernen Ketten, Strohballen und was man daheim in Deutschland sonst noch gut würde brauchen können.
Pinkeln hingegen konnte man nicht.
Der Tourist umsprang ein paar Mal den Bus, quetschte sich dann zurück in den Sitz und verkniff es sich eine weitere Stunde, bis zum zweiten Halt.
Der bot zwar Bäume, doch etwas stellte sie in den Schatten. Eben noch waren wir durch sonnige Landschaft vor uns hin gerollt, mit Gärten beidseits und Herden, da wurde es schlagartig dunkel im Bus.
Von Notdurft und Neugier beschleunigt, knallte ich beim Sprung aus dem Bus fast gegen die Wand, die sich neben ihn geschoben hatte. Grau, bemoost, gewaltig. Kalter Beton, leicht feucht und gewölbt, links und rechts kein Ende in Sicht. Langsam sah die Fliege nach oben, langsam begriff sie die Form des Kolosses, eine Form, zu der man sonst lieber Abstand hält: ich klebte am Kühlturm eines Kraftwerks.
Mitten im Nichts, direkt an der Straße, ohne jede Absperrung erhob er sich, ein Relikt der Vergangenheit, gebaut für eine Zukunft, die nicht eingetroffen war. Gleich dahinter ein zweiter: Stillgelegt alle beide und stehengelassen, gleichgültig gegenüber der Schönheit der Landschaft, ein Mahnmal für den Traum von Rumäniens Größe durch Planwirtschaft.
Niemanden kümmerte das. Schon lehnte der Fahrer mit dem Rücken am Schlot, die erste Kippe im Mund. Zwei weitere würden folgen; mein Zeitfenster, um im Grün zu verschwinden. Dann ging es weiter.
Gegen Mittag erreichten wir Neumarkt. Die Stadt barst vor Leben. Vierspurig führte die Straße ins Zentrum, von Autos verstopft, der Lärm war enorm, gewaltig der Schmutz.
Am Busbahnsteig hing ein Stadtplan und verriet, wie weit es ins Zentrum war. Wie man dorthin kam, verriet er nicht, also ging ich zu Fuß.
Ein langgezogener Platz, mit Blumen etwas zu üppig geschmückt, markierte den Anfang der Innenstadt. Links befanden sich das ehemalige Rathaus mit einer Statue der kapitolinischen Wölfin, die hier offenbar ein drittes Kind gesäugt hatte, sowie dem Kulturpalast der Stadt, einem Jugendstilbau in Betonfolkloristik. Gleich gegenüber lag der Kulturpalast der Bevölkerung, das erste McDonalds-Restaurant, das ich in Transsilvanien sah.
Zahllos wehten beidseits des Platzes die obligatorischen Flaggen, dem Zweifler zu zeigen: alles hier war fest in rumänischer Hand. Anders als in den Städten zuvor, drängte sich auffällig jüngeres Volk auf den Straßen, auch anders im Typus, mit dunklerem Teint und dunklerem Haar, die Burschen kontrastvoll in reinweißes Sportswear gewandet, die Mädels in nachtschwarzes Leder.
Wie es schien, lebte man hier hauptsächlich für die Paarung, und die hatte früh zu erfolgen. Wer ab einem gewissen Alter nicht vom Markt war, verheiratet oder auf ewig verschmäht, hatte sich aus dem Sortiment zu nehmen und unterlief eine Art rückwärtsgewandter Metamorphose. Nicht zum Schmetterling bestimmt oder mit Brutpflege allzu beschäftigt, wiederholte sich die Mästung der Raupe.
Dann wichen die hohen, eng anliegenden Stiefel klobig-bunt-glänzenden Turnschuhen, womöglich puschelbewehrt, bauchfreie Leibchen pastellfarbenen Zelten und Stützstrumpfhosen im Schwarz nasser Robben ersetzten den Minirock.
Bei den Männern war es nicht besser. Auch sie verformten sich kurz nach der Vaterschaft, spätestens aber mit Vierzig. Das Geckenhafte aber blieb auch fortan wesentlich und endete erst kurz vor dem Krückstock.
Obligat bis jenseits der Sechzig war die lederne Jacke, glänzend und immer ein wenig zu eng. Der Kopfbewuchs, egal wie dicht oder spärlich, blieb gegeelt und heckenartig gestutzt. Die wuchtige Halskette junger Jahre tauchte nun gliedweise andernorts auf: Ein Ring pro Finger war Pflichtbestückung, der wichtigste aber steckte am Daumen: Hier baumelte schlaff, was Potenz versprechen sollte ‒ ein Schlüsselring mit Stern, Propeller oder vier weiteren Ringen aus Ingolstadt.
Unter solchen und anderen Eindrücken erreichte ich mein Hotel, welches das Bild hübsch vollendete, denn es sah aus wie ein Puff.
Ich hatte nicht vor, hier lange zu bleiben. Zum ersten Mal auf dieser Reise fühlte nichts sich auch nur entfernt wie zu Hause an, zum ersten Mal war ich nichts als Tourist.
Und das gerade hier, in Marosvásárhely, dem Marktplatz am Mieresch. Die Stadt war 600 Jahre eine Hochburg der Székler gewesen, ungarischer vielleicht als selbst Budapest, dann fiel sie Rumänien zu. Die ursprüngliche Bevölkerung sank auf unter die Hälfte ‒ und das ging nicht spannungsfrei ab. Im Frühjahr 1990 musste nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen Rumänen und Ungarn das Militär eingreifen; seitdem wird wieder friedlich mit den Zähnen geknirscht.
Auf der Suche nach den Spuren jener Menschen, deretwegen ich eigentlich gekommen war, fand ich jenseits der Altstadt die Strada Mihai Viteazul, Rumäniens tapferen Michels. Hier hatten meine Großeltern, nun schon mit drei Kindern, eine Zeit lang gewohnt. Klástrom utca hatte die Straße vor einem knappen Jahrhundert geheißen, was auf ein Kloster hinweist. Jetzt erschloss sie einen ganz unklösterlichen Stadtteil mit Häusern des einstigen Bürgertums zu dessen bester Zeit. Doch wie schon zuvor kannte ich auch hier die Hausnummer nicht, unter der meine Vorfahren gelebt hatten. So blieb mir nichts anderes übrig, als wieder einmal hinauf und wieder hinunter zu laufen, wie schon in Keresztúr, wie auch in Keisd, die Kamera stets vor der Brust, ein Haus nach dem anderen knipsend, zum Staunen der Leute, die mich dabei sahen*.
Die Häuser glichen sich stark. Sie wirkten wie kleine Villen in ihrer neuklassizistischen Vornehmheit, und waren doch alle stark am Verfallen. Entstanden waren sie wohl um das Jahr 1900, als man der Straße in einem Schwung ein neues Gesicht verlieh. Breit waren sie nicht, die bourgeoisen Behausungen, vielleicht sechs bis acht Meter, doch mit wenigstens zwei Geschossen versehen. Das bot mehr als ausreichend Fläche, um unbeengt zu leben. Eine ganze Pastellpalette spiegelte sich in den Fassaden mit ihrem vertikal gegliederten Putz. Groß waren die Fenster, in sechs Felder gegliedert und symmetrisch auf die Etagen verteilt. Ganz oben, in der Mitte des Hauses, gab es oft einen Dachaufbau für weiteren Wohnraum. Und dahinter? Lag ein Garten vielleicht.
Etwa auf halber Länge kreuzte die Straße eine alte Allee. Dort standen die Bäume, die Stämme weiß hitzegeschützt, in zwei Reihen am Rand eines Gehwegs inmitten der Straße; daneben die Fahrspuren, ehe ein weiterer Bürgersteig beiderseits folgte. Zwischen jedem zweiten Baum hockte eine Bank, grün lackiert mit verschnörkelter Lehne, hölzernem Sitz und gusseisernem Fuß. Im nächsten Zwischenraum folgte auf die Bank eine Laterne. Ein Weg, wie zum Spazieren gemacht. Breit genug, um im Vorbeigehen jene zu grüßen, die einem entgegenkamen, die Bäume gestutzt genug, um den Hut ziehen zu können. Die Häuser zu beiden Seiten schienen hier nobler noch, mit Backstein und Stuck fast englisch anmutend.
Zu einladend war gleich die vorderste Bank nach dem langen Weg, ich musste mich setzen. Jetzt sah ich, dass die Allee eine weite Kurve beschrieb. Durch die fast verdeckt, erkannte ich einen Kiosk, ein altes Gebilde aus grünem Metall, mit weißen Streifen verziert. Zwei Männer dort tranken stehend ihr Bier.
Eine wunderbare Idee.
„Ursus“ stand auf der Dose, der kalte Bär tat mir gut. Die Männer prosteten mir zu, ich grüßte und schlenderte zu meiner Bank zurück.
Eine der Laternen trug ein sehr altes Schild, von den Zweigen beinah verdeckt: „Bulevardul Cetăţii“ stand darauf, Festungs-Boulevard.
Im Setzen kam die Erkenntnis, vermutlich mit Hilfe des Bieres.
Eine Festung hatte eine Mauer. Diese Allee, die zum Begehen so einlud, folgte in Kurven dem Rand der Altstadt. Sie war die Mauer, auf deren Resten meine Mutter sonntags flanierte, sie war wie geschaffen dafür.
Zum ersten Mal war ich wirklich an einem Ort, an dem sie mit Sicherheit auch gewesen war. In einem Paralleluniversum stand sie vielleicht gerade hier, als siebenjähriges Kind, neben ihrem alternden Sohn, an der Hand ihres Vaters.
Wie warm dieser Nachmittag war!
Aber es war kein Schweiß, der in mein Bier tropfte.
* Welches das richtige Haus war, sollte ich erst viele Jahre später erfahren. Eine ungarische Architektin aus Marosvásárhely, die ich mit ihrer Familie in Siena kennengelernt hatte, machte sich anhand meiner Fotos und des Stadtarchivs die Mühe, es herauszufinden. Es war Nr. 11, der Geburtstag meiner Mutter.