Edelweiß mit Trauerrand
Acht Monate waren vergangen. Ich hatte mich über den Winter in die Arbeit gestürzt, bis ich zu müde zum Trauern war, und im Frühjahr begonnen, mich durch den Nachlass meiner Mutter zu wühlen.
Es war tatsächlich kein sanftes Blättern, sondern ein Schaufeln und Graben, denn neben den üblichen offiziellen Papieren bestand mein Erbe aus einer Unmenge Fotos ohne Sortierung und zumeist in Schwarzweiß, von Hand geschriebenen Briefen, die nicht immer im richtigen Umschlag steckten sowie ein paar gelblichen, auf geheimnisvolle Weise wichtig scheinenden Blättern mit rissigen Rändern, Stempeln und schwungvollen Unterschriften. All das häufte sich in Schuhkartons vornehmer Marken, in Lebkuchenkisten aus Blech und lackierten Pappschachteln, deren ursprünglicher Inhalt mir rätselhaft blieb. Eine Handvoll Briefe steckte in einer Art Filzmappe, die mit bunten Stoffmustern bespannt und durch eine Schleife zugeknotet war, vermutlich von einer vergessenen Urgroßtante bei Kerzenschein fadenweise bestickt.
All diese Blätter und Briefe und Bilder hatten gemeinsam, aus einer anderen Zeit zu stammen, viele aber auch aus einem Land, das es so nicht mehr gab: Transsilvanien, als es Teil Ungarns war.
Einige der Namen auf den Kuverts, soweit ich sie lesen konnte, waren mir bekannt, wenngleich nicht vertraut, und auch ein paar der Menschen auf den Fotos hatte ich als Kind noch leibhaftig gesehen. Nicht von allen wusste ich, wer sie gewesen waren, doch allein die Vermutung, dass es Verwandte sein dürften, machte unmöglich, das Konvolut aus den Händen zu geben, und geschähe es noch so pietätvoll.
Schon der bloße Gedanke an einen Papierkorb verbot sich, da es zu fast jedem Blatt, zu fast jedem Bild eine Geschichte gab, die mir erzählt worden war – und das nicht nur einmal, stets aber vorwarnungslos und stets ein wenig zu lang für die Geduld eines Kindes.
Meist waren sie melancholisch, diese Geschichten, manchmal heiter, häufig mit Stolz oder Ehrfurcht gepaart und gelegentlich mit einer Meinung garniert, die aus der Zeit gefallen war. Doch meine Mutter scherte sich nicht im Geringsten darum, in ihren Gefühlen und Gedanken in einer anderen Epoche zu leben und mich damit zwangsläufig zu einem Bewohner zweier Welten zu machen, ihrer und meiner, der wirklichen.
So befremdlich das bisweilen war, genoss ich es auch, meiner Realität so einfach entfliehen zu können; mit einem Sprung in Gedanken konnte ich in die Welt meiner Mutter eintauchen wie in ein Bassin voller Vergangenheit. Ich malte mir aus, wie sie mit diesem Klassenkameraden, mit dessen Haarschnitt ich mich im Leben nicht in die Schule getraut hätte, zum Tanzen gegangen war, oder später, auf einem Faschingsball, ein gestreiftes Matrosenhemd trug und mit Konfetti im Haar Champagner direkt aus der Flasche trank. Ich pflückte Kirschen mit ihr im Garten der Urgroßmutter in einem Ort mit unaussprechlichem Namen und erfuhr vom Kaffeehaus-Geiger Barnabás von Géczy, in den sie als Mädchen verliebt gewesen war und der später ein berühmtes Orchester leitete, das niemand mehr kennt. Besonders liebte ich das Foto meiner Großmutter im Schäßburger Garten. Mit einem Kopftuch gegen die transsilvanische Hitze geschützt, hielt sie drei ihrer Kinder auf den Knien fest, in einer Erntepause vielleicht, vor dem zweiten großen Krieg, und ich stellte mir vor, wie es nach Sommer geduftet haben musste.
In Deutschland hatte sie nie ein Kopftuch getragen.
Erst jetzt, als Erwachsener, begriff ich das Selbstverständliche, das als Kind nicht gedacht werden kann: diese Vergangenheit, in die ich einen flüchtigen Blick werfen durfte, war für meine Mutter Gegenwart gewesen. Eine Welt, die sie mit ihren Augen wirklich gesehen hatte, nicht wie ich nur auf Fotos. Jetzt, da sie nicht mehr lebte, brachten die Fotos mir meine Mutter in Phasen ihres Lebens zurück, in denen ich sie nicht gekannt hatte. Und nur dank der Papierflut, der ich nicht Herr wurde, vielleicht auch nicht Herr werden wollte, konnte diese einstige Wirklichkeit in meiner Vorstellung fortleben.
Im Zentrum dieses Nachlasses aber stand eine Schatulle aus Holz, dunkel gebeizt und farblos lackiert, die nichts weiter enthielt als ein einzelnes, sehr altes Blatt stark vergilbten Papiers. Es zeigte ein Wappen in der linken oberen Ecke und war darunter dicht mit Worten in bräunlicher Tinte und ungarischer Sprache bedeckt. Ich kannte das Blatt seit Kindestagen, aber nur vage seine Bedeutung. Äußerst selten holte die Großmutter es hervor, und nicht, um es mir zu zeigen; da musste schon jemand Gewichtigeres am Tisch sitzen. Selbst lesen konnte ich es nicht, denn in einem halb ungarischen Haushalt aufzuwachsen, hieß keineswegs, Ungarisch zu lernen. Die Muttersprache war den Müttern vorbehalten – meiner und der ihrigen –, damit sie sich miteinander unterhalten konnten, ohne dass ich etwas verstand oder gar dazwischen plapperte.
Wie schön es jetzt gewesen wäre, die beiden Stimmen noch einmal zu hören, dachte ich auf dem Weg vom Parkplatz zum Friedhof, den ich noch immer fast täglich besuchte.
Stattdessen quietschte es schrill vom benachbarten Schrottplatz, als eine Presse ein Auto zu einem Würfel formte, und wie jedes Mal fragte ich mich, wer dieses Grab, in dem meine Mutter nun bei ihren Eltern ruhte, wohl ausgesucht hatte.
Sie selbst? Ihr Sinn für Ironie war berüchtigt und ich traute ihr zu, ein Grab zu wählen, das nur durch einen Zaun vom alten Eisen getrennt war und einen Kiesweg, auf dem Gassigeher Hunderunden zogen.
Ihr muss bewusst gewesen sein, dass auch sie eines Tages hier liegen würde.
Und ich war der Nächste.
Ich stellte die weißen und roten Blumen, die ich mitgebracht hatte, in eine Friedhofsvase und bohrte sie neben dem tiefgrünen Grabstein fest in die Erde.
Rot, weiß, grün – die Farben Ungarns.
Ganz ironiefrei hatte meine Mutter verfügt, dass nur diese auf und neben dem Grab etwas zu suchen hätten. Alle anderen Farben waren unerwünscht, und eine sogar ausdrücklich verboten: Gelb – ! – war Bestandteil der rumänischen Flagge, jenes ihr zutiefst verhassten Landes, dem so große Teile der ungarischen Heimat zugefallen waren. Sie nannte es nie beim Namen. Ging es hingegen um die von Deutschen besiedelten Gebiete, sprach sie so selbstverständlich von „Siebenbürgen“, wie die ungarischen Gegenden „Erdély“ oder „Széklerland“ hießen, und alles zusammen war schlicht „Transsilvanien“.
Ich erinnerte mich, meine Mutter einmal gefragt zu haben, ob es nicht noch Verwandtschaft geben könnte, dort, von wo sie zu fliehen hatte.
„Gut möglich“, hatte sie gesagt, „sehr wahrscheinlich sogar.“
„Und würdest du diese Leute nicht wiedersehen wollen? Oder ihre Nachkommen? Möchtest du die Orte nicht besuchen?“ hakte ich nach.
„Nein.“ Sie zögerte kurz, wie um die Rechtschaffenheit ihrer Antwort zu prüfen.
„Es ist nicht mehr so, wie es war. Es wird nie mehr so sein. Und Menschen ändern sich, wenn sie dazu gezwungen werden.“
Zurück vom Friedhof kramte ich die Schatulle hervor. Nun, da die Trauer nicht mehr alles vollständig unter sich presste, drängte sich Transsilvanien langsam dazwischen. Ließ ich den Gedanken zu, einmal dorthin zu reisen, blieb es nicht mehr stumm wie zuvor, sondern stupste mich an. Noch flüsterte es nicht „Komm doch!“, aber es hatte sich schon geräuspert. Und sein stärkster Köder lag in der Schatulle.
Bedeckt von einem Paar lederner Handschuhe, wie um sie auf magische Weise vor unbefugtem Zugriff zu schützen, besaß sie ein eigenes Fach in dem Schrank, in den ich provisorisch so manches gestopft hatte, was der Schmerz zuvor unlesbar machte.
Dieses Kästchen hatte kein gewöhnlicher Schreiner gefertigt. Am hinteren rechten Eck, knapp über dem Fuß, gab es eine kleine, verschiebbare Leiste, hinter der sich in einem Hohlraum der winzige Schlüssel verbarg. Man musste die Schatulle leicht kippen und auch sachte schütteln, damit der Schlüssel in die offene Ecke glitt. Es gelang sofort, wie schön. Manches schüttelt man nicht gern.
Das Dokument lag, zweimal gefaltet, in einem Umschlag, dem man ansah, was er überstanden hatte. Mindestens einen Krieg, vielleicht zwei. Nichts sonst war in dem Kasten, nur Alter und Staub.
Ich breitete das Blatt auf meinem Schreibtisch aus. Zum ersten Mal tat ich es selbst und niemand für mich. Als wäre es mir unbekannt, besah ich es anders als sonst. Von der Größe einer halben Zeitungsseite war es auch beinahe so dünn. Die bräunlichen Ränder vielfach eingerissen, die Ecken allesamt umgeknickt, schien die Schrift etwas verblasst zu sein, seit ich das letzte Mal versucht hatte, sie zu lesen. Auch das Wappen, ein klein wenig schief und nicht sonderlich spektakulär, hatte in meiner Erinnerung schon stärker geleuchtet. Oder sah ich es anders, seit ich kein Kind mehr war?
Kein Helmbusch wallte darüber, kein Fabeltier zierte es, noch nicht mal ein Löwe oder ein Pferd, sogar kein Geweih. Da stand nur ein Mann in Grün, mit Wams und Hosen, die Beine in kniehohen Stiefeln. In der rechten Hand hielt er eine Art Keule, zum Schlage bereit. Unter ihm wölbte sich ein Hügel, rot wie der Torbogen, der sich über ihn spannte. Bei genauerem Hinsehen war die Keule ein Morgenstern, kein einfacher Knüppel oder dergleichen. Ich war froh, dass es kein Besen war, denn der wenig edle Herr trug weder Helm noch Rüstung, nur eine Kappe auf dem Kopf, und so fehlte nicht viel zu Sankt Kehrwoch, dem Unentwegten.
„Ich wüsste nur zu gern, wer du bist!“, flüsterte ich dem Bewamsten zu. „Nach Prinz Eisenherz siehst du nicht gerade aus!“
Doch der Mann blieb so stumm wie der Text. Gewiss ließen die Worte sich entziffern, trotz ihrer oft unnötigen Länge. Doch verstand ich nur, was ein Name war. István kam mehrfach vor, ein Stefan also, auch von einem Georg und einem Andreas war die Rede und unterschrieben hatte das Ganze ein Mihály, ein Michael. Wirklich beeindruckend war aber die Jahreszahl ganz am unteren Ende:
1662.
Gab’s nicht ein Bier aus Frankreich mit dieser Zahl?
Was wusste Wikipedia über das Jahr?
Nicht viel: Die Holländer hatten Taiwan verloren, Blaise Pascal war gestorben, am englischen Hofe wurde Tee eingeführt.
Kein Wort von einem grün behosten Mann mit Morgenstern.
Zwar fand weiter unten der Tod eines siebenbürgischen Fürsten Erwähnung, eines gewissen Johann Keménys, doch überliest man leicht, was man nicht kennt.
Vorsichtig faltete ich das Blatt an seinen Platz zurück und stellte die Schatulle ins Fach. Der Luftzug meiner Hand erreichte die Briefe, sofort quoll mir ein Schwall entgegen, nicht alle konnte ich fangen.
Herrgott, was für ein Verhau!
Wenigstens dieses Fach musste jetzt sofort in Ordnung gebracht werden, und wenn die Ordnung nur darin bestünde, alles zusammenzuschnüren.
Drei Stunden später saß auch ich auf dem Boden, die Knie längst taub, eine Insel in einem See aus Papier.
Es war unfassbar, wer alles wie vielen geschrieben hatte und in welcher Häufigkeit! Hatten die Leute nichts Besseres zu tun? Die Tanten meiner Mutter schrieben im Wochentakt ihrer Schwester (und höchstwahrscheinlich sich untereinander), die Oma schrieb dem Lieblings-Cousin, der Großvater seinen Geschwistern, von denen zwei in Amerika lebten. Und all das entnahm ich bloß den Kuverts, denn die Inhalte waren meist auf Ungarisch.
Das galt auch für den einzigen Brief, der aus der Schweiz kam. Ihm lag eine Karte bei, aus schwarz umrandetem Büttenpapier. Und diese Todesanzeige sprach Deutsch!
Einem Dénes war die Ildikó gestorben, eine ferne Cousine meiner Mutter, viel zu früh, versteht sich, viel zu jung. Das Datum lag ein Vierteljahrhundert zurück.
Endlich. Ein Verwandter, der deutsch und ungarisch sprach. Und womöglich noch lebte!
Online fand ich nichts über ihn. So blieb nur die Adresse auf dem gepolsterten Umschlag mit dieser Marke, die ein Edelweiß zeigte. Der Brief war auf einem Postamt in Chur aufgegeben worden, doch den Namen des Dorfes, in dem er geschrieben worden war, hatte ich nie gehört.
Dieser Mann, so er nicht blind oder vertrottelt war, würde das Dokument in der Schatulle lesen und übersetzen können. Und ein paar der zigtausend Briefe. Vielleicht sogar alles.
„Gibt’s dafür nicht Übersetzungsbüros?“ meldete sich eine Stimme, die mir monatelang nicht mehr reingequatscht hatte.
„Doch, gibt es. Aber mit denen bin ich nicht verwandt. Und bezahlen kann ich sie auch nicht!“
Auf gut Glück in die Schweiz zu fahren, war keine gute Idee. Zu schreiben hingegen schon.
Besondere Anlässe erfordern besondere Briefe. Fast andachtsvoll zog ich die Tinte in meinen alten Füllfederhalter.
Mein Gekrakel erschreckte mich. Würde Dénes entziffern können, was ich ihn fragen wollte, worum ich ihn bitten musste?
Zwei Wochen später schrieb er zurück. Mit der Maschine, einem Farbband, das am Verblassen war, und Lettern, die hüpften. Doch der Inhalt war klar und verständlich.
Und ich nahm die Einladung an.