Fürstenmord
„Hier ist es gut“, sagte Ilie zu seinem Gehilfen, ohne ihn wirklich anzusprechen. Sie hatten, in etwa dem Lauf des Baches folgend, in dem ihr Opfer sein letztes Bad genommen hatte, das Dorf weit hinter sich gelassen, und da Radu erwartungsgemäß nicht widersprach, brachte Ilie den Karren zum Stehen.
Der Bach mündete hier in die Kokel. Ein wagenradgroßer Stein, von allen Seiten umspült und doch nicht zu tief im Wasser gelegen, war mit seiner rauhen und leicht schrägen Oberfläche wie geschaffen, um die Häute grob zu säubern. Später, wenn sie abgetropft waren, wäre es Radus Aufgabe, sie mit Salz einzureiben.
„Der kommt wie bestellt.“
Ilie sprang vom Bock und stapfte mit bloßen Füßen ins Wasser.
„Warum trocknen wir das Zeug nicht einfach nach dem Waschen?“ fragte Radu. „Es ist warm, kein Regen in Sicht. Haben wir es eilig?“
„Ja, ich habe es eilig!“ rief Ilie, der bereits knietief im Bach stand. Er sprach über seine Schulter in Richtung des Wagens und vermied, sich umzudrehen, da er damit beschäftigt war, seine Hose aufzunesteln. Die Kaffee- und Schnapsmischung – aus der sein Frühstück im wesentlichen bestand, seit er auf die Idee gekommen war, dem osmanischen Blutwaller das Gegengift gleich beizumengen – fühlte sich vom Plätschern des Wassers unaufhaltsam angezogen.
„Ich nicht“, rief Radu so einfältig wie berechnend zurück.
„Was glaubst du, weshalb wir nicht nach Braşov zurückfahren, hä? Da gibt es ein halbes Dutzend Gerbereien, da herrscht Konkurrenz, da zahlen sie einen Löwenthaler für den Zentner Hundehaut. Nur wir beide sind leider so dumm und fahren nach Bistritz zu Boldizsár, der uns bescheißen wird. Machen wir das gerne?“
„Ich weiß nicht“, kam es etwas leiser vom Wagen.
„Lisuse Cristoase, ai milă de mine!“, flehte Ilie um Erbarmen. „Nein, prostule, wir machen es aus der Not. Weil wir nicht gepfählt werden möchten, weiterhin beide Hände brauchen, unser Augenlicht sowieso und, nicht zu vergessen, die paar Leu, die wir mit dieser Drecksarbeit verdienen können. Daher fahren wir nach Norden, denn dort gibt es schlimmstenfalls Sachsen, und wenn es arg kommt, ein paar Székler, aber weder Osmanen, noch Bulgaren, Griechen, Kroaten und vor allem keine Tataren. Und jetzt wirf mir die letzten Häute runter!“
Breitbeinig und -händig mit dem Verschnüren seiner Hose beschäftigt, watschelte er ein kleines Stück zum Wagen zurück, stopfte sich ein paar rote Beeren in den Mund, die an einem Strauch am Ufer wuchsen, schaffte es schließlich, das Einfallstor für Plagegeister abzudichten und wurde gerade rechtzeitig mit allem fertig, als das Bündel Häute auf die Böschung klatschte.
Er watete damit zum Stein zurück und machte sich mit dem langen Messer an die Arbeit, sorgsam darauf achtend, dass die Strömung nur mitnahm, was auch fort sollte. Ein kleiner Riss im Fell konnte beim Aufspannen desselben ein veritables Loch ergeben; so viel hatte er von der Pergamentbereitung schon verstanden.
Nach einer langen Weile – Radu war längst eingenickt – breitete er die Häute am Ufer aus. Dann ging er abermals zum Fluss und wusch sich, so gut das mit kaltem Wasser ging, den roten Schleim von den Händen. Ein klebriger Rest blieb dennoch zurück; der würde sich mit der Zeit schon verreiben. Der Stein war jetzt von zahllosen Fliegen bedeckt, die zunehmend auch in seine Richtung schwirrten.
„Auf geht’s, Radu, die Arbeit ruft. Mach dich ans Werk, bevor die Fliegen die Häute aufgefressen haben!“
„Fliegen?“ Radu schreckte auf. „Aah, die Fliegen“, setzte er nach und betastete unwillkürlich sein Gesicht. „Ohne die wäre die Welt… das Hundefangen gar nicht so übel, nicht? Und ohne das Blut natürlich, und den Gestank, versteht sich, und die Hitze, diese mörderische Hitze, und die schlechte…“
„Gura, Radu – halt’s Maul, Radu!“, schimpfte Ilie, der es sich inzwischen im Gras bequem gemacht hatte, während Radu mit dem Salzen begann.
„Wir können froh sein, dass die hohen Herren fast jedes Jahr Landtag halten und noch nicht auf die Idee gekommen sind, ihre Beschlüsse in Stein zu meißeln. Oder möchtest du lieber Felsbrocken sammeln, Radu, mein Freund?“
„Felsbrocken? Waj! Das wäre schlecht. Das könnte ja jeder. Hunde fangen können nur wir.“
„Auch Hunde fangen könnten viele, aber sie werden’s nicht machen.“
„Wegen der Fliegen?“
„Ja, das auch.“
Aus der Gegend von Temeschwar stammend, die fest in türkischer Hand lag, hatten sie sich über Wochen erst östlich in Richtung Kronstadt und später, als auch diese Stadt zunehmend unsicher geworden war, auf ihrem Streifzug weit nach Norden treiben lassen. Ihr Jagdgebiet war die unscharfe, imaginäre Grenze in den Hügeln zwischen Neumarkt, dem Reener Ländchen und Odorhellen, wo deutsche und ungarische Siedlungen nebeneinander lagen.
Doch auch die Türken waren in größeren und nie zu kleinen Gruppen ständig in Bewegung, und es ging das Gerücht, das nicht allzu ferne Schäßburg sei gerade ihr Ziel. Wenn es schlecht lief für die Stadt zwischen Kokel und Schaaser Bach, würde sich dort entscheiden, wessen Willkür in Siebenbürgen fortan walten würde. Doch das war Politik; der galt es, aus dem Weg zu gehen, sie brachte nur Ärger. Begegnungen mit türkischen Soldaten durfte man gar nicht erst riskieren. Sie waren immer kostenpflichtig, und Felle als Bezahlung nicht gefragt. Für Leute wie Ilie und Radu konnte der Preis daher mehr als hoch ausfallen, je nachdem, welche Art von Wegmarkierung die Türken für sie vorsehen würden. Es musste nicht gleich der Pfahl sein; man konnte mit einer Hand davonkommen, also einer verbliebenen Hand, während die andere fortan, an einen Baumstamm genagelt, Reisenden die Richtung wies. Was immer sich die Männer Ali Paschas einfallen ließen, es war besser, eine etwas schwierigere Route zu wählen, die gewährleisten würde, größeren Orten fernzubleiben, wo man als Hundefänger und Zigeuner doppelt ungern gesehen war.
Der Abnehmer der Häute hingegen, der Gerber Boldizsár, zu dessen Werkstatt bei Bistritz sie jetzt unterwegs waren, stand über Gerüchen und Gerüchten. Er würde die verkrusteten Häute auf einem Tisch ausstreichen, bei dem es darauf nicht mehr ankam und sie auf Fehler prüfen. Er würde etwas von der Kruste abkratzen und Radu unter die Nase halten: Dafür willst du Geld, du zigeunischer Scheißhaufen? Sag mir, bin ich blöd?
Und Radu würde ins Stottern geraten, während Boldizsár schon lachte und Ilie auf eine sachliche Verhandlung drängen würde, an deren Ende sie froh sein durften, nicht allzu sehr über Boldizsárs schmutzigen Tisch gezogen worden zu sein. Mit Glück gäbe es dann einen Löwenthaler, der bis zum nächsten Frühjahr reichen konnte, vielleicht aber auch nur etwas Silber, das Weihnachten verbraucht sein würde.
Doch bis dahin war es weit. Der kürzeste Weg, dem Mieresch folgend und erst hinter Sächsisch Regen nach Nordwesten abbiegend, verbat sich. Dort siedelten – der Name verriet es – vornehmlich Sachsen, von denen sie nur wenig besseres erwarten durften als das, was sie den Hunden angetan hatten. Die östliche Route über Szentimre war zu bergig und führte deutlich zu tief durch Széklerland. So blieb ihnen keine Wahl, als zwischen Steilheit und Kürze den Mittelweg zu suchen, um ihre stinkende Fracht in gerade noch akzeptablem Zustand vor Boldizsárs Hütte abzuladen.
Am folgenden Abend hatten sie kurz vor Hölzeldorf das Ufer des Şar erreicht, wo sie nach Art der Hundefänger (so weit flußaufwärts wie möglich) ihre Lederflaschen füllten und ‒ in ausreichendem Abstand zu ihrer Fracht ‒ ein einfaches Nachtlager aufschlugen. Sie aßen den Rest des Fladenbrotes vom Vortag, etwas Speck, Zwiebeln und einen Käse dazu, der in einem geschlossenen Raum für Aufruhr gesorgt hätte.
Mit dem ersten Hahnenschrei brachen sie auf, umfuhren den Ort so weitläufig wie nötig, doch so eng wie möglich, und als ihr Schatten links des Wagens angekommen war, behielten sie die Richtung für eine gute Stunde bei. Ein riesiges Kornfeld öffnete sich zu einem schmalen Pfad, dem sie eine weitere Stunde folgten, ehe in einiger Entfernung das nächste Dorf sichtbar wurde. Die Gegend war sanft hügelig, im wesentlichen Grasland, in den flachen Bereichen bepflanzt und von Buschreihen durchzogen auf den sonst kahlen Hängen. Hier und da stand eine Obstbaumgruppe, weit und breit jedoch kein Wald. Der Weg war zuletzt leicht angestiegen und dadurch zum Kamm geworden; sie konnten sehr weit sehen. Unter ihnen lief ein weites Tal nach Norden, gut eine Meile entfernt lag ein anderes, größeres Dorf. Sie hielten kurz an, um zu erwägen, wie es am besten zu umfahren sei.
Als sie den Reiter hörten, war er schon da.
Zwei Dinge fielen sofort an ihm auf, während er einen weiten Halbkreis um ihren Wagen beschrieb, den Wind suchte, sich näherte, als er ihn im Rücken wusste: er war kein Soldat, und sein Ausritt war nicht geplant. Ohne Hut oder nennenswertes Gepäck, nur mit einem zu Reisebeginn vermutlich weißen, jetzt ins staubige Beige changierenden Hemd, einem leichten Umhang, dreiviertel langer Hose und mit Schnallenschuhen bekleidet, war er für die Temperaturen des Tages gerüstet, nicht aber für eine Nacht im Freien oder einen abendlichen Wolkenbruch. Seine Kleidung war mehr als ordentlich, doch keineswegs prächtig. Auffällig hing an seinem Gürtel ein Säbel, doch der Mann sah nicht aus, als wisse er ihn zu führen. Auch das Pferd, das sich jetzt deutlich sträubte und gern vor dem Gestank zurückgewichen wäre, war nicht irgendein Gaul und doch nichts Besonderes. Er hatte etwas Mühe, es zu zügeln, und drängte es jetzt seitwärts in Richtung des Wagens. Trotz der Wärme trug er Handschuhe, und die, das sah man gleich, waren nicht billig, aus feinem Leder gearbeitet und mit Spitze gesäumt. Er streifte den linken ab und hielt ihn sich vor das Gesicht. Das machte es nicht leichter für die beiden auf dem Kutschbock, sein Ungarisch zu verstehen. Doch immerhin war es Ungarisch, wenn auch mit deutschem Akzent, und außerdem war er allein.
„Ich folge einem Wagen. Nicht einem wie eurem, und dennoch ist sein Zweck … nun, diesem ganz ähnlich. Habt ihr ihn gesehen?“
„Nein, Herr.“ Ilie antwortete wahrheitsgemäß und drückte zugleich seinen Ellenbogen in Radus Seite, damit der schwieg.
„Wir kommen von Süden, Herr, und wurden nicht überholt. Um was für einen Wagen handelt es sich?“
„Würdet ihr nicht selbst so stinken, hättet ihr ihn vermutlich sogar gerochen, wäre er euch begegnet. Seine Polster sind mit Dill gefüttert. Man sagt, es schärft die Hunde.“
„Das stimmt!“ rief Radu dazwischen.
„Welche Hunde, Herr?“ fragte Ilie.
„Die Jagdhunde des Herrn Kemény, unseres Herrn und – von Habsburgs Gnaden – seit kurzem Fürst ganz Transsilvaniens. Es ist der Wagen, mit dem sie zur Arbeit gefahren werden, wenn ich so sagen darf. Heute allerdings befördert er etwas anderes, weit Nobleres, und das gilt es, nicht aus den Augen zu verlieren!“
„Darf man fragen, was das ist, Herr?“
„Nein, man darf nicht. Ich sehe schon, Ihr seid nicht hilfreich. Und nun lebt wohl, Ihr …“
Sein Pferd schon auf der Stelle wendend, überlegte der Fremde, ob er den Satz mit einem präzisen deutschen Schimpfwort, das die beiden vielleicht nicht verstehen würden, einer exquisiten, nur im Ungarischen anzutreffenden Beleidigung, oder einfach unvollendet ausklingen lassen sollte, als der Knall einer Muskete im Norden seiner Entscheidung zuvorkam:
„Gütiger Gott!“ ‒ im Schreck gewann die Muttersprache.
Der Knall hallte nach, weitere Schüsse folgten. Ganz schwach war nun auch Geschrei zu hören, Befehle, Hilferufe, doch sicher war hier nichts.
„Um Himmels Willen, das müssen sie sein!“ In höchster Eile trieb der Reiter sein Pferd hügelabwärts, dem Dorf und dem Lärm entgegen. Schnell war er außer Sicht.
Auch Ilie reagierte schnell. Er klatschte mit den Zügeln, schnalzte mit der Zunge, pfiff, schrie und schimpfte, um das Pferd in Gang zu setzen, so rasch, so weit, so weg wie möglich.
Sie hatten die Wahl zwischen dem Dorf, aus dem die Schüsse kamen und dem, das sie gerade umfahren hatten. Es gelang ihm, den Karren zu wenden. Mochte man sie auch mit Mist bewerfen, hier galt es, schlimmeres zu vermeiden.
Die Hauptstraße des Ortes war leer.
„Ist heut ein Sonntag?“ fragte Ilie.
„Nein, ich glaube Montag“ mutmaßte Radu. „Warum?“
„Sieh nur: keiner da. Ich dachte kurz, sie hocken alle in der Kirche. Aber wir haben wohl einfach Glück.“
Das Pferd noch immer im Trab haltend, knarzte der Wagen die einzige Straße des Ortes entlang, die Ilie wie stets und überall viel zu lang erschien. Hätte man nicht ein paar Biegungen einbauen können, hinter denen es sich eher verschwinden ließ? Eine Allee anlegen, in deren Schatten man nicht so klar zu sehen war? Stattdessen lagen die Häuser Seite an Seite, aufgereiht wie die Maschen auf einer Stricknadel, mit dem Eingang hinter einem flachen Graben, abgeschirmt von der Straße durch eine mehr oder weniger hohe Mauer, durchlässig nur für Katzen und diese wundersamen, flugunfähigen Vögel, die trotzdem stets überall waren, wo man sie gut fangen konnte. Groß war die Verlockung, viel größer die Furcht vor dem, was sie hinter sich wussten. Wo geschossen wurde, war das Weite zu suchen. Schnell und ohne Hühnerbraten. Alte Landfahrerregel.
Die Sonne saß ihnen jetzt fast so heiß im Nacken wie die Angst. Noch stärker schwitzte nur das Pferd auf der noch immer gut ansteigenden Straße. Das Dorf in ihrem Rücken war schon unter Gras versunken. Ein Wegkreuz markierte eine Abzweigung. Ost- und obendrein talwärts führte ein lehmiger Pfad in weitaus mehr Landschaft, durchwunden von einer dunklen Reihe von Bäumen, also einem Bach: Eine leichte Entscheidung.
Sie blieben bis zum Abend in ihrem schattig kühlen Zeitverlust. Hier würde man sie schwerlich finden, und wer überhaupt sollte sie suchen?
„Stephan Dobelius. Um Eurer Frage zuvorzukommen. Ich vergaß, mich vorzustellen heute Morgen. Aber jetzt haben wir etwas mehr Zeit, uns zu unterhalten.“
Ilie saß allein am Ufer, Radu steckte hinterm Busch. Wieder war der Reiter unbemerkt gekommen, im Gegenlicht der letzten Abendsonne und durchs Gestrüpp des Bachbewuchses. Im Schreck nahm Ilie an, dass ihn jetzt der Teufel holte; warum hatte Radu so ein Glück, gerade jetzt versteckt zu sein?
Nur ein Umriss war für ihn sichtbar, eine schnaubende, dampfende Masse und offenbar behaart. Ilie wankte, das Blut in den Beinen, vom Aufspringen in Todesangst.
„Was ist das? Wer seid Ihr …?“ Mit hoher Stimme kam die Frage, zu der die Antwort schon gegeben war. Ilie begriff, hustete kurz und schluckte die falsche Tonlage hinunter.
„Te jóságos ég, habt Ihr mich erschreckt!“
Dobelius war abgestiegen. Er hielt das Pferd eng mit der Linken.
„Wo ist euer Kamerad, der Hundekenner? Und wollt Ihr mir nun nicht freundlicherweise ebenfalls verraten, wie Ihr heißt?
„Radu“, kam es nicht sehr laut aus dem Gebüsch. „Und er ist Ilie.“
„Gut“, erwiderte Dobelius. „Man soll die Leute mit Namen kennen, mit denen man zu arbeiten hat. Ich brauche Eure Hilfe, und das sofort.“
„Unsere Hilfe, Herr? Jetzt?“ Ilie schaffte es, seine Stimme noch weiter zu senken. „Es wird gleich Nacht. Hier sind wir sicher, äh, nun, waren es, ehe Ihr kamt. Sind wir es noch? Und wie habt Ihr uns gefunden?“
„Ich jedenfalls tu‘ Euch nichts. Auch nach getaner Hilfe nicht, falls Ihr dies befürchtet. Euch zu finden war nicht schwer. Ihr wart auf dem Weg nach Norden, als ich euch traf. So viele Wege führen nicht dorthin. Ich musste nur Cozma umreiten, schon traf ich wieder auf eure Spur. Den Rest hat euer Geruch besorgt.
Dass es Nacht wird, ist von größtem Vorteil. Im übrigen braucht Ihr mich nicht ‚Herr‘ zu nennen, denn ich bin keiner. Ich heiße Stephan, wie gesagt. Sprecht Ihr eigentlich Deutsch?“
„Nein, Herr. Stephan, Herr. Sprecht Ihr Rumänisch?“
„Nicht der Rede wert. Bleiben wir also beim Ungarischen. Nun aber los, packt Eure Sachen, es gibt viel zu tun.“
„Warum wir, Herr, ehm … Stephan?“ Radu, der inzwischen vollständig bekleidet aus dem Gebüsch getreten war, bemühte sich um eine Art Habachtstellung, die in solchem Gegensatz zu seiner Erscheinung stand, dass Dobelius beinah ein Lachen zugelassen hätte, nach dem ihm nicht war.
„Die Arbeit ist schmutzig, so wie Ihr. Und sie hat mit dem Tod zu tun, gleichfalls wie Ihr. Ich glaube schon gar nicht mehr, dass es Zufall war, Euch begegnet zu sein!“
„Mit dem Tod? Mit Schmutz?“ Ilie kratzte sich im Nacken. „Was ist eigentlich geschehen dort heute Morgen, als die Schüsse fielen? Was habt Ihr gesehen?“
„Nichts Gutes, wie du dir denken kannst, ganz und gar nichts Gutes. Jetzt kommt, ich erzähle Euch auf dem Weg das Nötigste.“
„Einen Moment noch. Wir können nicht mit Euch gehen. Wir sind in Eile und müssen dringend nach …“ Ilie zögerte einen Moment zu lang.
„Bistritz“, half Radu.
„Neumarkt“, beharrte Ilie und schlug sich mit der Hand an den eigenen Kopf, weil Radus nicht erreichbar war.
„Es geht um unsere Häute. Wir müssen…“
„Sie so teuer wie möglich verkaufen? Gewiss doch.“ Dobelius überlegte. „Ich kaufe sie euch ab. Nennt Euren Preis!“
Ilie winkte Radu zu sich her, legte seine Hand auf dessen Schulter, dem Ohrläppchen ganz nah. Er lächelte beinahe gütig, als er ihm tief in die Augen sah, und nur zur Sicherheit trat er ihm auf den Fuß.
„Fünf Löwenthaler, Herr“, wandte er sich an Dobelius. „Die Häute sind von bester Qualität. Sogar die Hofschreiber kaufen bei unserem Gerber ein. Keine zu alten Hunde, keine kranken, alles sauber er…“
„Wir machen es anders. Ich gebe euch zwei!“ unterbrach Dobelius ihn. „Zwei Löwenthaler. Aber nicht für die Häute, die lasse ich euch. Dafür verfüge ich über Euch und Euren Wagen, solange es mir nötig scheint. Und wenn ihr euch gut anstellt, bekommt ihr vielleicht noch mehr. Einverstanden?“
Als sie aufbrachen, war es im Osten schon dunkel. Erste Sterne standen am sattblau leuchtenden Himmel. Der Karren rumpelte ins Abendrot und stank, Dobelius ritt wacker nebenher und sprach. Sie nahmen den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren, und obwohl sie langsamer fuhren, verging er viel schneller als am Vormittag.
„Wir sprachen ja schon über unseren Landesherrn, Fürst Kemény, so ich mich erinnere. Und Ihr wisst, dass er erst vor kurzem zum Fürsten wurde. Sein Vorgänger hieß Barcsay, Ákos Barcsay, und ich bin…“, Dobelius pausierte einen Moment, „…war dessen Kammerdiener.“
Als keine Nachfrage kam, sprach Dobelius weiter.
„Fürst Barcsay war ein friedliebender Mann. Im Rahmen des Möglichen, versteht sich. Er wollte den Titel nicht, und genau deshalb wurde er ihm von den Türken übergestülpt. Nach Jahren des Krieges, den sie gegen seinen Vorgänger, Georg Rákoczy II., geführt hatten, sollte einer an die Macht, der Ruhe geben würde. Die Osmanen haben Wien im Visier, seit jeher. Sie müssen die ewigen Geplänkel in Transsilvanien beenden, um ihre Kräfte gebündelt gegen Habsburg richten zu können.
Fürst Kemény ist kein Freund der Türken. Die Sachsen unterstützen ihn darin, und neuerdings sogar die Székler. Fürst Barcsays Bruder Gáspar verheerte voriges Jahr ihr Land, als sie sich gegen ihn wendeten. Seither hassen sie ihn derart, dass sie keinen Herrn aus diesem Geschlecht mehr hinnehmen werden. Und das Land ist ohnehin ausgepresst; die ständigen Tribute an die Pforte zehren alles auf.
Kemény sah seine Gelegenheit. Längst versucht er, mit Habsburgs Hilfe die Türken zurückzudrängen, doch Wien ist unentschlossen. Kemény musste ein Zeichen und sich selbst in Szene setzen. Er ließ Barcsay verhaften und sich zum Fürsten erklären. Ich glaube nicht, dass das ein gutes Ende für ihn nimmt, doch man wird sehen.“
Es war jetzt vollkommen dunkel geworden. Radu hatte eine Laterne angezündet, die aber nur ihn und Ilie beleuchtete und die Umgebung umso finsterer erscheinen ließ. Wie zwei Kinder, denen der Großvater ein Märchen erzählt, saßen sie auf dem Kutschbock und verstanden bestenfalls die Hälfte. Aber sie ahnten, dass sie drauf und dran waren, in etwas hineingezogen zu werden, mit dem man als einfacher Hundefänger besser nichts zu tun hatte. Was wollte Dobelius von ihnen? Sollten sie mit ihm gegen die Türken kämpfen? War ein Kammerdiener so mächtig? Er hatte ihnen eine – für ihre Verhältnisse – Unmenge Geld gegeben und noch mehr versprochen. Man würde gut überlegen müssen, wann der richtige Zeitpunkt war, sich davonzumachen.
Dobelius erzählte weiter:
„Fürst Barcsay saß in Görgeny in Haft, einer Burg ganz in der Nähe von Keménys Stammsitz in Marosvécs. Auch seinen Halbbruder, Sigmund Buday, hatte man dort festgesetzt. Es fehlte ihnen an nichts, nicht zuletzt deswegen, weil ich mich frei bewegen und für sie sorgen konnte.
Offiziell galt Fürst Barcsay als verschwunden. Aber was, wenn ihm die Flucht gelänge? Schon eine einzige Nachricht über seinen Verbleib, die nach draußen und zu den Türken dränge, wäre Keménys Verhängnis. Er fürchtete ohnehin, Barcsay könnte heimlich seine Befreiung vorbereiten. Also musste er fort, in ein Versteck, wo niemand ihn vermuten würde.
Unter dem Vorwand, für eine höhere Bequemlichkeit des immerhin ehemaligen Fürsten sorgen zu wollen, ordnete er die Verlegung Barcsays nach Kővár an, die Steinburg, eine Festung weit im Norden, in einer Schleife des Flusses Lápos gelegen. Es ist ein weißer Fleck auf der osmanischen Karte; kein Türke war je dort. Und keiner würde dorthin kommen. So wichtig war er den Türken dann doch nicht.
Doch leider war Kővár nur ein Vorwand, und leider haben wir es nicht geahnt.
Eine Zofe warnte uns noch, der Transport sei für heut morgen anberaumt. Fürst Barcsay schickte mich rasch davon, damit ich ihm in Freiheit folgen könnte, statt ihn als Mitgefangenen zu begleiten. Man wählte den Hundewagen als unverdächtiges Gefährt und tat, als reite man zur Jagd. Doch bald trennten sich Jäger und Wagen, der bald darauf den Weg verließ.
Als ich euch traf, hatte ich die Spur verloren. Die Schüsse brachten sie zurück, und ihr Zweck war der Befürchtete. Es war Kemény zu wenig sicher, Barcsay bloß umzuquartieren. Als ich am Mordplatz eintraf, war man bereits dabei, ihn zu verscharren.“
Dobelius holte tief Luft und senkte den Kopf.
„Jedenfalls soweit ich das sehen konnte. Ich musste natürlich in Deckung bleiben.“
„Das ist eine schreckliche Geschichte, Herr, Stephan“, sagte Ilie nach einer Weile.
„Aber nun, da Euer Herr tot ist, was können wir noch tun?“
„Was ihr tun könnt?“ Dobelius hob den Kopf und sah Ilie fest an.
„Ihr werdet mir helfen, ihn auszugraben und seine Leiche den Türken zu bringen!“