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Der Fliesenflorist

Es war Mittag und heiß. Grau flimmernd, mit den bonbonfarbenen Tupfern der Häuser am Rand, lag die Strada Libertății menschenleer vor mir. Ich folgte ihr das kurze Stück zum Fluß. Er war nicht mehr als ein Rinnsal. Keine Spur von „Große Kokel“, wie er auf deutsch bei den Sachsen hieß. „Târnava Mare“ nannten ihn die Rumänen, „Küküllő“ die Ungarn. Das passte am besten: Ein Name wie ein Bach mit Entenküken.

Meine Mutter liebte es, als Kind an der Kokel zu spielen, doch es gelang mir nicht, mir diesen Spielplatz vorzustellen; zu plan, zu grau, zu phantasielos säumten ihn die Betonbefestigungen des Ufers mit den Wohnquadern der sozialistischen Jahrzehnte darüber.

Vor mir glitzerte der Asphalt im Sonnenlicht, etwas weiter entfernt leuchteten Sonnenschirme in dunklem Rot. Dort schien ein Markt zu sein, der wie gerufen kam.

Im halbdunklen Schutz der Schirme ließen sich bald Kohl-, Salat- und Händlerköpfe unterscheiden. Dazwischen stapelten sich Obst und kleineres Gemüse. Paprika in Schoten, Knoblauch in Zöpfen, Kräuter in Sträußen. Blumen gab es nicht.

Doch es gab Wespen. Ungeheure Schwärme füllten die warme Luft des Marktes in solcher Dichte, dass ich zum Atmen die Hand vor den Mund hielt. Was nicht flog, weidete sich am Obst. Besonders begehrt waren Wassermelonen, die hier aufgeschnitten präsentiert wurden. Die reifsten Melonen waren nicht rot, sondern schwarz-gelb gestreift. Die Wespen schienen die Früchte nicht anzufliegen; sie liessen sich einfach fallen. Vollgesogen hoben sie mit klebrigen Flügeln wieder ab, taumelnd im Fruchtzuckerrausch, und surrten ‒ planlos wie ich ‒ zwischen den Ständen der Marktleute herum, setzten sich auf Beeren, Bananen und Birnen, auf Hände und Nasen, mit größter Contenance von deren Besitzern ertragen, teilweise bewundernswert ignoriert. Ein Hundertstel dieses Insektenaufkommens hätte in Deutschland im Fernsehen Erwähnung gefunden.

Belästigt vom Geschwirr und Gesumme verließ ich den Markt unerfüllten Zwecks und merkte erst, als ich wieder am Fluß stand, dass die Richtung nicht stimmte.

Egal, dann eben hier lang.

Zwei Brücken weiter schien Schäßburg zu enden. Die Straße verbreiterte sich und folgte der Kokel ins irgendwohin. Aber hier, gleich rechts von mir, gab es ein Eck, um das ich bog – und das war exakt der richtige Punkt. Eine der unterstädtischen Hauptstraßen nahm hier ihren Anfang, auf der Geschäft an Geschäft sich reihte. Gleich hinter einem Schnapsladen lag möglicherweise mein Ziel, ein schmales, weißes Gebäude, dessen Eingangstür vollständig von Plastikblumen umrankt war, die man an die Fassade geklebt hatte.

Vier Stufen führten zu einer gläsernen Doppeltür, durch die kein Licht nach draußen fiel. Ich presste die Nase gegen die Scheibe und konnte Schemen von Eimern und Vasen erkennen, allerlei Buntes darin.

Schnell stand ich wieder am Fuße der Treppe.

Was, wenn die Blumen alle aus Plastik waren?

Unentschlossen ging ich ein Stück, machte kehrt, wiederholte die Tour, wie einer, der Pinkeln muss, aber nicht will. Äugte erneut durch die Scheibe ‒ und trat beherzt endlich ein, in kühlfeuchte Dunkelheit.

Unverzüglich erschien der Herr der Finsternis, ein grünbeschürzter, ob meines Besuches hoch erfreuter Mann mit rundem Kopf und wenig Haar.

„Bună ziua!“ grüßte er mich, ich nickte wortlos zurück. Geschickt darin, aus wenig bis nichts ein Geschäft zu machen, wie alle Rumänen, denen ich bislang begegnet war, fing er umgehend an, aus den Tiefen seiner Höhle floristische Gräuel emporzutauchen, die er mir stolz präsentierte. Die meisten dieser Sträuße erinnerten in ihrer Anordnung an eine Balkan-Grillplatte, nur dass hier das Fleisch durch Blumen ersetzt worden war und die Servierplatte durch eine Plastikfolie in mehreren Lagen.

Hinter des Händlers fast kahlem Haupt leuchtete ordinär ein Kunststoffkranz knallorange von einem Stuhl. Ich zeigte darauf, freilich nur, um die Richtung vorzugeben, der die Suche folgen sollte.

„Sepolcro!“, erläuterte ich meine Geste in bewährtem Italienisch.

Der Händler reagierte nicht.

„Una decorazione per una tomba“, fuhr ich fort.

„Doam?“ Fragend blickte der Florist mich an, etwas schien ihm zu dämmern.

„Cimitero!“, setzte ich hartnäckig nach und traf, hurra! die gemeinsame Wurzel der beiden romanischen Sprachen.

„Cimitir, așa e! Foarte bine, foarte bine!“ strahlte der Blumenhändler jetzt sehr. Schnell war ein Gebinde aus rosa Plastikblüten an türkisblauen Stengeln zur Hand, anlassgemäß mit schwarzem Tüll verschleiert wie eine sizilianische Witwe. Rumänische Erläuterungen, in denen Begeisterung anklang, begleiteten das schaurige Stück.

„Stop“, bot ich Einhalt, „fiori veri, per favore!“ Echte Blumen, bitte! Und fügte frustriert ein deutsches Schimpfwort hinzu.

Das kannte der Händler.

In gar nicht üblem Deutsch und mit seltsam ins Bedauern gestülpter Mine erklärte er mir, er habe derzeit nur Rosen „in echt“, langstielig und herrlich, obendrein rot wie Blut; ob’s die sein dürften?

Sie durften. Hatte ich eine Wahl?

Bald häufte es sich auf dem Arbeitstisch in herrlichem Blutrot; das groteske Werk begann. Mit der Fingerfertigkeit des Geübten drehte der Rosenbändiger die Blumen in einer Weise ineinander, wie ich es noch nie gesehen hatte, wundersamerweise ohne sich an den Dornen zu stechen. Kaum war ein Basisgewinde entstanden, fädelte er weitere Rosen von oben in den Strudel, wobei er nach etwa jeder dritten Blume (wir hatten die Gesamtzahl des einzusetzenden Materials unvorsichtigerweise noch nicht verhandelt) eine dünne, farbige Plastikfolie halb zwischen die Blüten quetschte, halb im Wind flattern ließ.

So gebannt wie hilflos sah ich zu, während er sich außerordentlich freute, mich auf Deutsch von seinem Tun ablenken zu können.

Er sei, erzählte er freimütig, eigentlich gelernter Fliesenleger. In die Blumenbranche sei er auf Umwegen gekommen, die keine Rolle spielten. An Deutschland trage er nur die schönsten Erinnerungen in sich, an Gelsenkirchen, genauer gesagt, wo er vor vielen Jahren die Sprache Goethes und Schillers erlernt habe, vielleicht nicht ganz astrein, doch immerhin. Wundervoll sei’s dort gewesen, kein Vergleich zu Schäßburg, denn in Deutschland habe das Geld auf dem Boden gelegen, und auch in seinem Fall nicht nur berufsbedingt. Noch immer bedauere er, dort nicht mehr tätig zu sein; warum, verriet er mir nicht.

Einschläfernd war sein Sprechen für einen ohnehin Müden, mental schon leicht Ausgelaugten, betäubend für einen, den das Schuldgefühl am Kragen hatte. So ließ ich ihn gewähren, einfach nickend, als er immer wieder um Erlaubnis bat, weitere Dekorfolien, Zierbändchen und Feuchtlackspray-Schichten anbringen zu dürfen, bis der Strauß schließlich jene billige Unanständigkeit ausstrahlte, die hier als Veredelungsgipfel empfunden wurde.

Mein Lob gar nicht erst abwartend, vertraute der Blumenwürger jetzt, da es ans Zahlen ging, nicht mehr allein seiner Sprachfertigkeit. Wie auch in anderen Ländern des Südens wurden unbequeme Fakten direkt in die Kasse getippt, auf dass man sie nicht lang erklären, sondern einfach nur vorzeigen musste. In diesem Fall war die Kasse ein uralter Taschenrechner, groß wie ein Schreibblock und natürlich von Casio.

In dessen Display war Platz für sehr große Zahlen. Spätestens jetzt wäre es an der Zeit gewesen, ein paar meiner Wahrnehmungen mit meinen noch arbeitsfähigen Hirnzellen zu synchronisieren und diese um eine Einschätzung der Lage zu bitten, doch stattdessen glotzte ich bloß in überfordertem Einverständnis auf die Zahl „90“, die mir unmissverständlich entgegenleuchtete. Widerspruchslos und sehr zum Entzücken des Fliesenfloristen, fummelte ich die gewünschte Summe hervor und reichte sie ihm.

Es dauerte bis zur Mitte der Kokel-Brücke, ehe meine Benommenheit schwand. Ich hatte rund 20 Euro für Blumen ausgegeben – in einem Land, in dem man für diesen Betrag seine drei besten Freunde zu zwei Tagen Party einladen kann.

Als ich den Friedhof erreichte, war ich dennoch halbwegs versöhnt. Ich hatte im Gehen die meisten der Folien gelöst, die Bändchen entzurrt, fast alles aus Plastik fortgeworfen und mir ausgerechnet, dass ich in Deutschland fürs gleiche Geld nur einen Bruchteil der Rosenmenge erhalten hätte, freilich eleganter arrangiert. Einen Teil des Glitzerfummels behielt ich, um die als Vase dienende Plastikflasche aufzuhübschen. Einen besseren Wasserbehälter konnte ich nicht finden.

Erst jetzt holte ich die Andacht nach und gestattete mir sogar, mich auf die Grabplatte zu setzen. Als ich mich nach einer langen Unterredung mit meinen Ahnen langsam auf den Weg machte, um endlich in meiner Pension einzuchecken, wo man seit Stunden auf mich wartete, war ich seelisch eingependelt. Die Gräber meiner Vorfahren gefunden zu haben, und das zufällig, war weit mehr als ich erwarten konnte.

Leise hoffte ich, auch für die Lebenden nicht unbemerkt zu bleiben. Auch wenn ich keinen Sarg hinter mir herzog oder Mundharmonika spielte, wie die großen Fremden des Kinos, würden die Blumen auf dem Grab meiner Urgroßeltern im erzählfreudigen Siebenbürgen hoffentlich nicht folgenlos bleiben.

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