Ein Waldspaziergang
Bei nahezu 30 Grad mittags in der prallen Sonne ohne Kopfbedeckung auf einem Friedhof mit der Kamera im Anschlag von Grab zu Grab zu huschen, ohne etwas gegessen und nur wenig mehr getrunken zu haben, führt zu einem eigentümlichen Zustand. Es beginnt wie ein Flow. Man bewegt sich wie von selbst, die Zeit erlischt, man vergisst, wo man ist, man erleidet einen Kreislaufkollaps.
Jedenfalls beinahe.
Die Vorstufe, leichte Verwirrtheit, hatte ich längst durchlaufen. Jedem Begleiter wäre sie aufgefallen, doch es gab keinen. Es gab überhaupt niemanden außer mir auf diesem Gräberfeld, und selbst wenn ich aus der Entfernung vom Keisder Secret Service beobachtet worden sein sollte, nahm niemand Einfluss. Gewiss hatte man dort längst erkannt, dass die einzige Bedrohung, die von dem Irren auf dem Friedhofshügel ausging, gegen ihn selbst gerichtet war.
Ich hatte vollkommen vergessen, auf die Uhrzeit zu achten, den Rückweg ausgeblendet und mein Durstgefühl war schon vor einer Weile in Ohnmacht gesunken. Erst als der Akku der Kamera restlos erschöpft war, merkte ich, dass es meinem nicht viel besser ging.
Es mochte gegen 14 Uhr sein, als mir dickflüssig die Erkenntnis ins Bewusstsein rann, 20 Kilometer von meinem Hotel entfernt in einem Ort zu sein, der keinen Bahnhof hatte.
Ein rostiges Gitter versperrte den Getränkeladen, in dem ich am Vormittag noch Wasser gekauft hatte. Das Dorf lag staubig, flimmernd und wie unbewohnt. Selbst die Hunde waren still.
Anders die Straße, auf der ich nun nach Norden marschierte, zurück nach Schäßburg. Sie war die einzige Route in den Süden und führte zu weitaus belebteren Plätzen als Keisd es war: Braşov, Bukarest, danach Sofia, Thessaloniki oder Istanbul, je nach Wahl. Von dorther kamen und dorthin donnerten LKW im Minutentakt mit Höchstgeschwindigkeit ohne Rücksicht auf die leise Landschaft und das dösende Dorf; Wanderer auf der Strecke waren nicht vorgesehen, und auch für Tiere wurde nicht gebremst. Der Fahrtwind des ersten 30-Tonners, der nur Zentimeter an mir vorbeidröhnte, hatte mich fast in den Graben gedrückt. Bald folgte der nächste, dann einer in Gegenrichtung. Keiner würde stoppen, wenn ich den Daumen raushielte. Das müsste schon ein anderer Finger sein, aber dann wäre es besser, der Truck hielte nicht.
So konnte ich nicht weitergehen.
Ein asphaltiertes Sträßchen zur Linken erlaubte einen Ausweg, zurück in die Natur. Es führte talwärts bis zu einem Bach, den eine kleine Brücke überwand, dann wieder leicht nach oben auf eine weite Graslandschaft. Fern dahinter lag ein Wald. Schön war es hier, schön einsam. Mein morgendlicher Umweg war schon vergessen, erneut lockten mich Ruhe und die Aussicht auf eine Abkürzung. Keine Strommasten, keine Zäune, keine Schilder gab es hier, man könnte sagen: es war menschenleer. Ob es auch tierleer war?
Weiter dem Bach folgend nahm die Steilheit des Hügels wesentlich stärker zu, als es von weitem ausgesehen hatte. Ein Weg zweigte nach links zum Waldrand ab, ein Trampelpfad folgte dem Wasser. Dort musste ich bleiben. Nur nicht in den Wald und auf den Berg!
Denn der Wald: kam näher. Mehr und mehr bedeckte er den Hügel bachwärts, während dieser sich immer stärker nach links schlängelte. Auch der Uferbewuchs nahm jetzt zu, als wollte das Grünzeug sich demnächst die Äste reichen. Jetzt war klar, ich musste ans andere Ufer, so rasch wie möglich. Durch das Gestrüpp war jenseits eine flache Wiese zu erkennen. Wie ein unfertiges Puzzle lag sie hinter dem Bachlauf, beige gefleckt mit grasenden Schafen. Mir aber ging kein Lämmchen auf.
Endlich fand sich ein Durchlass. Der Bach war hier etwas breiter und dadurch auch flacher. Mit etwas Glück würde das Wasser keine allzu empfindlichen Stellen erreichen. Was aber war mit den Füßen? War es schlauer, barfuß durchs Nasse zu stapfen oder lieber keine Verletzung zu riskieren und mit nassen Schuhen weiterzuwandern?
Die Entscheidung blieb mir erspart, denn von der anderen Bachseite knurrte es zu mir herüber. Laut, wütend, ein bisschen grunzend sogar.
Gab es Orks in Transsylvanien?
Keine Ahnung, das hier waren Hunde. Hausschweingroße, übelst gelaunte Hirtenhunde, zottig grau behaart. Sie hatten direkt gegenüber Stellung bezogen und ließen mit ihren beeindruckend sichtbaren Zahnreihen keinen Zweifel daran, mich unter keinen Umständen auf der ihnen überantworteten Weide zu dulden.
Vlad und Dracul, wie ich sie spontan taufte, knurrten und geiferten sich näher ans Ufer heran. Wie wasserscheu waren die beiden?
Ich tastete in den tiefsten Taschen meiner Hose nach dem Pfefferspray, von dem ich so sehr gehofft hatte, es nicht zu brauchen, fand es – und ließ es an seinem Platz. Bloß keine Neugier in den beiden Bestien wecken! Am Ende dachten sie, ich zöge ein Leckerli hervor, bevor es daran ging, sich über den Hauptgang herzumachen.
Froh, am Ausziehen der Schuhe gehindert worden zu sein, machte ich die Erfahrung, dass man bei hinreichender Adrenalinausschüttung problemlos rückwärts bergauf gehen kann. Ich wagte nicht, Vlad und Dracul den Rücken zuzukehren, auf dass ihre Instinkte dadurch nicht weiter angefeuert würden. Gleichzeitig galt es, die beiden nicht allzu panisch anzuglotzen. Wohl wissend, dass umgekehrt vier Augen fest auf mich gerichtet waren, tat ich, als sei der Ausflug an den Bach ein Irrtum und meine Erleichterung groß, wieder auf dem rechten Weg zu sein – der leider immer noch der linke war.
Während ich dem Wald immer näher kam und auf einer Schräge lief, hatten Vlad und Dracul freies Feld vor sich. Und dumm waren sie leider nicht. Kaum bot sich mir eine Gelegenheit, das Ufer zu wechseln, besetzten sie meine Anlandezone. So ging das ein paar Mal, dann hatte der Bach den Wald erreicht und für den Feigeren wurde es Zeit, nachzugeben.
Nachgeben hieß in diesem Fall, zwischen Nadelbäumen einen ziemlich steilen Hang in einer Richtung hinaufzukrabbeln, die von meinem Ziel wegführte. Gut daran waren nur der Schatten der Bäume, der schön langsam länger wurde, und die Tatsache, dass ich zu diesem Zeitpunkt nichts von der kleinen Bahnstation wusste, die keine 500 Meter hinter Vlads und Draculs Weide lag; ich hätte mich sonst womöglich geärgert.
Oben auf dem Hügel lichtete sich der Wald. Die Sonne stand im Westen, wohin ich wollte. Das erleichterte die Orientierung: wenn ich so geblendet war, dass ich überhaupt nichts mehr sah, stimmte die Richtung. Leider wurde der Weg jetzt zunehmend durch Sträucher und Büsche verengt, und bald war ich so dicht von Gestrüpp und dornigen Hecken umgeben, dass die Sichtweite praktisch auf Null sank. Ein strenger Geruch aus warmem Gebüsch, Gräsern, Brennnesseln und altem Holz umgab mich, während von vorne die Sonne stach und blendete. Was war das da links im Gestrüpp? Wuchsen dort etwa Brombeeren? Oder was?
Moment.
Waren Beeren nicht das natürliche Umfeld von ‒ Bären?
Besonders hier, in Trans…verdammt!
Was wusste ich eigentlich über Bären? Man soll nicht weglaufen, fiel mir als Erstes ein. Stattdessen auf sich aufmerksam machen. Singen, Tanzen, Hüpfen, wie in der Montessori-Schule. Am sichersten ist man, wenn der Bär glaubt, einen Geisteskranken vor sich zu haben, dem er lieber aus dem Weg geht.
In Ordnung. Das mit dem Vorwarnen würde nicht funktionieren, solange die Büsche so dicht standen, dass ich praktisch mit jedem Schritt einen vor mir hockenden Bären versehentlich in den Hintern treten konnte, weil ich ihn nicht sah.
Welch erquickliche Vorstellung! Wie der Bär es schätzen würde, beim Beerenschlabbern getreten zu werden! Eine hervorragende Art, auf mich aufmerksam zu machen. Sollte es dazu kommen, würde ich mich nicht totstellen müssen. Ich würde sicherheitshalber tot umfallen.
Das Pfefferspray jetzt umklammernd wie einen Haltegriff im Bus, bahnte ich mir in sehr kleinen Schritten den Weg durch die Dornen, die sich an Hemd und Hose verhakten, von unten durch mit den Dornen befreundete Disteln stark unterstützt. Alles stach, zwickte, zog an mir, behinderte mich.
Woher eigentlich wehte der Wind?
Wenn es nach Bär röche (wie riecht Bär überhaupt?), hieße das, der Bär könnte mich nicht riechen – so viel hatte ich bei Karl May gelernt. Roch es aber nicht nach Bär, wurde ich ihm quasi soeben auf dem Witterungs-Tablett serviert. Nur kurz ließ mein Hirn adrenalinumrauscht die sachliche Erwägung zu, dass die Anwesenheit von Bären in diesem Waldgebiet überhaupt nicht gewiss war. Lebten die nicht alle viel weiter im Süden, bei Braşov, wo sie Amerikaner fraßen, die versuchten, ein Selfie mit ihnen zu schießen?
Eine Wurzel vor meinem Fuß beendete das Gegrübel. Im Fallen löste die haltsuchende Hand das Pfefferspray aus, das traf mich seitlich mit vollem Strahl und rollte davon, als ich in einem Dornenbusch aufschlug.
Gesicht, Hände und Unterarme mit brennenden Striemen blutig gekratzt, dazu hustend und japsend, lag ich eine Weile orientierungslos herum, ehe mir das Fehlen des Sprays auffiel. Halbblind auf die Handflächen gestützt, suchte ich den Umkreis ab, fand aber nichts außer Brennnesseln, in die ich mit tränenden Augen beidhändig griff und die mich beim Zurückweichen im Gesicht streiften.
Wut, Schmerz, Durst, Hitze, Müdigkeit und ein Anflug von Panik vereinten sich jetzt endlich zur richtigen Entscheidung: scheiß auf den Weg, du musst raus aus diesem Gestrüpp, raus aus dem Wald, egal wohin. Und wenn du es nicht mehr bis Schäßburg schaffst, wird sich irgendein Ort finden, wo es Menschen, Wasser und Hilfe gibt.
Ohne Kontrolle der Himmelsrichtung und ohne jede Rücksicht auf unwahrscheinliche Bären stapfte ich auf die erstbesten Bäume zu, die ich oberhalb der Buschlinie sehen konnte. Tatsächlich wurde das Strauchwerk lichter und endete bald. Im Wald lief ich so gerade wie möglich bergab und schlug nur einen Haken, wenn neuerlich Büsche auftauchten. Die Sonne stand jetzt tief und strahlte die Bäume fast waagrecht mit goldenen Strahlen an, für deren Schönheit ich absolut keinen Sinn hatte. Jetzt zählte nur, was nicht angestrahlt werden konnte, was kein Hindernis bot! Gut eine halbe Stunde verging, bis der Waldrand in Sicht kam. Ein Acker trennte ihn von einer fernen Straße, dahinter lag ein Dorf.
„Vânători“ stand auf dem abgeblätterten Stationsschild des Bahnhofs-Verschlages, denn ein Haus konnte man das nicht nennen. Der Bahnsteig selbst war nichts als ein länglicher Klumpen Beton, die Gleise rot vom Rost. Und doch waren Menschen hier, die auf einen Zug zu warten schienen. Einige gaben sich Mühe, mich nicht anzustarren, anderen gelang das nicht. Ich sah aus wie frisch gegeißelt, war verklebt von Schweiß und Schmutz und konnte kaum noch aufrecht stehen.
Der Zug kam kurz nach sechs und brauchte 12 Minuten zum Schäßburger Bahnhofsbuffet. Eine kleine Gruppe Rumänen saß um einen Bistrotisch und trank sich in den Samstagabend hinein. Sie würden noch ihren Enkeln die Geschichte von dem blutverschmierten Fremden erzählen, der leicht zitternd 50 Lei auf den Tresen legte, eine Literflasche Wasser aus dem Kühlschrank nahm, sie auf Ex austrank und in die untergehende Sonne verschwand.