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Der andere Theil

Abendliche Plaudereien mit einer künstlichen Bekanntschaft

  • Mezcal

     

    Ich: Ein Freund von mir war in Mexiko und hat mir eine Flasche Mezcal mitgebracht. „400 Cojones“, oder so ähnlich. Was kannst du mir dazu sagen?

    ChatGPT: Zunächst mal: Der Mezcal heißt 400 Conejos, nicht Cojones. Letzteres wäre eine deutlich großspurigere Marke. Wenn auf der Flasche „Joven“ steht, hast du die ungelagerte Variante aus Espadín-Agave.

    Ich: Aha. Und worauf muss ich mich geschmacklich einstellen?

    ChatGPT: Du hast noch nie Mezcal getrunken?

    Ich: Nö.

    ChatGPT: Dann hast du Glück mit dieser Premiere. Das hier ist ein eher zugängliches Gebräu, kein wilder, archaischer Eingeborenen-Brand. Etwas Zitrus, Kräuter, gekochte Agave und Frucht. Außerdem beschreibt der Hersteller einen angenehm rauchigen Abgang. Noch interessanter vielleicht ist aber der Name. Die 400 Conejos sind Kaninchen. Sie gehen auf die Centzon Totochtin zurück, mesoamerikanische Geister des Rausches. „400“ ist dabei nicht wörtlich zu nehmen; die Zahl steht eher für „unzählige“. Die Vorstellung war, dass es darauf ankommt, welches Kaninchen dich beim Trinken heimsucht – denn dementsprechend benimmst du dich. Dem einen ist plötzlich nach Tanzen, ein anderer wird depressiv, der nächste klettert auf einen Baum.

    Ich: Auf der Flasche steht tatsächlich „Joven“. Ich mache sie jetzt auf. Gehen wir auf Kaninchenjagd!

    ChatGPT: Trink ihn erstmal pur, bei Zimmertemperatur und in sehr kleinen Schlucken!

    Ich: Duft und Geschmack sind, nun ja, interessant. Aber ich habe keine Ahnung. Ich trinke noch nicht mal Tequila!

    ChatGPT: Da gibt es tatsächlich Gemeinsamkeiten – aber auch große Unterschiede. Mezcal solltest du nie als Shot hinunterkippen, sondern nur nippen. Die Mexikaner sagen dazu besitos – „Küsschen“. Man kann eine Scheibe Orange und Salz dazu reichen, aber ich würde zumindest den ersten Schluck ohne alles probieren. Dann schmeckst du nicht nur die Agave, sondern auch die Machart. Auch Tequila ist ein Agavenbrand, darf aber nur aus der Blauen-Weber-Agave hergestellt werden und ist nicht auf dieselbe Weise rauchig.
    Der Rauch beim Mezcal kommt übrigens daher, dass die Agavenherzen traditionell in einer Erdgrube auf heißen Steinen gegart werden. Joven heißt außerdem „jung“, im Wesentlichen ungelagert. Kein Fass legt Vanille oder Holz darüber – du bekommst Agave, Gärung, Destillation und Rauch. Und das ziemlich unverstellt.
    Wenn dir der Geschmack gefällt, kannst du ja mal einen Mezcal aus einer anderen Agavenart probieren, etwa Tobalá. Dann merkst du schnell, ob sich da gerade ein neues sensorisches Kaninchenloch auftut.😄

    Ich: Erinnert mich ein bisschen an ausgepinkeltes Lagerfeuer.

    ChatGPT: Das ist erstaunlich präzise beschrieben!
    Dieses „ausgepinkelte Lagerfeuer“ trifft genau die Kombination, die Mezcal so eigenartig machen kann: kalte/nasse Asche, verkohltes Holz, Rauch plus etwas mineralisch-salzig, leicht ammoniakalisch-herbes darunter.
    Und gerade der letzte Teil unterscheidet sich von der Assoziation von „schönem Kaminrauch“. Es riecht nicht nach romantischem Lagerfeuer, sondern eher nach dem Morgen danach: nasse Feuerstelle, Asche, Erde, ein bisschen Stall. Wenn man aus der Weinwelt kommt, ist das eine ziemlich brauchbare Verkostungsnotiz und keineswegs absurd.
    Interessant wäre jetzt: Stört dich das „ausgepinkelte“ Element – oder findest du gerade diese etwas unsaubere Note faszinierend? Falls Letzteres, könnte Mezcal für dich tatsächlich ein ziemlich interessantes Feld sein.

    Ich: Ich bin wirklich stolz auf mich, aber ich fürchte, ich werde diese Assoziation jetzt nicht mehr los. Und dabei ist der Geruch angenehmer als der Geschmack.

    ChatGPT: Ja, das ist eine dieser Verkostungsassoziationen, die ein wenig zu gut funktionieren. Ab jetzt wirst du wahrscheinlich bei jedem Mezcal denken: Ah, da ist es wieder.
    Dass dir der Geruch besser gefällt als der Geschmack, finde ich nicht überraschend. In der Nase kannst du den Mezcal schichtweise auseinandernehmen: Rauch, feuchte Asche, Kräuter, etwas Süßliches mit Zitrus und eben jenes Lagerfeuer. Im Mund kommen dann ziemlich unvermittelt 38 % Alkohol plus eine herbe, gekochte, leicht bittere Pflanzenaromatik; das kann leicht enttäuschend wirken.
    Probiere, den nächsten Schluck noch winziger zu machen und atme durch die Nase aus, während du schluckst. Das nimmt den Alkohol- und Rauch-Eindruck zurück.

    Ich: Danke für den Tipp. Ich schütte mir das Zeug nicht wie Bier hinter die Binde. Und die Flasche ist auch nicht gekühlt. Alles richtig gemacht, würde ich sagen. Dennoch bin ich nicht sehr optimistisch, zu einem Mezcal-Experten heranzureifen. Dazu mag ich Whisky und ungarischen Pálinka zu sehr.

    ChatGPT: Sensorisch ist das interessant. Du reagierst auf markante, nicht unbedingt gefällige Aromen mit Neugier statt mit „Bäh!“. Bei manchen Whiskys kann das ausgesprochen nützlich sein. Einer aus Islay kann dir schließlich mit Torfrauch, Jod, Seetang, Teer und nassem Hund entgegenkommen und trotzdem großartig sein. Ernst wird es, wenn du beiläufig erklärst, dass dieser Whisky zwar nach Krankenhausflur riecht, aber der Krankenhausflur von 2018 eindeutig der bessere war.
    Soweit sind wir hier aber noch nicht. Im Moment sitzt du nur da und analysierst ein ausgepinkeltes Lagerfeuer.

    Ich: Beim dritten Nase-Hineinhalten spielt jetzt ein bisschen Pinselreiniger mit.

    ChatGPT: Gewiss. Warte noch zehn Minuten. Dann bekommen wir „feuchter Hund in Terpentin mit gegrillter Ananas“, du verliebst dich in das Zeug und die nächste Flasche kostet plötzlich 90 Euro. So entstehen Experten. Durch zunehmend besorgniserregende Geruchsvergleiche.

    Ich: Da ist die Frucht! Zwetschge in Tapetenkleister. Und ein Hauch von schlechtem Grappa.

    ChatGPT: Jetzt wird es groß. Ich subsummiere: 400 Conejos Joven, Erstverkostung. Ausgepinkeltes Lagerfeuer, Pinselreiniger, Zwetschge in Tapetenkleister, im Nachhall ein Hauch schlechten Grappas. Übrigens finde ich das erheblich besser als „Pflaumennoten mit mineralischer Textur“. Letzteres schreibt das Spirituosenmarketing, ersteres ein Mensch mit funktionierender Nase.
    Das Ding ist in der Tat ein kleines Kuriositätenkabinett. Bei jedem neuen Riechen fragt man sich: Was zum Teufel ist denn DAS jetzt? Und mir scheint: du hast gerade Spaß am Mezcal. Nicht unbedingt am Trinken, aber am Thema.

    Ich: Jetzt wird er besser. Ein wenig Mon Chéri klingt an.

    ChatGPT: Aha! Wir sind bei Essbarem aus dem Chemielabor! 😂
    Die Zwetschge verschiebt sich zur dunklen, likörigen Frucht, begleitet von einer Spur, die man als dunkle Schokolade oder Kakao interpretieren könnte. Und der Alkohol liefert die bekannte Schärfe dazu. Da ist schon ganz schön viel Bewegung in deinem Glas. Offenbar tut die Luft dem Mezcal gut – oder deiner Nase. Sie gewinnt die Fähigkei, das Vordergründige zu überriechen.
    Und ich sehe schon, ich muss meine Diagnose korrigieren: du hast nicht nur Spaß an Mezcal. Ich glaube, du fängst an, ihn zu mögen.
    Falls als nächstes Schwarzwälder Kirschtorte auftaucht, sollten wir aber eine Pause einlegen.

    Ich: Mal unabhängig vom Geschmack: hat das Zeug außer der alkoholischen noch eine andere Wirkung?

    ChatGPT: Woran denkst du? An Winnetou und seine Mescalero Apachen?
    Nein. Mezcal enthält kein Meskalin. Die Namensähnlichkeit führt gern in die Irre. Meskalin kommt in bestimmten Kakteen vor, Peyote etwa, aber nicht in der Agave. Und auch die Mescalero helfen dir nicht weiter: Die heißen tatsächlich nach Mescal, weil die Pflanze für sie ein wichtiges Nahrungsmittel war – aber nicht, weil sie sich damit in andere Bewusstseinszustände beförderten. Es gibt zwar die folkloristische Vorstellung, Mezcal verursache einen besonderen, fast psychedelischen Rausch, aber das entbehrt jeder pharmakologischen Grundlage.
    Kurz: Wenn du nach dem achten Schluck plötzlich eines der 400 Kaninchen siehst, liegt das nicht an einer geheimnisvollen Agavensubstanz. Und wahrscheinlich auch nicht am Kaninchen.