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Am Siechhof

Ich hatte eine prächtige Aussicht. Sie erstreckte sich vom Haus meines Großvaters über eine Kaffeetasse, ein Schnapsglas und die Große Kokel bis zum Burgberg, in jeder Hinsicht der Höhepunkt jeder Schässburgbesichtigung.

Dorthin wollte ich jetzt, als mir beim Bezahlen meines ersten rumänischen Frühstücks eine kleine Gasse zu meiner Linken auffiel. Sie wand sich vom Fluss weg, leicht bergauf und wirkte so unberührt von der Moderne, dass sie in eine dörfliche Vergangenheit zu führen schien. Hier gab es noch Häuser mit Holzverkleidung, hier waren die Höfe Werkstätten, nicht Gärten, vor allem aber faszinierte mich ein ungewöhnlich niedriger Turm mit einem spitzen Dach aus bemoostem Blech, der zu einem Kirchlein zu gehören schien, das direkt an den Bahngleisen stand und mir aus dem Zug schon aufgefallen war, sich aber gegen das größere Schauspiel des Stadtpanoramas nicht durchzusetzen vermocht hatte.

„Stefan cel Mare“ benannte ein Schild die Gasse und maß ihr sogar den Rang einer „Strada“ zu. Wie hübsch, interpretierte ich schnapsbeflügelt den Namen italienisch. Ein Stefan am himmelblauen Meer. Oder war Stefan so blau wie das Meer?

„Weder noch“, sagte Google, Stefan cel Mare war Stefan der Große. Ein moldauischer Woiwode. Er herrschte vor fünfhundert Jahren im Land nebenan, wurde von den Rumänen jedoch posthum adoptiert.

„Ach!“, sagte ich. „Warum denn das? Herrscht etwa Heldenbedarf im Land der Schokoladeerbettler und Devisenverstecker? Haben sie mit Vlad Ţepeş noch nicht genug?“

Noch bevor Google antworten konnte, stießen Stefan der Adoptierte und ich in spitzfindigem Winkel auf den kleinen, von sehr viel Zeit tiefer gelegten Hof um das Kirchlein, der ein großes Gemüsebeet war. Das Kirchlein selbst sah aus wie ein Tannenbaum, den ein Kind gezeichnet hat. Die rostrote Tür war der Stamm; darüber lagen, wie gestapelt, zwei rechte Winkel aus Fassade und Dach, dann folgte das Türmchen, das oben spitz auslief. Alles in allem war dieser „Baum“ für eine Kirche nicht hoch; stieg man auf die flache Umfassungsmauer des Hofes, befand man sich mit der Augenhöhe schon oberhalb der Tür. Nur auf der rechten Seite störte ein Anbau die Symmetrie der Fassade, doch das sehr zu Recht. Ein Schild verriet den Grund:

„Siechhofkirche“ stand dort, nicht ganz einfach zu lesen. Darunter:

„Sie wurde im XVI. Jahrhundert mit einer Außenkanzel erbaut, von der den Aussätzigen gepredigt wurde.“

Etwas Kühles krabbelte meinen Rücken entlang. Ein Tier konnte es nicht sein, denn das Krabbeln lag zwischen Haut und Rückenmark. Als es den Nacken erreichte, klingelte leise ein Glöckchen.

Es kam nicht aus der Kirche.

„Am Siechhof No. 4“ war die Adresse eines der Trauzeugen meiner Großeltern gewesen.

So stand es auf dem Hochzeitsdokument in meiner Tasche.

Ich zitterte ein bisschen, als ich von der Mauer stieg und das Papier erneut aus dem Rucksack hervorkramte, in das ich es nach der Hausbesichtigung zurückgesteckt hatte.

Ich musste sichergehen.

Noch während ich die Sütterlinschrift des Standesbeamten zum dutzendsten Mal entzifferte (als hätte ich den Inhalt nicht auswendig gekannt), erklang leise und aus allertiefster Erinnerung eine Stimme, die ich jahrzehntelang nicht mehr gehört hatte. Es war die meines Großvaters, so klar, als stünde er neben mir. Da war freilich niemand, doch ich hörte es deutlich:

„Sichoff“ sagte er, „Mir hun bäm Sichoff gewont“, im Dialekt der Sachsen, seiner Muttersprache. Sonst nichts, doch es genügte. Als Kind hatte ich das Wort für einen Namen ohne Bedeutung gehalten. Jetzt verstand ich es plötzlich; ein Kirchenschild und ein Trauungsbericht hauten mir die Erkenntnis um die Ohren, wo ich hier eigentlich war! Hier lagen einst die Felder, von Bauern meines Namens beackert, jahrhundertelang. Und im Hof dieser Kirche, jenseits des Flusses, in sicherem Abstand zur Stadt, vegetierten die „Siechen“, wie man sie nannte, die Leprösen, die man scheute wie der Teufel das Weihwasser.

Wer wollte hier leben, in der Nähe dieser Erbarmungswürdigen? Nur die, die nicht anders konnten, Kleinstbauern, deren ererbte Parzellen eben so lagen, wie sie es immer schon taten.

Hier also. Hier hatten meine Vorfahren ihre kurzen, mühsamen, eng miteinander verwobenen Leben geführt, als Bauern, als Müller, als Tischler und Seiler. In diesen niedrigen, alten, ziegelgedeckten Häusern, die sich jenseits der Gleise den Hang hinauf zogen und sich rechts, hinter dem Kirchlein, wo es zum Bahnhof ging, in die Wiesen einduckten, als wollten sie besser gar nicht gesehen werden vom Burgberg der Macht.

Hier bahnten sich Ehen bei der Feldarbeit an und später vielleicht auch am Bahndamm; man brauchte zur Brautschau nicht über den Fluss, hinter dem die hohen Stände mehrgeschossige Häuser besaßen. Hier war der Vetter der Trauzeuge, seine Tante die Schwiegermutter und die zweite Cousine die Braut.

Erinnerungen drängelten sich in mir um den besten Platz vor dieser Bühne. Sie alle suchten Bestätigung. Im langsamen, ziellosen Gehen sah ich den missbilligenden Blick meiner Großmutter wieder vor mir, wenn ihr Mann den Siechhof erwähnte. Es war ihr wohl peinlich, dass er von hier kam, zumindest von seines Vaters Seite.

Ich hörte die Stimme jener Großtante, die sich am Telefon stets mit „aus Schässburg“ meldete, als wäre das ihr Name. Schnell galt es dann, ihren Bruder an den Hörer zu holen, denn so ein Gespräch konnte damals, in den Siebzigerjahren, den Anrufenden ein Vermögen kosten.

Ich lauschte ängstlich der mütterlichen Erzählung von dieser hölzernen Brücke, die vom Wasser der Kokel zersplittert ward ‒ und umrundete geistesabwesend die Kirche, querte die Gleise, bedachte vieles, nur nicht die Möglichkeit eines Zuges.

Dann holten mich Gräber zurück in den leuchtenden Tag.

Sie lagen links von mir, auf einem Hügel mit steiler Flanke, so selbstverständlich wie eine Parkbank am Wegrand. Alt waren die Steine, die häufig schräg zwischen Bäumen steckten, das sah man von weitem.

Von Nahem sah man, dass die Steinreihen weit den Hang hinauf reichten, von Nadelbaumdächern verborgen, die untersten von einem dichten Zaun aus hölzernen Planken verdeckt. Schwarz gebeizt trennten sie Friedhof und Straße, folgten dem Hang ein Stück aufwärts, verloren sich bald in einzelne Latten. Noch später hörte der Zaun einfach auf.

Hatte sich die Vergangenheit bisher nur an mich herangeschlichen, saß sie mir jetzt im Genick. Ein weißes Blechschild gab ihr eine Form:

„Evangelischer Friedhof Siechhof“ stand da. Nicht auf Rumänisch. Auf Deutsch.

Ich wusste nicht, wie viele Friedhöfe Schässburg besaß. Vieles war vor der Reise zu klären gewesen, das hatte nicht dazugehört. Für mich kam nur der „berühmte“ Friedhof in Frage, bei der Bergkirche droben. Wo sonst sollten erhabene Ahnen wie meine denn ruhen? Etwa hier? Am Siechhof? Unter all den anderen Protestanten?

Wie warm dieser Vormittag bereits war. Und wie schwer auf einmal der Rucksack.

Die Pforte roch nach Holz und Harz, heiß war die schmiedeeiserne Klinke. Dahinter kniehoch ein steinerner Brunnen. Graubraunes Brackwasser stand darin, vielleicht noch vom letzten Winter. Ein paar Insekten badeten trotzdem. Ich lehnte den Rucksack in den Schatten des Brunnens.

Einen solchen Friedhof kannte ich nicht. Ein steiler, von hohem Gras bewucherter Hang, den Bäume und Büsche vorm Abrutschen schützten. Schmale Pfade zwischen den Gräbern, kein Kies auf sorgsam geharkten Wegen. Dicht lagen die Gräber beisammen. Ich musste auf ihre Steinränder steigen, um eine Reihe nach oben zu kommen.

„Pass auf, wo du hintrittst!“, mahnte im Kopf die Stimme der Mutter.

„Sei unbesorgt!“, flüsterte ich zurück. „Es mangelt mir nicht an Pietät, nur an Platz.“

Bald lag ein erster Theil vor mir. Vorname und Lebenszeit sagten mir nichts. Zwei weitere folgten, ehe ich, nun schon in der dritten Reihe von unten, ein Grab fand, das war mir vertraut.

Ja, richtig, ein Foto war das gewesen, im Nachlass der Mutter. Es zeigte die Ruhestätte eines ihrer Onkel, seiner Frau und, schon fast auf dem sandigen Boden, den Namen des Kindes, einer Tante von mir, mit fünf Jahren verstorben, vor meiner Geburt.

Ich suchte den Standort des Fotografen. Jetzt stimmte die Stelle und ich sah auf das wirkliche, farbige Abbild des schwarzweißen Fotos. Wer mochte es aufgenommen haben? Ein Bruder, eine Schwester der Toten? Lagen er oder sie in der Nähe? Und wer war hier noch? Wie viele davon hießen wie ich?

„Das grenzt ja an ein Familientreffen!“, spottete die Stimme der Mutter, klang aber genauso überrascht wie ich.

Moment. Wenn sie zu mir sprach, was war mit den Anderen?

Saßen sie auf den Deckeln der Gräber und tuschelten über des Nachkommens Neugier?

Konnten sie mich womöglich gar sehen?

Ich wagte es nicht, mich abzuwenden. Langsam, im Rückwärtsgehen, wollte ich Abstand und Deckung gewinnen. Ein Baum hinter mir stand im Weg. Harz an seiner Rinde klebte sogleich auch auf mir. Ich drehte mich seitlich, das Hemd mit Vorsicht zu lösen – und sah im Stolpern ein weiteres Grab.

Mannshoch stand warmgrau der Sandstein, von moosigem Giebel gekrönt, davor eine mächtige Platte als Deckel. Eine halbierte Plastikflasche, Palmkätzchenzweige darin ohne Wasser, in den Winkel zwischen Grabmal und Platte gestellt, hatte seit mindestens Ostern Wind und Wetter getrotzt.

Darüber, gemeißelt und doch im Verblassen, las ich die Namen.

Stefan Theil, stand darauf, Katharina Binder darunter. Zuunterst die als Kind gestorbene Tochter. Maria.

Es war das Grab meiner Urgroßeltern.

Etwas drückte und würgte mich sanft, als ich Tage und Jahre, Geburten und Tode verglich mit dem, was ich wusste. Es gab keinen Zweifel.

Wärme stieg in mir auf, doch nicht allein wohlig. Sie war mit Scham gemischt, vor jener unbekannten Person, die nach dem Grab sah und Palmkätzchen brachte, wenn auch nur in der Plastikflasche, wenn auch inzwischen verdörrt. Und ich – stand hier mit leeren Händen.

Dieses Detail war eines zuviel. Die Ordnung im Kopf gab sich geschlagen. Nicht mal zwei Stunden war ich in Schässburg ‒ und hatte mehr Familie um mich geschart als zuhause in Jahren.

Ich musste hier weg.

Am Brunnen den Rucksack aufklaubend, eilte ich durch das Tor, Richtung Fluss, zur Ortsmitte Schässburgs.

Blumen mussten her.

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