Ein Samstag im November
Es fühlte sich an wie ein Spätsommertag. Über den noch reichlich belaubten Bäumen türmten sich die Wolken, von Herbststürmen ungestört, zu hohen, weißen Klumpen. Im Weinladen war es ruhig gewesen, wie immer, wenn man schon nachmittags auf der heimischen Terrasse trinken konnte.
Bald war es 15 Uhr und Zeit, zu schließen. Ich konnte es kaum erwarten. Man hätte in einen Biergarten gehen können, so warm war es. Zuvor jedoch, vielleicht auch stattdessen, würde ich meine Mutter besuchen. Sie war seit kurzem, nach einem Aufenthalt im Krankenhaus, wo man sie zur Ausbildung des Nachwuchses ein bisschen zu ausgiebig therapiert hatte, in einem Pflegeheim untergebracht und erkannte mich nicht mehr.
Die ganze Woche schon hatte ich sie nicht gesehen, hatte noch den unwichtigsten Grund zugelassen, um mich daran zu hindern, ins Heim zu fahren. Ging es bei diesen Besuchen nicht ohnehin nur noch um mich und die Beruhigung meines Gewissens? Welche Bedeutung hatte meine Anwesenheit für meine Mutter, die mich entweder für einen ihrer längst verstorbenen Brüder hielt oder einfach für einen freundlichen Fremden?
Freundlich? Ein Fremder? Als ob meine Mutter je einen Fremden freundlich gefunden hätte! In der Demenz hatte sich ihr zurückgezogenes Wesen noch verstärkt. An ganz schlechten Tagen sprach sie gar nicht mit mir und hob kaum den Kopf, um mich anzusehen.
Ich verabscheute das Heim und mich selbst dafür, nicht in der Lage gewesen zu sein, es meiner Mutter zu ersparen. Obwohl ich wusste, alles getan zu haben – bis hin zum offenen und lautstarken Streit mit dem Chefarzt auf dem Krankenhausflur über die Notwendigkeit der dritten Vollnarkose in zwei Tagen – , fühlte ich mich verantwortlich und schuldig und bar jeder Absolution.
Schon das Gebäude an sich war mir zuwider, ein klassizistischer Klotz in Schönbrunner Gelb, immer zu stark beheizt, immer zu stickig, darin eine Duftmelange aus multipler Inkontinenz, vermischt mit ungelüfteten Betten, zu lang getragener Wäsche, im Großküchentopf zu Brei gedämpftem Gemüse und dem allgegenwärtigen Kamillen- oder Pfefferminztee, der in Schwaden die Gänge durchwaberte.
Es würgte mich immer ein wenig, wenn ich die Vorhalle betrat, die Flure durchlief und schließlich die Treppe in den zweiten Stock hinaufkeuchte. Den Fahrstuhl mochte ich nicht nehmen: was, wenn eine Leiche auf dem Weg in die Kühlkammern des Kellers war und wir steckenblieben?
Vorige Woche war mir der Besuch leichter gefallen. Auch dieser Tag war sonnig gewesen. Ich konnte mich etwas früher absetzen, hatte eine gekühlte Flasche Grauburgunder mitgebracht, die Mutter im Rollstuhl eine Weile durch den Garten des Heimes geschoben und mich mit ihr dann unter eine Pergola gesetzt, um auf das schöne Wetter anzustoßen.
Sie war klar und wach gewesen, hatte den Pfälzer Wein gelobt und sogar zugelassen, dass sich ein anderer Elendsinsasse zu uns gesellte, nachdem er mit etwas aus der Übung gekommener Höflichkeit um Erlaubnis gebeten und daraufhin auch einen Plastikbecher mit Wein erhalten hatte.
Und obwohl kaum gesprochen wurde, war es fast eine kleine Party geworden.
Bei der Erinnerung daran merkte ich, wie nervös ich war. Eine über Achtzigjährige, die nicht mehr im Stande war zu telefonieren, sollte man nicht eine ganze Woche nur dem Pflegepersonal überlassen. Natürlich würde man mich verständigen, wenn sich „etwas“ abzeichnete – ein Anruf, von wem auch immer, dieser Anruf, den ich mein ganzes Leben lang gefürchtet hatte –, aber das war nicht der Punkt. Ich wollte nach Möglichkeit nicht zu spät kommen, wie einer, den man aus Übersee herbeitelegrafiert und der trotz schnellster Reisemöglichkeiten damit rechnen muss, die Mutter nicht mehr rechtzeitig anzutreffen.
Was war eigentlich rechtzeitig in so einem Fall?
Ich bestellte ein Taxi für kurz nach 15 Uhr. Die Abrechnung, das Aufräumen – sie konnten bis Montag warten. Ich hatte das Gefühl, Zeit zu vergeuden, wenn ich den langen Fußweg zum Zug und die ebenso lange Fahrt in die Stadt in Kauf nähme. Mit dem Taxi wäre ich in der Hälfte der Zeit im Heim. Vielleicht würde es dann doch noch für ein Feierabendbier mit dem Rücken zu einer sonnengewärmten Wirtshauswand reichen, ehe es in der Dämmerung rasch kalt wurde.
Der Taxifahrer, ein Türke, sprach vollkommen korrektes Bairisch:
„Pressiert’s Eahna recht?“
„Wie kommen Sie darauf?“, fragte ich.
„Sie schau’n so aus“, antwortete der Fahrer. „Geht’s zur Geliebten?“
„Sie sind ein Gedankenleser, was?“ Ich bemühte mich, zu lächeln.
„De Weiba deaf ma ned wartn lassn, sonst san s‘ schneller weg wia dass d‘ schaugn kannst!“
Der Fahrer gab Gas, als müsste er einen Lottogewinn abholen. Nach knapp einer Viertelstunde waren wir am Ziel. Ich sprang aus dem Taxi, pfiff auf die Quittung, vermied die besuchervolle Vorhalle und eilte durch den hinteren, eigentlich dem Personal vorbehaltenen Eingang, von dessen zahlencodegesicherter Tür ich wusste, dass sie selten geschlossen war. Durch das Treppenhaus spurtete ich in die zweite Etage.
Die vierte Tür auf der linken Seite trug den Namen meiner Mutter – aber auch den ihrer Zimmergenossin. Lebenslang eine Einzelgängerin, hatte das Schicksal meine Mutter durch die Heimeinweisung dazu verurteilt, das letzte Kapitel ihres Daseins in Zwangsgemeinschaft mit einer vollkommen Fremden zu verbringen. Mich schüttelte es bei dem Gedanken. Was würde ich tun in dieser Lage? Die Andere aus dem Fenster werfen? Was konnte einem schon groß passieren, wenn man sich in einer Todeswarteanstalt ein wenig Privatheit erzwang? Vielleicht aber war man zu schwach dafür, zu gleichgültig gar.
Die Zimmertür war nur angelehnt, als sei gerade ein Pfleger im Raum oder dabei, etwas zu holen.
Trotz des Sonnenscheines lag der Raum im Halbdunkel. Das hintere Bett, am Fenster, gehörte der Mitbewohnerin. Es war leer.
Rechts an der Wand stand das Bett meiner Mutter. Sie lag darin, auf der linken Seite, im Nachthemd, nur halb zugedeckt.
„Na, du Schlafmütze?!“ flüsterte ich. „Ist es nicht arg früh, um sich hinzulegen?“
Ich berührte sie leicht an der rechten Schulter. Sie fühlte sich warm an.
„Hallo Mama. Ich bin’s. Richard.“
Abermals berührte ich ihre Schulter, jetzt mit einem leichten Ruckeln. Sie gab nach, doch lag eine Art Widerstand darin.
„Mama, wach auf!“ Jetzt flüsterte ich nicht mehr.
Es dauerte ein paar Sekunden, ehe die Ur-Angst in mir sich aus jahrzehntelangem Dösen aufrappelte, ehe mir schwante, dass jetzt der Augenblick gekommen sein könnte, wirklich Angst zu haben.
Dann riss es mich aus dem Raum.
Ich rannte zum – wie immer leeren – Personalzimmer, sah einen Pfleger in einem anderen Raum verschwinden, erreichte ihn und zog ihn mit mir.
„Bitte, sehen Sie nach meiner Mutter! Sie wacht nicht auf!“
Der Pfleger war erfahren genug, um sich nicht zu widersetzen. Im Zimmer der Mutter angekommen, setzte er sich zu ihr aufs Bett, rüttelte sie, sprach sie an und gab ihr einen kleinen Klaps auf die Wange. Schließlich verdrehte er ein Stück Haut an ihrem Hals mit zwei Fingern. Als sie auch darauf nicht reagierte, drehte er mir sein Gesicht zu und schüttelte den Kopf.
„Es tut mir sehr leid“, sagte er, und ich spürte Aufrichtigkeit, obwohl es für den Pfleger vermutlich Routine war, „aber ich fürchte, Ihre Frau Mutter ist soeben verstorben.“