Hundehaut. Die Tour.
Auf Ahnensuche in Transsilvanien

Würm. Waag. Und weiter!

Nachdem ich meinen 63. Sommer am Ufer des Flusses Würm damit vergeudet hatte, tote Fische in Serie zu braten, wurde es höchste Zeit für etwas noch absurderes. Zum Beispiel eine Reise auf den Spuren einer toten Gräfin, von der viele glauben, sie habe lebende Mädchen serienweise in Fische … nein, in tote Mädchen natürlich verwandelt und sei damit die erfolgreichste Mörderin der Geschichte.
Der Plan ist, einige der Burgen, die im Leben der Elisabeth Báthory eine Rolle gespielt haben, in umgekehrter Reihenfolge zu besuchen, beginnend mit dem Ort, an dem sie starb, einer Burg im Tal des Flusses Waag.
Von dort geht es in drei Etappen nach Nyirbátor, wo sie am 7. August 1560 geboren wurde.
Das Ganze ist freilich bloß ein Warm Up, denn auf dem Zenit der Reise möchte ich in eine Enklave am Rektum Transsilvaniens eintauchen, eine Art Geschichts-Hämorrhoide sozusagen, um dort ein Buch über die Haut eines Hundes zu schreiben, der dreihundertundeinen Sommer vor meiner Geburt zu Tode kam.
Gemeinsam haben Reise und Buch den Hintergrund des 17. Jahrhunderts und den mehr als seltsamen Zusammenhang, dass Elisabeth Báthory und ich weitläufig verwandt sind. Äußerst weitläufig. Gewissermaßen gar nicht von Bedeutung. Und doch: Irgendwo auf der Klaviatur unserer Chromosomen sitzt ein kleiner Zweiklang, von dem ich erst vor kurzem erfahren habe, nachdem ich mich seit Jahren für die so entfernte wie unbekannte Cousinengräfin interessierte.
Zwischen Würm und Waag fließt irgendwo die Wien dahin, durch eine nach ihr benannte Stadt namens Naschmarkt. Geographisch genommen wäre das die erste Station dieser Tour und eine hübsche Alliteration obendrein. Aber soll ich mich wirklich wegen Elisabeths Stadthaus in der Augustinerstraße 12, gleich gegenüber der Herzerlgruft, in dem sie viele Winter ver- und angeblich neben zahlreichen unbekannten Fräulein auch eine bekannte Sängerin umgebracht hat, mit dem Auto durch den I. Bezirk quälen?
Am Ende waren die Schreie, durch die sich die – ebenfalls gegenüber – im Augustinerkloster zölibáthorär lebenden Mönche so gestört gefühlt haben sollen, dass sie den Inhalt ihrer Nachttöpfe auf Elisabeths Haus schleuderten, eine Darbietung besagter Sängerin? Und zugleich Anlass für Elisabeth, die Dame abzustellen. Wie dem auch sei: wer schriee nicht, wenn Mönchskot von der Fassade gleitet? Abgesehen davon tanzt Wien chronologisch ohnehin immer aus der Reihe.
Machen wir also Čachtice in der Slowakei zur ersten Station.
Der Gräfin Gruft, ein Fragezeichen
Die Rätsel um Elisabeth beginnen, noch bevor der Burgberg erstiegen ist, denn bereits die Frage nach dem Ort ihrer Beisetzung ist bis heute ungeklärt. Eine zeitgenössische Quelle behauptet:
„Am 21. August starb Frau Elisabeth Báthory auf der Burg, zwei Uhr nach Mitternacht; am 25. November wurde sie in der Kirche von Csejte beigesetzt.“
Die Kirche ist die heutige Pfarrkirche St. Ladislaus – ungarisch: Szent László-templom. Sie wurde um 1390 errichtet und während des Barock zwar erweitert, doch im wesentlichen handelt es sich um dieselbe Kirche, die 1614 bereits stand.

Die erste Suche nach Elisabeths Grab fand im Sommer 1938 statt. Nach Aussage des Augenzeugen Jozef Branecký wurden fünf Krypten geöffnet, die durch Inschriften als Grablegen gekennzeichnet waren und in denen zahlreiche Särge vorgefunden wurden. Keiner wies auf Elisabeth Báthory hin. Allerdings wurden nicht sämtliche Hohlräume geöffnet: links unter dem Altar, im Foto also unterhalb des ganz rechten Teils der Kirche, wurde akustisch ein weiterer Hohlraum festgestellt, der nicht durch einen Grabstein gekennzeichnet war. Weshalb er ungeöffnet blieb, ist unklar.
2017 untersuchte der tschechische Journalist Jaroslav Mareš für eine TV Doku-Reihe mit einem Radargerät die Stützmauer an der Nordostseite der Kirche. Sie ist auf diesem Bild zu sehen:

Bei dieser Untersuchung stieß er auf ein zugemauertes Portal, hinter dem sich eine „regelmäßige Anomalie“ befinden soll, mit anderen Worten: ein Hohlraum. Da die Kirche im Rahmen der barocken Umbauten vor allem auf ihrer Westseite verändert wurde, während der Altar ziemlich genau an seiner bisherigen Stelle stehenblieb, könnte der von Mareš entdeckte Hohlraum derselbe sein, der sich, von oben gesehen, links unter dem Altar befindet.
2026 beklagte Mareš anlässlich einer Neuausstrahlung seiner Dokumentation, dass sich die Haltung der Kirche zu seinen Fragen seither nicht geändert habe, weshalb weitere Forschungen nicht möglich seien.
Wir können uns also mangels eines Beweises des Gegenteils durchaus vorstellen, dass Elisabeth Báthory hinter dieser Mauer unter der Kirche ruht.
Wir können aber auch der Spekulation neue Nahrung geben und folgende Fragen stellen:
- Warum lagen mehr als drei Monate zwischen Báthorys Tod und ihrer Beisetzung?
- Warum wurde sie nicht an der Seite ihres Mannes bestattet?
- Was ist dran an den Gerüchten über eine Exhumierung und neue Beisetzung in ihrem Heimatort Nagyecsed?
Oder wir gehen ein Bier trinken und morgen früh hinauf zur Burg.
Die Zungenbrecherburg

Burg Čachtice (sprich: Tschachtitze; ungarisch: Csejte; deutsch: Schächtitz) wurde nach dem großen Mongolen-Einfall von 1241 als Festungsanlage zur Sicherung der Nordwest-Ungarischen Grenze erbaut und 1273 fertiggestellt (ja, ganz recht, das Tal der Waag gehörte damals zu Ungarn; eine Slovakei gab es nicht).
Mitte des 16. Jahrhunderts kam sie in den Besitz der Familie Nádasdy und war 1575, zusammen mit 17 (!) umliegenden Dörfern, das Hochzeitsgeschenk des Grafen Ferenc Nádasdy an seine Braut Elisabeth Báthory.
Von der Kirche kommend führt ein Hohlweg unterhalb jenes Geländes entlang (und später hoch zur Burg), auf dem sich die „Kurie“ Elisabeth Báthorys befunden hat. Denn die gräfliche Familie wohnte keineswegs oben auf dem Berg. Dorthin zog man sich nur im Fall einer Bedrohung zurück. Elisabeth und ihr Mann besaßen im Ort Čachtice ein schlichtes Herrenhaus mit 46 Zimmern, zwei separaten Kellern für Wein und Bier, Stallungen, Unterkünften für Bedienstete und einem weitläufigen Garten mit Obst- und Weinanbau. Bedauerlicherweise ist das gesamte Areal heute mit Einfamilienhäusern überbaut.

Hier links sehen wir das Ende des alten Bodenpflasters mit dem Übergang in den ehemaligen Garten und Weinberg.
Rechts ist die schräge Überdachung einer Treppe zu erkennen. Von hier aus kann man noch heute in die Keller und Tunnel unter der verschwundenen Kurie hinabsteigen, allerdings nur in den Sommermonaten und nach vorheriger Anmeldung.
Da hier nicht mehr zu sehen war, folgte ich dem Hohlweg in immer dichter werdenden Laubwald, wo er in einen breiten Naturlehrpfad überging, der sich in vielen Kurven langsam zur Burg hinaufzog. Den wollte ich abkürzen, was dazu führte, dass ich mich mühelos verlief. Nach einer orientierungslosen Weile stieß ich auf einen Trampelpfad, der allerdings bergab führte und in ein idyllisches Tal mündete, von dem man einen schönen Blick auf die weit oben liegende Burg hatte.
Dass Elisabeth mich unter diesen Umständen mit einem Regenbogen begrüsste, empfand ich ausgesprochen nett und nur ein ganz klein bisschen zickig.

Wenn man früh genug kommt, ist das Personal an der Eintrittskasse noch mit Kaffeetrinken und Plaudern beschäftigt und ignoriert die Störung durch den ersten Besucher des Tages. Der sollte sich dann freilich auch eine Besichtigung des Souvenirshops sparen und lieber gleich an den ehemaligen Stallungen und Soldatenunterkünften vorbei durch diesen schönen Rundbogen in den originellerweise dreieckigen Burghof weiterschleichen.

Wie man bald feststellen wird, zeichnet sich Burg Čachtice vor allem durch eine geschickte Aneinanderreihung von Löchern aus. Auf dem linken Bild sehen wir (ab Höhe des Geländers von unten nach oben) den Eingang zum Verlies, den öffentlichen Eingang in die Burgkapelle und schließlich den privaten Eingang Elisabeths in dieselbe Kapelle mit Logensitz. Ein bisschen wie früher im Münchner Kino am Sendlinger Tor.
Das mittlere Bild muss man eher vorder- als hintergründig betrachten. Dann erkennt man Elisabeth Báthory mit Haube und Umhang auf der Rückkehr vom Pilzesuchen im Wald. Das rechte Bild zeigt den ob der Touristenschwemme etwas verärgerten Geist Elisabeths mit schlohweiß zu Berge stehendem Haar.
Möglicherweise war ich aber auch nur nach dem Aufstieg ein wenig dehydriert.
Was auf den drei folgenden Bildern so einsam und irgendwie „übriggeblieben“ emporkragt, ist die Südwestflanke des ehemaligen Wohnturms, der ungewöhnlicherweise fünfeckig war. In diesem Turm wurde Elisabeth nach ihrer Verhaftung am 29. Dezember 1610 eingesperrt. Angetan hat ihr das ein anderer Cousin: György Thurzó, zu dieser Zeit Palatin Ungarns und damit der zweitmächtigste Mann im Königreich.
Die Einzelheiten, insbesondere jene, die für die Unschuld Elisabeth Báthorys sprechen, würden hier viel zu weit führen. Wir können aber davon ausgehen, dass Elisabeth beim Abendessen von Thurzó und dessen Männern überrascht und unmittelbar, noch in derselben Nacht, auf die Burg gebracht und dort festgesetzt worden ist.
Auch die Bedingungen ihrer Haft sind ein weites theoretisches Feld. Sie reichen von „lebendig eingemauert“ über „in ein Zimmer gesperrt“ bis hin zu dem, was wir heute als „Hausarrest“ bezeichnen würden, also freier Beweglichkeit innerhalb der Burg. Nach meiner Visite vor Ort und ein paar Überlegungen zur baulichen Situation halte ich die mittlere Variante für die plausibelste, aber um dies im Detail zu erörtern, fehlen hier ebenfalls Zeit und Raum. Wie das bei Toten eben so ist.
Tatsache ist, dass sie diesen Turm nicht lebendig verlassen hat und dass die große Öffnung auf dem mittleren und rechten Bild mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Fenster mit zwei gegenüberliegenden Sitzbänken und damit Elisabeths einziger Zugang zu Tageslicht und frischer Luft war. Die dreieckige Wandnische links daneben dürfte der Beleuchtung des Raumes durch Kerzen gedient haben.

Bei György zuhause
Nachdem Palatin Thurzó seinem Chef, König Matthias II., den Floh ins Ohr gesetzt hatte, dass sich die ungarische Staatskasse ihrer größten Gläubigerin, Elisabeth Báthory, doch einfach entledigen könne, indem sie diese der fürchterlichsten Umtriebe bezichtige und sie dafür bestrafe, erhielt er das „Go“ zur Entsorgung jener Frau, die er wenige Jahre zuvor noch hatte heiraten wollen, von der er jedoch abgewiesen worden war.
Der König schuldete ihr einen Betrag, der nach Einschätzung von Historikern einer heutigen Kaufkraft von mehr als hundert Millionen Euro entsprach!
Da durfte man nichts dem Zufall überlassen, weshalb ich persönlich (ohne jeden Beweis) glaube, dass Thurzó die Leichen, die er in Báthorys Keller und später auch oben auf der Burg fand, bereits im Gepäck hatte, als er von Bratislava nach Čachtice aufbrach. Elisabeth hatte ihm, Übles ahnend, bereits Monate zuvor brieflich mitgeteilt, dass sie nicht gedenke, ein ebenso leichtes Opfer seiner Gier zu werden wie einige andere alleinstehende Damen zuvor.
Thurzó brauchte also Zeugen, und am besten mehr als einen. Kurzerhand verhaftete er Elisabeths Faktotum János Újváry, genannt „Ficzkó“, und jene drei Dienerinnen, die der Beschuldigten am nächsten standen. Damit die auch das Richtige aussagten, brachte er alle vier zu sich nach Hause. Dort gab es geschultes Personal, um den Gefangenen zu entlocken, was er über ihre Herrin hören wollte. In nur zwei Tagen legte sein Tross die rund 90 Kilometer von Čachtice nach Bytča zurück, wo er dieses Anwesen sein Eigen nannte:

Und in nur zwei weiteren Tagen legten drei der Vier unter Folter ein „Geständnis“ ab. Dann wurden die Frauen verstümmelt, Ficzkó enthauptet und alle zusammen verbrannt. Die vierte Dienerin kam frei, weil sie behauptete, nichts mit alldem zu tun zu haben. Diesen Satz lassen wir uns jetzt ein Weilchen im Hinterkopf zergehen, während sich der Rauch der Scheiterhaufen verzieht und sich die Asche der als schuldig Erkannten in der Waag auflöst…
Dabei war György doch ein Feingeist! Gleich neben der Folterburg ließ er einen so genannten „Vermählungspalast“ im Renaissance-Stil erbauen, der einzig dem Zweck diente, seine gewiss hochattraktiven sieben (!) Töchter prunkvoll unter die Haube zu bringen. Nicht gerade Florenz, aber für die Slowakei schon sehr ordentlich!

Mehr hat Bytča übrigens nicht zu bieten. Nomen est hier vielleicht omen.
Varannó war anderswo
Am 8. Mai 1575 heiratete Elisabeth Báthory im Alter von 14 Jahren in der reformierten Kirche von Varannó, dem heutigen Vranov nad Topl’ou in der Ostslowakei, den 5 Jahre älteren Grafen Ferenc Nádasdy. Damit vereinigten sich zwei der reichsten Familien Ungarns, denen zusammen mehr Land gehörte als dem König selbst. Eine Eheschließung wie diese würde heute vermutlich in einer ZDF Sondersendung übertragen, kommentiert von einem homosexuellen Adelsexperten.
Damals lud man einfach alle ein, die das Ereignis etwas anging. Der Legende zufolge kamen auf dem Wasserschloss Varannó 4.500 Gäste zusammen, die eine Woche lang feierten und sich geschmorten Schwan vorsetzen ließen.

Diese Rekonstruktion wurde mittels KI erstellt. Bildquelle/Inspiration: Akadémia Zdravia DobrýMasér via Facebook
Heute ist Vranov eines der scheußlichsten Käffer, in denen ich je gewesen bin. Die Reste des Schlosses wurden 1980 gesprengt, weil für den Siegeszug des Sozialismus ein Gymnasium vonnöten war, das exakt auf diesem Areal errichtet zu werden hatte. Wie nicht anders zu erwarten, ist das Ding ein Architekturverbrechen, fällt allerdings in Vranov damit nicht auf. Man kann, wenn man sich das Gespött der Schüler antun möchte, über den Hof des Gymnasiums in einen Keller gelangen, der zu diesem Schloss gehörte und heute vornehmlich Müll enthält.
Man kann stattdessen aber auch die verschwundenen Grundmauern der St.-Stephans-Kirche suchen (auf der Rekonstruktion oben rechts im Bild), in der die Heirat stattfand. Leider ist von ihr ebenso wenig übrig wie vom Schloss. Immerhin hat die Stadtverwaltung in geringfügigstem Maße ein paar Backsteine aufgetürmt, um den Verlauf der Grundmauern wenigstens annähernd erahnbar werden zu lassen – nicht ohne ein Heiligkeit beschwörendes Holzkreuz aufzustellen, an dem sich während meines Besuches zwei Zigeuner festhielten, als sie nach der zweiten Mittagspausenflasche Vodka, die sie auf der ehemaligen Kirchenmauer geleert hatten versuchten, ihr Tagwerk wieder aufzunehmen, worin auch immer das bestanden haben mag.
Ich habe kein Foto von dieser Trostlosigkeit gemacht, das hat Elisabeth nicht verdient.
Fahren wir lieber zur Burg Čičva und stellen wir uns vor, sie wäre Elisabeths Aufenthaltsort vor der Heirat gewesen.
Čičva. Super Aussicht, wenig Burg.
Das Spannendste an Čičva waren die Warnschilder. Die Burg ist in einem so miserablen Zustand, dass man sie ausdrücklich auf eigene Gefahr betritt. Sie liegt auf einem Felsvorsprung ohne jede Absicherung, weshalb man sich gut überlegen sollte, wie weit man für ein Selfie geht. Ich habe keins gemacht, die Burg sah alt genug aus.
Übrigens war Čičva, wo Elisabeth Báthory eine Schatzkammer unterhalten haben soll, die erste Burg, die von Unbekannten geplündert wurde, nachdem die Eigentümerin auf Čachtice festgesetzt worden war.
Woher die Unbekannten das nur wussten!?

Von Koşice nach Tokaj
Auch die zweitgrößte Stadt der Slowakei lag nicht immer in der Slowakei. Deshalb hat sie einen deutschen Namen, Kaschau, und einen ungarischen, Kassa (sprich: Koscho). Zu Elisabeth Báthory gibt es keine unmittelbare Verbindung, aber die Innenstadt ist prächtig, und deshalb fuhr ich hin. Sie besteht im wesentlichen aus einer Prachtmeile, der Hlavná, die das rechteckige Zentrum von Nord nach Süd halbiert und auf der sich Kirche an Museum an Theater an Opernhaus reiht, unterbrochen von Läden und Cafes, und mittendrin noch Platz lässt für einen kleinen Park mit Wasserspielen und Musik vom Band. Die Fontänen auf dem mittleren Bild zuckten gerade zum Gitarrensolo aus Pink Floyds „Shine on you crazy diamond“.
Die beiden Stadthälften links und rechts der Hlavná sind ein Konglomerat aus weiteren Museen, Stadtpalästen vornehmer, meist ausgestorbener Familien, Kinos, noch zwei Parks, ein paar Straßenbahnlinien und gefühlt eintausend Kneipen.
Da ich nicht viel Zeit hatte, hier zu verweilen, trank ich nur einen ausgezeichneten Cappuccino für 2 Euro, genoss den schönen Anblick von Koşices Frauen und die altmodische Tatsache, dass es in der Slowakei noch immer virile Männer gibt, die es nicht mögen, wenn man ihre Frauen anglotzt. Chapeau!
Für die Weiterfahrt nach Ungarn nahm ich die Landstraße, die kurz vor Tokaj einspurig wurde, da die Polizei die Gegenfahrbahn gesperrt hatte. Ein schweres Motorrad, von dem nicht viel mehr übrig war als das italienische Kennzeichen, war mit einem Traktor verschmolzen, der aus den Weinbergen kam. Vom Fahrer war nichts mehr zu sehen; ich versuchte allerdings auch, nicht allzu genau hinzuschauen.
Gleich darauf, als wäre nichts geschehen, bot sich mir dieser Anblick:

Ob der Italiener eine Sekunde zu lang nach rechts geschaut hat?
Auch die nächste Burg war sehenswert und in erstaunlich gutem Zustand. Ihr ungarischer Name: Boldogkővár. Also etwa „Burg Glücklichstein“. Noch schöner der Name des Dorfes darunter: Boldogkőváralja. „Das Dorf unterhalb von Burg Glücklichstein“.

Dann fuhr ich durch Tokaj und fand nichts daran, noch nicht mal ein Fotomotiv.
Sag niemals Nyír!
Es waren einmal zwei Brüder aus dem Schwobaländle, der Gut und der Keled, die hatten sich verlaufen. Ond ned bloß ä bissle, sondern richtig. Sie waren tief in Ungarn, in einer Gegend, die Nyírség hieß, Birken- oder Sumpfland. Eigentlich waren sie auf Schwammerlsuche, doch da sie lange keine fanden, liefen sie immer weiter.
„Ha noi“, sagte der Gut, „wo send mr denn do naigrata?“
„Woisch, Keled, i glaub, mir send nemme bei Göppenga.“
„Aber a Haufa Birka gibt’s do!“
Das war richtig, doch plötzlich standen sie nicht nur unter Birken, sondern auch einem Drachen gegenüber, der eine Umweltabgabe wegen unerlaubten Pilzesammelns forderte.
„Nyírgomba!“, keifte das grüne Monstrum, „Birkenpilze! Nyírgomba!, Nyír, Nyír!“
Damit aber geriet der Drache bei den Schwaben an die Falschen!
„Du, Keled, i glaub, dr Drach will Geld!“
„Für dia paar Birkapilz, wo mir gfunda hend?“
„I glaub, i hau dem glei a paar uffd Gosch!“
Gesagt, getan – und weil die beiden Brüder jung und kräftig waren, schlugen sie dem Drachen gleich drei Zähne aus.
Ein paar Ungarn, die der Drache zuvor in der Nähe von Kassa zur Kasse gebeten hatte, sahen aus sicherer Entfernung zu. Sie fanden es ungemein tapfer, einfach so einen Drachen zu verprügeln. Tapfer aber heißt auf Ungarisch „bátor“ – und so nannten sie die beiden schwäbischen Brüder fortan. Die freilich nicht mehr nach Hause zurückgingen, sondern sich vor Ort ein Häusle bauten. So wurden aus Gut und Keled die Báthory, aus dem Dorf am Rand des Sumpflands, das sie gründeten, wurde Nyírbátor, und aus den drei Drachenzähnen ein Familienwappen, und das sah so aus:

Die drei Zähne aber brachten die Báthory dem ungarischen König, der ihnen zum Dank einen großen Landbesitz bei Ecsed schenkte. Groß heißt auf ungarisch Nagy, und so entstand Burg Nagyecsed, auf der ungefähr 500 Jahre später Elisabeth Báthory ihre Kindheit verbringen sollte
Geboren aber wurde sie in Nyírbátor.
Das war mein nächstes Ziel.

Diese schmucke Loggia, vor Touristen gut versteckt, weil spärlich beschildert, ist leider alles, was vom Báthory-Schloss noch übrig ist – und selbst sie ist eine Rekonstruktion.
Zwar hatten die Báthory im 15. Jahrhundert ihren Adelssitz zu einem repräsentativen Renaissance-Schloss ausbauen lassen, doch schon 1648, als es in den Besitz der Familie Rákoczi kam, war es halb verfallen. Übrig blieb schließlich nur der einstige Ebédlőpalota, der Speisepalast, der im 18. Jahrhundert als Getreidespeicher genutzt wurde und nur einen kleinen Teil des Gesamtbaus ausmachte. Ausgrabungen haben ergeben, dass Schloß Nyírbátor eine dreiflügelige Palastanlage war, die einen Innenhof umschloss. Geschützt wurde das Ganze von einer Palisade und einem Wassergraben. 2006 stellte man wieder her, was noch übrig war.
Im Inneren erwartet den ehrfürchtigen Besucher aber nur eine weitere Geschmacklosigkeit, wie bei allem, was mit Elisabeth Báthory zu tun hat; in diesem Fall: ein Panoptikum. Wachsfiguren mediokrer Qualität sollen Szenen aus dem Leben Elisabeths veranschaulichen und wirken dabei so lebendig wie – nun ja, Wachsfiguren.
Eine Zangengeburt mit völlig deformiertem Schädel frisst einen Fasan, während neben ihm eine Matrone vor einem Zinnteller auf ein schlecht gerupftes Kaninchen oder ähnliches blickt und sich ein ungepflegter Greis im niemals gewaschenen Wams gleich daneben einen überfahrenen Hund schmecken lässt. Ihn zumindest so ansieht.
Völlig zusammenhanglos dazu sollen wir im nächsten Schaubild gleich nebenan anscheinend erfahren, wie Dienerinnen beim Ankleiden halfen; allein, sie tun es nicht, sie stehen einfach nur blöd in der Gegend herum, während die edle Dame, vermutlich Elisabeth, bereits völlig bekleidet auf einem Schemel sitzt (und sich wahrscheinlich überlegt, wie sie die Miststücke dafür büßen lässt).
So geht es immerfort weiter, bis zum schaurig-schauerlichen Höhepunkt, bei dem ein entmenschter Torso … pardon: Thurzó … der streng ihn anblickenden Elisabeth irgendwas Furchtbares entgegenschreit, skeptisch von König Matthias II. beäugt, der aus unerfindlichem Grunde daneben sitzt, während sich Elisabeths Cousin Gábor, zu diesem Zeitpunkt Fürst Siebenbürgens, ein klein wenig fremdschämt.
Mein Besuch fiel auf einen Sonntag mit freiem Eintritt, eine Idee, die sicher nicht auf Gut und Keled zurückgeht, mir aber eine kleine Entschädigung war.
Gleich gegenüber dem wächsernen Wahnsinn steht seit einem halben Jahrtausend unzerstört die Kirche, die Elisabeths Großvater, István Báthory, der Sieger vom Brotfeld, anlässlich dieser Türkenschlacht bauen ließ.
Die hätte ich gern von innen gesehen, doch noch immer ist Sonntag. Ganz Nyírbátor sitzt drin. Da muss ich leider draußen bleiben.

Beschließen wir also die Reise auf Báthorys Spuren und verlassen wir Ungarn. Unser Ziel liegt ja ohnehin jenseits der Wälder des Ostens, im Erdély, dem Székelyfőld, in Siebenbürgen.
Auf geht’s zur Hundehautsuche.
Am Ziel. Kismedesér, Énlaka, Szászkézd.























