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Ein namenloser Hund

Am Keisder Kirchplatz war es am schönsten. Nach einer kurzen Entenjagd, die mehr ein Scheuchen war und bloß als Vorwand diente, sich an diesem schon beträchtlich warmen Morgen in den Saubach werfen und abkühlen zu können, schleppte sich der Hund, ein schon etwas betagter, kurzhaariger Mischling, ein wenig ungeschickt, aber stark tropfend an Land, schüttelte sich gerade so weit, wie sein Instinkt ihn dazu zwang und trottete dann leicht humpelnd zu seiner Lieblingsstelle, an der sich die Schatten des mächtigen Turms der Wehrkirche und einer ebenfalls mächtigen Ulme trafen. An dieser Stelle lag immer etwas Stroh, weil viele der Fuhrwerke in Richtung Süden hier nochmal hielten, um den Pferden eine kurze Futterpause zu gönnen, ehe es in die Berge hinauf ging. Im Winter, wenn alles im Matsch versank, war der Platz einer der wenigen trockenen, und jetzt, in der Hitze des Juli, nicht so staubig. Hier würde er es bis weit in den Nachmittag aushalten, ehe der Sonnenstand – oder der Hunger – ihn dazu zwingen würden, sich zu bewegen.

Ein paar Kinder, starrend vor Dreck und munter auf dem Weg zum Bach, kamen ihm entgegen und versuchten, ihn spielerisch mit einem Stock zu ärgern, was er routiniert durch einen Schlenker zu vermeiden wusste. Wenige Meter weiter zuckte er kurz zusammen, als ihn ein krachendes Geräusch schmerzhaft ins linke Ohr traf, das von der Dorfschenke und einem Holzfass stammte, das dem Schankwirt und seinem Gehilfen zu schwer geworden war. Die Männer fluchten auf deutsch, und auch wenn der Hund kein Wort verstand, vermochte er doch zwischen dieser und den anderen Sprachen zu unterscheiden, die im Dorf gesprochen wurden. Von den Deutschen gab es ab und an sogar einen Knochen, aber nicht alle der hier Lebenden waren so freundlich zu herrenlosen Hunden.

Ein Reiter ohne Sattel auf einem sehr müden Pferd querte die Hauptstraße und trieb ein paar Hühner vor sich her, die zu dumm waren, seitwärts zu fliehen. Das Gegacker ließ einen anderen Hund in Riech-, aber außer Sichtweite kurz aufbellen. Es war dies mehr eine Beschwerde über gestörten Schlaf als wachsames Lautgeben, denn das Bellen ging fließend in maulendes Jaulen über, das rasch verklang.

Aus sehr großer Ferne, für Menschen unhörbar, konnte der Hund die Stimmen einiger Frauen wahrnehmen, die auf einem Feld arbeiteten und dabei sangen.

Alles in allem aber war es still.

Er war jetzt an seinem Lieblingsplatz angekommen, hatte sich dreimal um die eigene Achse gedreht, dabei den größten Teil des Strohs um sich herum verteilt, so dass er letztlich doch auf der blanken Erde liegen würde und sich endlich wenig elegant fallengelassen, als am südlichen Rand des Dorfes ein Planwagen auftauchte. Zwei Männer saßen auf dem Bock. Der Ältere trug eine graubraune Fellmütze, ein zerschlissenes, über der Brust geschnürtes Hemd, eine dreiviertellange Hose und ein Messer im Gürtel, bei dem es nicht ganz zum Schwert gereicht hatte. Er war barfuß, während der jüngere, der sich ein Tuch um den Kopf gebunden und sich, trotz der Wärme, eine Art Decke über die Schultern gelegt hatte, dicke, rindsledernde Stiefel trug, die bis unters Knie reichten.

Als der Wagen am Ortseingang eine alte Bäuerin passierte, riss die ihre Schürze hoch, wand sich ab und barg ihr Gesicht darin. Obwohl an Gerüchen manches gewohnt, konnte sie nicht anders, als ein Lufthauch vom Karren sie streifte: das war Verwesung.

Auch die Männer rochen nicht gut, sie mochten sich lang nicht gewaschen haben. Doch das reichte nicht annähernd an den Gestank ihrer Ladung.

Es war das Unglück unseres namenlosen Hundes, dass der Wind an diesem Tag nur schwach und nicht wie meist aus Westen wehte. Statt Reißaus zu nehmen, war er eingedöst, und als sich das Geräusch der Hufen und hölzernen Räder seinem Schlafplatz näherte, anstatt weiter der Dorfstraße zu folgen, war es nur sein Gehör, das diese Unregelmäßigkeit notierte. Tatsächlich blinzelte er kurz mit einem Auge, doch die Hitze hatte ihn unendlich träge gemacht. Als der beißend-süßliche Gestank endlich seine Nase fand und Alarm auslöste, wäre es gut gewesen, er hätte so blitzartig aufspringen können, wie ihm das Adrenalin durch die Adern schoss. Zwar kam er mit den Vorderpfoten hoch, doch hinten lahmte er.

Die beiden Zigeuner aber verstanden ihr Handwerk. Sie waren nahezu lautlos vom Wagen geglitten und wandten sich dem Hund von hinten zu. Damit standen sie zwar im Wind, waren aber heran. Mit großer Geschicklichkeit führte der ältere die lange hölzerne Stange, mit der er sich sein jetzt wütend um sich schnappendes Opfer vom Leib halten konnte, falls die Schlinge den Kopf verfehlte. Was sie nicht tat; sie legte sich vielmehr präzise um den Hals des Tieres. Sofort war der zweite Fänger zur Stelle. Die vermeintliche Decke um seine Schultern war ein grober Jutesack, den er gewandt abwarf und in derselben Bewegung öffnete. Durch die Stiefel geschützt stellte er sich breitbeinig über das sich windende Tier, zwängte es zwischen seine Knie und zog ihm den Sack über den Kopf. Sofort ließ der Ältere die Stange los und schnappte sich die Beine des Hundes. In weniger als drei Sekunden war er im Sack gefangen. Die Männer zerrten das Bündel an der herausstehenden Stange zum Wagen. Dort lagen die Keulen griffbereit. Sie wussten nicht nur, wie man Hunde fängt. Sie waren auch gut darin, Tiere so zu töten, dass im Fell keine hässlichen Schnitte und Löcher verblieben.

Das entsetzliche Wimmern des sterbenden Hundes drang bis zu den Kindern am Bach und schreckte sie auf. Doch als sie den Kirchplatz erreichten, sahen sie nur einen Planwagen, der nordwärts fuhr, dem Saubach folgend. Den Blutfleck an der Stelle, an welcher der Wagen zuvor gestanden hatte, wussten sie nicht zu deuten. Auch dass der Hund, der sonst täglich auf dem Kirchplatz unter der Ulme gelegen hatte, nie wieder dort liegen würde, kam ihnen ebenso wenig in den Sinn, wie die Tatsache, dass dieses Tier nur mehr ein blutiger Kadaver war, dessen Fell in einer Gerberei in Bistritz zu einem feinen Stück Pergament werden würde, auf welches sich bei Hofe die allerwichtigsten Dinge festhalten ließen.

Der Hof aber lag in Gyulafehérvár, auch Alba Julia genannt, und das Jahr war 1661.

Aber auch davon wussten die Kinder nichts.

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