Professor Wolf
Die Zugfahrt nach Kolozsvár begann im morgendlichen Nebel. Der war keine Seltenheit um diese Jahreszeit, doch ungewöhnlich dicht vor meinem Fenster. Auf dem Weg zur Toilette bemerkte ich, dass auf andere Sitze Sonnenschein fiel.
Sieh an: Zwei Reihen weiter ließ sich die weite, sanft gewellte und fast baumlose Landschaft, durch die der Zug munter ratterte, viel besser genießen. Heimelig wirkte es da draußen, friedlich, fast etwas Auenlandhaft. Man bekam Lust, sich in das vom Schafkot erweichte Gras zu legen und in den wolkenlosen Himmel zu starren.
Kolozsvár also. Die Stadt der drei Namen. Cluj-Napoca hieß sie auf rumänisch, und wie nochmal ‒ ach ja, Klausenburg auf deutsch. Ein ganz kleines Glöckchen bimmelte hinten im Oberstübchen; wo hatte ich den Namen schon einmal gehört?
Als wir in den Bahnhof einfuhren, wusste ich es. Das würde meine Eröffnung werden, wenn ich den Herrn Professor begrüßte. Ein brillanter Scherz!
Meine Unterkunft lag ganz zentral; ich musste vom Bahnhof nur wenige Kilometer auf der schnurgeraden Strada Horea nach Süden laufen, einem vierspurigen Boulevard von äußerster Schäbigkeit, um dann den Somesch, eine Art Fluss, zu überqueren ‒ und schon war ich da.
Das Hotel hieß, wie auch sonst, „Transsilvanien“, wohlgemerkt auf deutsch, und befand sich in einem Innenhof, in dessen erstem Stock rundum ein Balkon verlief, über den die Zimmer zu erreichen waren. Meines war etwas größer als das Badetuch, zwischen dessen Fäden man das Bett erkennen konnte, auf dem es ausgebreitet war. Immerhin war das Fenster sauberer als das im Zug, dafür schloss die Tür nicht dicht.
Die Kamera musste also mit auf die Erkundungsrunde, während es wenig wahrscheinlich war, dass der Rest meines Gepäcks nach sechs Tagen Reise gestohlen würde.
Es waren nur wenige Schritte zum Platz der Vereinigung mit der gotischen Michaelskirche aus dem 14. Jahrhundert und dem Reiterdenkmal des Matthias Corvinus, der als Ungarns größter König gilt.
„Matthias Rex“ stand in großen, aus Metall gegossenen Lettern auf dem Sockel.
„Manchester United“ stand auf einer gewaltigen Fahne, von der die Statue beinahe verdeckt wurde, weil sich zwischen Kirche und König ein paar tausend englische Fußballfans versammelt hatten.
An diesem Dienstag nämlich, dem zweiten Spieltag der Champions League-Vorrunde, hatte der international bedeutungsarme CFR Cluj die rote Armee der Fußballwelt zu Gast.
Knapp zwölf Stunden vor dem Anpfiff wimmelte es auf dem durch Großbildschirme, Lautsprechertürme und Getränkebuden ohnehin beengten Platz bereits von englischen Fans, die wie üblich ihr Bestes gaben, um den Gegner unter dem Absingen legendärer Hymnen mit maximaler Lautstärke schon vor dem Spiel zu schwächen, indem man sich seiner Biervorräte bemächtigte. Transsylvaniens zweiter Fastfood-Laden, ein KFC diesmal, kam da als Basislager gerade recht.
Dabei hätte es der Fans gar nicht bedurft. Auch ohne sie übertraf Kolozsvár alles, was ich bisher an Lebensdichte und Radau auf meiner Reise wahrzunehmen hatte. Hier drängte sich alles, was Räder hatte, die alten, engen Straßen vielfach überfordernd, während zahlloses Fußvolk in sämtlichen Tempi dazwischenwimmelte, gehetzt der Geschäftsmann, zielstrebig die einkaufende Hausfrau, dumm dastehend der orientierungslose Tourist, nervös die eilige Joggerin, langsam der Rollatorenschieber, wippend die nah am Straßenrand kauernden Bettler. Jeder Zentimeter zählte, auf Gehweg und Fahrbahn, und elektrisch betriebene Busse, von Oberleitungen abhängig, zementierten unflexibel den Stau.
Zum Glück lag mein Ziel so zentral, dass zumindest die Autos mir nicht dorthin folgten. Da, wo ich hinwollte, waren die Pflastersteine mächtig genug, sich in den Fugen dazwischen den Fuß zu verstauchen. Steinerne Poller schützten die Ecken der uralten Häuser, auf dass kein Lieferwagen sich erdreiste, hier das Glück des Haltenkönnens zu suchen. Manche Gassen waren gleich ganz mit Ketten versperrt.
An der Stirnseite einer dieser Gassen und daher von weitem sichtbar, befindet sich das bekannteste Gebäude der Stadt: das Geburtshaus des Königs Matthias aus dem 15. Jahrhundert.
Schräg gegenüber, in einer Art Stadtpalast, liegt die gesuchte Universität (Kolozsvár hat mehr als eine). Auch hier kam ein berühmter Klausenburger zur Welt, István Bocskai, der 150 Jahre nach Matthias Herr über Siebenbürgen war.
Hier also residierte Herr Farkas, der drittwichtigste Ungar von allen, für mich jedenfalls.
Ein schweres, hölzernes Tor öffnete sich mit leisem Summen mühelos auf mein Klingeln hin. Als ich eintrat, rappelte sich ein sehr alter Pförtner aus seinem Sessel empor, kündigte mich telefonisch an und kam sogar hinter dem Sicherheitsglas hervor, um mich aufs Höflichste zu empfangen und vor mir zur nahen Treppe zu schlurfen.
Wie zu einer Audienz schritt ich die hellen Stufen aus Marmor hinauf, im Tempo schon stark von Ehrfurcht gedrosselt. Aus Nischen in den strahlend weißen Wänden blickten mich dunkle Büsten einst wichtiger Personen sorgfältig und ein klein wenig misstrauisch an.
Oder war ich es, den gerade das Vertrauen verließ?
Eine sehr lebendige Frau mit ein paar Akten unter dem Arm eilte treppauf an mir vorbei, nicht ohne „jó napot“ zu wünschen. Auf der obersten Stufe hielt ich inne, eine Doppeltür vor mir, weiß lackiert mit grauen Intarsien.
Die Frau, schon fast in einem der Gänge verschwunden, sah sich um und bemerkte mein Zögern. Lächelnd kam sie zurück, öffnete mir die Tür und zeigte nach drinnen.
„Gehen Sie nur hinein“, sagte sie jetzt auf Englisch, „Emőd erwartet Sie!“
Emőd?
War das ein Name oder ein Titel?
Das erste, was ich sah, war die Rückseite eines riesigen Computerbildschirms, der hochformatig ausgerichtet war. Dahinter, teilweise verdeckt, saß ein wohlgenährter Mann in legerem Hemd und blickte mich neugierig über den Rand seiner Brille an.
„Herr Farkas?“ fragte ich zögernd auf Englisch.
„Genau der!“, kam es zurück und im etwas dünnen, leicht rötlichen Bart zeigte sich ein breites, herzliches Grinsen. Sofort stand er auf und trat hinter dem Schreibtisch hervor. Jetzt konnte ich sehen, dass er Jeans und Sandalen trug. Er mochte Mitte Vierzig sein, hatte leuchtend hellblaue Augen und ein Gestrüpp auf dem Kopf, das man nicht mal mit bestem Willen eine Frisur nennen konnte.
„So also sieht der berühmte Professor Abronsius aus Klausenburg aus!“, startete ich meinen vorbereiteten Scherz. „Polanskis unerschrockener Vampirjäger!“
„Sie meinen Königsberg, nehme ich an“, antwortete Farkas, ohne eine Sekunde zu zögern. „Professor Abronsius aus ʻTanz der Vampireʼ hat in Königsberg studiert, nicht hier in Klausenburg. Eigentlich schade; ich hätte gern so einen Kollegen! Und wir sind doch viel näher dran an Graf Dracula als die Preußen, nicht wahr? Waren Sie schon in Schäßburg?“
Ich bejahte knapp.
Auweija!
Natürlich war es Königsberg, es war doch eine Anspielung auf Kant, wie peinlich!
Und er hatte es sofort bemerkt und aufs charmanteste verhindert, dass es mich ganz aus der Kurve trug. Schäßburg. Draculas Geburtsort, Heimat meines Großvaters. Wir waren also gleich im Thema.
„Da wir uns sowieso nur auf Englisch unterhalten können“, fuhr Farkas fort, „schlage ich vor, wir nennen uns beim Vornamen. Ich heiße Emőd. Nimm Platz!“
Er zog einen Stuhl für mich heran, setzte sich selbst in seinen ziemlich teuer aussehenden Sessel und zeigte auf den riesigen Monitor.
„Wenn man hauptsächlich für den Dekan einer ungarischen Universität in Rumänien arbeitet, liegt der Schwerpunkt auf dem Schreiben von Bittbriefen. Ich habe daher das Bildschirmformat diesem Zweck angepasst. Für unsere Zwecke sollte ich den Monitor aber wieder quer stellen, denn wir wollen ja Stammbäume betrachten.“
„Richard, angenehm1“, hinkte ich leicht hinterher und setzte hinzu:
„Emőd ist ein ungewöhnlicher Name. Ich habe ihn noch nie gehört.“
War das jetzt unhöflich?
„Er ist alt, sehr alt. Ich habe gelesen, er geht auf skythische und sarmatische Wurzeln zurück. Angeblich gibt es einen Gebirgszug dieses Namens im Nordwesten Indiens. Der wiederum ist nach dem Verb ʼemelkedniʻ benannt, was ʼsich erhebenʻ bedeuten soll. Wir haben in Ungarn eine Stadt, die auch Emőd heißt. Ich war aber noch nie dort und glaube auch nicht, dass es da besonders Erhabenes zu sehen gibt.“
Ich rückte meinen Stuhl näher an den Bildschirm. Was Emőd mir auf dem Bildschirm zeigte, war deutlich spannender als die Etymologie ungarischer Vornamen. Ich sah einen enorm umfangreichen, vielhundertfach verästelten Stammbaum von ʼMyHeritageʻ, einem Genealogie-Programm. Links oben konnte ich die Gesamtzahl der Personen darin ablesen: 2.715.
„Ich habe nicht alles selbst recherchiert“, erklärte Emőd jetzt. „Es gibt ein paar gute und auch ein paar entferntere Bekannte, die so freundlich waren, mich auf ihre Daten zugreifen zu lassen und meinem eigenen Baum dadurch beim Gedeihen zu helfen. Der älteste Eintrag ist aus dem späten 17. Jahrhundert. Ein Mátéffy, übrigens.“
„Das war der Mädchenname meiner Großmutter, mütterlicherseits.“
„Ich weiß, der Pfarrer hat es mir erzählt. Und das ist außerordentlich interessant. Willst du wissen, warum?“
Emőd grinste wieder. Ich spürte, dass auch er sich auf unser Treffen vorbereitet hatte, allerdings nicht mit einem dämlichen Witz. Er musste etwas Besseres auf der Pfanne haben.
„Die Frau deines Urgroßvaters Ferenc, nach dem du in Szentábrahám gesucht hast, war eine geborene Lőrinczy. Ihr Bruder Béla war der Schulleiter in Székelyudvarhely, ein sehr angesehener Mann. Er hatte einen Sohn, Géza, der ‒ zufällig mein Großvater war.
Du weißt, was das bedeutet?“
„Nein, das heißt, vielleicht. Moment.“
Emőd grinste nicht mehr, er lachte jetzt.
„Willkommen zu Hause, mein lieber Cousin!“