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Die Vetternwirtschaft

Mit geleckten Vortages-Wunden bestieg ich einen frühen Zug, der mich noch vor Tagesanbruch zur nächsten Etappe meiner Reise bringen sollte. Hatte ich mich bisher auf sächsischem Terrain bewegt, wurde es nun Zeit, die Seiten zu wechseln und mich jenen Menschen zu nähern, deren Sprache ich nicht sprach und bei denen mir Italienisch nicht helfen würde: den Széklern.

Die Verbindung zwischen beiden bestand in meinen Großeltern und war zu Beginn des 20. Jahrhunderts alles andere als selbstverständlich. Sachsen und Székler achteten sich, Freunde waren sie nicht.

Mein sächsischer Großvater hatte den größten Teil des Ersten Weltkriegs in italienischer Gefangenschaft überlebt und war mit Anfang Zwanzig nach Schäßburg heimgekehrt, wo er seine Schreinerlehre zu einem Meisterbrief führte.

Meine ungarische Großmutter, ein höheres Töchterchen aus niederem Adel, lebte gut dreißig Kilometer entfernt in einem Ort mit unmissverständlichem Namen: Székelykeresztúr, eine Siedlung von Széklern, errichtet um ein christliches Kreuz.

Wie sie sich kennenlernten, ist nicht überliefert, wohl aber, wie die Ehe sich anbahnte. Beziehungsweise anradelte. Denn nur zu gern erzählte mein Großvater, wie er seine Angebetete zum samstäglichen Tanzabend in Schäßburg mit dem Fahrrad in Keresztúr abholte und sie zur vereinbarten Zeit wieder dort ablieferte. Das bedeutete, dass er die Strecke an diesem Tag viermal fuhr, davon zweimal mit „Gepäck“.

Die Fahrten lohnten sich, bald wurde geheiratet. 1928 kam das erste Kind zur Welt, eine Tochter, meine Mutter ‒ und das in Székelykeresztúr. Hier hoffte ich, ihr Geburtshaus zu finden, möglicherweise ein paar aufschlussreiche Dokumente ‒ und vielleicht sogar eine Spur der Hundehaut, auf deren Fährte mich Dénes gesetzt hatte.

Ich stieg aus dem Zug und trat in das trüb-gelbe Licht der Bahnhofslaternen, das gerade weit genug über die Gleise hinaus leuchtete, um mich im Halbdunkel einen Schotterweg erkennen zu lassen.

Ich drehte mich einmal im schwarzblauen Kreis, um zu erkunden, wohin ich mich wenden musste, als ich sanft angerempelt wurde. Etwas stapfte hinter mir auf. Ein zweiter Rempler folgte, sofort ein etwas stärkerer, dritter, dann sah und roch ich zugleich: ich war von Kühen umringt, eine Herde hatte mich beiläufig eingemeindet. Die Tiere waren so übernächtigt wie ich und schoben mich harm- und hirtenlos auf ihrem allmorgendlichen Weg mit zur Weide – die freilich nicht im Ortskern lag.

Vorsichtig gleitend, schiebend und drängelnd befreite ich mich Kuh um Kuh sehr langsam aus dem rustikalen Rudel, und als ich wieder Herr meines Weges war, stand ich irgendwo auf freiem Feld.

Ein erster Anflug von Sonnenschein zeigte mir im Westen und einiger Distanz etwas wie Häuser.

Wie fast alle transsylvanischen Siedlungen besteht auch Székelykeresztúr im Wesentlichen aus einer mehr oder weniger geradlinigen Hauptstraße, zu deren beiden Seiten sich die Häuser reihen, mit der Schmalseite und einem Tor zur Straße hin zeigend und allem, was wichtig ist, nach hinten versteckt.

Dieser Haus-Garten-Haus-Rhythmus, gelegentlich unterbrochen durch ein Motel, ein Wettbüro oder einfach eine Ruine, führte mich an mehreren Kirchen vorbei, an einer kleinen Grünanlage, deren frisch gepflanzte Bäume mit Luftballons geschmückt waren und schließlich in die Ortsmitte mit dem unverzichtbaren Denkmal des Nationaldichters Sándor Petőfi, der auch mehr als 150 Jahre nach seinem geheimnisvollen Tod noch von vielen fast wie ein Heiliger verehrt wird. Sicher war auch der Platz um das Denkmal nach ihm benannt. Tatsächlich zeigte das zweisprachige Straßenschild zwar nicht Petőfys Namen, aber dessen hehres Ziel: Plaţa Libertaţii / Szabadság Tér, Platz der Freiheit.

Die ersten Geschäfte öffneten jetzt, darunter ein hoch willkommenes Café. Beim Versuch, ein Frühstück zu ordern, wie ich es aus Schäßburg kannte, begannen die erwarteten Probleme. Hier wurde Ungarisch gesprochen, und Gogoşi hießen jetzt wieder „Lángos“. Außerdem gab es keine, denn sie mussten erst gebacken werden. Stattdessen gab es Kaffee, der sich ebenfalls von dem unterschied, was man so kennt.

Da weiter im Westen noch etwas Stadt übrig war, setzte ich meinen Marsch wach, aber hungrig, in diese Richtung fort und erreichte bald eine weitere Kirche, die unitarische. Sie unterschied sich architektonisch nur gering von den bisherigen, im Vorgarten jedoch erheblich, denn auf einer gepflegten Wiese stand eine Gruppe von dunkel gebeizten, mit Schnitzereien verzierten Holzstämmen, die teils mit Bändern in den ungarischen Farben geschmückt waren und mich entfernt an Marterpfähle erinnerten.

Ich wusste vom unitarischen Glauben nur, dass meine Großmutter ihm angehört und nie darüber gesprochen hatte. Sicher hätte sie ihrem von Winnetou und Old Shatterhand begeisterten Enkel gegenüber erwähnt, wenn Marterpfähle in ihrer Religion eine Rolle gespielt hätten. Anscheinend taten sie es nicht. Weil es in München keine unitarische Kirche gab, besuchte sie sonntags manchmal die Neuapostolische, von der meine protestantische Mutter sagte, das sei „eine ähnliche Sekte“, und da ich mit zwölf keine Ahnung hatte, was eine Sekte war und meine Oma zugleich nie den Eindruck machte, als stimme etwas nicht mit ihr, ließ ich es dabei bewenden und stellte keine Fragen.

Kurz hinter der Kirche, nur ein paar Häuser weiter, stieß ich auf das nächste große Gebäude. Es war so mächtig, dass ich die Straßenseite wechselte, um es in seiner ganzen Breite erfassen zu können. Vor mir erhob sich eine Art zweigeschossiger Palast, dessen Fenster und Eingang mit Giebeln im Neo-Renaissance-Stil verziert, aber seit dem letzten Krieg weder geputzt, noch geweißelt worden waren. Neben der Tür, in einem der Pfeiler, die den Rundbogen darüber trugen, steckte ein eiserner Fahnenmast, um den sich eine zerfetzte, verblichene, rumänische Flagge gewickelt hatte. Die Fenster waren blind, in manchen fehlte eine Scheibe.

War das etwa das Rathaus?

Ein blaues, verwittertes Schild mit heller Schrift stellte klar: es war das Krankenhaus. Und zwar das staatliche, Zweigstelle Székelykeresztúr.

Hier würde ich mir nicht mal den Blutdruck messen lassen, dachte ich, während ich sehr langsam verstand, dass hier sogar Kinder geboren wurden!

War meine Mutter etwa in dieser Bruchbude zur Welt gekommen?

Das konnte nicht sein. Sicher war es wie bei ihrem Vater gewesen: die Geburt geschah im Elternhaus der Mutter. Es musste so sein. Gewiss war meine Großmutter ebenfalls aus Schäßburg, wo sie als Ehefrau lebte, zur ersten Niederkunft nach Hause gefahren.

Und dieses Zuhause wollte ich finden!

Von Dénes wusste ich, dass die Mátéffy aus Szentábrahám stammten, einem Dorf nur wenige Kilometer entfernt. Nach dem frühen Tod meines Urgroßvaters zog dessen Witwe mit ihren vier Töchtern in die Stadt, hierher, nach Székelykeresztúr. Und die Adresse kannte ich auch ‒ von einem handbeschriebenen Briefumschlag aus dem Nachlass meiner Mutter. „Csekefalvi utca“ stand dort zu lesen.

Doch die Hausnummer fehlte, denn der Postbote brauchte sie nicht. Er kannte damals wohl jeden im Ort persönlich.

Aber ich würde nichts unversucht lassen; die Straße lag nur ein kurzes Stück hinter mir, gleich neben Petőfis Denkmal. An der Hausecke, an der sie auf den Freiheitsplatz mündete, hing unter dem Namensschild ein zweites, kleineres:

In der Pension, die sich einst an dieser Stelle befand, habe der Dichter die letzte Nacht seines Lebens verbracht, erzählte es auf Ungarisch.

Tatsächlich war Petőfi nicht weit von hier am 31. Juli 1849 spurlos verschwunden, vermutlich gefallen durch die Hand russischer Soldaten nach dem bereits verlorenen Gefecht um Ungarns Freiheit. Doch seine Leiche wurde nie gefunden.

Wie Ur-Omas Haus.

Denn auch die Csekefalvi utca folgte dem gleichen Muster wie die Hauptstraße. Auf ein Gebäude folgte ein Garten, dann wieder ein Haus. Ab und zu lag ein Acker dazwischen, ein Rinnsal wohl auch. Durch die meisten Tore konnte man in die Höfe blicken. Überall pickten Hühner, fast überall döste ein Hund. Die Gärten waren liebevoll angelegt und ähnelten einander: Blumenstauden zierten die Ränder der Beete, an Pfosten hingen Utensilien und Werkzeuge, die bei uns nur zu Dekorationszwecken gedient hätten. Hier und dort war auch jemand am Werk, doch fragen konnte ich nicht. Niemand würde sich erinnern, in welchem Garten meine Großmutter und ihre Schwestern gespielt hatten, es war schlichtweg zu lange her.

So hatte Keresztúr sich unerwartet schnell für mich erschöpft. Nicht ahnend, was es noch zu bieten haben würde, setzte ich mir ein naheliegendes, neues Ziel: Szentábrahám.

Da nichts dorthin fuhr, würde ich abermals – laufen. Diesmal aber auf der Landstraße, ohne Abkürzung, Hirtenhunde oder sonstige Bedrohlichkeiten.

Muss ich erwähnen, dass es wieder ein heißer Tag war? Dass die Luft schon am Vormittag flimmerte und mein Hemd an mir klebte? Diesmal jedoch hatte ich Wasser dabei, bloß die Straße bot keinen Schatten. Stattdessen verlief sie zwischen zwei Höhenzügen durch ein Tal mit reichlich Stauraum für Hitze.

Csekefalva markierte die Hälfte der Strecke. Das Dorf war klein, verfiel allmählich, leistete sich aber den Luxus zweier Kirchen, eine auf jeder Seite der Straße. Beide Türme wiesen eine erhebliche Schräglage auf, als hätten sie miteinander gewettet, wer länger schiefstehen konnte. Tatsächlich lagen die Kirchen ein gutes Stück auseinander, doch aus der Ferne wirkten sie, als neigten die Türme sich einander zu, wie zwei schwerhörige Alte, die das Ohr des anderen suchten. Hatte meine Großmutter sie auch so gesehen? Oder standen die Türme vor hundert Jahren noch aufrecht?

Zwei heiße Kilometer später, nach einem langen, flimmernden Abschnitt der Straße, markierte ein überraschend gepflegtes Fußballfeld den Ortsrand Szentábraháms. Drei Maissilos lagen dahinter, gegenüber ein kleines, hölzernes Zier-Széklertor mit dem üblichen Gruß: „Isten hozott!“ (Gott hat dich gebracht!) und einer Runenschriftzeile darunter.

Wie lang hatte ich für die sieben Kilometer gebraucht? Ich war kurz vor zehn Uhr gestartet. Jetzt war es … wo war meine Uhr?

Ich suchte in sämtlichen Taschen, im Rucksack, an den unwahrscheinlichsten Orten, lief bis zum Fußballfeld zurück, wo ich angehalten hatte, um etwas zu trinken – doch die Uhr blieb verschwunden. Sie musste mir vom Handgelenk geglitten sein, fortgespült vom Schweiß, der seit Stunden an mir hinunterrann, während ich der Vergangenheit hinterher- und entgegenlief, bis hier, in dem kleinen, alten, transsilvanischen Dorf keine Zeit mehr vonnöten war.

Die unitarische Kirche lag unweit vor mir, sie schien frisch gestrichen, doch auch ihr Turm stand schief. Dort lag mein Ziel.

Hier musste es Dokumente geben, einen Pfarrer, mit Glück einen alten. Hier würde ich alles über meine Ahnen erfahren, hier würde vielleicht gar die Hundehaut liegen, in einer Schatulle wie meine Kopie daheim; wie praktisch, dass sich hier jahrhundertelang nichts verändert hatte!

Weithin silbern glitzerten die Schindeln des spitz aufragenden Kirchturmdaches. Im Näherkommen bot sich eine Szene wie aus dem Märchen: die kleine, reinlich wirkende Kirche, vom Alter leicht zur Seite gedrückt, grenzte an Weinstöcke und einen obstbaumbestandenen Hang. Vom Dorf trennte sie eine Wiese, auf der ein einzelnes Pferd im Schatten des einzigen Baumes friedvoll graste. Zur Straße wurde die Kirche von einer Mauer nur symbolisch beschützt: kaum schulterhoch war die weiß getünchte Barriere, mit roten Ziegeln gedeckt wie das Kirchdach. Den Zugang zum kleinen Vorhof und ehemaligen Friedhof an der südlichen Seite des Schiffes regelte ein hölzernes, mit gemauertem Giebel geschmücktes Tor, darauf das Wappen der unitarischen Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Über allem schwebte die Mittagshitze etwas leichter als sonst, denn ein Lufthauch wehte von Norden. Zikaden schnarrten der Stille zum Trotz, ein Vogel pfiff gleich darauf.

Das Tor stand offen. Aus der Kirche kam Gesang. Ich legte das Ohr an die Tür, schnell wurde es feucht wie die Augen. Die ganze Gemeinde musste da drinnen versammelt sein. Natürlich! Es war Sonntag, kurz nach Zwölf. Der Gottesdienst ging seinem Ende zu.

Nichts wie weg, dachte ich. Verschwitzt wie ich war, wollte ich keinen ersten Eindruck im Ort meiner Ahnen abgeben. Außen an der Kirchenmauer lehnend, als suchte ich bloß deren Schatten, wartete ich das Läuten der Glocke ab. Bald schwappte eine Welle aus Gläubigen gemächlich vorbei, die Männer im sonntäglichen Schwarz, als glühte es nicht im Freien, die Frauen im farbblassen Kleid.

Erst als die Letzten vorüber waren, wagte ich mich in den Hof. Neugierig auf das Innere der Kirche, aber immer noch vorsichtig gespannt, blieb ich am Türpfeiler stehen und schielte ums Eck. Gleichzeitig trat der Pfarrer ins Freie.

Ich schreckte zurück, der Pfarrer stand still, drei Männer dahinter liefen fast auf.

„Bocsánat! Entschuldigung!“, brabbelte ich, im Rückwärtsgang Abstand gewinnend.

Der Pfarrer lächelte. Wie die drei hinter ihm trug er schwarzen Anzug passend zum Schnurrbart, doch während jene sich wieder in Formation brachten und ihre etwas zu kleinen, schwarzen Hüte zurechtrückten, blieb er hutlos stehen. Er legte sich nur den Talar, den er in der Hand gehalten hatte, über die Schulter und sprach mich auf Ungarisch an.

Verstand ich ein Wort? Natürlich nicht.

„Bocsánat!“, sagte ich abermals, „sajnos nem beszélek magyarul.“

Der einzige Satz, den ich fließend auf Ungarisch aussprechen kann, erklärte ihm, dass ich kein Ungarisch spräche.

Sofort wiederholte er seine Frage, jetzt in ziemlich gutem Englisch und deutlicher schmunzelnd:

„Sie sind fremd hier, wie es scheint. Was kann ich für Sie tun?“

„Eine Menge, vermutlich.“

Endlich am Ziel, plapperte es nahezu unkontrolliert aus mir heraus.

„Zumindest hoffe ich das. Ich bin auf der Suche nach meinem Urgroßvater. Sein Name ist Mátéffy. Ferenc Mátéffy. Ich glaube, er hat hier gelebt.“

Der Pfarrer sah mich staunend und durchaus belustigt an. Er zögerte zwei Sekunden, dann sagte er:

„Mátéffy kann ich bieten. Die drei Herren hinter mir heißen alle so. Nur keiner von ihnen Ferenc. Ich bedaure.“

Der Pfarrer war über diesen Scherz wesentlich erfreuter als ich und nutzte mein verblüfftes Schweigen, um seine drei Begleiter aufzuklären. Die aber verstanden so wenig wie ich, was sich hier gerade abspielte. Einer stellte eine Frage. „Mátéffy“ kam darin vor.

„Heißen Sie auch Mátéffy?“, übersetzte der Pfarrer.

„Eigentlich nicht. Das heißt, in gewisser Weise schon. Es ist der Mädchenname meiner Oma. Aber mein Opa war Deutscher, verstehen Sie? Deshalb heiße ich anders, aber …“

„Nun, ich heiße Boros. Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich denke, wir klären alles Weitere am besten im Pfarrhaus. Ich habe Hunger; Sie auch?“

Herr Boros wandte sich wieder an die drei Mátéffys, die jetzt in begeistertes Lachen ausbrachen und nun alle zugleich auf mich einredeten. Sicherheitshalber lachte ich mit, ohne ein Wort zu verstehen, dann waren wir schon auf der Straße und nach wenigen Schritten in der himmlisch kühlen Pfarreiküche dem Paradies ein gutes Stück näher.

Die ungarische Verhörtechnik erwies sich als ausgesprochen wirkungsvoll. Man setzte mich auf einen Stuhl in der Mitte des Raumes und begann, mich zu füttern. In kürzester Zeit hatte mir Herr Boros, während die Mátéffys mich stehend, staunend, starrend umringten, die Werkzeuge gezeigt: Wein, Wurst, Brot und Käse, ein paar Zwiebeln, Wasser und zwei Flaschen Schnaps.

Nun brach er das Brot mit geübter Hand, einer der Ministranten schnippelte Wurst, der nächste drückte mir ein Glas in die Hand. Zwischen Kauen und Trinken brauchte ich nur wenige Namen zu nennen, die Herr Boros übersetzend und einordnend Stammbäumen zuwies, die hier in der Küche spontan zu sprießen begannen.

Alle drei Mátéffys, so wurde schnell klar, waren mit mir verwandt. Auch Cousins untereinander, stammten sie von Geschwistern und Cousins meines Urgroßvaters ab; es war die reinste Vetternwirtschaft, in der von nun an jede Übereinstimmung mit einem Pálinka begossen wurde, während dem Pfarrer, auch hier Mittler zwischen den Welten, vom Übersetzen bald der Schweiß auf der Stirn stand.

Nach einer Stunde war aus der Vernehmung eine veritable Familienfeier geworden und die Runde erheblich beschwipst. Ich dachte an meinen Rückweg. Noch hatte niemand angeboten, mich nach Keresztúr zu fahren und offensichtlich war auch niemand mehr in der Lage dazu. So drängte ich Herrn Boros zur Offenlegung der Kirchenbücher, auf dass ich wenigstens Fotos zur späteren Auswertung mit nach Hause nehmen könne, ehe ich mich in Marsch setzen würde, doch der Pfarrer schüttelte bedauernd den Kopf.

„Es gibt keine Kirchenbücher. Jedenfalls keine alten. Was die Russen im Krieg nicht vernichtet haben, wurde von den Rumänen mitgenommen. Das wenige Übrige liegt in ihrem Staatsarchiv, in Csíkszereda, soweit ich weiß. Es tut mir leid. Noch einen Schnaps?“

Ja, denn das war ernüchternd. Wo nicht einmal vor Kirchenbüchern halt gemacht wurde, scherte sich sicher auch niemand um ein altes Blatt Pergament…

Umgehend goss der Pfarrer ein, abermals stießen wir an.

Das Aufstehen klappte trotzdem ganz gut. Ich wollte gerade den Umarmungs- und Verabschiedungsreigen beginnen, als der Pfarrer mit einem der Mátéffy-Vettern eilig zu diskutieren begann. Der schien eine Idee zu haben.

„Csaba sagt gerade“, sagte der Pfarrer, „er wisse von einem, der die Ahnen erforscht und dir mehr helfen kann als ich. Er ist ein kluger Mann, ein Universitätsprofessor. Ich kenne ihn auch, über die Kirche. Wir können ihn anrufen!“

„Und dann?“, fragte ich.

„Dann trefft ihr euch. Er kann dir alles erklären, er weiß Bescheid. Du besuchst ihn einfach!“

Noch während ich überlegte, ob es in meinem Zustand eine gute Idee wäre, einen Unbekannten heimzusuchen, hatte der Pfarrer sein Handy hervorgezogen, Csaba diktierte die Nummer, man hörte es tuten ‒ und Boros drückte mir rasch das Telefon in die Hand!

Eine freundliche, leicht heisere Stimme meldete sich auf Ungarisch. Ich verstand nur den Namen, Farkas, sonst nichts.

„Bitte entschuldigen Sie die Störung am Sonntag“, stammelte ich auf Englisch, „ich rufe aus dem Pfarrhaus in Szentábrahám an. Der Pfarrer, ein paar Cousins und ich haben … äh … ein bisschen gefeiert, und nun sagte man, ich solle Sie wegen meiner Vorfahren anrufen. Bitte legen Sie nicht auf, das ist kein Telefonstreich.“

Die Antwort kam in akzentfreiem Englisch:

„Ich verstehe. Machen Sie sich keine Sorgen. Vielleicht reichen Sie mir einmal den Herrn Pfarrer? Danke.“

Herr Boros und Herr Farkas schienen sich gut zu verstehen, soweit ich das aus dem Tonfall und gelegentlichem Gelächter heraushören konnte. Nach ein paar Minuten legte der Pfarrer auf, ohne mir das Telefon noch einmal gereicht zu haben.

„Alles in Ordnung“, sagte er. „Du kannst Herrn Farkas aufsuchen. Er wird dir alles zeigen und erzählen, was er weiß; er ist sehr nett.“

„Aha, na gut. Und wo finde ich diesen Herrn Farkas?“

„In Kolozsvár.“

„Wo, äh, ist Kolozsvár?“, fragte ich.

Herr Boros lachte jetzt herzlich.

„Zu weit zum Laufen.“

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