Zum Hauptinhalt springen

theilbereich

Die Küchentischschlacht

Das Haus lag einige hundert Meter über dem Tal, am Ende der Schotterstraße, die am Ende des Dorfes begonnen hatte. Im Grau des morgendlichen Nebels, der selbst die Berge verbarg, war es von weitem nicht mehr als ein Fleck.

Unsicher, ob die Piste nicht demnächst zur Weide würde, stellte ich das Auto auf halbfestem Untergrund ab und näherte mich zu Fuß. Der Fleck wurde größer, bekam einen Rand und hob sich bald braun von der grünen Wand der Tannen ab, die hinter ihm lag.

Ein steinernes Fundament stützte das Haus gegen den Hang, und jetzt sah ich, dass es eine richtige Almhütte war, aus dunklem Holz und mit roten Tupfen darauf, die Fensterläden sein mussten.

Etwas Bewegliches streifte mein Bein, ziemlich weit unten und zu grob, um eine Katze zu sein. Außerdem konnte es kläffen. Sieh da, ein Rauhaardackel! Nein, zwei. Sie hüpften auf kurzen Beinen um mich herum, höchst aufgeregt, laut aber friedlich.

Als ich die hölzerne Tür erreichte, stand sie offen und ein bärtiger Mann vor ihr, dessen Haar schon weiß, doch der längst nicht so alt war, wie ich befürchtet hatte. Er trug eine einfache, wollene Mütze, eine Cordjacke, darunter ein spruchloses T-Shirt und weite, nicht mehr ganz saubere Jeans über Schuhen, in die er rasch geschlüpft sein musste, denn die Schnürung war offen. Welche Erleichterung! Ich würde nicht die nächsten ein, zwei Tage bei Alm-Öhi wohnen. Dénes mochte alles Mögliche sein, ein Bergbauer war er nicht.

Auch der starke Akzent, mit dem er mich begrüßte, kam nicht aus den Bergen. Das war Ungarischdeutsch in fast klischeehafter Ausprägung, gedehnt und umlautreich, kurz vor der Persiflage. Doch wir verstanden uns, jedenfalls fast:

„Gleich das Hauptgericht – oder beginnen wir mit der Suppe?“ fragte Dénes, nachdem wir ins Haus getreten waren und er mir einen Kaffee ohne Milch oder Zucker in einem Becher aus Blech vor die Nase gestellt hatte.

„Ach“, sagte ich dankbar, „das ist eigentlich egal, solange es etwas zu essen ist!“

„Ich spreche nicht vom Essen. Willst du mit dem Dokument mit dem Wappen starten, von dem du geschrieben hast ‒ oder kämpfen wir uns erst durch die Briefe?“

Er wandte sich dem Kühlschrank zu, holte zwei Teller hervor und stellte sie auf den schweren Holztisch, der mitten in der Stube stand. Gewürfelter Käse lag auf dem einen und eine Wurst auf dem anderen, die definitiv nicht aus der Schweiz kam. Sie schien über einem kleinen roten Teich zu schweben, der ölig schimmerte.

„Ein Messer findest du in der Schublade unter der Tischplatte. Wasser ist hier in der Kanne und Pálinka steht auf dem Kühlschrank, falls Bedarf besteht.“

Dénes zeigte in die Richtung, aus der er kam.

„Pálinka?“, fragte ich. „Um diese Uhrzeit?“

„Hilft gegen Fett und Traurigkeit. Und es könnte traurig werden heute, mit all dem, was du im Gepäck hast.“

Ich hatte einen sehr alten Reisekoffer, dessen Ecken mit Blech beschlagen waren und dessen Griff noch an Metallscharnieren hing, mit einer Auswahl jener Briefe befüllt, die mir am wichtigsten schienen, so weit ich es beurteilen konnte. In einigen hatte ich weitere Todesanzeigen entdeckt. Von diesen erhoffte ich mir, Verwandtschaft zuordnen zu können, die mir noch unbekannt war. Ich hatte sogar begonnen, einen Stammbaum im Internet anzulegen, in dem ich bisher aber nur bis zu Oma und Opa gelangt war. Davon sagte ich Dénes natürlich nichts.

Der hatte den Koffer, ohne zu fragen, schon auf den Tisch gehoben und schöpfte mit beiden Händen die oberste Schicht des Inhalts heraus.

Eines der ersten Kuverts enthielt ein mehrfach gefaltetes Blatt mit breitem, schwarzem Rand, das auseinandergeschlagen einen guten Teil des Tisches bedeckte.

„Mach hier mal besser keine Fettflecken drauf“, sagte Dénes, „das ist ein ziemlich kostbares Stück Papier!“

„Warum? Ist der König gestorben?“

„So ähnlich“, kam trocken die Antwort. „Deine Urgroßmutter, wenn ich das richtig sehe. Und halb Transsilvanien steht auf der Trauerliste. Siehst du die ineinandergeschachtelten Zeilen ganz unten? Die, deren Schrift immer kleiner wird?“

„Ja, seh‘ ich. Was bedeutet das? Hatte der Setzer schon ein paar Pálinka?“

Dénes ignorierte den Scherz.

„Es bedeutet, dass hier nicht nur die Kinder und Enkel in direkter Linie aufgeführt werden, sondern auch Verwandte zweiten Grades und sogar noch weiter entfernte. Je größer der Abstand der Blutsverwandtheit zur Verstorbenen, desto kleiner der Name. So konnte man bei der Fülle der aufgeführten Personen rasch erkennen, wer der Toten am nächsten gestanden hatte. Außerdem reichte nur so der Platz auf dem Blatt.“

„Fällt dir auf, dass der Ehemann fehlt?“, fuhr Dénes fort. „Deine Ur-Oma hat ihn überlebt und ist als Witwe gestorben. Deswegen steht hier nochmal ihr Ehename darunter. Und direkt da drunter stehen die Namen der Kinder. Vier Töchter, natürlich, die Mátéffy Mädchen!“

Jetzt sah ich es auch: Mária, Teréz, Irén und Olga. Meine Großmutter und ihre drei Schwestern. Auch die zahllosen anderen Namen bekamen allmählich Sinn und Struktur; einige kannte ich, die meisten waren mir fremd.

Je mehr Dénes erklärte, desto weniger hatte ich das Bedürfnis, meine Gefühle hinter Witzchen zu verstecken. Auch nach Wurst und Käse war mir nicht mehr zumute. Ich war ohne Frühstück ins Auto gestiegen, morgens um vier. Jetzt war es fast zehn. Dankbar hielt ich den Kaffeebecher in beiden Händen. Wie gut sein heißer, bitterer Inhalt zu unserem Vorhaben passte: neugierig in die Vergangenheit einzutauchen und auf Namen von Menschen zu stoßen, von denen keiner mehr lebte.

Stunden vergingen so, unterbrochen nur von Dackelfütterung und Frischluftbetankung für uns vor dem Haus. Die Sonne hatte den Nebel längst aufgelöst und ich stand wie in einem Bilderbuch, umgeben von Schweizer Bergschönheit in einem vor Leben berstenden Sommer, während sich hinter mir, in der Küche, die Toten in Umschlägen stapelten.

„Sollen wir eine Runde gehen?“, fragte Dénes in meinem Rücken.

„Ja“, antwortete ich, „ich glaube, das möchte ich. Eine große Runde, ziemlich weit nach Osten. Aber erst nach dem ʻHauptgerichtʼ.“

„Dann lass es uns anrichten!“

Dénes breitete das Blatt behutsam vor sich aus und sah es lange an. Dann begann er, es langsam zu lesen, leise die Worte murmelnd, und seine Stimme veränderte sich und auch die Art, wie er sprach. Wie lange hatte ich kein Ungarisch mehr gehört!

Ab und zu hielt er inne und notierte ein Wort, manchmal auch einen halben Satz. Er war nicht zu stolz, zum Wörterbuch zu greifen, wenn ein Ausdruck zu veraltet war, um das deutsche Pendant aus dem Ärmel zu schütteln. Bald hatte er eine Liste, die ihm erlaubte, mir das Ganze auf Deutsch vorzulesen.

„Wir“, hub er an, „Apafy Mihály, aus Gottes Gnaden Fürst von Siebenbürgen, Herr über Teile Ungarns und Obergespan der Székler, tun hiermit kund:“

Ich merkte, dass ich dem nagelneuen, alten Onkel dicht auf die Pelle gerückt war. Er sah mich kurz an, lächelte, dann fuhr er fort:

„Da gewisse, treue Männer uns und unserem Fürstentum durch ihre Dienste, ihre Tapferkeit und ihr Verhalten wohlgefällig geworden sind, und da wir sowohl ihrer bisherigen Verdienste als auch ihrer zukünftigen Treue gewiss sind, haben wir beschlossen, ihnen besondere Gnade zu erweisen.“

Dénes schubste mich.

„Kannst du aufhören, mit den Füßen zu wippen? Bitte.“

„Das ist der Kaffee“, log ich.

„Dann geh pinkeln!“

„Geht grade nicht.“

„Also weiter: Daher erheben wir“, fuhr Dénes fort, „István Mátéffy, sowie seine Söhne András, György und István samt allen ihren rechtmäßigen Nachkommen mit dem heutigen Tage in den Adelsstand.“

Mátéffy. Der Mädchenname meiner Großmutter. Gerade noch stand er auf der Todesanzeige ihrer Mutter.

Anscheinend hatte ich das laut gesagt, denn Dénes lachte.

„Ich weiß“, sagte er. „Ich kannte deine Großmutter.“

„Aber ‒ ʻallen ihren rechtmäßigen Nachkommenʼ ‒ das würde bedeuten…“ ‒ ich konnte den Satz nicht vollenden, das war zu … peinlich?

„Ja, würde es!“, nahm mir Dénes die Worte aus dem Mund.

„Wenn wir vor dem ersten Weltkrieg lebten, würde es tatsächlich bedeuten, dass ein ungarischer Adeliger an meinem Küchentisch sitzt. Eigentlich sogar zwei.“

Er deutete eine Verbeugung an und lächelte.

„Gestatten – Sárosy Dénes, alter ungarischer Adel, nobilitiert durch Rákóczi György II., ebenfalls Fürst von Transsilvanien, nur halt etwas früher, im Jahre des Herrn 1650, glaube ich, wie dumm, ich habe den Brief nicht zur Hand.“

„Ähh, wie?“

„Vergiss es. Diese Zeiten sind vorbei. Und auch, wenn ich persönlich das schade finde, ändert es nichts an dem Fakt, dass es keinen Adel mehr gibt. Punkt.“

„Das ist mir schon … äh … bewusst“, erwiderte ich schwach. „Aber du verstehst, dass das gerade etwas überraschend für mich ist, oder?“

„Natürlich“, sagte Dénes. „Aber vielleicht lesen wir erst mal zu Ende. Womöglich kommt noch ein Passus ganz am Schluss, der dich ausdrücklich ausschließt!“

Er zwinkerte.

Diesmal war ich es, der seinen Scherz ignorierte.

Der Text ging nun näher darauf ein, welche Rechte und Pflichten die Nobilitierung mit sich brachte und beschrieb dann das verliehene Wappen. Was ich für einen Morgenstern gehalten hatte, wurde hier „Streitkolben“ genannt, ein wunderbar bildreiches Wort, wie Dénes und ich übereinstimmend fanden.

Der Schlusssatz lautete:

„Ausgestellt in unserer Residenz Gyulafehérvár, im Jahre des Herrn 1662, am 21. September.

Gezeichnet:

Apafy Mihály, Fürst

Bethlen János, Kanzler.“

Dénes sah mich von der Seite an. Ich starrte noch immer auf den Brief.

„Das ist alles“, sagte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

Dann, als ich immer noch schwieg:

„Ich wusste es. Aber ich hatte das Dokument nie gesehen. Bis jetzt.“

„Was wusstest du? Dass meine Oma adelig war? Scheint bei euch nicht so ungewöhnlich zu sein.“

„Ja, das auch. Natürlich. Aber die Jahreszahl war mir neu. Verstehst du? 1662. Das ist das Jahr der Schlacht bei Nagyszőllős.“

„Ja, und?“

„Adelsbriefe sind keine Chronik. Man schrieb nicht ausdrücklich hinein, wofür die Nobilitierung verliehen wurde. Jedenfalls so gut wie nie. Es geht um Dienste und Treue, und die haben zeitlos zu sein. Aber es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn sich diese Verdienste nicht auf die Schlacht beziehen!“

Ich verstand noch immer nicht, worauf Dénes hinauswollte. Welche Schlacht?

„Nagyszőllős, Januar 1662. Ein Dorf bei Schäßburg. Auf deutsch heißt es „Groß-Alisch“. Apafy Mihály und Kemény János trafen dort aufeinander – und es war selbst für diese Zeit ungewöhnlich brutal.

Beide waren gleichzeitig Fürst von Siebenbürgen, also Transsilvaniens, und folglich war einer von ihnen einer zu viel. Kemény wurde von den Habsburgern unterstützt, Apafy von den Osmanen.

‚Mohács‘ sagt dir was, oder?“

„War da nicht auch eine Schlacht?“

„Sehr gut. Bzw. schlecht. Das Land geriet unter türkische Herrschaft und befand sich für Jahre im Ausnahmezustand. Die Allianzen wechselten öfter als Sommer und Winter. Mal verbündeten sich die Sachsen mit den Ungarn, dann wieder mit Habsburg, darauf wechselten die Székler zu den Türken, und ein paar außenstehende Völker mischten auch noch mit.“

Dénes schob einen Kerzenständer in die Mitte des Tisches.

„Das ist Schäßburg“, behauptete er. „Hier trafen die beiden Parteien erstmals aufeinander. Apafy hatte sich in der Stadt verschanzt, Kemény konnte sie aber nicht nehmen und zog ab, um sich Verstärkung zu holen.

Im Januar drauf kehrte er zurück. Aber auch Apafy hatte osmanische Reiter zur Unterstützung erhalten, die ihm bei einer Belagerung freilich nichts nützten. Er musste die Feldschlacht suchen!“

„Woher weißt du das alles?“, warf ich ein. „Du bist ja ein Lexikon!“

„Das erkläre ich dir später.“ Dénes schien ungeduldig.

„Es war also Winter. Kemény ging nach Schäßburg, traf Apafy nicht mehr an und folgte ihm. So kam er von Osten in ein Tal und hatte die Sonne im Rücken. Falls sie denn schien!“

Dénes zog den Brotlaib zu sich und stellte ein Milchkännchen darauf. Es wackelte bedenklich.

„Apafy hatte seine türkische Reiterei auf der Flanke eines Hügels positioniert, nah beim Dorf (die Kaffeetasse wanderte hinter das Brot). Dort wartete die Infanterie, bereit, sich zwischen die Häuser zurückzuziehen, sollte Keménys Truppe zu mächtig sein.

Die Reiterei griff von der Seite und mit dem Schwung des Hanges das Habsburger Heer an. Das übrigens nicht nur aus Österreichern bestand. Auch Ungarn kämpften für Wien. Und Kroaten und Bayern. Aber dann geschah das:“

Dénes ließ die Wurst vom Teller rollen; ein fettiger Fleck breitete sich rot auf dem Holztisch aus.

„Kemény stürzte vom Pferd. Gleich zu Beginn der Schlacht! Er wurde in kürzester Zeit zu Tode getrampelt.“

Dénes schien sein Tisch völlig wurst zu sein; er rollte die Fürstendarstellerin hin und her und klopfte mit den Fingern darauf.

„Wie schrecklich!“, heuchelte ich Betroffenheit, so leise wie möglich glucksend. „Und wie ging es weiter?“

„Wie nicht anders zu erwarten! Die Habsburger Truppen gerieten in Panik und flohen zum Dorf ‒ hinein in die Spieße von Apafys Infanterie.“

Auf dem Küchentisch brach Chaos aus.

„Während die Ungarn sich schon daran machten, die Leichen zu fleddern, suchten Keménys Überlebende ihr Heil in der Kirche des Dorfes. Von wegen geweihter Boden, Kirchenasyl und so weiter. Sie bedachten nicht, dass ihnen Muslime auf den Fersen waren. Denen war die Kirche egal. Sie schlachteten alle ab, ausnahmslos, vor den Mauern, auf dem Friedhof, im Inneren der Kirche.“

Dénes atmete tief durch.

„Es war ein grandioser Sieg für Apafy. Jetzt war er der einzige Fürst von Siebenbürgen.“

„Und du denkst…?“, wagte ich zu fragen.

„Ich bin sicher. Jetzt, da ich den Adelsbrief und sein Datum kenne, bin ich sicher. Dein Urahn István und seine Söhne haben bei Nagyszőllős gesiegt. Und dafür wurden sie geadelt.“

„Aber sie haben im Grunde gegen ihre eigenen Leute gekämpft!“

„Das ist richtig. Aber wie ich schon sagte“, antwortete Dénes, „in Transsylvanien waren die eigenen Leute nie lange dieselben.“

Über der Schlacht auf dem Küchentisch war es Abend geworden. Ohne Erklärung war Dénes vor die Tür getreten und als ich ihm folgte, sah ich, dass er Holz in einem gemauerten Ofen zum Brennen brachte, an dem ein blitzblanker Grillrost lehnte. Während ich einfach nur dastand und sich die Scheite langsam in Glut verwandelten, holte er Fleisch aus dem Kühlschrank und öffnete eine Flasche Rotwein. Es schien ein Schweizer Wein zu sein, ein Pinot Noir.

„Trink!“, forderte Dénes mich auf.

„Du hast einiges zu verdauen, und es kommt gleich noch Essen dazu. Du kannst hier schlafen, keine Sorge. Es gibt ein Gästezimmer. Wird Zeit, dass es mal wieder benutzt wird.“

Als wir die zweite Flasche öffneten, immer noch draußen, jetzt unter Sternen, wusste ich nicht nur sehr viel mehr über meine Ahnen, sondern auch etwas mehr von Dénes. Seine Familie – denn er war ja nur ein angeheirateter Onkel – stammte aus dem äußersten Südosten Transsilvaniens, jener Ecke, in der die Karpaten „einen Knick machen“, wie er sagte, „um das ganze Land der Ungarn zu umschließen und draußen zu halten, was nicht hineingehört“.

„Seid ihr alle so … äh … grenzbewusst?“, fragte ich.

„Das ist ein gutes Wort dafür“, sagte Dénes mit einem Lächeln.

„Ja, sind wir. Wer ‒ wie wir Ungarn ‒ seit fast fünfhundert Jahren jeden Krieg, den wir führen mussten, verloren hat, nimmt es etwas genauer mit den Details als die Sieger das tun. Und ich bin sowieso familiär vorbelastet. Stell dir vor: mein Großvater war noch Offizier in der k. u. k. Armee!“

„Wie der Härr Oberlaitnand Lukasch beim braven Schwejk?“ Der Rotwein gewann jetzt klar die Oberhand.

Dénes schmunzelte.

„Vielleicht – aber nur hinter geschlossenen Türen. Nach außen drangen bloß Disziplin und Strenge. Mein Vater hat das übernommen, leider, obwohl die Zeiten längst andere waren.“

„Gut, dass du kein Soldat geworden bist. Sonst säßen wir vielleicht gar nicht hier.“

„Möglich. Für den Krieg war ich zum Glück zu jung. Aber viel wichtiger war meine Mutter. Sie war Pianistin, liebte die Kunst und alles Schöne. Sie hätte sich von ihrem Flügel gestürzt, wenn ich je in Uniform angetanzt wäre!“

„Was hast du stattdessen gemacht?“

„Autos gebaut. So ungefähr, jedenfalls. Ich bin Ingenieur und habe im Schwäbischen bei einem nicht ganz unbekannten Hersteller ein paar Details erfunden. Das wurde so gut honoriert, dass ich in die Schweiz ziehen musste.“

„Verstehe. Das erklärt aber nicht, weshalb du dich mit Schlachten so gut auskennst.“

„Es sind eigentlich nicht die Schlachten, die mich interessieren. Dieses tumbe aufeinander Einschlagen, das Töten aus Todesangst, die grauenhaften Verletzungen und würdelosen Tode ‒ das ist was für Psycho-, Patho- und andere -logen.

Mich faszinieren die Hintergründe. Die häufig vernachlässigten Geschichten am Rande. Wie zum Beispiel kamen deine vier Vorfahren dazu, Apafy zu dienen? Wo kamen sie her? Was trieben sie in Schäßburg, während sie auf die Stunde des Kampfes warteten? Was taten sie danach?

Oder denk an den Adelsbrief! Das, was du hier mit dir herumträgst, ist nur eine Abschrift. Wer hat sie angefertigt? Wann? Wo? Warum? Kannte er das Original ‒ oder schrieb er nur, was er vom Hörensagen wusste? Und die vielleicht wichtigste Frage: Gibt es das Original noch? Es wäre nicht nur wegen seines Inhalts besonders!“

„Sondern? Weswegen noch?“

„Nun“, sagte Dénes nach einer kleinen Pause und senkte dabei leicht die Stimme, „weil man solche Dinge damals nicht auf Papier schrieb.

Die Treue, die durch den Titel belohnt wurde, sollte sich auch im Material zeigen. Und was ist das Treueste, das es gibt?“

Ich starrte Dénes an, dessen Gesicht von der erlöschenden Glut des Grills nur noch schwach beschienen wurde. Mein Blick fiel auf die beiden Dackel, die wie zwei umrisslose Würste zu seinen Füßen lagen.

„Ein Hund?“, fragte ich, nur halb im Ernst. „Aber…“

„Ganz recht“, kam es leise aus der Dunkelheit. „ʻKutyabőrʼ, wie wir in Ungarn sagen.

Adelsbriefe schrieb man auf Hundehaut.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert