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Stanniolherz

Auf den Tag genau vier Wochen später ließ der Friedhof keinen Zweifel an der Jahreszeit. Eisiger Wind trieb Schneeflocken waagrecht über den Platz vor der Aussegnungshalle und die wenigen Trauergäste beeilten sich, aus dem Eissturm in die Kälte des Gebäudes zu kommen, das schließlich nicht dafür gedacht war, sich darin wohlzufühlen.

In meinem Fall gelang das gut, denn dies war die erste Beerdigung, bei der mir die Hauptrolle zukam. Es ist ja keineswegs der oder die Verstorbene die wichtigste Person bei so einer Feierlichkeit, sondern vielmehr der Haupthinterbliebene. Aller Augen sind auf ihn gerichtet. Man mustert ihn, will sehen, wie er sich schlägt. Wie lange wird er sich das Weinen verkneifen können? Wird er vielleicht sogar die Situationsdramatik zur Gänze ausschöpfen und den Trauergästen das Vergnügen bereiten, zusammenzubrechen? Hatte er diesen Anzug nicht auch schon bei der Beisetzung seines Patenonkels an? Dass ihm der noch passt! Und wer hat seine Schuhe so blank poliert? Er ist doch angeblich Single!

All dessen war ich mir bewusst. Seit mich ein Onkel, vor Jahrzehnten, bei der fast ebenso kalten Beerdigung meiner Großmutter coram publico ermahnt hatte, die blau gefrorenen Finger aus den Hosentaschen zu nehmen, um der Würde des Ortes zu entsprechen, wusste ich, dass es bei dieser wie bei allen anderen Zusammenkünften meiner Verwandtschaft immer nur darum gehen würde, „la più bella figura“ zu machen, wie die halb-italophone Tante es genannt haben würde.

Nun stand ich also im Rampenlicht der großen Trauerkerzen. Ich hatte den Beerdigungszeitpunkt ausgewählt, die Urne, die Blumen, die Musik und, nicht zuletzt, dem Pfarrer die Trauerrede geschrieben. Wie viel konnte man dabei falsch machen?

Gleich bei meiner Ankunft hatte ich den pakistanischen Friedhofsdiener in seinem Verschlag aufgesucht und ihm die CD mit dem „Ständchen“ Franz Schuberts in die Hand gedrückt. Drei-, ach was: viermal hatte ich ihm eingeschärft, dass es das fünfte Stück sei, welches er bitte nach des Pfarrers ersten Worten abspielen solle. Ich ließ ihn sogar mit dem Finger auf dem Etikett die korrekte Zeile anzeigen, um sicherzugehen, dass „fünf“ auch im Pakistanischen „fünf“ bedeutet.

Tatsächlich erklang dann, ein paar Sekunden zu früh und den Pfarrer leicht abwürgend, statt sanft-melancholischer Klaviermusik ein überaus lebhaftes, der Zwölftonmusik bedrohlich nahekommendes Streichquartett eines weniger bekannten Komponisten in großer Lautstärke und mit einer völlig übertriebenen Dauer von viereinhalb Minuten.

Viel Zeit, um mir innerlich vorzusagen, dass niemand den Fehler bemerken könne, da keiner wusste, welches Lied das richtige gewesen wäre. Ach ja? fragte eine andere innere Stimme. Muss nicht jedem klar sein, dass man bei einer Beerdigung so was nicht spielt? Welch unpassende Gelegenheit, die Welt über deinen avantgardistischen Musikgeschmack in Kenntnis zu setzen. Mach‘ dir keine Hoffnungen: jeder weiß, dass es das falsche Stück ist – und in der Urne deiner Mutter herrscht gerade ein Sandsturm!

Ich wusste gar nicht, wie gemein ich zu mir selber sein konnte. Als es endlich endete, hing ich wie ein ausgewrungenes Handtuch auf dem Klappstuhl in der ersten Reihe.

Eine Erholungspause aber gab es nicht, denn der Pfarrer fuhr nun mit der Trauerrede fort, in die er ein wenig Geschichtsunterricht sprenkelte. Statt sich an meine Vorgabe zu halten und davon zu sprechen, dass es meiner Mutter nicht vergönnt war, in transsylvanischer Erde zu ruhen, machte er das ungarische „Széklerland“ ihrer Herkunft kurzerhand zu „Rumänien“.

„Jetzt reicht’s!“, hörte ich die Stimme meiner Mutter ziemlich klar aus dem Off.

„Könntest du dem Schwachkopf bitte den Weihwasserkessel um die Ohren hauen?!“

Vielleicht wäre das schon zuvor eine gute Idee gewesen, denn bereits vor Beginn der Trauerfeier war ich beim Versuch einer albernen Geste gescheitert, als ich, noch allein mit der Urne, diese rasch öffnen wollte, um ein kleines, in Stanniolpapier gewickeltes Schokoladenherz hineinzulegen, den Deckel aber nicht abbekam, ehe der Pfarrer abrupt neben mir stand. Das Herz in der Hose, gelang es mir wenigstens ganz zum Schluss ‒ die Friedhofsgärtner setzten bereits zum Zuschaufeln des Grabes an ‒ die Liebesgabe an der halbwegs richtigen Stelle fallenzulassen.

„Das war aber auch Zeit!“ Abermals war die Frau Mamá für mich klar zu vernehmen.

Bei noch weiterem Rückblick hatte sich schon die Vorbereitung der Zeremonie als kompliziert erwiesen, obwohl mir der dicke Dimi, ein russischstämmiges Relikt aus gemeinsamen Bundeswehrzeiten, der sich selbst als „zu Fett gewordenem Fatalismus“ bezeichnete, bei der Auswahl des Bestattungsinstitutes mit äußerst sachlichen Erkundigungen, Vergleichen aller Art und fern von jeder Rührseligkeit bereits den schwierigsten Teil abgenommen hatte.

„Du weißt doch sowieso nicht“, hatte Dimi gesagt, „was hinter den Kulissen abläuft. Du kannst zehntausend Euro abdrücken und sie klauen der Toten die Goldzähne. Dann lieber nur tausend, oder?“

„Meine Mutter hatte keine Goldzähne“, warf ich ein und wusste, dass es darauf nicht ankam.

„Schon gut, du hast kapiert, was ich meine, nicht?“

Nachdem Dimi innerhalb von zwei Jahren beide Eltern verloren hatte, verlieh er sich den Titel eines „Professionellen Hinterbliebenen“ und verglich sich gern mit dem „Undertaker“, einem amerikanischen Show-Kämpfer, der stets mit einem Sarg in den Ring stieg. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass man an Beerdigungskosten einsparen müsse, was immer möglich sei, da einem dies erlaube, effektiver gegen die Trauer anzusaufen. Und tatsächlich hatte er in kurzer Zeit einen Bestatter ausfindig gemacht, der preiswerte Seriosität versprach. Was folgte, erlebte ich so, wie ich glaubte, derlei erleben zu müssen: schlafwandelnd, absent, ferngesteuert, und was es da sonst noch an Beschreibungen der Tage nach dem ersten Schock gab. Mein Zustand erleichterte wirklich manches, und so hatte ich schließlich wie von Fäden gezogen den Vertrag unterschrieben und war mit Dimi, der rauchend vor der Tür gewartet hatte, am helllichten Tag und auf kürzestem Weg zum nächstbesten Griechen gegangen.

Beim dritten Ouzo überkam es mich.

„Sie wird nicht hier verbrannt, stell dir vor! Sie fahren sie nach Mainburg. Ich habe noch nicht mal nachgesehen, wo das liegt. Hätte ich mehr bezahlen sollen? Ich meine, für ein Krematorium in München?“

Dimi sah mich durch das Bierglas an.

„Nach allem, was ich von deiner Mutter weiß, ist sie gern gereist. Da ist eine Landpartie zum Schluss doch nicht das Schlechteste, oder? Und ich wette, in Mainburg war sie noch nie“.

Dimi war es dann auch gewesen, der bei der Aussegnung neben mir saß und seine schwere Russenhand auf mein Knie legte, als mich die Trauer schließlich doch mit aller Macht überkam.

Während der Pfarrer in seiner Ansprache gerade meine Worte verlas und die Ausbeutung des Menschen durch seine Brüder und Schwestern geißelte, in diesem Fall die meiner Mutter als unterbezahlter, alleinerziehender Frau durch das mittelständische Unternehmen, in dessen Dienste sie fast zwanzig Jahre lang all ihre Kräfte gestellt hatte, fiel mein Blick auf eine fein gekleidete ältere Dame, die auf einem Eisblock zu sitzen schien. Es war, wie ich mit einiger Verzögerung erkannte, die Mutter des gegenwärtigen Geschäftsführers eben dieses Unternehmens.

„Das wird ihr eine Lehre sein“, murmelte Dimi in mein rechtes Ohr, nachdem ich zuvor hinter vorgehaltener Hand geächzt hatte: „Oh Gott, Mamas alte Chefin! Wieso ist die hier?“

Als endlich die letzten Meter an Urnenbegleitung geschritten, die Weihwasserbesprenkelungen, Erdbeschaufelungen, Beileidsversicherungen und das Händegeschüttel vorüber waren, traf man sich in einer nahegelegenen Gaststätte zum Misslingen des letzten Kapitels. Die unbekannte Wirtschaft, die ich in großer Hast vor allem unter dem Kriterium ausgewählt hatte, nicht abermals in ein Restaurant zu gehen, in dem schon der Leichenschmaus eines anderen verstorbenen Familienmitgliedes abgehalten worden war, zeigte sich dem Anlass nicht gewachsen. Ein Kegelausflug hätte besser zu den massigen Eichentischen unter den weiß grün karierten Tischdecken gepasst und ein Napf zur Qualität der Speisen.

Man machte es also kurz. Ihr hohes Alter kam einigen der Trauergäste sehr gelegen. Es sitze sich nicht so gut mit der künstlichen Hüfte, hieß es, der Hund sei allein zu Hause, eine Enkelin musste vom Au-Pair-Jahr am Flughafen abgeholt werden, nachts werde es schnell dunkel.

Als sich abzeichnete, dass meine verbliebenen Tanten und Onkel gegen meinen heftigen Widerstand die Rechnung unter sich aufteilen würden, was sich für mich in diesem Moment tatsächlich anfühlte wie ein Summenstrich unter meinem Leben, orderte Dimi geistesgegenwärtig eine Flasche „Absolut“-Vodka und signalisierte mir, wo er zu finden sei, wenn alle gegangen sein würden.

So schlich sich der 5. Dezember in Dimis Fiat Cinquecento mit laufendem Motor, Heizung und Schnaps aus seiner Bedeutung.

Am Ende fuhr Dimi betrunken nach Hause und ich – saß wieder in einem Taxi, wie vier Wochen zuvor, doch diesmal brachte es mich an einen Ort, an dem endlich alles egal war.

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