Auf Schäßburgs Berg
Auch das zweite Hotel meiner Reise überraschte angenehm, vom grell rosafarbenen Fassadanstrich, den ich auch bei abendlicher Heimkehr leicht wiederfinden würde, bis zur Rezeptionistin dieser „Pensiunea Mario“, einer freundlichen älteren Dame, die passabel Deutsch sprach. Sie warf nur einen kurzen, routinierten Blick auf meine Reservierung, ohne in Preisnachverhandlungen zu treten oder andere Komplikationen auszulösen und wies mir den Weg zu meinem Zimmer im Souterrain.
Dort war es angenehm kühl. Die niedrige Decke wies die gleichen regelmäßigen Wölbungen auf, die mir auch im Keller des großväterlichen Hauses aufgefallen waren. Nicht weit von diesem entfernt, mochte es durchaus zur selben Zeit erbaut worden sein. Es fühlte sich an, als wäre ich dort.
Lang blieb ich freilich nicht. Geduscht und vom Rucksack befreit, machte ich mich gleich wieder auf den Weg, nun endlich in die Oberstadt, der Schäßburg seine Ehrung als Weltkulturerbe verdankt.
Von Norden kommend, nähert man sich dem Burgberg von seiner spektakulärsten Flanke. Zuunterst drängt sich eine Farbpalette aus niedrigen Häusern dicht aneinander und mit dem Rücken an den Hang. Die Gärten, sonst hinter dem Haus gelegen, sind hier enge, steil gestufte Terrassen, die einen grünen Streifen über die Hausdächer legen. Darüber folgt eine erste Mauer, die den Berg einfasst, darüber eine zweite, die eigentliche Festungsmauer, die hier das Plateau mit den mächtigen Gebäuden der Oberstadt trägt.
Ich wählte nicht den klassischen Weg, der durch den Stundturm, das Wahrzeichen Schäßburgs, am schnellsten nach oben geführt hätte, sondern entschied mich für eine zwischen Bäumen versteckte, steile Treppe ein Stück rechts von mir, die mich in Serpentinen an der Mauer entlang führte und von Westen in die Zitadelle brachte.
14 Wehrtürme schützten einst diese Mauer, von denen noch neun erhalten sind. Sie tragen die Namen der Zünfte, die in der Stadt ansässig waren. Mich entließen die Bäume am Schneiderturm aus ihrem Schatten. Schnaufend sprenkelte ich das altehrwürdige Kopfsteinpflaster mit dicken Schweißtropfen, die sofort verdunsteten.
Der erste Blick rundum zeigte mir ein sehr viel größeres und schöneres Schäßburg, als ich nach meinen Touren vom Vormittag erwartet hatte. Die Stadt lag nicht nur zwischen Kokel und Burgberg; auch im Süden und Osten zog sie sich in die Täler des Schaaser Baches, des Hundsbaches und des Wolkersdorfer Baches hinein, die nach den großen Überschwemmungen vereinigt, um die Altstadt geleitet und erst dahinter der Kokel zugeführt worden waren. Am hübschesten aber fand ich, von hier oben das Siechhofkirchlein zum Heiligen Geist mit dem Friedhof dahinter klar ausmachen zu können. Das würde fortan mein ideologisches Basislager sein!
Der Gasse stadteinwärts folgend, gelangte ich zum Schusterturm, der mit jedem Meter, den man ihm sich näherte, immer unheimlicher wirkte. Dennoch schien er bewohnt, denn an den wenigen, kleinen Fenstern hielten geschlossene Vorhänge das Sonnenlicht ab. Vielleicht auch den Mondschein?
Vor diesem Gemäuer war es kein Kunststück, sich auszumalen, wie der brave Schuster Schorsch in sturmgepeitschter Herbstnacht im Erkerzimmer ein paar Stiefel besohlt, als ihn durchs Fenster jäh das Licht des Vollmonds trifft. Geifernd und jaulend verwandelt er sich, springt aus der Kammer, jagt die hölzerne Außentreppe hinab, um Beute zu reißen und ahnt nicht, dass dort schon Kate Beckinsale wartet, mit Silberkugeln bestens bewaffnet … ich musste lachen, während es mich ein zugleich schüttelte. Wie konnte man sich in diesem Turm nachts auf die Toilette trauen?
Ein Blick in den sachlichen Reiseführer holte mich aus meinen Phantasien zurück. Niemand lebe im Schusterturm, hieß es da. Nur einer der Schäßburger Türme sei bewohnt, und zwar der mit der schönsten Vampirschloss-Architektur, der Seilerturm, passenderweise gleich neben dem Eingang zum Bergfriedhof gelegen. Und es sei auch nur der Friedhofsgärtner, der hier so idyllisch lebe, wer sonst.
Lesend strich ich die katholische Kirche aus dem Besichtigungsprogramm und erreichte die Tischlergasse. Sie ist mit ihren niedlich aneinander gereihten Häusern in pastellbunten Farben, dem historischen Pflastersteinboden und ihrem leicht schrägen und kurvigen Verlauf der malerisch-romantische Höhepunkt der Oberstadt und nach dem Stundturm vermutlich das zweitmeist fotografierte Motiv. Während auch ich erwog, ein paar Fotos zu schießen und dafür stehengeblieben war, schlurfte ein anderer Fußgänger ganz nah an mir vorbei. Es war ein hoch betagter Mann, leicht gebeugt, doch keineswegs gebrechlich, in dessen Weg ich stand und der den kleinstmöglichen Umweg nahm, um mich mit äußerster Gemächlichkeit zu umgehen, ohne mich eigentlich zur Kenntnis zu nehmen. Zeit schien für ihn keine Rolle zu spielen. Als er vorüber war, wackelte er zurück auf die schattige Seite der Gasse, machte ab und zu halt und stützte sich leicht mit der Schulter gegen die nächstbeste Hauswand. Ich konnte nicht wegsehen. Nach langen Minuten erreichte er endlich sein Zuhause. Erst jetzt begann er, in seinen Taschen nach dem Schlüssel zu fahnden, was abermals ein gutes Weilchen dauerte. Als er ihn schließlich hervorgekramt, die Türe entsperrt und in größter Ruhe das Haus betreten hatte, stand die Sonne ein klein wenig tiefer als zu Beginn der Szene. Der Alte verschwand gleichsam im Gegenlicht, der Himmel im Westen begann schon, leicht golden zu leuchten.
Ich hatte mich von seinem Tempo anstecken lassen und ging jetzt selbst deutlich langsamer. So kam ich zum Rathaus, errichtet an der Stelle des einstigen Klosters der Dominikaner. Kühl hob es sich mit seiner Sandsteinfassade von den bunten Häuschen ab, die es umstanden. Bei einem fehlten auf dem Dach die Ziegel. Man konnte zwischen den morschen, ausgedörrten Balken des Dachstuhls ins Innere sehen, wo sich eine Gruppe rumänischer Bauarbeiter zum fröhlichen Rauchen verabredet hatte.
Das musste ich knipsen!
Der Sucher war noch nicht auf Augenhöhe, als ich einen Blick in meinem Rücken spürte. Stand ich jemandem im Weg? Taxierte mich ein Taschendieb? Wer auch immer ‒ ich würde ihn verewigen. Abrupt drehte ich mich um, die Kamera jetzt am Auge. Die schnelle Bewegung ließ mich schwanken, und doch erkannte ich sofort, wer mir entgegenglotzte.
Diese riesigen Augen.
Die überlange Nase.
Der monströse Schnurrbart.
Natürlich. Es wäre seltsam gewesen, ihm – ausgerechnet IHM – hier nicht zu begegnen, und so starrten wir uns an, kurz, aber heftig, Graf Dracula und ich.
Eigentlich war es kein Wunder, dass die Stadt ihrem berühmtesten Sohn ein Denkmal errichtet hatte, wenn auch nicht restlos klar ist, ob Vlad III. Draculea wirklich Schäßburger war. Dass er auf der Büste mit seinem Beinamen „der Pfähler“ firmierte, den er seiner etwas eigenwilligen Art verdankte, Exempel zu statuieren, war in jedem Fall bemerkenswert, denn damit konnte man im 21. Jahrhundert vermutlich nur noch in Transsilvanien Beifall finden.
Der Standort der Büste erklärte sich durch ein sehr alt wirkendes, aber ordentlich renoviertes Gebäude in kanarienvogelfarbenem Gelb, nur ein paar Meter gegenüber an einem Platz gelegen, an dem die Touristendichte rapid zunahm. Zwischen dem Grafen und seinem angeblichen Geburtshaus lädt der Stundturm hier von seiner Innenseite zum Fotografieren und Besteigen ein, vorausgesetzt, man vertraut der Statik. Ich wandte mich dem Haus des walachischen Woiwoden zu, der hier 1431 zur Welt gekommen sein und ein paar Jahre seiner Kindheit verbracht haben soll, ehe es ihn zum Türkenaufspießen aus dem Städtele hinaus zog.
Heute beherbergt das Haus ein Café und den obligaten Blutrunst-Befriedigungsshop, in dem Gruselbereite allerlei Unfug erwerben können.
An einem der filigranen Metalltische vor dem Café saß ‒ dem Zustand seines schwarzen Fracks nach zu schließen ganzjährig ‒ ein lieblos geschminkter Vampirdarsteller und blickte betrübt über den Platz. Er war so offensichtlich angewidert von seinem Los, für ein paar Lei den Dracula geben zu müssen, dass man meinen sollte, dies würde die Touristen davon abhalten, ihn zur Fotobeute zu machen. Doch die schreckten vor nichts zurück und feuerten sogar ihre Kinder an, auf des Traurigen Schoß oder Rücken zu klettern, wo sie an seinem Umhang zupften, Bisse andeuteten oder ihm kichernd Eselsohren mit den Fingern aufsetzten, während die Eltern knipsten wie im Rausch.
Eiligst verließ ich die schaurige Szene und stieg zur Piaţa Cetăţii hoch, dem ehemaligen Burgplatz. Hinter dem „Haus mit dem Hirschgeweih“ beginnt die Strada Scolii, an deren Ende die „Schülertreppe“ liegt. 1642 errichtet, führt die überdachte Holzkonstruktion zum Gipfel des Burgbergs, auf dem sich neben der Bergkirche das Gymnasium befindet. Die Schüler sollten während des steilen Anstiegs zum Orte geistiger Anstrengung nicht auch noch unter schlechtem Wetter zu leiden haben. Dort hinauf wollte ich unbedingt, denn auch meine Mutter war auf diese Schule gegangen.
Zuvor jedoch erwartete mich ein Spalier des Grauens in Form von Andenkenläden und Souvenirbuden, aus denen überall das Gleiche quoll: Gummifledermäuse, Stoffspinnen, Plastiktotenschädel, T-Shirts mit Horrormotiven, Vampirschnaps in burgförmigen Flaschen, Kunststoffhälse mit Bissspuren, schwarze Kutten, Dracula-Anstecker, Skelett-Ketten und dergleichen mehr. Vergeblich versuchte ich, eine Ansichtskarte zu erwerben, die etwas anderes zeigte als eine Auswahl blutverschmierter Comic-Figuren.
Dann ging es aufwärts. Schnell beneidete ich die mir entgegenkommenden Kinder: für sie war ein langer Schultag zu Ende. Erleichtert sprangen sie bergab, während ich schnaufend Stufe um Stufe zählte und sofort vergaß, wie viele es waren.
Oben angekommen sank ich neben dem Weg ins Gras und fragte mich, wie viele Male meine Mutter wohl hier hinaufgestiegen war?
Als ich wieder atmen konnte, warf ich einen kurzen Blick ins sehr bescheidene Innere der Bergkirche, erwog und verwarf den Gedanken, das Gymnasium zu betreten und entdeckte schließlich das offenstehende Friedhofstor, neben dem ein Schild ausdrücklich zum Besuch einlud.
Schon nach wenigen Schritten wurde mir klar, dass meine Erwartungen an das Ausmaß des Schäßburger Bergfriedhofs die Wirklichkeit nicht einmal streiften. Ein Meer aus Grabsteinen bewies hier die Theorie vom gekrümmten Raum und selbst die Existenz eines Wurmlochs, durch das man direkt auf den Wiener Zentralfriedhof oder den Pariser Père Lachaise wechseln könnte, schien mir nicht absurd; unfassbar, wie auf einem so kleinen Berg so viele Gräber Platz finden konnten!
Es dauerte nicht lang, bis ich auf das erste Grab mit meinem Nachnamen stieß. Diesmal aber, anders als auf dem kleinen Friedhof beim Siechhof, schien das Phänomen kein Ende zu nehmen. Schon nach wenigen Schritten folgte das nächste; links seitab ein weiteres, und von dessen Einfassung aus, kaum hatte man diese wie bei „Himmel und Hölle“ erhüpft, war bereits ein anderer Grabstein zu sehen, der denselben Namen trug.
Durch Hanglage und Zeit waren viele der Gräber nicht gut in Form. Umfassungsmäuerchen waren abgerutscht, Grabsteine hatten sich verschoben. Ein Busch versuchte, den Stein, der ihn beim Wachsen störte, seitlich zu überwuchern. Manche Gräber gewährten gar Einblicke; im Halbdunkel waren die Särge zu ahnen. Ob sie geschlossen waren, sah man nicht.
Kühl kribbelte Wind in meinem Nacken.
Nach dem vierzigsten Grab eines toten Verwandten hörte ich auf zu zählen. Mit dem Fotografieren hatte ich gar nicht richtig begonnen; es gab zu viel zu sehen dafür. Der Friedhof erschien mir wie eine gewaltige, unüberdachte Familiengruft: Wanderer, kommst du nach Schäßburg, wem willst du noch etwas verkünden? Es liegen schon alle hier!
Wieder standen mir Bilder aus dem Nachlass der Mutter vor Augen, wieder andere Menschen, denen ich nie begegnet war, gestorben, bevor ich geboren wurde, und eine neue Stimme, diesmal ganz frei von sentimentalen Gedanken, fragte mich schlicht:
„Was geht’s dich an?“
„Sie waren mir ähnlich“, antwortete ich. „Jedenfalls vermute ich das. Und ohne sie wäre ich nicht.“
Solche Dialoge führen Dehydrierte. Seit dem Schnapskaffee bei Opas Haus hatte ich nichts mehr getrunken, dafür tapfer geschwitzt. Ich musste hinunter von diesem Leichenberg, und nicht über die Treppe, sondern auf kürzestem, steilstem Wege.
Ein kleines Stück östlich des Stundturms kam ich heraus, fand einen Laden, der mich mit kalter Cola versorgte und schlurfte weiter, längst müde genug, um ins Hotelbett zu fallen, aber noch immer nicht satt vom Entdecken.
„Strada Stefan Octavian Iosif“ verkündete ein Schild an der Ecke.
„Hintergasse“ hieß die Straße, als Schäßburg noch nicht in Rumänien lag. Das jedenfalls behauptete ein Verzeichnis der deutschen Straßennamen, das ein ehemaliger Bewohner der Stadt online veröffentlicht hatte. Auch in dieser Gasse hatte mein Großvater gewohnt, nach seiner Heirat, mit Frau und zwei Töchtern bereits. Doch für diese Adresse hatte ich kein Dokument bei mir, das die Hausnummer nannte.
Die Straße führte vom Burgberg nach einem Knick in Richtung Süden. In dieser Kurve sah ich zurück. Alles war auf dem Bild, das ich hier fotografierte, alles, was mir erinnernswert schien ‒ nur nicht das Haus hinter mir. Das hätte eines eigenen Fotos bedurft, des wichtigsten von allen…
Und ich folgte auch nicht der noch kleineren Gasse, die ein kurzes Stück weiter begann. Es wäre die Strada Păstorilor gewesen, das Hirtengässchen, in dessen Haus Nummer 31 meine Urgroßmutter gestorben war, auf deren Grab jetzt rote Rosen lagen. Doch auch das wusste ich nicht, und allmählich wurde es dunkel.
Auf dem Weg zum Hotel kam ich wieder am Stundturm vorbei. Das war hier anscheinend nicht zu vermeiden. Ein Stück rechts davon führten Stufen in schrägem Winkel eine enge Gasse bergauf. Über das dadurch entstandene Eck wölbte sich ein sehr altes Haus in die Gasse hinein.
Ich kannte diese Ansicht. Aus einem Buch, das auf meinen Knien lag. Vor fast fünfzig Jahren. Als Kind saß ich zwischen Opa und Mutter und staunte, von ihrer Erzählung gebannt. Die Urgroßmutter habe in diesem Haus gewohnt, erklärten sie mir. Und das Foto zeige ein ganz bestimmtes Fenster der Wohnung, das zum Burgberg hin ging. So stark und breit seien die Wände gewesen, dass meine Mutter als Kind sich in ganzer Länge auf das Fensterbrett legen und trotzdem noch strecken musste, um den Stundturm zu sehen.
Kein Zweifel, ich stand vor dem richtigen Haus, auch wenn jetzt ein Schriftzug „Bijou“ daran klebte. Nur ein paar Meter über mir war diese Fensterbank, auf der meine Mutter gelegen hatte; die wollte ich sehen! Irgendwie würde ich den Bewohnern erklären, warum sie mich einfach hineinlassen mussten!
Eine schwarze, eiserne Brücke überwand einen kleinen Graben und führte zur Tür. Wie alt sie war, aus dunklem Holz, mit Schnitzereien verziert. In einer Vase davor standen richtige Blumen, keine aus Plastik, und daneben, auf einer Decke, lag ein richtiger Hund. Ein Gigant von einem Schäferhund. Und wie er knurren konnte! Richtig laut und sehr schlecht gelaunt. Schon lag er nicht mehr, sondern zerrte an dieser Kette zwischen ihm und dem Haus.
Das also sollte nicht sein und jetzt war’s auch genug.
Bald leuchtete das Hotel neonrosa im Licht der Straßenlaternen. Ich schaffte nicht mal die Hälfte der Pizza, die ich mir unterwegs gekauft hatte und lag weit vor meiner üblichen Uhrzeit schwer wie ein Grabstein im Bett.