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Großvaters Haus

Schässburg empfing mich mit Sonnenschein und Wärme. Als der Zug aus dem Schatten des letzten Tunnels kroch und in rumpelnder Schwere auf den Bahnhof zurollte, war nichts als das Wichtigste zu sehen: der Burgberg im strahlenden Gegenlicht, das Format des Zugfensters füllend.

Geblendet stieg ich aus, langsam wegen der hohen Stufen, vielleicht ein wenig feierlich sogar. Da war ich also, in dieser kleinen Stadt im weiten Nirgendwo des mir ansonsten unbekannten Ostens, von der ich mehr gehört hatte, als über alle Metropolen dieser Welt.

Schässburg. Mehr als 800 Jahre alt, gegründet durch siebenbürgisch-sächsische Siedler, 1298 in einem päpstlichen Ablassbrief erstmals auf deutsch „Schespurch“ genannt, Segesvár von den Ungarn getauft, Sighișoara von den Rumänen. Heimat meines Großvaters, der, noch im 19. Jahrhundert geboren, zwei Weltkriege überlebte, fünf Kinder großzog und mir, seinem Enkel, noch mit 95 erklärte, einhundert Jahre alt werden zu wollen, das sei kein Problem, denn sein Arzt habe es ihm versprochen. Dann, in einem Münchner Pflegeheim, wo er sich von einem Routine-Eingriff erholen sollte, von den Schwestern am offenen Fenster vergessen und ein paar Tage später an einer Lungenentzündung erstickt.

Auch damals kam ich zu spät.

Und wieviel zu spät kam ich hier.

Ich konnte nicht gleich auf den Vorplatz treten, ich musste die Ankunft verlängern und dringend die Nase putzen. Wie gut, dass es auch hier eine Bahnhofsbar gab. Ein Cappuccino begleitete mich beim Sammeln des ersten Eindrucks, der ja der wichtigste ist, und meiner selbst.

Ich musterte den Vorplatz, koffeinsatt-melancholisch, allmählich bereit für alles, was da nun kommen mochte.

Links lagen Hallen, die niemand mehr zu brauchen schien, eine Fabrik, die nichts mehr produzierte. Vor mir das „Restaurant Pensiune Café Chic“. Es stellte sich in gelben Leuchtbuchstaben vor, unter denen ein zweiter, neonroter Schriftzug „Hot Pizza“ anpries, ohne dem ersten der beiden Wörter Strom zu gönnen. Auf der Holzterrasse vor dem Eingang vertrockneten Topfpflanzen auf Kunstrasen, während Plastiktische in Form halbierter Baumstämme Anspruch auf rustikalen Charme erhoben.

Rechter Hand aber, gleich hinter dem Taxistand, begann die Strada Libertaţii, mein allererstes Ziel. Bunergasse hieß sie bei den Deutschen, als mein Großvater dort wohnte, und zwar auf Haus Nummer 8.

Was würde er denken, dachte ich, wenn er mich jetzt sähe, der ich nur noch in meiner Erinnerung sein Enkel war? Wenn er sähe, wie ich jetzt, fast exakt 20 Jahre nach seinem Tod, ein paar Lei auf den Bahnhofskaffeetisch legte und mit großen Schritten seiner Straße folgte, die Hausnummern herunterzählend und dabei die Arme schüttelte, damit das Koffein sich besser verteile. Vielleicht aber auch die Ergriffenheit.

An der ersten Kreuzung links lag das Hotel, das ich gebucht hatte. Ich ließ es dort liegen. So schwer war der Rucksack nicht, dass ich ihn erst einmal abstellen müsste.

Die Straße der Freiheit verlief nicht gerade, sie zog sich in einer weiten Kurve nach links (ich bitte, das nicht politisch zu lesen). Der folgte ich, im Gehen nun immer weiter zur Mitte der Straße hin driftend, um das Haus so früh wie möglich zu sehen.

Das Haus der Altvorderen, von dem ich wusste, dass es jetzt Jugend beherbergte und in dem kein Platz für mich mehr gewesen war, als ich von Deutschland aus angefragt hatte; das Haus, dessen Adresse mein Großvater bei seiner Trauung als Wohnsitz angegeben hatte, im November vor 86 Jahren, überliefert in einem amtlichen Blatt.

Dieses Dokument trug ich bei mir, in Kopie, in einer Plastikhülle und in der Hoffnung, mich damit als jemand ausweisen zu können, dem man nicht ohne weiteres den Einlass verwehren würde – denn selbstverständlich wollte ich das Haus nicht nur von außen sehen.

Von außen aber sah ich es jetzt: einen klassizistischen Würfel, ziegelgedeckt, terracotta und weiß die Fassade, die Fenster rotweinrot davon abgesetzt. Ein schmiedeeisernes Tor links neben dem Haus führte ins Grüne dahinter.

Die junge Frau, die auf mein Klingeln nicht umgehend öffnete, verstand auch mein Englisch nicht gleich. Sie schien zu glauben, ich wollte mir unter dem Vorwand, den Eigentümer zu kennen, ein gratis Zimmer erschleichen. Dann sprach ich Deutsch und zeigte ihr das Dokument – gleich war sie Herzlichkeit und ganz Überschwang. Gewiss könne ich das Haus besichtigen, wo ich beginnen wolle?

„Hier“, sagte ich. „Genau hier, unter diesem Türsturz, auf dieser Stufe“, und dachte hinzu: über die mein Großvater seine Braut getragen hat.

Links führte eine Treppe nach unten. Keller werden nicht renoviert, da wird es am ehesten aussehen wie früher. Ich stieg hinab, meine Führerin folgte mir.

Der Partyraum, den ich vorfand, brachte mir meine eigene Jugend näher als die meines Großvaters. Dunkel lackierte Wände, Tropfkerzenreste in Flaschen, durchgesessene Cordsamt-Sofas, Marlboro Aschenbecher auf einem grüngrauen Glastisch. Es roch wie auf einer Feier, wenn es Zeit wird, zu gehen.

Was gab es sonst? Eine Waschküche, ein Getränkelager, einen Billardraum und eine Bartheke, improvisiert aus Holzpaletten, auf die durch ein Kellerfenster ein wenig Sonnenschein als kleiner Lichtfleck fiel, der mich zurück ins Helle zog, ins Erdgeschoss.

Der größte Raum hier, ein Schlafsaal, ließ noch erkennen, dass er einst aus zwei stattlichen Zimmern bestanden hatte, deren Fenster stuckverziert zur Straße zeigten. Wie viel Platz die Bewohner sich damals gönnten! Im rückwärtigen, zum Garten gewandten Teil des Hauses, mussten sich eine riesige Küche, eine Kammer und ein gleichfalls sehr großes Bad befunden haben. Jetzt standen auch hier Stockwerkbetten, windschiefes Aluminium, schwarz eloxiert.

Die Frau schien zu erraten, was ich dachte.

Das Haus, erklärte sie, sei zu Ceauşescus Zeiten als viel zu groß für einen Haushalt betrachtet worden. Man habe Trennwände eingezogen, die Küche halbiert und aus den vorderen Räumen vier Kammern gemacht. Mindestens zwei Familien hätten so hier gelebt, mit getrennten Zimmern für Eltern und Kinder. Der jetzige Zustand komme somit dem ursprünglichen sogar wieder näher.

„Aber natürlich ist es nicht dasselbe“, fügte sie fast bedauernd hinzu.

Nach hinten führten mehrere Stufen ins Freie hinab. Hier hatte es einen Garten gegeben, der groß genug war, um Obst und Gemüse zu liefern, vielleicht sogar Kleinvieh zu halten. Jetzt war der Boden zubetoniert, lieblos und lückenhaft. Nur einen Weinstock und zwei Feigenbäume hatte man ausgespart, doch sie trugen nicht, obwohl jetzt doch Erntezeit war.

Grau waren die Platten unter meinen Füßen, rauh auch und rissig, und so verzogen wie die Fassaden der Ostblockmonströsitäten, angeblicher Architektur, die gleich hinter dem Garten aufragte. Sie schienen fast ineinander zu greifen, die Platten des Bodens und der Wände dahinter. Wie viele alte mussten den neuen Gebäuden zum Opfer gefallen sein? Seltsam, dass die Grenze zwischen furchtbar und schön so exakt hier verlief!

Ich sprach aus, was ich dachte, und die Frau gab mir recht:

„Ja. Das war ein unglaubliches Glück!“

Ich verstand nicht gleich, sie erklärte es.

Unweit, beim Fluss, habe man damals mit dem Demolieren der alten Häuser begonnen. Kaum waren einige niedergerissen, wurde die Wunde mit Neubaubeton gefüllt, und in kürzester Zeit türmte sozialistische Scheußlichkeit sich über dem Staub der k. und k. Monarchie. Ein Haus nach dem anderen folgte. Eben hatte man Nummer 6 zerstört – 8 wäre als nächstes an der Reihe gewesen – da stoppte der Frevel von einem Tag auf den anderen.

„Wie das?“, fragte ich.

Sie haben den Diktator erschossen. Gerade noch rechtzeitig.

Ich erinnerte mich an die Fernsehbilder, an die Verkündung des Todesurteils gegen Ceauşescu und seine Frau, Weihnachten 1989, und an diese eigentümliche, wegwerfende Handbewegung des Verurteilten im Moment des Schuldspruchs. Diese Geste hatte mich erschüttert und zugleich gerührt. Ich hatte sie oft bei meinem Großvater gesehen und hielt sie für eine fatalistische, für die Region typische Reaktion auf ein unbedeutendes Missgeschick, das man abschließend akzeptiert. Hier aber ging es doch um viel mehr, um Ceauşescus Verbrechen, um ein ganzes System, das zusammengebrochen, gestürzt worden war ‒ und doch war diese eine Geste alles, was er vor seiner bevorstehenden Hinrichtung auszudrücken vermochte.

Plötzlich stand ich wieder am vorderen Eingang des Hauses. Ich hatte meinen Rückweg nicht wahrgenommen und die junge Frau hatte mich schweigend begleitet. Sie schien zu spüren, wie tief in Gedanken ich war. Dann fiel mir selbst die Stille auf. Um sie zu beenden, wollte ich danken und Abschied nehmen, da bemerkte ich ein paar Markierungen an der Wand, Kratzer im Putz, farbig unterlegt, etwa auf Höhe der Schultern. Sie sahen aus wie Wasserstandzeichen, wie ich sie aus Regensburg oder Passau kannte, doch da floss schließlich die Donau!

Meine Begleitung war mir mit den Augen gefolgt und ersparte mir einmal mehr eine Frage. Es seien in der Tat Hochwasser-Marken, sagte sie. Die Kokel sei kein friedlicher Fluss. 1975 habe sie die Dämme und jahrhundertealte Rekorde gebrochen.

Wieder tauchten Fernsehbilder in meiner Erinnerung auf, apokalyptische Fluten, braune, zäh wallende Massen, die bis zu den Dächern einer alten Stadt reichten, die ich nicht kannte. Ich saß als Kind auf der sicheren Couch, zwischen der Mutter und ihren Eltern und verstand das Entsetzen nicht in ihrem Blick.

Man habe zur Auflage bekommen, beim Neuanstrich Farben und Ornamente so genau wie möglich wieder herzustellen, fuhr die Frau fort. Genaueres dazu könne mir Nicola sagen, der Eigentümer. Er sei am Abend und dann wieder am Sonntag da ‒ falls ich da nochmal vorbeischauen wollte.

„Ja gerne, vielleicht“, sagte ich und wollte es nicht.

Ich dankte ihr sehr, abermals auf der Stufe, mit einem Fuß noch in Großvaters Haus und dem anderen schon wieder im Jetzt. Es gelang mir nicht, mich im Gehen nicht umzudrehen, und so winkte ich einmal zurück, doch da war die Türe schon zu.

Von der übernächsten Straßenecke glänzte das Schild einer Bar bis zu mir, dahin wandte ich mich. Dort gab es Kaffee, Wasser – und einen Schnaps.

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