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Viele Völker, mehr oder minder

Dénes kickte einen Tannenzapfen gerade so weit von sich weg, dass die beiden Dackel ihn mit wenigen Sprüngen erreichen und sich darum balgen konnten. Ich versuchte es auch, doch die Hunde rührten sich nicht. Stattdessen glotzten sie Dénes fragend an.

Wir spazierten schon eine halbe Stunde auf einer gepflegten Schweizer Forststraße durch einen gepflegten Schweizer Wald, um das Sauerstoffzelt frisch zu füllen, unter dem der Rotweinkater im Sterben lag. Nach all den Stunden in Dénes‘ Gesellschaft wusste ich so viel über meine Vorfahren, dass es fortan nie mehr genug sein würde. Woraus folgte, dass eine Reise nach Transsilvanien so gut wie beschlossen war.

„Bist du sicher?“, fragte Dénes, nachdem ich ihm meine Entscheidung verkündet hatte.

„Ziemlich. Das heißt: ja.“

„Hmmm. Ich glaube nicht, dass du weißt, worauf du dich einlässt.“

„Dann erzähl‘ es mir!“

„Na gut“, sagte Dénes. Und erzählte.

Das Wichtigste sei, sagte er, zu begreifen, dass Transsilvanien schon immer ein Schmelztiegel war. Alle möglichen Völker seien im Lauf der Jahrhunderte dort hindurchgezogen, einige dageblieben, andere inzwischen wieder fort. Nahezu alle leiteten aus ihrer Anwesenheit einen Besitzanspruch ab, der für Jahrhunderte zu Konflikten geführt habe. Heute seien die Verhältnisse vordergründig geklärt, im Hintergrund aber rumore es weiter.

„Wer hat Transsilvanien denn als erster entdeckt?“, fragte ich ein wenig schulbubenhaft. „Dem müsste es doch gehören.“

„Genau das ist einer der Hauptstreipunkte“, antwortete Dénes. „Sicher wissen wir nur, dass vor rund zweitausend Jahren das Volk der Daker dort lebte, von denen der römische Kaiser Traian berichtet. Sie sollen regelmäßig Raubzüge auf das Gebiet des Imperiums unternommen haben. Daraufhin beschlossen die Römer, sich Dakien einzuverleiben, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Es scheint ihnen gelungen zu sein, was dafür spricht, dass zu dieser Zeit noch keine Zigeuner im Land waren. Aber das nur am Rande.

Die heutigen Rumänen jedenfalls berufen sich darauf, Nachkommen dieser Daker und damit als erste in Transsilvanien ansässig gewesen zu sein. Vor dem Hintergrund der Raubzüge glaube ich das sofort!“

Ich lachte nur kurz, denn Dénes kam jetzt in Fahrt.

In Wirklichkeit, fuhr er fort, seien die Rumänen ein schwer greifbares Volk. Das gelte nicht nur geschichtlich. Auch Europas Polizei könne ein Lied davon singen. Sie lebten seit dem EU-Beitritt des Landes wahlweise in den Sozialsystemen des Westens, wo sie sich in verwandtschaftlich betriebenen Erwerbsprogrammen organisierten ‒ oder blieben zuhause und widmeten ihre Zeit dem Tragen zu enger Lederjacken, der Schnapsbrennerei, dem Fälschen von Geschichtsbüchern und dem Nähen schwimmbadgroßer, rumänischer Flaggen, mit denen sie ungarische Siedlungen großflächig abzudecken versuchten, um ihren Besitzanspruch zu veranschaulichen.

„Besitzanspruch?“

„Ja. Transsilvanien gehört heute zu Rumänien.“ Dénes seufzte.

„Wie kann das sein? Wieso waren so viele ungarische Briefmarken auf den Kuverts, die wir durchgesehen haben? Und woher kommen all die deutschen Straßennamen?“

„Langsam, Richard. Es geht ja gerade erst los.“

„Was ist mit den Ungarn?“, liess ich nicht locker.

„Wenn es etwas gibt, das wir Ungarn wirklich gut können, ich sagte es gestern schon, dann ist es Kriege verlieren. Und beim Ersten Weltkrieg haben wir dabei in mehrfacher Hinsicht unser Bestes gegeben ‒ und das war das Erdély, wie wir Transsilvanien nennen. Man nahm es uns weg, schwupps, und überreichte es den Rumänen, weil die gerade günstig standen und ausnahmsweise eine Hand frei hatten.“

Festgenagelt, so Dénes weiter, wurde das in einem Vertrag, benannt nach dem Ort seiner Unterzeichnung: „Trianon“. Das Gebäude stehe noch und sei ein Anbau des Schlosses Versailles, den Ludwig XIV zu gänzlich anderen Zwecken habe errichten lassen. Sollte ich je Anlass haben, einem Ungarn den Tag verderben zu wollen, genüge es, dieses eine Wort fallen zu lassen. Es funktioniere seit fast einhundert Jahren.

„Übrigens war das nicht alles, was man uns nahm.“ Dénes Stimme klang jetzt etwas gepresst, als fehlte es ihr an Luft hier im Wald.

„Was kam denn noch?“

„Ungarn verlor mehr als siebzig Prozent seines Staatsgebietes. Siebzig! Stell dir das einmal vor! Wenn du das auf das heutige Deutschland übertragen wolltest, blieben gerade mal Bayern und der größte Teil Baden-Württembergs übrig; alles andere wäre futsch.“

Mir fehlten die Worte. Dann kamen ein paar Kleinlaute zurück, aber ich ließ sie nicht raus.

„Die Ungarn, die auf dem Papier jetzt keine Ungarn mehr waren, blieben auch nach der Teilung der Länder dort, wo sie lebten. Dadurch sind sie heute die zweithäufigste Bevölkerungsgruppe Transsilvaniens und damit die größte Minderheit.

Doch Vorsicht!“, Dénes hob einen Zeigefinger. „Die meisten von ihnen sind eigentlich Székler.“

„Was sind denn Székler?“

„Das weiß ich nicht. Obwohl ich einer bin. Niemand weiß es genau. Wir sprechen einen ungarischen Dialekt, schreiben aber mitunter in Runen. Das brachte ein paar Völkerkundler auf die putzige Idee, Székler könnten eigentlich Germanen sein. Sieht man sich die Trinkgewohnheiten an, ist das gar nicht so abwegig. Tacitus, den wirst du kennen, schrieb ja bekanntlich, die Germanen seien von morgens bis abends sternhagelvoll. Das gilt für einige Székler auch, fürchte ich. Aber weißt du, was gegen die Theorie spricht?“

„Was?“

„Die Sprache. Was spricht denn sonst? Ein Germane wird niemals Ungarisch lernen, die schaffen ja nicht mal Italienisch und scheitern schon bei der Aussprache von „Chianti“. Ungarisch spielt in einer anderen Liga. Selbst die Székler konnten es nur lernen, weil sie jahrhundertelang an der Seite der Ungarn durch die Steppe streunten, bevor sie in Pannonien seßhaft wurden. Und trotzdem können sie es nicht richtig!“

Dénes lachte jetzt herzlich über seinen eigenen Scherz und sich selbst.

„Ich spreche ganz gut Italienisch“, warf ich ein, als Dénes sich wieder beruhigt hatte.

„Kein Wunder, du Halbblutgermane. Aber für Ungarisch hat es trotzdem nicht gereicht!“. Déner zwinkerte mir zu.

Dann erklärte er, wie man Székler von Ungarn unterscheiden könne, wenn man der Sprache nicht mächtig sei. Man müsse dazu das Haus der fraglichen Person ausfindig machen! Bestehe der Eingang aus einer gewöhnlichen Tür, wohne ein Ungar darin.

Stehe jedoch vor dem Haus ein hölzernes Tor mit Rundbögen, doppelt mannshoch oder gar das Haus selbst verdeckend, mit sorgfältigst geschnitzten Mustern verziert, einer Jahreszahl und einem Segensspruch, dabei gekrönt von einem Vogelhäuschen mit Bullaugen, dessen Dach weite Teile des Tors überspanne, sodass die Vögel bei Regen darin kegeln könnten, dürfe man getrost einen Schnaps darauf wetten, dass es ein Székler gebaut habe!

„Kegelnde Vögel wollte ich immer schon sehen!“

„Da gibt’s nichts zu sehen. Hörst du nicht zu? Gekegelt wird drinnen!“

Dénes bemühte sich sichtlich, ernst zu bleiben. Und müde schien er auch zu sein.

„Sollen wir eine kleine Pause machen? Geschichte ist anstrengend.“, schlug ich vor.

„Sehr gern.“, nahm Dénes den Vorschlag an.

Wir setzten uns auf einen Stapel geschälter, harz- sowie käferfreier Baumstämme und schwiegen. Ich dachte über Dénes‘ letzte Worte nach, er vermutlich schon über die nächsten. Die Dackel lagen sofort bei ihm, der ihnen aus seiner Hosentasche etwas zu knabbern gab.

Als wir den Spaziergang fortsetzten, merkte ich, dass wir gar nicht mehr weit vom Haus entfernt waren. Mir war völlig entgangen, wohin wir liefen.

„Wir sind ja beinah‘ zuhause!“, stellte ich fest.

„Ja, fast. Aber wir haben auch nur noch eine Gruppe. Die Sachsen. Da wird es für dich doppelt interessant, denn dein Großvater war ja einer. Bei denen kennt man die Herkunft ziemlich genau. Nur weiß man nicht so recht, wie es mit ihnen weitergeht. Leider.“

Ihren Namen, so Dénes, verdankten sie einer nachlässigen Übersetzung des lateinischen „Saxones“, mit dem im Mittelalter ganz allgemein deutschstämmige Siedler bezeichnet worden seien, weshalb sie rein gar nichts mit den heutigen Sachsen im Osten Deutschlands gemein haben. Sie seien vielmehr ab dem 12. Jahrhundert aus linksrheinischen Gebieten zwischen Lothringen und der Eifel nach Transsilvanien ausgewandert, was sich u.a. dadurch beweisen lasse, dass sie in ihrem seit 800 Jahren unveränderten Dialekt, dem Såxesch, von einem heutigen Luxemburger verstanden würden, keineswegs aber von einem Leipziger.

Angelockt habe sie der damalige ungarische König Géza II, der ihnen weitgehende Autonomie in Aussicht stellte, wenn sie im Gegenzug das Land ein wenig auf Vordermann brächten. Was er ihnen vermutlich verschwiegen habe, war der Grund für die Notwendigkeit, aufzuräumen, denn der habe in den unentwegten Raubzügen östlicher und südlicher Nachbarvölker gelegen.

„Ihre Namen werden in den Annalen genannt – und es sind keine Rumänen darunter. Weil sie noch gar nicht da waren. Deshalb!“

Er machte eine kurze Pause, sah mich an, sah meine Verwirrung – und fuhr fort.

„Wie dem auch sei ‒ nachdem die Siebenbürger Sachsen, gemeinsam mit den Széklern, die Petschenegen, Kumanen, Kabaren, Baschkiren und weißgott wen noch alles zurückgeschlagen hatten und dachten, nun sei Ruhe für ein Weilchen, kamen die Osmanen. Aber das ist schon wieder ein anderes Drama.“

Der Vollständigkeit halber (und obwohl ihr Wirken eher auf Unvollständigkeit abziele), sei noch die Volksgruppe der Sinti und Roma zu nennen, meinte Dénes, deren Aussehen und Verhalten verblüffend an die schlimmen Vorurteile erinnere, die man früher Zigeunern entgegenbrachte. Sie seien die einzige Volksgruppe in Transsilvanien, deren Zahl nicht abnehme, umgekehrt proportional zum Hab und Gut der drei anderen Ethnien.

Während die Székler teilweise tapfer die Stellung hielten, teilweise aber auch Mischehen mit Rumänen eingingen, haben die Sachsen es sich inzwischen im Westen bequem gemacht. Freigekauft in den 1980er Jahren durch üppige Zahlungen Deutschlands an das Ceaușescu-Regime, pflegten sie jetzt lieber Sentimentalität statt Realität.

Alljährlich am Pfingstsonntag träfen sie sich auf der Operettenbühne Dinkelsbühl, grillten problematisch aussehende Würstchen und lamentierten spätestens nach dem dritten Timişoreana, Rumäniens zweitbestem Bier, über den Verlust der deutschen Heimat. Es würden bestickte Kissen und bemalte Holzteller verkauft, auf denen bäuerliche Szenen oder die Schwarze Kirche von Kronstadt zu sehen sei. Dann tanze eine Folkloregruppe aus einer Kleinstadt in Missouri, allesamt Nachfahren ausgewanderter Sachsen, eine zu Recht unbekannte Malerin dürfe ihr Lebenswerk präsentieren, ein gemeinnütziger Verein stelle das neueste Genealogieprojekt vor, bei dem man nach zwanzig Jahren Recherche bereits beim Buchstaben B aus Ort C angekommen sei, der Vorsitzende der Vertriebenenvereinigung finde unnötige Worte zur Notwendigkeit der friedlichen Koexistenz von Sachsen und Rumänen, und alle liebten am innigsten die Stadt, in der sie nicht mehr leben wollten: Schäßburg.

„Da muss ich hin!“, sagte ich.

„Da musst du hin.“, sagte Dénes.

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