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Von Zügen und Zwängen

Hermannstadt schlief noch den Schlaf der Satten und Bezechten, als ich mich in aller Frühe auf den Weg zum Bahnhof machte. Selbst im Hotel, dessen Zimmer für 20 Euro den Komfort einer deutschen Drei-Sterne-Unterkunft geboten hatte, deutete fehlender Kaffeeduft darauf hin, dass noch niemand damit beschäftigt war, ein Frühstücksbuffet aufzubauen.

Ich hatte mir das Bett mit einer Mücke geteilt und es grußlos und unausgeschlafen verlassen, aber was ist ein Aufenthalt in Transsilvanien ohne kleinen Blutverlust?

Froh um mein leichtes Gepäck, einen mittelgroßen Trekking-Rucksack, hoffte ich auf Koffein am Wegesrand, vielleicht mit einem Lángos dazu, wenn ich Glück hatte. Ich kannte die salzigen Hefeteigfladen, die in heißem Fett gebacken werden seit Kindertagen durch die ungarische Großmutter und wusste, dass sie in ihrer Heimat ein Grundnahrungsmittel sind, das man fast rund um die Uhr an jeder Ecke bekommt. Das hier war zwar nicht (mehr) Ungarn, aber vielleicht lebte das Gebäck in der Backstube „Zum frühen Vogel“ oder wo auch immer noch fort?

Tatsächlich: kurz vor dem Bahnhof dampfte es schon zu dieser morgendlichen Stunde sehr appetitlich aus einer Bäckerei. Das waren keine Schokokipfel, die hier die Straße bedufteten, das war ohne Zweifel heißes Schweineschmalz!

“Gogoşi” nannte man die goldgelben Teigringe hier. Sie hingen in einem Metallgestell im Schaufenster der Backstube zum Abtropfen und sahen nach leichter Gallenkolik aus, also perfekt. Während ich mir zur Transportsicherung einen dicken Stapel Papierservietten schnappte und ein paar Münzen, die mir vom Vorabendfest in der Tasche geblieben waren auf den Tresen legte, überkam mich die Erinnerung an Omas gewaltiges Backbrett, das an zwei Haken an der Küchenwand hing. Wann immer sie ihren Mann bat, es für sie herunterzunehmen, wussten alle, es würde ein besonderer Tag.

Das Gogoşi, das die Bäckerin mir reichte, war etwas dicker als ein Lángos, schmeckte aber genau so gut und genügte auch der Tradition, die wollte, dass man sich beim ersten Bissen die Lippen zu verbrennen hatte. Dagegen half normalerweise der kühlende Sauerrahm, den man sich in Ungarn neben geraspeltem Käse und ein paar dutzend gepressten Knoblauchzehen in Sonnenblumenöl aufs Lángos klatscht; hier aber gab es nur die knusprige, gesalzene Reinform.

Ich war nicht der einzige, der um diese Uhrzeit schon ein transsilvanisches Frühstück genoss. In der nahen Bahnhofsbar, in der ich einen Kaffee zu bekommen hoffte, traf ich auf einen Trupp Bauarbeiter, die ebenfalls Gogoşi aßen. Wie es schien, waren deren Fladen auch nicht belegt, dafür aber gefüllt. Es mochte eine speckhaltige Eimasse sein, die da rötlich-gelb glänzte, aber ich kam nicht nah genug heran, um genaueres sagen zu können. Einiges sprach dafür, dass die Füllung noch fettiger war als die Hülle, denn sie tranken Schnaps aus Wassergläsern dazu und, ein wenig alibihaft, einen Espresso.

Das fügte sich in spätere Beobachtungen, denen ich hier etwas vorgreife. Rumänen trinken nämlich nicht nur zum Frühstück Schnaps, sondern eigentlich immer, während das Schnapsbegleitgetränk je nach Tageszeit wechselt: vor neun Uhr ist es Kaffee, danach Bier oder Wein. Mittags kann, aber eher versehentlich, eine Cola dazwischengeraten, doch spätestens ab dem frühen Abend gleicht sich das aus, indem man zum Schnaps einen großen Extraschnaps trinkt. All dies geht mit erstaunlicher Normalität einher, wie ich überhaupt den Eindruck gewann, dass das Trinken in diesem Land anderen Regeln folgt als bei uns. Nirgendwo sah ich eine einzelne Person mit einer Bierflasche in der Hand, wie sie in Deutschland längst zum Straßenbild gehört; wenn in Transsilvanien getrunken wird, dann wie beim Ball von Graf Kroloc in Polanskis “Tanz der Vampire”: stets in der Gruppe, und die Getränke werden geteilt.

Auch im Zug saßen fünf oder sechs Männer, die eine Bierflasche von ungewöhnlicher Größe im Kreis herumgehen ließen. Offensichtlich auf dem Weg zur Arbeit, waren sie bester Dinge und verhielten sich dennoch erheblich leiser und gesitteter als eine vergleichbare Anzahl nur halb so betrunkener Teenager auf dem Heimweg vom Oktoberfest nach Rosenheim.

Der Zug selbst wirkte hingegen nicht, als sei er für eine Distanz wie diese geschaffen. Ein verdelltes Schild in einer Messinghalterung berichtete, dass der Waggon, in dem ich mich befand, im Elsaß verkehrt hatte, als mein Großvater eingeschult wurde.

Wie ein Blick über die Gleise zeigte, saß ich damit noch in einem vergleichsweise modernen Zug. Die meisten anderen sahen aus, als stammten sie von einem Truppenübungsplatz. Sie schienen hauptsächlich auf Langstrecken zum Einsatz zu kommen, auf denen sie weniger oft dem Abenteuer von Anfahren und Abbremsen ausgesetzt waren.

Eine Gruppe englischsprachiger Jugendlicher hatte es sich in einem der Wracks gemütlich gemacht und vertraute in adoleszentem Optimismus darauf, damit sicher nach Bukarest zu gelangen, denn das war das Wort, das in einem frühen Versuch digitaler Textanzeige über der Kabine des Lokführers gelegentlich schwach aufflackerte.

Still wünschte ich ihnen Glück ‒ und prompt rollte mein Gefährt an. Nach etwa zehnminütiger Beschleunigung hatten wir das Tempo eines beherzten Greises mit Rollator erreicht. Höchste Zeit, an der nächsten Station anzuhalten.

Dass man für diesen Service keine allzu ambitionierten Fahrkartenpreise erheben kann, sah ich ein. Dennoch hatte ich den Betrag, der mir am Schalter genannt worden war, für einen Irrtum zu Ungunsten der rumänischen Eisenbahngesellschaft gehalten. Nun erkannte ich die Logik dahinter: wenn die Differenz zwischen einem Ticket und keinem Ticket so gering ist, dass sie nicht ins Gewicht fällt, kann man sich das Kontrollieren der Fahrgäste sparen. Folgerichtig ignorierte mich kurz darauf ein Schaffner und beteiligte sich lieber an der kreisenden Bierflasche der fröhlichen Herrenrunde, in der er jeden gut zu kennen schien. Anschließend fand er seine Lochzange nicht mehr.

Diese Gemütlichkeit steigerte sich noch an der nächsten Station, als zwei Männer und eine Frau, alle etwas älter, zustiegen und auf den drei Sitzen um mich herum Platz nahmen. Die Männer trugen gewaltig ausladende, schwarze Hüte, die sie nicht abnahmen, weshalb sie sich einander gegenüber setzen mussten. Unter den Hüten wuchsen mächtige Schnurrbärte. Noch weiter unten war alles in außerordentlich weit geschnittene, ebenfalls schwarze Nadelstreifenanzüge gehüllt. So waren sie bereit für komme, was wolle, Viehmarkt oder Vorstandssitzung.

Die Frau hatte sich zur Abrundung ihrer Körperfülle in mehrere Lagen bunter Röcke und dazu kontrastierender, graubrauner Strickjacken gewickelt, deren oberste Schicht aus einer taschenreichen Lederweste bestand. Auf dem Kopf trug sie ein ebenfalls sehr buntes Tuch. Sie nickte mir lächelnd kurz zu, zeigte mir die Pracht ihrer goldene Zähne und wandte sich darauf den Männern zu, um einen Streit fortzusetzen, der wohl schon vor der Zugfahrt begonnen hatte.

Obwohl ich kein Wort verstand, zeichnete sich durch Tonfall und Sprechdauer klar ein weiblicher Sieg ab, den die Männer gar nicht erst abwarten wollten; sie zogen sich bald aus dem Gefecht in den Übergangsbereich zwischen die Waggons zurück und zündeten sich dort erstmal ein Pfeifchen an.

Die Frau, nun beschäftigungslos, besann sich meiner. Mit schwerem Akzent, aber durchaus verständlich, fragte sie auf deutsch:

“Hast du Schokolade? Bisschen Schokolade?”

„Wie? Äh, nein. Tut mir leid.“

Zu dumm, wie konnte das passieren? Warum hatte ich, der ich nie Schokolade mit mir führte, ausgerechnet heute keine dabei? Sollte ich die Wärme des Tages als Schuldigen suchen oder schlicht behaupten, meinen Vorrat schon selbst verzehrt zu haben? Und woher, zum Teufel, wusste sie, dass ich deutsch sprach?

Doch die Frau wollte gar keine Entschuldigung hören.

“Keine Schokolade? Nicht schlimm. Gibst du Geld, ich kaufe.”

Auch hier fiel meine Antwort negativ aus, was sie kein bisschen beeindruckte. Ablehnungsroutiniert und psychologisch durchtrainiert, dachte sie gar nicht daran, ihren Platz zu räumen und einen anderen Fahrgast anzubetteln, sondern vertraute darauf, dass ich es mir anders überlegen könnte. Beharrlich blieb sie sitzen, fragte aber kein zweites Mal. Ihre gleichmütige Hartnäckigkeit verlängerte die gefühlte Reisedauer für mich erheblich; dann stieg sie ‒ mit beiden Männern ‒ am nächsten Halt aus, nicht ohne mir freundlich zuzuwinken.

Die Entspannung währte nur kurz. Ein junger Mann in schwarzem Anzug, die Hosen und Ärmel etwas zu kurz, stürzte durch die hinter mir liegende Tür in den Waggon, mit mehreren Plastiktüten bepackt. Schwitzend und dabei eine Haarsträhne mehrfach hinter das rechte Ohr klemmend, begann er fahrig und dabei unentwegt mit sich selbst im Gespräch, die Tüten zu leeren; in Sekunden waren die Sitze um mich mit allerlei Dingen belegt, einem wilden Sammelsurium so neuwertig glänzender wie vollkommen unnötiger Utensilien, die er hastig ordnend ausbreitete. Ich erkannte ein aufklappbares Werkzeug-Set im Miniaturformat, einen Duftwasser-Flacon in Form einer Jukebox, pailettenbeklebte Kugelschreiber, die glitzerten wie eine Disco-Kugel, Plastikkrawatten, Kaugummispender aus verchromtem Kunststoff (mit Kurbel!) und ein Paar Damenstrumpfhosen mit perlenbesetzter Naht. Kaum war alles ausgepackt, hastete der Mann voran in den nächsten Waggon, dort die restlichen Tüten zu leeren, ohne sich auch nur eine Sekunde damit aufzuhalten, ein Erklärkärtchen zu zücken, aus dem vielleicht hervorgegangen wäre, dass er taubstumm oder in anderer Weise ein armes Schwein war, das vom Verkauf dieser Dinge zu leben hatte.

Fest entschlossen, dem Jungen lieber Bargeld zu schenken, als etwas von dem Zeug zu kaufen, achtete ich darauf, nichts davon anzufassen. Irgendwo, irgendwann hatte ich gelesen, dass die bloße Berührung solcher Objekte nach balkanischem Rechtsverständnis eine unanfechtbare Willenserklärung darstelle, die Artefakte sogleich erwerben zu wollen!

Prompt fiel die Jukebox dem Geruckel des Zuges zum Opfer und damit zu Boden, zerbrach aber nicht. Gottseidank! Schon bückte sich der wohlerzogene Deutsche in mir, um das Kunstwerk aufzuheben ‒ da schritten gerade noch rechtzeitig die ungarischen Gene ein. Ich musste den Flacon auf jeden Fall unter die nächste Sitzbank kullern lassen, auf dass er meinen Aufsichtsbereich verließe; wer immer ihn aufhob, würde dann zusehen müssen, wie er sich aus der Affäre zog. Während ich meinen Oberkörper wieder aufrichtete, sah ich, dass andere Reisende die Kostbarkeiten durchaus auch mit den Händen betrachteten. Offenbar versuchten sie, durch Abschätzen des Gewichtes auf einen etwaigen Wert und angemessenen Preis schließen zu können. Mit einem schnellen Griff langte ich nach der Jukebox und legte sie auf den Sitz neben mir zurück.

Nach wenigen Minuten kehrte der Besitzer des elitären Sortiments zurück, wieder leicht gehetzt und tatsächlich durch dieselbe Tür, durch die er auch gegangen war. Es hätte mich nicht komplett überrascht, wenn es die gewesen wäre, durch die er beim ersten Mal kam.

Wort-, klag- und regungslos packte er alles wieder ein. Zwei Reihen weiter hielt er kurz inne. Ein Mann erwarb ein Feuerzeug (für welchen Betrag konnte ich nicht sehen), das er aus dem Fenster warf, sobald der Verkäufer den Waggon erneut verlassen hatte.

Dann kehrte endlich Ruhe ein.

Seit einer Weile folgte die Bahnstrecke jetzt schon dem Tal eines sich noch sehr natürlich windenden Flusses, den sie wieder und wieder querte; ich war mir nicht bewusst, dass er von dort kam, wohin ich wollte, sondern genoss die Landschaft, die aus einer anderen Zeit zu stammen schien. Sanfte Hügel reihten sich aneinander, dabei oft kaum bewachsen, sondern nur mit Gras bedeckt. Kleine Wäldchen krönten manch einen, doch es blieb insgesamt licht. Alle paar Kilometer hockte ein Dorf zwischen Höhen, immer wie zufällig gerade dort gewachsen, weil es nebenan nicht hätte gedeihen können. Nichts wirkte grob in die Natur gezwungen, alles wie spielerisch von oben verstreut. Und nirgends störten ein Strommast, ein Windrad oder eine Mobilfunkantenne.

So erreichten wir Mediasch. Eine Schwester meines Großvaters hatte von hier oft an ihn geschrieben. Sie war nicht fortgegangen nach dem Krieg, hatte hier aus- und durchgehalten, was darauf folgte. Gelesen hatte ich keinen ihrer Briefe, und doch war mir, als würde ich ihren Inhalt kennen.

Regina Schwarz, Mediasch. Die etwas zittrige Handschrift einer alten Frau auf einem billigen, mattweißen Kuvert.

Auf dem Bahnhofsschild las ich den Namen der Stadt, in meiner Vorstellung stand ihrer direkt daneben. Es ruckelte leicht, als wir wieder anfuhren und es kam nicht vom Zug.

Viel später, nur noch acht Kilometer westlich von Schäßburg, erreichten wir die vorletzte Station dieser Fahrt, Seleuş. Ein langer Betonblock diente als Bahnsteig in einem weiten, grünen Tal. Links, etwas erhöht, zur Hälfte von Bäumen verdeckt, zeigte ein weißer Kirchturm, wo der Ort sich befand.

So sah Dénes‘ Esstisch also in Wirklichkeit aus, denn Seleuş war der rumänische Name von Nagyszőllős oder Groß-Alisch.

Unwillkürlich kam mir die Hundehaut in den Sinn, und obwohl ich die Antwort kannte, fragte ich mich erneut, weshalb es ein Hund hatte sein müssen?

„Denk an Herrmannstadt“, flüsterte eine unernste Stimme in mir, während der Zug sich in die nächste Kurve legte.

„Alles andere hing schon auf dem Grill…!“

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