Oktoberfest pe românește
Der deutsche Sommer hatte seine wärmsten Tage hinter sich und München rüstete sich für ein Ereignis, dem ich nur zu gern entging, die „Wies’n“. Aber noch war ich nicht sicher, wie ich die Reise antreten würde. Dann, an einer Bushaltestelle, leuchtete blau eine Lufthansa Anzeige auf:
„Entdecken Sie Hermannstadt ‒ jetzt für 99 Euro!“
„Überredet“, sagte ich.
Die Ankündigung, nach Transsilvanien reisen zu wollen, das „Land hinter den Wäldern“, wie es im Mittelalter getauft worden war, führte im Freundeskreis nicht zu Empathie und Schulterklopfen. Stattdessen hieß es, ich solle stets ausreichend Knoblauch mit mir führen und den Vollmond meiden. Niemand schien mehr über das Land zu wissen, als das, was es nicht war: Heimat von Vampir und Werwolf, ein düster-bizarres Hochgebirge in ewigem Schnee mit Burgen im Disneyland-Stil.
Im Scherz fragte Dimi:
“Wie, Transsylvanien gibt’s wirklich?” – um nach einer Kunstpause den klugen Rat nachzuschieben, dass ich nichts trinken solle, was blind macht.
„Wie sehe ich das dem Getränk an?“, fragte ich.
„Gar nicht“, antwortete Dimi, „vor allem nicht, wenn es zu spät ist.“
Wir saßen beim letzten Bier auf bayrischem Boden und Dimi schüttelte sich vor Lachen. Mein Blick ließ ihn schneller zur Ruhe kommen, als er beabsichtigt hatte, und da er nun etwas Sinnvolles beitragen wollte, grub er eine Geschichte aus, an die er sich selbst wohl nur halb erinnerte und außer ihm niemand mehr.
„Mein Großvater war auch mal in Transsilvanien. Soll schön sein, dort.“
„Dein Großvater? War der nicht Russe?“
„Und wie!“, sagte Dimi. „Aber mein Großvater war auch im Krieg. Da kam man gut rum als Russe, vor allem gegen Ende.“
„Er war als Soldat in Transsilvanien?“, fragte ich ein wenig unnötig.
„In den höchsten Tönen hat er es gelobt. Vermutlich, weil er da fast verreckt wäre.“
„Interessante Logik.“
„So weit ich mich erinnere, was er erzählt hat, kämpfte er weniger gegen die Ungarn und Deutschen, sondern vor allem gegen den Hunger. Er scheint seiner Einheit abhanden gekommen zu sein. Oder die Einheit ihm. Vielleicht ist er desertiert, keine Ahnung. Oder sie haben sich im Suff aus den Augen verloren. Irgendwie muss er es jedenfalls geschafft haben, sich in den Westen durchzuschlagen. Er wollte nach Spanien, glaube ich ‒ aber frag mich nicht nach Details.“
Ich fragte nicht und sah zu, dass ich heimkam, denn am nächsten Morgen war es soweit.
Ich kauerte in einer Canadair 900, deren Mittelgang mich gezwungen hatte, den Kopf auch nach dem Einsteigen gebeugt zu halten, auf dem Flug von München nach Hermannstadt, zum Lufthansa Entdeckerpreis.
Ohne die geringste Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde und auch ohne präzisen Reiseplan, starrte ich nach dem Start in den wolkenlosen Himmel, nur durch eine dünne Plastikscheibe und Kabinenwand von ihm getrennt, und das Wortspiel lag nahe, ins Blaue zu fliegen.
Ich hatte Kopien von einigen der Dokumente und Briefe dabei, die Dénes verständlich für mich gemacht hatte, ohne wirklich zu wissen, ob und wofür ich sie brauchen würde. Aber sie enthielten Adressen und Namen und Datumsangaben, an denen ich mich vielleicht entlang hangeln konnte. Denn irgendeiner Route würde ich folgen müssen.
Nach einer guten Stunde setzte bereits der Sinkflug ein. Nun verstand ich, weshalb es hieß, Transsilvanien transportiere den Besucher ins Mittelalter zurück. Unter uns gab es nichts außer Landschaft, absolut nichts. Keine Spur von Autobahnen, Strommasten, Industriegebieten oder anderen zweifelhaften Segnungen der Neuzeit. Stattdessen konnte ich bald Fuhrwerke erkennen, gezogen von Esel oder Pferd, die sich auf schmalen Straßen Raum und Zeit mit Autos teilten, die auch nicht sehr viel schneller unterwegs zu sein schienen.
Selbst der Flughafen erschien wie ein vorsichtiger Versuch, den Übergang von der Postkutsche zur Raumstation zu wagen: es war ein mitten auf die offene Wiese gestellter Stahl-Glas-Beton-Quader, beschriftet mit: “Aeroportul International Sibiu”. Das klang natürlich etwas aufregender als “Einer von vier Flughäfen Rumäniens” und wirkte, als habe man Wert darauf gelegt, den Schriftzug leicht wieder entfernen zu können, falls sich der Weg in die Moderne als Irrtum erweisen sollte und der Quader doch wieder für Hühner, Maiskolben oder sonstwas gebraucht werden würde.
Entsprechend unmittelbar war auch die Ankunft. Wir flutschten nicht durch eine enge Fluggastbrücke mit vergilbten Scheiben in eine klimatisierte Touristenauffanghalle. Wir durften richtig aussteigen und in eine Wand aus Wärme laufen, die aus verbranntem Kerosin und heißem Spätsommertag bestand. Da wartete auch kein Shuttle-Bus, in den wir eilig gescheucht worden wären, nein, man ließ uns Zeit, in Ruhe anzukommen und das Rollfeld in alle Richtungen zu erkunden. Erst als zwei Passagiere drohten, den Navis ihrer Smartphones folgend in den Weiten der transsilvanischen Weiden verloren zu gehen, eilte ein Uniformierter herbei und blies uns mit strengem Trillerpfeifen den Marsch zur Passkontrolle.
Die Zollmatrone hinter der Drehtür ‒ noch nicht daran gewöhnt, selbst EU-Bürgerin zu sein ‒betrachtete und durchblätterte unsere Pässe mit großer Sorgfalt, auf dass nichts verloren gehe, was versehentlich zwischen die Seiten geraten sein könnte. Dann lag nur noch das Gepäck-Rollband mit unseren Koffern darauf still vor uns. Sie hatten uns überholt, während wir die Kontrolle durchschlichen, und da durch die riesigen Glasscheiben weit und breit kein anderes Flugzeug zu sehen war, konnten wir sicher sein, dass es unsere waren.
Gleich hinter dem Band endete auch der Quader. Abermals trat ich ins Freie und sah: es gab keine Taxis. Da war nichts außer Wiese und Landschaft und … Taxi-Vermittlern.
Eine Handvoll offenbar mehrsprachiger Mobilitäts-Agenten, im Schatten des Quaders auf Fluggäste wartend, näherte sich uns Gestrandeten ganz ohne Hast und fragte uns nach dem jeweiligen Ziel der Reise. Fand sich eine genügend große Gruppe, die in dieselbe Richtung wollte, begann ein gemächliches Telefonieren mit Taxibesitzern unter gleichzeitigem Verprovisionieren der im Gange befindlichen Dienstleistung.
Bei Einbruch der Dunkelheit trudelten die ersten Fahrzeuge ein, wurden mit Sack und auch Pack beladen und rollten bald wieder davon. Mein Hotel lag anscheinend abseits der Mainstream-Unterkünfte, denn ich erhielt ein eigenes Taxi, einen Dacia natürlich, auf das ich jedoch auch am längsten zu warten hatte.
Dann dauerte es nur mehr ein halbes Stündchen, bis die zehn Kilometer nach Hermannstadt zurückgelegt waren, was sich als ein für rumänische Straßen durchaus flottes Tempo erwies. Die Fahrt fühlte sich dennoch deutlich länger an, denn der Fahrer wünschte zu plaudern.
Es war erstaunlich, wie gut er mein Italienisch verstand und entsetzlich, wie wenig ich sein Rumänisch. So verging die Zeit mit bemühten Scherzen über das Nichtkapieren, doch immerhin, sie verging. Am Ziel zeigte das Taxameter knapp 30 Lei, etwas mehr als sechs Euro.
Der Fahrer sah auf meinen 20 Euro-Schein, als hätte ich ihn mit einem Dolch bedroht. Sein Wert überstieg seine Bestände an Wechselgeld erheblich. Ich bot ihm an, mir in Lei herauszugeben, doch das daumendicke Bündel an Geldscheinen, das er darauf aus seiner Hosentasche zog, reichte bei weitem dafür nicht aus. Unter leisem Jammern stieg er aus, gezwungen, das Devisenversteck preiszugeben. Überraschenderweise befand es sich im Kofferraum unter einem platten Ersatzrad.
Während der Fahrer in einem Hohlraum kramte, fragte er mich, ob ich in Hermannstadt zu bleiben gedenke oder, falls nicht, wohin es noch gehen solle?
Ich nannte Schäßburg als nächstes Ziel, sogar korrekt auf rumänisch:
“Sighişoara”.
Schäßburg? Wie wundervoll! Die Stadt sei seine Heimat, welch glückliche Fügung, er wollte ohnehin dieser Tage nach Hause. Wir könnten gleich los, sein Auto sei so gut wie meins, sagen wir: 80 Euro? Ob ich selbst fahren möchte, vielleicht? Das sei kein Problem, die Polizei frage nie nach dem Schein, Scheine seien ihr lieber. Wozu also hier im Hotel absteigen, wenn ich noch heute, wahrlich, in Schäßburg sein könne?
Es entspann sich ein sanftes Feilschen, ein merkantiles warm up für die weitere Reise, wie ich mir sagte, dann waren wir bei 40 Euro und Schluss.
„Letztes Gebot?“, grinste der Fahrer mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Was tat ich hier eigentlich? Ich wollte doch überhaupt nicht nach Schäßburg, jedenfalls heute noch nicht. Warum verhandelten wir über den Preis?
Ich drückte dem Fahrer das Wechselgeld, das er dem Kofferraum soeben entnommen hatte, zurück in die Hand.
„Das ist dafür, dass wir heute nicht nach Schäßburg fahren, einverstanden?“
14 Euro Trinkgeld verschwanden sogleich in der Taxlertasche, lachend folgte ein winkender Abschiedsgruß, ein Goldzahn blinkte feierlich im Abendlicht auf.
Ich bezog mein Zimmer und war gespannt, wieviel bei solchen Taxipreisen ein Bier kosten würde, womöglich gar eines mit Abendessen.
Die Altstadt lag nur zehn Gehminuten vom Hotel entfernt, der Weg dorthin war bestens beschildert.
Jetzt erst, im Gehen, nach all dem Transfer-Theater, wurde es wirklich. Dieses Kopfsteinpflaster unter meinen Füssen: war zweifelsfrei echt. Die handverputzten Hauswände, die steinernen Torbögen, die gußeisernen Straßenlaternen, die allmählich zu leuchten begannen ‒ ich konnte stehenbleiben und sie berühren. Sie waren wirklich da und ich war es auch, ich war in Transsilvanien, tatsächlich, nach so viel Überlegungen und doch ganz ohne Plan. An einem seiner bedeutendsten Orte noch dazu, in Hermannstadt, das vor fünf Jahren Europäische Kulturhauptstadt gewesen war. Tatsächlich zeigte sich an einigen Ecken, dass die Vorbereitungen für dieses Ereignis noch immer in vollem Gange und im Herzen der Stadt sogar vereinzelt schon abgeschlossen waren.
Wie musste es zuvor hier ausgesehen haben?
Das Zentrum der Stadt, auf einer Anhöhe gelegen, besteht im wesentlichen aus zwei aufeinanderfolgenden Plätzen, dem “kleinen” und dem “großen Ring”, die im Süden, in Richtung der nahen Karpaten, noch von Teilen einer Stadtmauer umfasst werden.
Während der “Kleine Ring” den einsetzenden Sonnenuntergang optisch sehr zu seinen Gunsten zu nutzen vermochte und in gedämpften Pastelltönen hochromantisch leuchtete, enttäuschte sein großer Bruder, wenngleich schuldlos.
Eine Looping-Achterbahn beherrschte die Mitte des Platzes, aufs grellste von farbigen Strahlern beschienen. Technomusik hämmerte den Rhythmus zu pubertärem Gekreisch aus spiralförmig rasenden Wagen, während es aus Holzbuden und ihren Zwischenräumen rundum so ziemlich nach allem roch, woran man ein Volksfest erkennt.
Zentrum des Ganzen war ein Festzelt, was sonst. Wie aus dem bayrischen Alpenvorland hierher gebeamt, zu früher Abendstunde schon bestens gefüllt und von einer Blaskapelle in rotweißen Karohemden und ledernen Hosen kräftigst beschallt.
Hinter den Posaunen hing ein Banner von der Rückwand der Bühne.
“Oktoberfest pe românește”
war da zu lesen, neben dem Foto eines Mannes in steirischer Tracht, der ein Schnapsglas hielt, wie um den Gästen zuzuprosten und dabei so fettglänzend grinste, als habe er soeben das Grammelschmalzbrot erfunden.
Doch abgesehen von Mann und Musik war die hiesige „Oktoberfest“-Variante dem Original angenehm überlegen. Das Publikum war animiert, jedoch nicht außer Rand und Band. Ein Platz war leicht gefunden, man winkte mich herbei, statt mit stierem Blick zu hoffen, dass ich weiterzöge. Die Lautstärke war hoch, doch ließ sie Gespräche zu, und die Luft war noch nicht zur Unatembarkeit verdickt. Niemand tanzte auf den Tischen, keiner lag darunter. Vorzüglich war das Bier, Timişoreana, das aus Fässern strömte, nicht aus Fass-Attrappen, und das nicht von Hypertonikern in Würfelform gezapft wurde, sondern von einer ungewöhnlich hohen Zahl ungewöhnlich hübscher Mädchen. Sie waren ausschließlich im Rahmen der Bierversorgung zugange, erschienen wie aus dem Nichts, mit mehreren Halbliter (!) -Krügen beladen, verwandelten sich im Augenblick des Trinkgelderhalts für einen kurzen Moment in überirdisch bezaubernd lächelnde Elfen und verschwanden sogleich danach wieder, vermutlich in eine andere Dimension.
Zu schade, dass es weit und breit keinen Spiegel gab, um eine Theorie zu prüfen, der ich nach dem zweiten Bier zu vertrauen begann. Wie flink sie waren, diese reizenden Geschöpfe, und wie einfach es war, gleich mehrere um mich zu scharen, wenn man den Preis eines Glases von 30 Cent auf 2 Euro erhöhte! Leckte sich eine da gar die blutroten Lippen? Oder lag das bereits am Bier?
Das Essen freilich brachten sie nicht, das hatte man selbst sich zu holen. Und hier hängte das Fest sein Vorbild endgültig ab, denn es brach sämtliche Futter-Rekorde: Die gesamte hintere Langseite des Zeltes bestand aus einem einzigen, riesigen Grill.
Unterarmdicke Würste brieten darauf, Hügel aus Schnitzeln, Halden aus Schweinenacken und einiges mehr, was durch Hitze geschmacklich gewinnt. Schweinshaxen ragten aus Bratkartoffel-Terrassen, zur Knusprigkeitssteigerung vorgekocht in kupfernen Kesseln auf offenen Feuern, nun auf dem Grill auf das Leckerste saftig gebräunt und wie ein gegartes Abbild jener glänzenden Masse leuchtend, die vor dem Grill Schlange stand.
Auch andere Beilagen gab es, kleinkindgroße Brotlaibe etwa und weit größere Einmachgläser, gefüllt mit allem, was der fruchtbare Boden nur hergab. Sie türmten sich, als hätten sie das Zeltdach zu tragen.
Mit Nahrung für Tage auf dem Tablett, fand ich einen anderen Tisch mit weniger Volk und mehr Platz zum Sinnieren. Das also war das Land meiner Ahnen?! Doch ich hatte bisher nur Rumänen getroffen. Was würde sich ändern, wenn ich dahin ging, wo Sachsen und Székler lebten?
Als Abend und Stimmung weit genug vorangeschritten waren, um eine zeltweite Polonaise in Gang zu setzen, nahm ich dies als Zeichen zum Aufbruch. Mein Zug ging zudem schon früh am Morgen. Den Rest von Hermannstadt würde ich mir auf dem Rückweg ansehen. Zumindest dachte ich das, während ich durch die kühle Nacht zum Hotel zurücklief und hoffte, dass meine nächste Reisestation eine schweinshaxenfreie Zone sein würde.