Von Zügen und Zwängen
Freitag, 28. September
Das Hotelzimmer bot für 20 Euro den Komfort eines deutschen Drei-Sterne-Hotels. Modern eingerichtet und sauber, war es mit einigen Bequemlichkeiten und einem Bett ausgestattet, dessen Matratze noch nichts wirklich Schlimmes erlebt haben konnte. Etwas getrübt wurde diese freudige Überraschung durch Mücken, die ich mit der ungarischen Tiefebene hinter mir gelassen zu haben gehofft hatte; dass sie auch in Hermannstadt nachtaktiv waren, ließ für die ländlicheren Gebiete, in die es noch gehen sollte, wenig Gutes erwarten. Aber was ist ein Transsylvanienaufenthalt ohne Blutverlust?
Das Handy weckte mich um Sechs. Zu dieser Zeit gab es im Hotel noch nichts zu essen, weshalb ich mir auf dem Weg zum nahen Bahnhof zunächst den festen Teil meines Frühstücks, die rumänische Version der ungarischen Lángos beschaffte. Man bekommt sie an jeder Ecke, fast rund um die Uhr und immer frisch. Sie heißen “Gogoşi”, sind etwas dicker als Lángos, schmecken aber ähnlich, was sich durch die identische Zubereitungsweise erklärt, dem Herausgebackenwerden in Schmalz.
Neben der Grundvariante, d.h. fettgetränkt bis zur Grenze der Saugfähigkeit, gibt es sie gefüllt, etwa mit Marmelade, Schinken oder Käse, womöglich auch mit allem. Schulkinder bevorzugen eine mit Puderzucker gesüßte Version, wie ich beobachten konnte, während Bauarbeiter gern zwei Gefüllte nehmen und sich eine Handbreit Sauerrahm mit Knoblauch dazwischenstreichen lassen. So konnte es mich eigentlich nicht überraschen, in der Bahnhofsbar, die ich aufsuchte, um mein Frühstück durch seine flüssige Hälfte – Kaffee – zu ergänzen, Gogoşi essende Männer anzutreffen, die zur Anregung der Fettverdauung morgens um halb sieben Wodka aus Wassergläsern tranken und – ein wenig alibihaft – einen Espresso dazu.
Später sollte ich lernen, dass Rumänen nicht nur zum Frühstück Schnaps trinken, sondern praktisch immer, während das Begleitgetränk je nach Tageszeit wechselt: vor neun Uhr ist es Café, danach Bier. Mittags kann, aber eher versehentlich, eine Cola dazwischengeraten, doch spätestens ab dem frühen Abend gleicht sich das aus, indem man zum Schnaps gleich noch einen großen Extraschnaps trinkt. All dies geht mit erstaunlicher Normalität einher, wie ich überhaupt den Eindruck gewann, dass das Trinken in diesem Land anderen Regeln folgt als bei uns. Nirgendwo auf meiner Reise sah ich eine einzelne Person mit Bierflasche, wie sie in Deutschland längst zum Straßenbild gehört; wenn in Transsylvanien getrunken wird, dann wie beim Ball von Graf Kroloc in Roman Polanskis “Tanz der Vampire”: in der Gruppe, und die Getränke werden geteilt.
Auch im Zug nach Schäßburg (damit die Reise endlich weitergeht) saßen fünf oder sechs Männer, die eine Zweiliter-Plastik-Blutkonserve … nein: Bierflasche herumgehen ließen. Sie waren offensichtlich auf dem Weg zur Arbeit, dabei bester Dinge und verhielten sich dennoch erheblich leiser und gesitteter als eine vergleichbare Anzahl nur halb so betrunkener Holzkirchner Teenager am Freitagabend in der S3 nach München.
Ach ja, das Bahnfahren. Wäre es nach seiner Erfindung nicht sofort realisiert worden, hätte man es vielleicht noch verbieten können. Jetzt aber müssen wir da durch.
Nach meiner Beobachtung gibt es zwei Kategorien von Zügen in Transsylvanien. Die erste besteht aus Wagen, die früher der französischen Bahn gehörten. Sie sind nach wie vor entsprechend beschriftet, und mit etwas Glück steckt noch ein Jahrzehnte altes Schild in seiner Halterung, dem zu entnehmen ist, dass dieser Zug im Elsaß verkehrte, einst, als ich zur Schule ging. Diese Züge wurden nach Rumänien überstellt, weil vermutlich kein Franzose mehr bereit wäre, ihnen sein Leben anzuvertrauen. Sie stellen die modernere der beiden Kategorien dar und kommen hauptsächlich auf Strecken zum Einsatz, auf denen viele Pendler unterwegs sind.
Die zweite Kategorie könnte wahlweise aus einem Werbespot für Sagrotan, einem Schulungsfilm fürs THW oder vom Truppenübungsplatz stammen.
Es sind Züge, denen auch kein Rumäne sein Leben anvertrauen würde. Sie überbrücken daher die Langstrecken, auf denen sie nicht so oft dem Abenteuer von Anfahren und Anhalten ausgesetzt sind und werden im Wesentlichen von Touristen genutzt, die nichts von den komfortablen Fernreisebussen wissen, mit denen die Rumänen größere Distanzen zurücklegen.
Beide Kategorien haben eine Gemeinsamkeit: sie fahren nur unwesentlich schneller als ein beherzter Greis mit Rollator, halten aber öfter an. Zum Ausgleich sind die Fahrkarten so billig, dass man von den Schaffnern häufig nicht kontrolliert wird, da die Preisdifferenz zwischen einem Ticket und keinem Ticket nicht ins Gewicht fällt. Da es vorkommen kann, nicht kontrolliert zu werden, weil der Schaffner auch an der großen Bierflasche teilhaben durfte und seine Lochzange nicht findet, lässt sich zusammenfassend sagen, dass man im Grunde überhaupt nie kontrolliert wird.
Nach Schäßburg brachte mich ein ziemlich neuer Waggon der ersten Kategorie, der ungewöhnlich sauber war und nicht in allen Kurven beunruhigende Geräusche von sich gab.
Gleich an der ersten Station nahmen zwei Männer und eine Frau fortgeschrittenen Alters auf den drei Sitzen um mich herum Platz. Die Männer trugen wagenradgroße schwarze Hüte, mächtige Schnurrbärte und außerordentlich weit geschnittene schwarze Nadelstreifenanzüge, die aussahen, als handle es sich um Arbeitskleidung für die Weide.
Die Frau war entweder sehr dick oder hatte sich in sehr viele Schichten bunter Röcke und graubrauner Strickjacken gehüllt, die zuoberst von einer taschenreichen Lederweste bedeckt wurden. Auf dem Kopf trug sie ein ebenfalls sehr buntes Tuch. Sie nickte mir lächelnd kurz zu, zeigte dabei klischeegemäß ein paar Goldzähne und wandte sich dann ab, um mit den Männern zu streiten. Als es diesen zu dumm wurde (denn obwohl ich kein Wort verstand, schien sich ein rascher und klarer Sieg der Frau abzuzeichnen), zogen sie sich in den Übergang zum nächsten Waggon zurück und zündeten sich dort zur Beruhigung erstmal ein Pfeifchen an.
Die Frau besann sich hierauf wieder meiner und sprach mich – zwar mit schwerem Akzent, aber durchaus verständlich – auf deutsch an: “Hast du Schokolade? Bisschen Schokolade?”
Ich verneinte, spontan von Mitleid für die anscheinend hungrige Alte ergriffen und nach Erklärungen (die Wärme) und Rechtfertigungen (woher Schokolade nehmen?) suchend, doch die Frau wollte das gar nicht hören: “Keine Schokolade? Nicht schlimm. Gibst du Geld, ich kaufe.”
Meine Ablehnung verlängerte die gefühlte Reisedauer um einige Jahre, da die Frau mitnichten dadurch reagierte, ihren Platz zu räumen, um den nächstbesten Fahrgast anzubetteln, sondern beharrlich neben mir sitzenblieb für den Fall, dass ich es mir anders überlegen könnte; ein zweites Mal fragte sie jedoch nicht und stieg in Dumbrăveni, mich freundlich grüßend, gemeinsam mit den beiden Männern aus.
Die weitere Fahrt verlief störungslos – mit Ausnahme des Auftritts eines autistisch wirkenden jungen Mannes, der aus mehreren Plastiktüten ein Sammelsurium so neuwertiger wie unnötiger Utensilien hervorkramte und diese trotz des bedenklich schaukelnden Zuges um mich herum ausbreitete. Darunter waren Dinge wie ein aufklappbares Kfz-Reparatur Werkzeug-Set im Miniaturformat, ein Duftwasser-Flacon in Form einer Jukebox, pailettenbeklebte Kugelschreiber, die glitzerten wie eine Disco-Kugel, Plastikkrawatten, Kaugummispender aus verchromtem Kunststoff (mit Kurbel!) oder Damenstrumpfhosen mit perlenbesetzter Naht. Kaum war alles ausgepackt, hastete der Mann ins nächste Abteil, den Rest seiner Tüten zu entleeren, ohne sich damit aufzuhalten, etwa ein Erklärkärtchen zu zücken, aus dem hervorgegangen wäre, dass er taubstumm oder anderweitig behindert war und vom Verkauf dieser Dinge zu leben hatte.
Fest entschlossen, dem Burschen im Notfall lieber Bargeld zu schenken, als etwas von dem Zeug zu kaufen, rührte ich nichts davon an. Hatte ich nicht vor Jahren im “Cosmopolitan”, dem Fachblatt für Globetrotter gelesen, dass die bloße Berührung solcher Objekte nach balkanischem Rechtsverständnis eine unanfechtbare Willenserklärung darstelle, die Artefakte erwerben zu wollen?
Prompt fiel die Jukebox zu Boden, zerbrach aber glücklicherweise nicht. Aufheben oder liegenlassen, das war jetzt die Frage? Ließ ich den Flacon auf dem Boden herumkullern, hätte man mir unterstellen können, ihn heruntergeworfen zu haben. Hob ich ihn auf, war das eine Kaufbereitschaftsdemonstration. Als ich sah, dass andere Reisende die Kostbarkeiten durchaus zu Studienzwecken in die Hand nahmen und durch Abschätzen des Gewichtes zu einem Erahnen des Wertes zu gelangen suchten, legte ich die Jukebox mit einem schnellen Griff auf den Sitz zurück.
Nach wenigen Minuten kehrte der Autist leicht gehetzt zurück. Tatsächlich kam er durch die Tür, durch welche er gegangen war, nicht dieselbe wie beim ersten Mal. Wort-, klag- und regungslos – wahrscheinlich war er wirklich taubstumm – packte er alles wieder ein und verschwand. Zwei Reihen weiter erwarb ein Mann ein Feuerzeug (für welchen Betrag konnte ich nicht sehen), das er beiläufig aus dem Fenster warf, nachdem der Verkäufer den Waggon verlassen hatte.
Viel später, nur noch acht Kilometer westlich von Schäßburg, erreichte der Zug die vorletzte Station dieser Fahrt, Seleuş. Dieser Ort, der auf deutsch Groß-Alisch heißt und auf ungarisch Nagyszőllős, wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts von Siebenbürger Sachsen gegründet und im Lauf der Jahrhunderte neun Mal umbenannt – je nachdem, wer gerade das Sagen hatte.
Auch am 23. Januar 1662 wurde diese Frage ein weiteres Mal vorübergehend geklärt – in einer besonders erbitterten Schlacht, deren Ausgang für die ungarische Linie meiner Vorfahren erhebliche Bedeutung hatte. Der Sieger nämlich, der siebenbürgische Fürst Mihály (Michael) Apaffy, erhob kurze Zeit später meinen Vorfahren István (Stefan) Mátéffy für seine Verdienste im Kampf während der Türkenkriege in den Adelsstand.
Meine Großmutter besaß eine neuzeitliche, ziemlich zerfledderte Abschrift* des Adelsbriefes, die sie in einer hölzernen Schatulle aufbewahrte, für die in ihrem Schrank sogar ein eigenes Fach reserviert war. Sie holte das Dokument nur hervor, wenn sehr enge Familienmitglieder darum baten; meist war ich das, ihr Enkel, der sich nicht an den altertümlichen Buchstaben und dem Ritter mit dem Morgenstern im Wappen sattsehen konnte. Heute hätte ich den Brief täglich betrachten können, denn die Schatulle war über meine Mutter auf mich gekommen. Jetzt aber lag der Reiz des Schriftstücks mehr in seiner Herkunft als in seinem Inhalt.
„Adelstitel“, „Monarchie“, „Schlacht“ – für manch einen sind das heikle Themen, die rasch zu Menschenrechtsverletzungs-Pusteln oder Diskriminierungsbauchweh führen können, die stundenlanger Empörung bedürfen, um abzuklingen.
Leider kann ich darauf keine Rücksicht nehmen. Es lässt sich nicht ändern, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Türken durch die Zeiten hindurch eine meist lärmende, gewaltbereite Horde bilden, deren hauptsächlicher Daseinszweck im Überrenen Andersgesinnter besteht – ob im Falle Konstantinopels 1453 oder bei einem Sieg Fenerbahce Istanbuls in der SüperLig.
Selbstverständlich war mein Vorfahr ein Held meiner Kindertage, denn was gab es edleres, als das Abendland vor dem leibhaftigen Bösen zu bewahren?
Dumm nur, dass mein Ahne seine Lorbeeren keineswegs auf Seiten der “Bewahrer” errang, wie ich erst viel später herausfinden sollte, sondern als Gegner jenes österreichisch-ungarischen Truppenverbands, der die Osmanen bekämpfte! Obwohl selbst Ungar, genau genommen Székler, stand er in Diensten eines Herrn, der zum Zeitpunkt der Schlacht ein Herrscher von türkischen Gnaden war – und focht somit gegen seine eigenen Landsleute.
Zugleich kooperierte Fürst Apaffy mit dem nicht minder moralelastischen Hof zu Wien und ersuchte sogar den englischen König um Hilfe gegen die Tataren, die er selbst und im Auftrag seiner Verbündeten, der Türken, als Bestrafungstruppe gegen Aufständische einsetzte.
Mein Vorfahr war kein “edler Ritter” im westlichen Sinne, wie jener Prinz Eugen von Savoyen, den ein Lied besingt, weil er Belgrad belagerte und im “Großen Türkenkrieg” 1683 Wien vor der Einnahme bewahrte. Ur-Onkel Stefan dürfte – politisch unkorrekt, aber dafür realitätsnah – nach dem Motto “wer zahlt, schafft an” gelebt und gekämpft haben, genau wie sein Chef.
Dass Apaffys Heer gemeinsam mit 4000 Soldaten des Padischah‘ in Schäßburg auf den Gegner wartend herumlungerte und gewiss keine kleine Plage für die regulären Einwohner darstellte; dass Johann Kemény, der für manch einen spätgeborenen Siebenbürger Sachsen noch heute als eigentlicher Fürst des Landes zu jener Zeit gilt, gleich zu Beginn der Schlacht und vermutlich aufgrund seiner Korpulenz vom Pferde stürzte und dabei zu Tode kam, was die Niederlage seiner Truppen eingeleitet haben dürfte; dass die Türken sich anschließend trotz ihres Sieges mal wieder nicht benehmen konnten und in unmittelbarer Nachbarschaft des Kirchturms von Groß-Alisch alle übriggebliebenen Gegner massakrierten (im Flurstück “Weiher” kommen noch heute beim Pflügen der Erde Menschenknochen zutage) – nun, das macht’s natürlich nicht besser.
Im Zug so vor mich hin sinnierend, fragte ich mich, welche Seite der damals Gefallenen sich in ihrem jeweiligen Jenseits wohl mehr darüber grämt, es wegen zu früher Geburt entweder nicht zu einer Dönerbude in Berlin-Neukölln oder einem Badeurlaub in Antalya gebracht zu haben?
Bald verschwand der Ort so lang vergangenen Geschehens hinter einer Kurve und einen Tunnel später tauchte endlich – Schäßburg auf.
* Das Original ist angeblich auf gegerbte Hundehaut geschrieben. Wer es bewahrt oder ob es verloren ist, welcher Rasse der Hund angehörte, ob ein Vizsla das Rennen machte (man denke an die hervorragend beschreibbare Fläche zwischen Hinterlauf und Torso), und ob dem eine Bedeutung zukommt, ist so unklar wie die Frage, weshalb es überhaupt ein Hund sein musste? Nach den Hermannstädter Erlebnissen neige ich zu der Antwort: weil alles andere schon auf dem Grill hing.