Viele Völker, mehr oder minder

Die Straßenecke hört auf den Namen Strada Libertatii/Strada Stefan Cel Mare.
Dieser Stefan ist aber nicht der vom himmelblauen Meer, wie lateinaffine Leser glauben könnten, sondern „Der Große“. Gemeint ist der moldauische Woiwode, der im 15. Jahrhundert eigentlich im Land nebenan herrschte, von den Rumänen aber posthum adoptiert wurde, um den eigenen, eher spärlichen Heldenvorrat zu vergrößern und nicht immer und ewig nur auf Vlad III. Draculea angesprochen zu werden (auf den wir später noch zu sprechen kommen).
Nutzen wir die Gelegenheit ‒ bevor wir gleich um besagte Ecke sehen ‒ uns ein wenig vertrauter zu machen mit den ethnischen und sonstigen Verhältnissen Transsylvaniens, bei denen man leicht den Überblick verlieren kann.
Da sind zum einen die Rumänen, ein schwierig greifbares Volk. Die Polizei kann ein Lied davon singen. Sind sie nicht auf dem Weg in die Sozialsysteme des Westens, organisieren sie sich dort in verwandtschaftlich betriebenen Erwerbsprogrammen. Die Zurückgebliebenen hingegen verbringen ihre Zeit vorzugsweise mit dem Tragen etwas zu enger Lederjacken, der Schnapsbrennerei, dem Fälschen von Geschichtsbüchern und dem Nähen schwimmbadgroßer rumänischer Flaggen, mit denen sie ungarische Siedlungen großflächig abzudecken versuchen, um ihren Besitzanspruch idiotensicher zu verdeutlichen.
Mit derselben Berechtigung, mit der sie annehmen, eine Brieftasche, die sie in der Hosentasche eines Touristen gefunden haben sei die ihre, halten sie sich für die ursprünglichen und damit logischen Herren des Landes, zumindest aber für die direkten Nachkommen der vor zweitausend Jahren hier siedelnden Daker. Damit könnten sie sogar richtig liegen, denn schon Kaiser Trajan erwähnt die regelmäßigen Raubzüge, die von dakischem Gebiet auf römisches Territorium ausgingen.
Ihre häufige Erwähnung bei mir ist hingegen allein der Tatsache geschuldet, dass es in Rumänien noch schwerer ist, Begegnungen mit ihnen zu vermeiden, als in einer deutschen Fußgängerzone, und wenn man sie schon mal alle so schön beisammen hat, beobachtet man sie natürlich auch – schon aus Vorsicht.
Die zweithäufigste Bevölkerungsgruppe Transsylvaniens sind die Ungarn. Doch Vorsicht! Die meisten von ihnen sind eigentlich Székler. Sie sprechen zwar einen ungarischen Dialekt, schreiben aber mitunter in Runen, was Völkerkundler vermuten ließ, es könne eine frühgeschichtliche Verwandtschaft zu Germanen bestehen. Die Trinkgewohnheiten beider Ethnien könnten den Verdacht erhärten, doch dagegen spricht, dass die Székler mit hoher Wahrscheinlichkeit gemeinsam mit den Ungarn von Osten her nach Transsylvanien eingewandert sind. Auf anderen Wegen wäre es ihnen nie gelungen, wenigstens notdürftig Ungarisch zu lernen.
Will man einen Székler von einem Ungarn unterscheiden, ohne dies akustisch zu vermögen, muss man sein Haus ausfindig machen. Besteht der Eingang aus einer Tür, wohnt ein Ungar hier. Steht vor dem Haus hingegen ein hölzernes Tor, sorgfältigst mit geschnitzten Mustern, einer Jahreszahl und einem Segensspruch verziert, dabei von einem Ausmaß, dass es die Sicht aufs Haus versperrt und gekrönt von einem Vogelhäuschen, das in ein Dach übergeht und dieses vollständig überspannt, sodass die Vögel bei Regen kegeln könnten, darf man einen Schnaps drauf wetten, dass ein Székler es gebaut hat.
Die dritte Gruppe sind die Siebenbürger Sachsen. Deren Herkunft kennt man recht genau – nur weiß man leider nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Ihren Namen verdanken sie einer nachlässigen Übersetzung des lateinischen „Saxones“, mit dem im Mittelalter ganz allgemein deutschstämmige Siedler bezeichnet wurden, weshalb sie rein gar nichts mit den heutigen Sachsen im Osten Deutschlands zu tun haben. Sie sind vielmehr ab dem 13. Jahrhundert aus linksrheinischen Gebieten zwischen Lothringen und der Eifel nach Transsylvanien ausgewandert, was sich u.a. dadurch beweisen lässt, dass sie in ihrem seit 800 Jahren unveränderten Dialekt, dem Såxesch, von einem heutigen Luxemburger verstanden werden, keineswegs aber von einem Leipziger.
Angelockt hat sie der damalige ungarische König Géza II, der ihnen weitgehende Autonomie in Aussicht stellte, wenn sie im Gegenzug das Land ein wenig auf Vordermann brächten. Was er ihnen vermutlich verschwieg, war der Grund für die Unordnung, der in den unentwegten Raubzügen östlicher und südlicher Nachbarvölker zu suchen war. Nachdem die Siebenbürger Sachsen ‒ gemeinsam mit den Széklern ‒ die Petschenegen, Kumanen, Kabaren und Baschkiren zurückgeschlagen hatten und dachten, nun sei für eine Weile Ruhe, kamen die Osmanen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Bis vor rund einhundert Jahren bildeten Siebenbürger Sachsen und Székler das Gros der transsiylvanischen Bevölkerung. Als meine Großeltern mütterlicherseits geboren wurden – er Sachse, sie Széklerin – lagen ihre Heimatorte auf ungarischem Staatsgebiet. Erst die Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg führte zur territorialen Begünstigung Rumäniens (das in letzter Minute die Seiten gewechselt hatte und so zu einem der Sieger des Krieges geworden war) und zur Eingliederung Transsylvaniens, wodurch die deutsch- und ungarischsprachigen Volksgruppen trotz Überzahl zu Minderheiten im einstmals eigenen Land wurden.
Festgenagelt wurde das im „Trianon“, einem Anbau des Schlosses Versailles, den Napoleon zu gänzlich anderen Zwecken errichten ließ, und sollten Sie mal Anlass haben, einem Ungarn den Tag verderben zu wollen, genügt es, dieses eine Wort fallen zu lassen.
Der Vollständigkeit halber (und obwohl ihr Wirken eher auf Unvollständigkeit abzielt), sei noch die Volksgruppe der Sinti und Roma genannt, deren Aussehen und Verhalten verblüffend an die schlimmen Vorurteile erinnert, die man früher Zigeunern entgegenbrachte.
Nachdem die Bevölkerungszahlen der Siebenbürger Sachsen dramatisch und die der Székler stark zurückgegangen sind, werden neuerdings auch die Rumänen weniger.
Inzwischen hat ihr Präsident (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes übrigens ein Siebenbürger Sachse!) alle Rumänen aufgerufen, nach Transsylvanien zurückzukehren und dabei zu helfen, das Land ein zweites Mal aufzubauen – diesmal ohne Stress mit Türken. Zu einer bemerkenswerten Rückwanderung hat das bislang nicht geführt, da die Rumänen „ein zweites Mal“ nicht verstanden haben.
Dennoch arbeiten Banken und andere Diebesbanden bereits hart daran, an einem künftigen Boom mitzuverdienen, indem sie im großen Stil Ackerland kaufen, etwas Geld in dessen Umwidmung zu Bauland durch bedürftige Beamte investieren und darauf warten, es eines Tages parzellenweise an expansionsfreudige Unternehmen zu verkaufen. Derzeit bekommt man 240 Hektar Obstanbaufläche für 5000 Euro.
Die Sachsen interessiert das kaum. Sie haben es sich im Westen bequem gemacht und pflegen Sentimentalität statt Realität. Alljährlich am Pfingstsonntag treffen sie sich auf der Operettenbühne Dinkelsbühl, grillen problematisch aussehende Würstchen und lamentieren spätestens nach dem dritten Timişoreana, Rumäniens bestem Bier, über den Verlust der deutschen Heimat. Es werden bestickte Kissen und bemalte Holzteller verkauft, auf denen Schäßburgs Wahrzeichen, der Stundturm, zu sehen ist. Dann tanzt eine Folkloregruppe aus einer Kleinstadt in Missouri, allesamt Nachfahren ausgewanderter Sachsen, eine zu Recht unbekannte Malerin darf ihr Lebenswerk präsentieren, ein gemeinnütziger Verein stellt das neueste Genealogieprojekt vor, bei dem man nach zwanzig Jahren Recherche bereits beim Buchstaben B aus Ort C angekommen ist, der Vorsitzende der Vertriebenenvereinigung findet unnötige Worte zur Notwendigkeit der friedlichen Koexistenz von Sachsen und Rumänen, und alle lieben am innigsten die Stadt, in der sie nicht mehr leben wollen: Schäßburg.


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