Am Siechhof

Sind Sie noch da? Oder hat der Exkurs sie schon ein paar Schritte um die Straßenecke laufen lassen? Dann haben Sie sicher das alte, etwas heruntergekommene Kirchlein bemerkt, dass auch mir bereits beim Blick aus dem Zug aufgefallen war, denn es steht direkt an den Gleisen.
Auch ich folgte jetzt der kurzen Strada Stefan cel Mare, die in einem sehr spitzen Winkel auf den kleinen, von den Jahrhunderten tiefer gelegten Kirchhof stieß. Das Türmchen, ohnehin nicht hoch, hatte dadurch stark an Höhe eingebüßt. Stieg man auf die niedrige Umfassungsmauer, befand sich die Augenhöhe bereits oberhalb der Kirchentür. Hier waren Schilder angebracht; nicht weit davon auch eine Außenkanzel.
Aber was stand denn dort? Die Lettern in alter Schrift waren aus der Entfernung nicht leicht zu entziffern.
Hieß das etwa „Siechhof“?
Etwas krabbelte an meinem Rücken nach oben. Ein Tier konnte es nicht sein, denn es fühlte sich an, als passierte es innen, irgendwo zwischen Haut und Wirbelsäule. Als es im Nacken angekommen war, klingelten sämtliche Glocken, nur die Kirche blieb still.
„Am Siechhof No. 4“ war die Adresse eines der Trauzeugen meiner Großeltern gewesen. So stand es auf dem Hochzeitsdokument in meiner Tasche. Alles passte jetzt zusammen: hier, genau hier, hatten alle meine Vorfahren gelebt, seit Jahrhunderten, in den eingeschossigen, uralten, ziegelgedeckten Häusern, die sich links hinter den Bahngleisen den Hang hinauf fortsetzten und rechts, hinter dem Kirchlein, in Richtung Bahnhof duckten. Ich zitterte leicht, als ich von der Kirchmauer stieg und etwas stärker, als tief aus den dunkelsten Winkeln meiner Erinnerung die Stimme meines Großvaters zu hören war, wie er das Wort ausgesprochen hatte: „Sichoff“ nannte er im sächsischen Dialekt das Areal, und während ich das als Kind für einen Namen ohne Bedeutung gehalten hatte, dämmerte mir nun alles – und das Kirchenschild bestätigte es: im kleinen Hof der Kirche lebten – bis ins 19. Jahrhundert! – die „Siechen“, wie man sie damals nannte, die Leprösen also, mit denen man den Kontakt scheute wie der Teufel das Weihwasser. Deshalb auch die Außenkanzel! Die Kranken sollten sich nicht in der engen Kirche drängen, sondern die sonntägliche Predigt im Freien hören können. Nur der Pfarrer betrat die Kirche, gelangte innen über eine Treppe auf die Kanzel und konnte zu den Todgeweihten sprechen, ohne eine Ansteckung befürchten zu müssen.
Damit war klar, dass die Siedlung rund um den Siechhof keine wohlhabenden Familien beherbergt haben konnte. Wer wollte schon in der Nähe dieser Erbarmungswürdigen leben? Nur die, die sich einen anderen Stadtteil nicht leisten konnten, deren Felder direkt an die Stadt grenzten, Kleinbauern, deren Parzelle eben so lag, wie sie lag und die von dieser Scholle zu leben hatten.
In meinem Gedächtnis drängelten sich die Erinnerungen jetzt um den besten Platz. Erzählungen meines Großvaters tauchten auf, die nur teilweise hierhin gehörten; ich sah den missbilligenden Blick meiner Großmutter, wenn er den Siechhof erwähnte; ich hörte die Stimme einer Großtante am Telefon, die ihren Bruder sprechen wollte; meine Mutter erzählte von einer Brücke über die Kokel, die vom Wasser fortgerissen worden war – – – und so umrundete ich den Kirchhof wie in Trance, querte die Gleise am unbeschrankten Übergang, ohne den möglichen Zug zu bedenken und folgte geistesabwesend der Strecke wenige Meter, bis mein Blick links auf Gräber fiel.
Sie lagen unspektakulär, doch bestens sichtbar in dem hier steil ansteigenden Hang. Alt waren sie, das sah man auch mit Abstand. Im Näherkommen zeigte sich, dass dieser Friedhof unter den Bäumen, die ihn verdeckten, weit nach oben reichte. Ein Zaun aus schwarz gebeizten Holzbrettern grenzte ihn von der Straße ab, verlor sich jedoch mit zunehmendem Anstieg in einzelne Latten. Noch später hörte er einfach auf.
Hatte sich die Vergangenheit bisher nur angeschlichen, sprang sie mich an, als ich das weiße Blechschild am Eingang sah: „Evangelischer Friedhof Siechhof“ stand da. Auf deutsch.
Ich hatte vor der Reise nicht nachgeforscht, wie viele Friedhöfe es in Schäßburg gibt. Gewiss war mit mehr als einem zu rechnen gewesen, doch als Ort, um nach Gräbern meiner Vorfahren zu suchen, kam für mich nur jener „berühmte“ Friedhof an der Bergkirche in Frage. Wie naiv das war! Ein evangelischer Friedhof (alle meine Ahnen mütterlicherseits waren Protestanten oder schlimmeres) in einem Land, das großteils katholisch ist, konnte ein Volltreffer sein!
Plötzlich merkte ich wieder, wie heiß es an diesem Morgen und wie schwer der Rucksack war. Hinter der Pforte, die nach warmem Holz roch, gab es einen Brunnen. Sein graubraunes Wasser schien von der letzten Schneeschmelze zu stammen. Ich lehnte den Rucksack an den Brunnenrand und begann mit der Gräberschau.
So gut wie alle Namen waren deutsch. Bald stieß ich auf den ersten Theil, doch Vorname und Lebensdaten sagten mir nichts. Zwei weitere folgten, ehe ich, nun schon zur dritten Steinreihe hochgestiegen, ein Grab fand, das mir seltsam vertraut war, denn ich hatte es auf einem Foto aus dem Nachlass meiner Mutter schon einmal gesehen. Es war die Ruhestätte eines Großonkels und seiner Frau. Unter ihren Namen der einer Tante von mir, mit fünf Jahren verstorben. Auf dem Foto war er durch Kränze verdeckt. Der Fotograf musste an der gleichen Stelle gestanden haben wie jetzt ich. Wer mochte es gewesen sein? Ein Bruder, eine Schwester? Lag sie oder er inzwischen auch hier? Und wie viele Tote, die hießen wie ich, waren hier noch? Mir war, als befände ich mich in familiärer Gesellschaft. Konnte man mich womöglich gar sehen? Ich wagte nicht, mich abzuwenden. Langsam, im Rückwärtsgehen, entfernte ich mich. Ein Baum stand im Weg. Harz klebte an seiner Rinde und jetzt auch auf mir. Ich drehte mich seitlich, um das Hemd mit Vorsicht zu lösen – und sah auf das Grab meiner Urgroßeltern.
Eine halbierte Plastikflasche mit Palmkätzchenzweigen stand auf der mächtigen Steinplatte, die das Grab bedeckte. Über ihr, gemeißelt in den Stein der Stirnseite, dennoch bereits im Verblassen, las ich die Namen von Stefan Theil, Katharina Binder und ihrer als Kind gestorbenen Tochter Maria.
Wer hatte die Palmkätzchen hierher gebracht?
Und wann?
Das war zu viel in zu kurzer Zeit. Verwirrung folgte der Versenkung. Kämpfen oder Fliehen? Das Stammhirn befahl Aktivismus statt Andacht. Ich brach den Friedhofsbesuch ab, weil mich das übermächtige Bedürfnis gepackt hatte, Ersatz für die Palmkätzchen zu schaffen. Im Gehen entdeckte ich, fast schon gleichgültig, das Grab einer Adele Novak, geborene Theil, zog den Rucksack auf meine Schultern statt eine Schlußfolgerung daraus und eilte, mit einem unvorhergesehenen Auftrag höchster Dringlichkeit im Kopf, in die Ortsmitte Schäßburgs: Blumen mussten her!

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