Donnerstag, 27. September
Einmal im Jahr begebe ich mich für etwa eine Woche in Gegenden auf Wanderschaft, in denen es wahrscheinlicher ist, vom Blitz getroffen zu werden, als selbst einen Menschen zu treffen. Das tut mir gut, und den Menschen, die ich in dieser Zeit nicht treffe, noch besser. Nach Wanderungen auf dalmatinischen Inseln und in den Wäldern des bayerisch-böhmischen Grenzgebietes zog es mich diesmal in das Land hinter den Wäldern: nach Transsylvanien.
Die Ankündigung dieses Vorhabens führte zu Ratschlägen, an denen sich erkennen ließ, dass sich ein Grundstückskauf in Rumänien noch sehr lange nicht rentieren wird. Neben Empfehlungen wie der, mich nicht beißen zu lassen oder stets genug Knoblauch mit mir zu führen, blieb mir die faszinierende Frage in Erinnerung:
“Wie, Transsylvanien gibt’s wirklich?”
Aber gewiss gibt’s das – und ohne Transsylvanien gäbe es mich nicht. Alle meine Vorfahren mütterlicherseits, ob Siebenbürger Sachsen oder Székler, stammen von dort. Deshalb durfte ich bei der diesjährigen Wanderung nicht völlig anthropophob unterwegs sein, sondern musste durchaus ein paar Menschen treffen, die mir mit Informationen zu meinen Ahnen würden dienen können.
Ein Flug von München nach Sibiu (Hermannstadt) kostet nicht mehr als einer nach Paris oder Rom – dafür war die Maschine, eine Canadair 900, um einiges kleiner als das, was ich als Gelegenheitsflieger kannte. Als ich im Mittelgang den Kopf einziehen musste, nur vier Sitzreihen sah und eine sehr dünn wirkende Kabinenwand, bereute ich ein wenig die Wahl eines Fensterplatzes, hatte aber kurz vor der Landung den Vorteil, gut erkennen zu können, weshalb ein Reiseführer geschrieben hatte, Rumänien transportiere den Besucher landschaftlich ins Mittelalter zurück.
Von Hochspannungsleitungen, Industriegebieten, Autobahnen und anderen zweifelhaften Segnungen fehlte jede Spur, und selbst auf den wenigen Überlandstraßen teilten sich Pferdefuhrwerke und nicht wesentlich schnellere Autos Raum und Zeit.
Auch der Hermannstädter Flughafen erschien wie ein vorsichtiger Versuch, den Übergang von der Postkutsche zur Raumstation zu wagen: es ist ein mitten auf die offene Wiese gestellter Quader, beschriftet mit: “Aeroportul International Sibiu”. Das klingt etwas aufregender als “Einer von vier Flughäfen Rumäniens” und lässt sich im Zweifelsfall schnell abmontieren, falls sich der Weg in die Moderne doch noch als Irrtum erweisen sollte und der Quader für Hühner, Paprika oder Kukuruz gebraucht würde.
In Sibiu anzukommen bedeutet, aus dem Jet zu steigen, etwa 20 Meter über das Rollfeld zu laufen, einer streng blickenden Zollfachkraft den heiligen EU-Pass zu zeigen, quasi im Gehen sein Gepäck wieder aufzunehmen und auf der anderen Seite des Flughafengebäudes ins Freie zu treten, um festzustellen, dass es auf einer offenen Wiese keine Taxis gibt.
Nach einer Weile kam aber doch eins, vermutlich gerufen durch einen der wenigen Handy-Besitzer Rumäniens, die sich so vielleicht eine Provision verdienen. Die Fahrt zum Hotel nahm ein halbes Stündchen in Anspruch – nicht viel für zehn Kilometer, wenn man in einem Dacia sitzt, aber lange, wenn ein Rumänischer Taxifahrer mit dem Fahrgast plaudern möchte. Es war erstaunlich, wie gut er mein Italienisch verstand und entsetzlich, wie wenig ich sein Rumänisch. So verging die Zeit mit bemühten Scherzen, aber immerhin, sie verging. Am Ziel zeigte das Taxameter knapp 30 Lei zugunsten des Fahrers, etwas mehr als sechs Euro.
Mir erschien’s wenig, doch für den Chauffeur war es ein Drama, denn mein Zehn-Euro-Schein überstieg seine Wechselgeldkapazitäten erheblich und zwang ihn, sein Devisenversteck unter dem Ersatzrad preiszugeben. Im Kofferraum kramend fragte er mich, ob ich in Hermannstadt zu bleiben gedenke oder, falls nicht, wohin es weitergehen solle?
Ich nannte Schäßburg als nächstes Ziel, sagte sogar korrekt “Sighişoara”.
Schäßburg? Wundervoll – die Stadt sei seine Heimat und sein Auto praktisch meines – das koste mich lediglich 80 Euro und ich dürfe auch gern selbst fahren! Wozu im Hotel absteigen, wenn ich noch heute, wahrlich, in Sighişoara sein könne?
Dass ich einen Reiseplan aufgestellt haben könnte, kam ihm nicht in den Sinn, er wollte (wenn’s denn stimmte) nur nach Hause! Es entspann sich leichtes Feilschen, das mir als Warm up für die Reise gelegen kam, und als mein für osteuropäisches Niveau überaus nachgiebiger Handelspartner mit schmerzverzerrtem Gesicht die 40-Euro-Marke in den Ring warf, kapitulierte ich und schenkte ihm, da ich partout an diesem Tag ja noch nicht nach Schäßburg wollte, zum Trost das Wechselgeld – und mir einen Ablass meiner Sünden.
Bei diesen Preisen war ich neugierig, wie viel ein Bier kosten würde oder gar ein richtiges Abendessen. Die Altstadt lag nur zehn Fußminuten vom Hotel entfernt und war nicht schwer zu finden.
2007 war Sibiu Europäische Kulturhauptstadt gewesen. Tatsächlich zeigte sich an vielen Ecken, dass die Vorbereitungen dafür bereits in vollem Gange und im Herzen der Stadt vereinzelt sogar abgeschlossen waren.
Das Zentrum, auf einer Anhöhe gelegen, besteht im wesentlichen aus zwei aufeinanderfolgenden Plätzen, dem “kleinen” und “großen Ring”, die im Süden, in Richtung der nahen und gut zu sehenden Karpaten, noch von Teilen einer Stadtmauer umfasst werden.
Während der “Kleine Ring” den bei meiner Ankunft einsetzenden Sonnenuntergang zu seinen Gunsten auszunutzen vermochte und für seinen großen Bruder eine Steigerung erhoffen ließ, enttäuschte dieser, wenn auch schuldlos, da er ein Volksfest zu beherbergen hatte – mit allem, was längst verboten gehört, dort aber gerade erst im Kommen und daher besonders geschätzt ist.
So beeinträchtigte eine Looping-Achterbahn, aus der es unentwegt pubertär kreischte, nicht nur akustisch die Erhabenheit der prächtigen Gebäude, während eine Reihe aus Holzbuden, in denen Essbares und Vernachlässigbares angeboten wurde, einen inneren Ring um den Platz zog, in dessen Mitte ein Festzelt errichtet worden war.
Dieses zeigte sich bei meinem Eintreffen am frühen Abend schon gut gefüllt und wurde von einer steierischen Gastkapelle beschallt, die den gleichen Mist spielte, der auch hierzulande zu solchen Anlässen geboten würde. Hinter den bereits ziemlich angetrunken wirkenden Musikern zierte ein Banner die Rückwand der Bühne, auf dem “Oktoberfest pe romanesch” stand. Neben dem Schriftzug war ein Mann in Tracht zu sehen, der aussah wie der Erfinder des Grammelschmalzbrotes und dem Betrachter lachend mit einem Schnapsglas zuprostete.
Schnell zeigte sich, dass die rumänische Variante – mal abgesehen von dem Mann und der Musik – dem Original in vieler Hinsicht überlegen war. Das – vorzügliche – Bier kam vom Fass, wurde von überwiegend hübschen Mädchen gezapft (von denen es unerklärlicherweise keine Fotos gibt; wahrscheinlich alles Vampire…), die Halbe kostete umgerechnet 30 Cent, an den Tischen war noch Platz, das Publikum war lustig, aber nicht zu sehr, und die kulinarischen Anstrengungen, die unternommen worden waren, ließen das Oktoberfest geradezu erbärmlich erscheinen:
Die gesamte hintere Langseite des Zeltes bestand aus einem einzigen Grill, auf dem unterarmdicke Würste, Schnitzelberge, Steakhalden, Schweinenackenmassive und Geflügelkaskaden zubereitet wurden, aber auch so ziemlich alles andere, was durch Hitzeeinwirkung an Geschmack gewinnt.
Höhepunkt aber waren die Schweinshaxen, die wie Menhire aus Bratkartoffellandschaften ragten und einen Knusprigkeitsgrad aufwiesen, der sich mir erst erklärte, nachdem ich einen Blick in die riesigen kupfernen Kessel geworfen hatte, die hinter dem Zelt auf offenen Feuern vor sich hin dampften und aus der Ferne wirkten, als könne man Schweine darin kochen. Als ich einen Toilettengang dazu nutzte, mich von hinten heranzuschleichen, stellte ich fest, dass man tatsächlich Schweine darin kochte: hier wurden die Haxen vorgegart. Es handelte sich also um Eisbein, das zur Deftigkeitssteigerung im bereits servierfertigen Zustand nochmal auf den Rost gelegt wurde.
Und auch für Beilagen war gesorgt:
Kleinkindgroße Brotlaibe und gewaltige Einmachgläser, gefüllt mit Blumenkohl, Paprika, Zucchini und anderem Gemüse warteten in solche Höhen gestapelt auf ihren Einsatz an der Seite einer Sur-Grill-oder-sonstwas-Haxe, dass ich kurzzeitig für möglich hielt, sie seien gar nicht zum Essen vorgesehen, sondern trügen das Zeltdach.
Als Abend und Stimmung weit genug vorangeschritten waren, um eine Polonaise in Gang zu setzen, nahm ich dies als Zeichen zum Aufbruch.
Übermäßig lange konnte ich in diesem Schlaraffenland ohnehin nicht bleiben, denn am nächsten Morgen fuhr der Zug nach Schäßburg schon früh um Sieben. Auf dem Rückweg ins Hotel zeigten sich mir noch ein paar andere Veduten der Stadt. Vielleicht sollte ich nächstes Mal zu einer schweinshaxenfreien Jahreszeit kommen.