Kategorie: Transsilvanien (Seite 1 von 1)

Viele Völker, mehr oder minder

Viele Völker, mehr oder minder

Die Straßenecke hört auf den Namen Strada Libertatii/Strada Stefan Cel Mare.
Dieser Stefan ist aber nicht der vom himmelblauen Meer, wie lateinaffine Leser glauben könnten, sondern „Der Große“. Gemeint ist der moldauische Woiwode, der im 15. Jahrhundert eigentlich im Land nebenan herrschte, von den Rumänen aber posthum adoptiert wurde, um den eigenen, eher spärlichen Heldenvorrat zu vergrößern und nicht immer und ewig nur auf Vlad III. Draculea angesprochen zu werden (auf den wir später noch zu sprechen kommen).
Nutzen wir die Gelegenheit ‒ bevor wir gleich um besagte Ecke sehen ‒ uns ein wenig vertrauter zu machen mit den ethnischen und sonstigen Verhältnissen Transsylvaniens, bei denen man leicht den Überblick verlieren kann.
Da sind zum einen die Rumänen, ein schwierig greifbares Volk. Die Polizei kann ein Lied davon singen. Sind sie nicht auf dem Weg in die Sozialsysteme des Westens, organisieren sie sich dort in verwandtschaftlich betriebenen Erwerbsprogrammen. Die Zurückgebliebenen hingegen verbringen ihre Zeit vorzugsweise mit dem Tragen etwas zu enger Lederjacken, der Schnapsbrennerei, dem Fälschen von Geschichtsbüchern und dem Nähen schwimmbadgroßer rumänischer Flaggen, mit denen sie ungarische Siedlungen großflächig abzudecken versuchen, um ihren Besitzanspruch idiotensicher zu verdeutlichen.
Mit derselben Berechtigung, mit der sie annehmen, eine Brieftasche, die sie in der Hosentasche eines Touristen gefunden haben sei die ihre, halten sie sich für die ursprünglichen und damit logischen Herren des Landes, zumindest aber für die direkten Nachkommen der vor zweitausend Jahren hier siedelnden Daker. Damit könnten sie sogar richtig liegen, denn schon Kaiser Trajan erwähnt die regelmäßigen Raubzüge, die von dakischem Gebiet auf römisches Territorium ausgingen.
Ihre häufige Erwähnung bei mir ist hingegen allein der Tatsache geschuldet, dass es in Rumänien noch schwerer ist, Begegnungen mit ihnen zu vermeiden, als in einer deutschen Fußgängerzone, und wenn man sie schon mal alle so schön beisammen hat, beobachtet man sie natürlich auch – schon aus Vorsicht.
Die zweithäufigste Bevölkerungsgruppe Transsylvaniens sind die Ungarn. Doch Vorsicht! Die meisten von ihnen sind eigentlich Székler. Sie sprechen zwar einen ungarischen Dialekt, schreiben aber mitunter in Runen, was Völkerkundler vermuten ließ, es könne eine frühgeschichtliche Verwandtschaft zu Germanen bestehen. Die Trinkgewohnheiten beider Ethnien könnten den Verdacht erhärten, doch dagegen spricht, dass die Székler mit hoher Wahrscheinlichkeit gemeinsam mit den Ungarn von Osten her nach Transsylvanien eingewandert sind. Auf anderen Wegen wäre es ihnen nie gelungen, wenigstens notdürftig Ungarisch zu lernen.
Will man einen Székler von einem Ungarn unterscheiden, ohne dies akustisch zu vermögen, muss man sein Haus ausfindig machen. Besteht der Eingang aus einer Tür, wohnt ein Ungar hier. Steht vor dem Haus hingegen ein hölzernes Tor, sorgfältigst mit geschnitzten Mustern, einer Jahreszahl und einem Segensspruch verziert, dabei von einem Ausmaß, dass es die Sicht aufs Haus versperrt und gekrönt von einem Vogelhäuschen, das in ein Dach übergeht und dieses vollständig überspannt, sodass die Vögel bei Regen kegeln könnten, darf man einen Schnaps drauf wetten, dass ein Székler es gebaut hat.
Die dritte Gruppe sind die Siebenbürger Sachsen. Deren Herkunft kennt man recht genau – nur weiß man leider nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Ihren Namen verdanken sie einer nachlässigen Übersetzung des lateinischen „Saxones“, mit dem im Mittelalter ganz allgemein deutschstämmige Siedler bezeichnet wurden, weshalb sie rein gar nichts mit den heutigen Sachsen im Osten Deutschlands zu tun haben. Sie sind vielmehr ab dem 13. Jahrhundert aus linksrheinischen Gebieten zwischen Lothringen und der Eifel nach Transsylvanien ausgewandert, was sich u.a. dadurch beweisen lässt, dass sie in ihrem seit 800 Jahren unveränderten Dialekt, dem Såxesch, von einem heutigen Luxemburger verstanden werden, keineswegs aber von einem Leipziger.
Angelockt hat sie der damalige ungarische König Géza II, der ihnen weitgehende Autonomie in Aussicht stellte, wenn sie im Gegenzug das Land ein wenig auf Vordermann brächten. Was er ihnen vermutlich verschwieg, war der Grund für die Unordnung, der in den unentwegten Raubzügen östlicher und südlicher Nachbarvölker zu suchen war. Nachdem die Siebenbürger Sachsen ‒ gemeinsam mit den Széklern ‒ die Petschenegen, Kumanen, Kabaren und Baschkiren zurückgeschlagen hatten und dachten, nun sei für eine Weile Ruhe, kamen die Osmanen. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Bis vor rund einhundert Jahren bildeten Siebenbürger Sachsen und Székler das Gros der transsiylvanischen Bevölkerung. Als meine Großeltern mütterlicherseits geboren wurden – er Sachse, sie Széklerin – lagen ihre Heimatorte auf ungarischem Staatsgebiet. Erst die Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg führte zur territorialen Begünstigung Rumäniens (das in letzter Minute die Seiten gewechselt hatte und so zu einem der Sieger des Krieges geworden war) und zur Eingliederung Transsylvaniens, wodurch die deutsch- und ungarischsprachigen Volksgruppen trotz Überzahl zu Minderheiten im einstmals eigenen Land wurden.
Festgenagelt wurde das im „Trianon“, einem Anbau des Schlosses Versailles, den Napoleon zu gänzlich anderen Zwecken errichten ließ, und sollten Sie mal Anlass haben, einem Ungarn den Tag verderben zu wollen, genügt es, dieses eine Wort fallen zu lassen.
Der Vollständigkeit halber (und obwohl ihr Wirken eher auf Unvollständigkeit abzielt), sei noch die Volksgruppe der Sinti und Roma genannt, deren Aussehen und Verhalten verblüffend an die schlimmen Vorurteile erinnert, die man früher Zigeunern entgegenbrachte.
Nachdem die Bevölkerungszahlen der Siebenbürger Sachsen dramatisch und die der Székler stark zurückgegangen sind, werden neuerdings auch die Rumänen weniger.
Inzwischen hat ihr Präsident (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes übrigens ein Siebenbürger Sachse!) alle Rumänen aufgerufen, nach Transsylvanien zurückzukehren und dabei zu helfen, das Land ein zweites Mal aufzubauen – diesmal ohne Stress mit Türken. Zu einer bemerkenswerten Rückwanderung hat das bislang nicht geführt, da die Rumänen „ein zweites Mal“ nicht verstanden haben.
Dennoch arbeiten Banken und andere Diebesbanden bereits hart daran, an einem künftigen Boom mitzuverdienen, indem sie im großen Stil Ackerland kaufen, etwas Geld in dessen Umwidmung zu Bauland durch bedürftige Beamte investieren und darauf warten, es eines Tages parzellenweise an expansionsfreudige Unternehmen zu verkaufen. Derzeit bekommt man 240 Hektar Obstanbaufläche für 5000 Euro.
Die Sachsen interessiert das kaum. Sie haben es sich im Westen bequem gemacht und pflegen Sentimentalität statt Realität. Alljährlich am Pfingstsonntag treffen sie sich auf der Operettenbühne Dinkelsbühl, grillen problematisch aussehende Würstchen und lamentieren spätestens nach dem dritten Timişoreana, Rumäniens bestem Bier, über den Verlust der deutschen Heimat. Es werden bestickte Kissen und bemalte Holzteller verkauft, auf denen Schäßburgs Wahrzeichen, der Stundturm, zu sehen ist. Dann tanzt eine Folkloregruppe aus einer Kleinstadt in Missouri, allesamt Nachfahren ausgewanderter Sachsen, eine zu Recht unbekannte Malerin darf ihr Lebenswerk präsentieren, ein gemeinnütziger Verein stellt das neueste Genealogieprojekt vor, bei dem man nach zwanzig Jahren Recherche bereits beim Buchstaben B aus Ort C angekommen ist, der Vorsitzende der Vertriebenenvereinigung findet unnötige Worte zur Notwendigkeit der friedlichen Koexistenz von Sachsen und Rumänen, und alle lieben am innigsten die Stadt, in der sie nicht mehr leben wollen: Schäßburg.


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Großvaters Haus

Großvaters Haus

Schäßburg empfing mich mit Sonnenschein und Wärme. Um langsam anzukommen, wandte ich mich erst der Bahnhofsbar zu, trank einen schnellen Café und trat erst dann voller Aufmerksamkeit auf den Vorplatz hinaus.
Was ich sah, war weder überwältigend, noch deprimierend; dennoch empfand ich sowohl eine gewisse Feierlichkeit wie auch leichte Traurigkeit, nach so langer Vorbereitung und Anreise endlich in dieser kleinen Stadt angekommen zu sein, von der ich als Kind mehr gehört hatte als über alle Metropolen dieser Welt.
Zu meiner Linken grenzte ein Gewerbegebiet an den Bahnhof. Es sah zur Abwechslung nicht verwahrlost aus, nur ungenutzt und unbenötigt. Vor mir befand sich das „Restaurant Pensiune Café Chic“, das mit einem zusätzlichen Schriftzug in roten Neonbuchstaben für „Hot Pizza“ warb, ohne dem ersten der beiden Wörter Strom zuzuführen. Auf dem Kunstrasen, der vor dem Eingang vorgab, auf einer Holzterrasse gewachsen zu sein erhoben Plastiktische in Form halbierter Baumstämme Anspruch auf rustikalen Charme. Rechter Hand schließlich, am Taxistand, begann jene Strada Libertaţii, auf die ich es abgesehen hatte und die eine der ganz wenigen ist, die heute noch so heißen wie vor 86 Jahren, als mein Großvater auf Hausnummer 8 wohnte.
Was würde er denken, dachte ich, wenn er mich jetzt sähe, der ich nur noch in meiner Erinnerung sein Enkel war? Wenn er sähe wie ich jetzt, die erste Ergriffenheit abschüttelnd, mit großen Schritten der Straße in Richtung Fluß folgte, mein Hotel im wahrsten Wortsinn links liegen lassend ohne einzuchecken oder auch nur den Rucksack abzulegen, im Gehen immer weiter nach rechts driftend bis ich mitten auf der Fahrbahn lief, um die langgezogene Linkskurve der Straße auszugleichen und das Haus so früh wie möglich zu sehen.
Ein Haus, von dem ich nur wusste, dass es heute Jugend beherbergte und in dem kein Platz mehr frei gewesen war, als ich von Deutschland aus angefragt hatte; ein Haus, dessen Anschrift mein Großvater bei seiner Trauung am 27. November 1926 als seine angegeben hatte und die dadurch in einem Registerauszug überliefert worden ist.
Diesen Auszug trug ich bei mir, in der Hoffnung, mich damit als jemand ausweisen zu können, dem man nicht ohne weiteres den Zutritt verwehren konnte – denn selbstverständlich wollte ich das Haus nicht nur von außen sehen.
Die junge Frau, die auf mein Klingeln öffnete, verstand nicht gleich. Sie glaubte, ich wollte mir unter dem Vorwand, einen Bewohner zu kennen, ein gratis Zimmer erbetteln. Als ich das Dokument vorzeigte, folgten Herzlichkeit und Überschwang. Gewiss könne ich das gesamte Haus besichtigen, keine Frage. Wo wollen wir beginnen?
Ich entschied mich für den Keller. Auch in Rumänien sollten hier jene Räume sein, die sich am wenigsten verändert haben sollten, doch ich sah mich getäuscht. Der Partyraum, den man mir zeigte, brachte mir meine eigene Jugend näher als die meines Großvaters. Mit Lack bestrichene Wände, Tropfkerzenreste in leeren Flaschen, durchgesessene Cordsamt-Sofas, Marlboro Plastikaschenbecher auf einem niedrigen, dunkelgrün getönten Glastisch und der Geruch von abgestandenem Alkohol und kaltem Rauch ließen Erinnerungen an die späten 70er Jahre und jenen Zeitpunkt auf einer Party aufkommen, zu dem es am besten war, nach Hause zu gehen. Nebenan gab es noch eine Waschküche, ein Getränkelager, einen Billardraum und eine winzige Bartheke, die als einzige in den Genuß von etwas Tageslicht aus dem Erdgeschoß kam, wo ich meine Besichtigung fortsetzte.
Obwohl die Räume zu Schlafsälen umgebaut worden waren, ließ sich noch erkennen, dass es einst zwei stattliche Zimmer gegeben haben musste, deren jeweils beide Fenster zur Straße zeigten, während sich im zum Garten gewandten Teil eine riesige Küche, eine Kammer und ein Bad befunden haben mussten.
Meine Führerin erläuterte, das Haus sei zur Zeit des Ceauşescu-Regimes als zu groß für eine einzige Familie betrachtet worden, weshalb mehrere Trennwände eingezogen worden seien. Man habe die Küche halbiert und aus den beiden vorderen Räumen vier kleine gemacht, um zwei Familien mit getrennten Schlafzimmern für Eltern und Kinder unterbringen zu können. Der jetzige Zustand komme somit dem ursprünglichen wieder näher.
Nach hinten führten mehrere Stufen ins Freie. Der Garten, der vor einem Jahrhundert eine Grundversorgung an Nahrung geliefert haben dürfte, war schlampig und lückenhaft zubetoniert worden. Einen Weinstock und zwei Feigenbäume hatte man ausgespart. Die Bodenfläche erinnerte in ihrer verschobenen, rissigen Struktur an die Fassaden der direkt hinter dem Haus aufragenden Plattenbauten. Viele alte Gebäude mussten diesen zum Opfer gefallen sein, und es erschien mir seltsam, dass genau hier die Grenze zwischen alt und neu verlief.
Ja, sagte die junge Frau, das sei ein unglaubliches Glück gewesen damals!
Man habe an der Kokel mit dem Demolieren der alten Häuser begonnen und unmittelbar danach die sozialistischen Scheußlichkeiten aufgetürmt. Nummer 12 hatte man eben niedergerissen, 10 und 8 wären als nächste an der Reise gewesen – da stoppten die Bauarbeiten von einem Tag auf den anderen, weil man den Diktator gerade noch rechtzeitig erschossen habe.
Ich erinnerte mich an die Fernsehbilder von der Verkündung des Todesurteils gegen Ceauşescu an Weihnachten 1989 und an seine wegwerfende Handbewegung im Moment des Schuldspruchs. Diese Geste hatte mich erschüttert und zugleich gerührt, denn so typisch wie sie für die Region ist, unterstreicht sie doch nur, dass man ein unbedeutendes Missgeschick akzeptiert und mit ihm abschließt. Sie stand in keinem Verhältnis zu Ceauşescus Verbrechen und war doch alles, was er vor seiner bevorstehenden Hinrichtung ausdrücken konnte.
Im Jetzt zu sehen, was seine Bautrupps Schäßburg angetan hatten, beendete die erinnerte Rührung schnell.
Beim Abschied fragte ich die junge Frau nach der ursprünglichen Fassadenfarbe, da mir Hochwasser- Markierungen auf der Wand aufgefallen waren. Es ist nicht das Original, sagte sie, aber nahe dran. Nach dem Rekordhochwasser 1975 – wieder tauchten Bilder aus dem Fernsehen in meiner Erinnerung auf, apokalyptische Fluten, die bis zu den Dächern der Schäßburger Altstadt reichten, dazu das Entsetzen im Gesicht meiner Mutter und ihrer Eltern bei deren Anblick – habe man zur Auflage bekommen, beim Neuanstrich Farben und Ornamente so genau wie möglich wiederherzustellen. Wenn ich mehr darüber wissen wolle, könne ich gern am Abend oder am Sonntag nochmal vorbeischauen. Dann könne mir Nicola, der jetzige Eigentümer des Hauses, noch das ein oder andere Detail erzählen.
Ich dankte, verließ Großvaters Haus, winkte im Gehen noch einmal zurück und wandte mich der übernächsten Straßenecke zu, wo es Café, Gogoşi – und einen kleinen Schnaps gab.


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Von Zügen und Zwängen

Von Zügen und Zwängen

Freitag, 28. September

Das Hotelzimmer bot für 20 Euro den Komfort eines deutschen Drei-Sterne-Hotels. Modern eingerichtet und sauber, war es mit einigen Bequemlichkeiten und einem Bett ausgestattet, dessen Matratze noch nichts wirklich Schlimmes erlebt haben konnte. Etwas getrübt wurde diese freudige Überraschung durch Mücken, die ich mit der ungarischen Tiefebene hinter mir gelassen zu haben gehofft hatte; dass sie auch in Hermannstadt nachtaktiv waren, ließ für die ländlicheren Gebiete, in die es noch gehen sollte, wenig Gutes erwarten. Aber was ist ein Transsylvanienaufenthalt ohne Blutverlust?
Das Handy weckte mich um Sechs. Zu dieser Zeit gab es im Hotel noch nichts zu essen, weshalb ich mir auf dem Weg zum nahen Bahnhof zunächst den festen Teil meines Frühstücks, die rumänische Version der ungarischen Lángos beschaffte. Man bekommt sie an jeder Ecke, fast rund um die Uhr und immer frisch. Sie heißen “Gogoşi”, sind etwas dicker als Lángos, schmecken aber ähnlich, was sich durch die identische Zubereitungsweise erklärt, dem Herausgebackenwerden in Schmalz.
Neben der Grundvariante, d.h. fettgetränkt bis zur Grenze der Saugfähigkeit, gibt es sie gefüllt, etwa mit Marmelade, Schinken oder Käse, womöglich auch mit allem. Schulkinder bevorzugen eine mit Puderzucker gesüßte Version, wie ich beobachten konnte, während Bauarbeiter gern zwei Gefüllte nehmen und sich eine Handbreit Sauerrahm mit Knoblauch dazwischenstreichen lassen. So konnte es mich eigentlich nicht überraschen, in der Bahnhofsbar, die ich aufsuchte, um mein Frühstück durch seine flüssige Hälfte – Kaffee – zu ergänzen, Gogoşi essende Männer anzutreffen, die zur Anregung der Fettverdauung morgens um halb sieben Wodka aus Wassergläsern tranken und – ein wenig alibihaft – einen Espresso dazu.
Später sollte ich lernen, dass Rumänen nicht nur zum Frühstück Schnaps trinken, sondern praktisch immer, während das Begleitgetränk je nach Tageszeit wechselt: vor neun Uhr ist es Café, danach Bier. Mittags kann, aber eher versehentlich, eine Cola dazwischengeraten, doch spätestens ab dem frühen Abend gleicht sich das aus, indem man zum Schnaps gleich noch einen großen Extraschnaps trinkt. All dies geht mit erstaunlicher Normalität einher, wie ich überhaupt den Eindruck gewann, dass das Trinken in diesem Land anderen Regeln folgt als bei uns. Nirgendwo auf meiner Reise sah ich eine einzelne Person mit Bierflasche, wie sie in Deutschland längst zum Straßenbild gehört; wenn in Transsylvanien getrunken wird, dann wie beim Ball von Graf Kroloc in Roman Polanskis “Tanz der Vampire”: in der Gruppe, und die Getränke werden geteilt.
Auch im Zug nach Schäßburg (damit die Reise endlich weitergeht) saßen fünf oder sechs Männer, die eine Zweiliter-Plastik-Blutkonserve … nein: Bierflasche herumgehen ließen. Sie waren offensichtlich auf dem Weg zur Arbeit, dabei bester Dinge und verhielten sich dennoch erheblich leiser und gesitteter als eine vergleichbare Anzahl nur halb so betrunkener Holzkirchner Teenager am Freitagabend in der S3 nach München.
Ach ja, das Bahnfahren. Wäre es nach seiner Erfindung nicht sofort realisiert worden, hätte man es vielleicht noch verbieten können. Jetzt aber müssen wir da durch.
Nach meiner Beobachtung gibt es zwei Kategorien von Zügen in Transsylvanien. Die erste besteht aus Wagen, die früher der französischen Bahn gehörten. Sie sind nach wie vor entsprechend beschriftet, und mit etwas Glück steckt noch ein Jahrzehnte altes Schild in seiner Halterung, dem zu entnehmen ist, dass dieser Zug im Elsaß verkehrte, einst, als ich zur Schule ging. Diese Züge wurden nach Rumänien überstellt, weil vermutlich kein Franzose mehr bereit wäre, ihnen sein Leben anzuvertrauen. Sie stellen die modernere der beiden Kategorien dar und kommen hauptsächlich auf Strecken zum Einsatz, auf denen viele Pendler unterwegs sind.
Die zweite Kategorie könnte wahlweise aus einem Werbespot für Sagrotan, einem Schulungsfilm fürs THW oder vom Truppenübungsplatz stammen.
Es sind Züge, denen auch kein Rumäne sein Leben anvertrauen würde. Sie überbrücken daher die Langstrecken, auf denen sie nicht so oft dem Abenteuer von Anfahren und Anhalten ausgesetzt sind und werden im Wesentlichen von Touristen genutzt, die nichts von den komfortablen Fernreisebussen wissen, mit denen die Rumänen größere Distanzen zurücklegen.
Beide Kategorien haben eine Gemeinsamkeit: sie fahren nur unwesentlich schneller als ein beherzter Greis mit Rollator, halten aber öfter an. Zum Ausgleich sind die Fahrkarten so billig, dass man von den Schaffnern häufig nicht kontrolliert wird, da die Preisdifferenz zwischen einem Ticket und keinem Ticket nicht ins Gewicht fällt. Da es vorkommen kann, nicht kontrolliert zu werden, weil der Schaffner auch an der großen Bierflasche teilhaben durfte und seine Lochzange nicht findet, lässt sich zusammenfassend sagen, dass man im Grunde überhaupt nie kontrolliert wird.
Nach Schäßburg brachte mich ein ziemlich neuer Waggon der ersten Kategorie, der ungewöhnlich sauber war und nicht in allen Kurven beunruhigende Geräusche von sich gab.
Gleich an der ersten Station nahmen zwei Männer und eine Frau fortgeschrittenen Alters auf den drei Sitzen um mich herum Platz. Die Männer trugen wagenradgroße schwarze Hüte, mächtige Schnurrbärte und außerordentlich weit geschnittene schwarze Nadelstreifenanzüge, die aussahen, als handle es sich um Arbeitskleidung für die Weide.
Die Frau war entweder sehr dick oder hatte sich in sehr viele Schichten bunter Röcke und graubrauner Strickjacken gehüllt, die zuoberst von einer taschenreichen Lederweste bedeckt wurden. Auf dem Kopf trug sie ein ebenfalls sehr buntes Tuch. Sie nickte mir lächelnd kurz zu, zeigte dabei klischeegemäß ein paar Goldzähne und wandte sich dann ab, um mit den Männern zu streiten. Als es diesen zu dumm wurde (denn obwohl ich kein Wort verstand, schien sich ein rascher und klarer Sieg der Frau abzuzeichnen), zogen sie sich in den Übergang zum nächsten Waggon zurück und zündeten sich dort zur Beruhigung erstmal ein Pfeifchen an.
Die Frau besann sich hierauf wieder meiner und sprach mich – zwar mit schwerem Akzent, aber durchaus verständlich – auf deutsch an: “Hast du Schokolade? Bisschen Schokolade?”
Ich verneinte, spontan von Mitleid für die anscheinend hungrige Alte ergriffen und nach Erklärungen (die Wärme) und Rechtfertigungen (woher Schokolade nehmen?) suchend, doch die Frau wollte das gar nicht hören: “Keine Schokolade? Nicht schlimm. Gibst du Geld, ich kaufe.”
Meine Ablehnung verlängerte die gefühlte Reisedauer um einige Jahre, da die Frau mitnichten dadurch reagierte, ihren Platz zu räumen, um den nächstbesten Fahrgast anzubetteln, sondern beharrlich neben mir sitzenblieb für den Fall, dass ich es mir anders überlegen könnte; ein zweites Mal fragte sie jedoch nicht und stieg in Dumbrăveni, mich freundlich grüßend, gemeinsam mit den beiden Männern aus.
Die weitere Fahrt verlief störungslos – mit Ausnahme des Auftritts eines autistisch wirkenden jungen Mannes, der aus mehreren Plastiktüten ein Sammelsurium so neuwertiger wie unnötiger Utensilien hervorkramte und diese trotz des bedenklich schaukelnden Zuges um mich herum ausbreitete. Darunter waren Dinge wie ein aufklappbares Kfz-Reparatur Werkzeug-Set im Miniaturformat, ein Duftwasser-Flacon in Form einer Jukebox, pailettenbeklebte Kugelschreiber, die glitzerten wie eine Disco-Kugel, Plastikkrawatten, Kaugummispender aus verchromtem Kunststoff (mit Kurbel!) oder Damenstrumpfhosen mit perlenbesetzter Naht. Kaum war alles ausgepackt, hastete der Mann ins nächste Abteil, den Rest seiner Tüten zu entleeren, ohne sich damit aufzuhalten, etwa ein Erklärkärtchen zu zücken, aus dem hervorgegangen wäre, dass er taubstumm oder anderweitig behindert war und vom Verkauf dieser Dinge zu leben hatte.
Fest entschlossen, dem Burschen im Notfall lieber Bargeld zu schenken, als etwas von dem Zeug zu kaufen, rührte ich nichts davon an. Hatte ich nicht vor Jahren im “Cosmopolitan”, dem Fachblatt für Globetrotter gelesen, dass die bloße Berührung solcher Objekte nach balkanischem Rechtsverständnis eine unanfechtbare Willenserklärung darstelle, die Artefakte erwerben zu wollen?
Prompt fiel die Jukebox zu Boden, zerbrach aber glücklicherweise nicht. Aufheben oder liegenlassen, das war jetzt die Frage? Ließ ich den Flacon auf dem Boden herumkullern, hätte man mir unterstellen können, ihn heruntergeworfen zu haben. Hob ich ihn auf, war das eine Kaufbereitschaftsdemonstration. Als ich sah, dass andere Reisende die Kostbarkeiten durchaus zu Studienzwecken in die Hand nahmen und durch Abschätzen des Gewichtes zu einem Erahnen des Wertes zu gelangen suchten, legte ich die Jukebox mit einem schnellen Griff auf den Sitz zurück.
Nach wenigen Minuten kehrte der Autist leicht gehetzt zurück. Tatsächlich kam er durch die Tür, durch welche er gegangen war, nicht dieselbe wie beim ersten Mal. Wort-, klag- und regungslos – wahrscheinlich war er wirklich taubstumm – packte er alles wieder ein und verschwand. Zwei Reihen weiter erwarb ein Mann ein Feuerzeug (für welchen Betrag konnte ich nicht sehen), das er beiläufig aus dem Fenster warf, nachdem der Verkäufer den Waggon verlassen hatte.
Viel später, nur noch acht Kilometer westlich von Schäßburg, erreichte der Zug die vorletzte Station dieser Fahrt, Seleuş. Dieser Ort, der auf deutsch Groß-Alisch heißt und auf ungarisch Nagyszőllős, wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts von Siebenbürger Sachsen gegründet und im Lauf der Jahrhunderte neun Mal umbenannt – je nachdem, wer gerade das Sagen hatte.
Auch am 23. Januar 1662 wurde diese Frage ein weiteres Mal vorübergehend geklärt – in einer besonders erbitterten Schlacht, deren Ausgang für die ungarische Linie meiner Vorfahren erhebliche Bedeutung hatte. Der Sieger nämlich, der siebenbürgische Fürst Mihály (Michael) Apaffy, erhob kurze Zeit später meinen Vorfahren István (Stefan) Mátéffy für seine Verdienste im Kampf während der Türkenkriege in den Adelsstand.
Meine Großmutter besaß eine neuzeitliche, ziemlich zerfledderte Abschrift* des Adelsbriefes, die sie in einer hölzernen Schatulle aufbewahrte, für die in ihrem Schrank sogar ein eigenes Fach reserviert war. Sie holte das Dokument nur hervor, wenn sehr enge Familienmitglieder darum baten; meist war ich das, ihr Enkel, der sich nicht an den altertümlichen Buchstaben und dem Ritter mit dem Morgenstern im Wappen sattsehen konnte. Heute hätte ich den Brief täglich betrachten können, denn die Schatulle war über meine Mutter auf mich gekommen. Jetzt aber lag der Reiz des Schriftstücks mehr in seiner Herkunft als in seinem Inhalt.
„Adelstitel“, „Monarchie“, „Schlacht“ – für manch einen sind das heikle Themen, die rasch zu Menschenrechtsverletzungs-Pusteln oder Diskriminierungsbauchweh führen können, die stundenlanger Empörung bedürfen, um abzuklingen.
Leider kann ich darauf keine Rücksicht nehmen. Es lässt sich nicht ändern, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Türken durch die Zeiten hindurch eine meist lärmende, gewaltbereite Horde bilden, deren hauptsächlicher Daseinszweck im Überrenen Andersgesinnter besteht – ob im Falle Konstantinopels 1453 oder bei einem Sieg Fenerbahce Istanbuls in der SüperLig.
Selbstverständlich war mein Vorfahr ein Held meiner Kindertage, denn was gab es edleres, als das Abendland vor dem leibhaftigen Bösen zu bewahren?
Dumm nur, dass mein Ahne seine Lorbeeren keineswegs auf Seiten der “Bewahrer” errang, wie ich erst viel später herausfinden sollte, sondern als Gegner jenes österreichisch-ungarischen Truppenverbands, der die Osmanen bekämpfte! Obwohl selbst Ungar, genau genommen Székler, stand er in Diensten eines Herrn, der zum Zeitpunkt der Schlacht ein Herrscher von türkischen Gnaden war – und focht somit gegen seine eigenen Landsleute.
Zugleich kooperierte Fürst Apaffy mit dem nicht minder moralelastischen Hof zu Wien und ersuchte sogar den englischen König um Hilfe gegen die Tataren, die er selbst und im Auftrag seiner Verbündeten, der Türken, als Bestrafungstruppe gegen Aufständische einsetzte.
Mein Vorfahr war kein “edler Ritter” im westlichen Sinne, wie jener Prinz Eugen von Savoyen, den ein Lied besingt, weil er Belgrad belagerte und im “Großen Türkenkrieg” 1683 Wien vor der Einnahme bewahrte. Ur-Onkel Stefan dürfte – politisch unkorrekt, aber dafür realitätsnah – nach dem Motto “wer zahlt, schafft an” gelebt und gekämpft haben, genau wie sein Chef.
Dass Apaffys Heer gemeinsam mit 4000 Soldaten des Padischah‘ in Schäßburg auf den Gegner wartend herumlungerte und gewiss keine kleine Plage für die regulären Einwohner darstellte; dass Johann Kemény, der für manch einen spätgeborenen Siebenbürger Sachsen noch heute als eigentlicher Fürst des Landes zu jener Zeit gilt, gleich zu Beginn der Schlacht und vermutlich aufgrund seiner Korpulenz vom Pferde stürzte und dabei zu Tode kam, was die Niederlage seiner Truppen eingeleitet haben dürfte; dass die Türken sich anschließend trotz ihres Sieges mal wieder nicht benehmen konnten und in unmittelbarer Nachbarschaft des Kirchturms von Groß-Alisch alle übriggebliebenen Gegner massakrierten (im Flurstück “Weiher” kommen noch heute beim Pflügen der Erde Menschenknochen zutage) – nun, das macht’s natürlich nicht besser.
Im Zug so vor mich hin sinnierend, fragte ich mich, welche Seite der damals Gefallenen sich in ihrem jeweiligen Jenseits wohl mehr darüber grämt, es wegen zu früher Geburt entweder nicht zu einer Dönerbude in Berlin-Neukölln oder einem Badeurlaub in Antalya gebracht zu haben?
Bald verschwand der Ort so lang vergangenen Geschehens hinter einer Kurve und einen Tunnel später tauchte endlich – Schäßburg auf.

* Das Original ist angeblich auf gegerbte Hundehaut geschrieben. Wer es bewahrt oder ob es verloren ist, welcher Rasse der Hund angehörte, ob ein Vizsla das Rennen machte (man denke an die hervorragend beschreibbare Fläche zwischen Hinterlauf und Torso), und ob dem eine Bedeutung zukommt, ist so unklar wie die Frage, weshalb es überhaupt ein Hund sein musste? Nach den Hermannstädter Erlebnissen neige ich zu der Antwort: weil alles andere schon auf dem Grill hing.

 


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Oktoberfest pe romanesch

Oktoberfest pe romanesch

Donnerstag, 27. September

Die Ankündigung, nach Transsylvanien zu fahren, das Land hinter den Wäldern, wie es seit Römerzeiten genannt wird, führte im Freundeskreis zu Ratschlägen, die zeigten, dass sich ein Grundstückskauf in Rumänien noch lange nicht rentieren wird. Neben so cleveren Empfehlungen wie der, mich nicht von Vampir und Werwolf beißen zu lassen und stets genug Knoblauch mit mir zu führen, blieb mir vor allem eine Frage in Erinnerung:
“Wie, Transsylvanien gibt’s wirklich?”
Ja, Transsylvanien gibt es und ohne Transsylvanien gäbe es mich nicht. Alle meine Vorfahren mütterlicherseits, ob Siebenbürger Sachsen oder Székler, stammten von dort.
Ja, ich würde mich jetzt endlich auf den Weg machen, mehr darüber herauszufinden.
Nein, ich bin kein Rumäne.
Ein Flug von München nach Sibiu (Hermannstadt) kostet nicht mehr als einer nach Paris oder Rom – dafür war die Maschine, eine Canadair 900, um einiges kleiner als das, was ich als Gelegenheitsflieger kannte. Als ich im Mittelgang den Kopf einziehen musste, nur vier Sitzreihen sah und eine sehr dünn wirkende Kabinenwand, bereute ich ein wenig die Wahl eines Fensterplatzes, hatte aber kurz vor der Landung den Vorteil, gut erkennen zu können, weshalb ein Reiseführer geschrieben hatte, Rumänien transportiere den Besucher landschaftlich ins Mittelalter zurück.
Von Hochspannungsleitungen, Industriegebieten, Autobahnen und anderen zweifelhaften Segnungen fehlte jede Spur, und selbst auf den wenigen Überlandstraßen teilten sich Pferdefuhrwerke und nicht wesentlich schnellere Autos Raum und Zeit.
Auch der Hermannstädter Flughafen erschien wie ein vorsichtiger Versuch, den Übergang von der Postkutsche zur Raumstation zu wagen: es ist ein mitten auf die offene Wiese gestellter Quader, beschriftet mit: “Aeroportul International Sibiu”. Das klingt etwas aufregender als “Einer von vier Flughäfen Rumäniens” und lässt sich im Zweifelsfall schnell abmontieren, falls sich der Weg in die Moderne doch noch als Irrtum erweisen sollte und der Quader für Hühner, Paprika oder Kukuruz gebraucht würde.
In Sibiu anzukommen bedeutet, aus dem Jet zu steigen, etwa 20 Meter über das Rollfeld zu laufen, einer streng blickenden Zollfachkraft den heiligen EU-Pass zu zeigen, quasi im Gehen sein Gepäck wieder aufzunehmen und auf der anderen Seite des Flughafengebäudes ins Freie zu treten, um festzustellen, dass es auf einer offenen Wiese keine Taxis gibt.
Nach einer Weile kam aber doch eins, vermutlich gerufen durch einen der wenigen Handy-Besitzer Rumäniens, die sich so vielleicht eine Provision verdienen. Die Fahrt zum Hotel nahm ein halbes Stündchen in Anspruch – nicht viel für zehn Kilometer, wenn man in einem Dacia sitzt, aber lange, wenn ein Rumänischer Taxifahrer mit dem Fahrgast plaudern möchte. Es war erstaunlich, wie gut er mein Italienisch verstand und entsetzlich, wie wenig ich sein Rumänisch. So verging die Zeit mit bemühten Scherzen, aber immerhin, sie verging. Am Ziel zeigte das Taxameter knapp 30 Lei zugunsten des Fahrers, etwas mehr als sechs Euro.
Mir erschien’s wenig, doch für den Chauffeur war es ein Drama, denn mein Zehn-Euro-Schein überstieg seine Wechselgeldkapazitäten erheblich und zwang ihn, sein Devisenversteck unter dem Ersatzrad preiszugeben. Im Kofferraum kramend fragte er mich, ob ich in Hermannstadt zu bleiben gedenke oder, falls nicht, wohin es weitergehen solle?
Ich nannte Schäßburg als nächstes Ziel, sagte sogar korrekt “Sighişoara”.
Schäßburg? Wundervoll – die Stadt sei seine Heimat und sein Auto praktisch meines – das koste mich lediglich 80 Euro und ich dürfe auch gern selbst fahren! Wozu im Hotel absteigen, wenn ich noch heute, wahrlich, in Sighişoara sein könne?
Dass ich einen Reiseplan aufgestellt haben könnte, kam ihm nicht in den Sinn, er wollte (wenn’s denn stimmte) nur nach Hause! Es entspann sich leichtes Feilschen, das mir als merkantiles Warm up für die weitere Reise gelegen kam, und als mein für osteuropäisches Niveau recht nachgiebiger Handelspartner mit schmerzverzerrtem Gesicht die 40-Euro-Marke in den Ring warf, kapitulierte ich und schenkte ihm, da ich partout an diesem Tag ja noch nicht nach Schäßburg wollte, zum Trost das Wechselgeld.
Bei diesen Preisen war ich neugierig, wie viel ein Bier kosten würde oder gar ein richtiges Abendessen. Die Altstadt lag nur zehn Fußminuten vom Hotel entfernt und war nicht schwer zu finden.
2007 war Sibiu Europäische Kulturhauptstadt gewesen. Tatsächlich zeigte sich an vielen Ecken, dass die Vorbereitungen dafür bereits in vollem Gange und im Herzen der Stadt vereinzelt sogar abgeschlossen waren.
Das Zentrum, auf einer Anhöhe gelegen, besteht im wesentlichen aus zwei aufeinanderfolgenden Plätzen, dem “kleinen” und “großen Ring”, die im Süden, in Richtung der nahen und gut zu sehenden Karpaten, noch von Teilen einer Stadtmauer umfasst werden.
Während der “Kleine Ring” den bei meiner Ankunft einsetzenden Sonnenuntergang zu seinen Gunsten auszunutzen vermochte und für seinen großen Bruder eine Steigerung erhoffen ließ, enttäuschte dieser, wenn auch schuldlos, da er ein Volksfest zu beherbergen hatte – mit allem, was bei uns längst fragwürdig ist, dort aber gerade erst im Kommen und daher besonders geschätzt.
Eine Looping-Achterbahn, aus der es unentwegt pubertär kreischte, beeinträchtigte gleich am Eingang nicht nur akustisch die Erhabenheit der prächtigen Gebäude, während eine Reihe aus Holzbuden, in denen Vernachlässigbares angeboten wurde, einen inneren Ring im Kleinen Ring zog, in dessen Mitte ein Festzelt errichtet worden war.
Das war bei meinem Eintreffen am frühen Abend schon gut gefüllt und wurde von einer steierischen Gastkapelle beschallt, die den gleichen Mist spielte, der auch hierzulande zu solchen Anlässen geboten würde. Hinter den bereits ziemlich angetrunken wirkenden Musikern zierte ein Banner die Rückwand der Bühne, auf dem “Oktoberfest pe romanesch” stand. Ein Foto neben dem Schriftzug zeigte einen Mann in Tracht, der aussah wie der Erfinder des Grammelschmalzbrotes und dem Betrachter lachend mit einem Schnapsglas zuprostete.
Schnell zeigte sich, dass die rumänische „Oktoberfest“-Variante – mal abgesehen von dem Mann und der Musik – dem Original in vieler Hinsicht überlegen war. Das vorzügliche Fassbier wurde weder von kubisch-baiuwarischen Hypertonikern in karierten Hemden, noch lederhosen- und barttragenden Levantinern gezapft, sondern von überwiegend sehr hübschen Mädchen. Geheimnisvollerweise gelang es mir nicht, diese zu fotografieren, und da weit und breit kein Spiegel vorhanden war, konnte ich nicht prüfen, ob meine spontane Theorie stimmte – – – doch egal, die Halbe kostete umgerechnet bloß 30 Cent, an den Tischen war gerade noch genug Platz, das Publikum lustig, aber nicht zu sehr, und die kulinarischen Anstrengungen, die unternommen wurden, ließen das Oktoberfest geradezu erbärmlich erscheinen:
Die gesamte hintere Langseite des Zeltes bestand aus einem einzigen Grill, auf dem unterarmdicke Würste, Schnitzelberge, Steakhalden, Schweinenackenmassive und Geflügelkaskaden zubereitet wurden, aber auch so ziemlich alles andere, was durch Hitzeeinwirkung an Geschmack gewinnt.
Höhepunkt aber waren die Schweinshaxen, die wie Menhire aus Bratkartoffellandschaften ragten und einen Knusprigkeitsgrad aufwiesen, der sich mir erst erklärte, nachdem ich einen Blick in die riesigen kupfernen Kessel geworfen hatte, die hinter dem Zelt auf offenen Feuern vor sich hin dampften und aus der Ferne wirkten, als könne man Schweine darin kochen. Als ich einen Toilettengang dazu nutzte, mich von hinten an die Kessel heranzuschleichen, stellte ich fest, dass man tatsächlich Schweine darin kochte: hier wurden die Haxen vorgegart. Es handelte sich also um Eisbein, das zur Deftigkeitssteigerung im bereits servierfertigen Zustand nochmal auf den Rost gelegt wurde.
Auch für Beilagen war gesorgt. Kleinkindgroße Brotlaibe und gewaltige Einmachgläser, gefüllt mit Blumenkohl, Paprika, Zucchini und was der Acker sonst noch hergab, warteten, zu Türmen gestapelt, dass man glauben konnte, sie trügen das Zeltdach, auf ihren Einsatz an der Seite eines Fleischberges.
Was für ein erster Eindruck! Lebensfreude als Kulinarik definiert.
Ich aß und trank etwas mehr als zuhause in einer Woche, und als Abend und Stimmung weit genug vorangeschritten waren, um eine zeltweite Polonaise in Gang zu setzen, nahm ich dies als Zeichen zum Aufbruch.
Übermäßig lange konnte ich in diesem Schlaraffenland ohnehin nicht bleiben, denn am nächsten Morgen fuhr der Zug nach Schäßburg schon früh um Sieben. Auf dem Rückweg ins Hotel zeigten sich mir noch ein paar andere Veduten der Stadt. Wirklich schön hier. Vielleicht sollte ich nächstes Mal ein paar Tage mehr einplanen. Vor allem aber: zu einer schweinshaxenfreien Jahreszeit kommen.


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Prolog

Prolog

Wie bei jedem Besuch am Grab meiner Mutter fragte ich mich, warum sie gerade diesen Platz ausgesucht hatte. An der äußersten Ecke des Friedhofs, einem Schrottplatz gegenüber, nur durch einen Kiesweg vom alten Eisen getrennt, der von Gassigehern gern genutzt wurde.
Hatte sie sich wirklich etwas dabei gedacht, als beim Tod ihrer Mutter eine schnelle Entscheidung getroffen werden musste? Ihr muss klar gewesen sein, dass auch sie eines Tages hier liegen würde – wie ihre Eltern und ihr jüngster Bruder. Hatte sie womöglich auch mich damals schon in den Plan einbezogen?
Ihr Sinn für Ironie war berüchtigt. Er pausierte nicht an Krankenbetten, nicht bei Scheidungen. Warum sollte er vor dem Friedhof kapitulieren?
Acht Monate waren seit ihrem Tod vergangen und noch immer wühlte und grub ich mich durch ihren Nachlass, der in erster Linie aus Fotos und Briefen von Menschen bestand, die ich nie gesehen oder als Kind nur kurz getroffen hatte. Auch eine Schatulle war darunter, deren Inhalt ich kannte. Sie blieb geschlossen.
Zu jedem Blatt, zu jedem Bild gab es eine Geschichte. Meist melancholisch, manchmal heiter, häufig mit Stolz oder Ehrfurcht gepaart und gelegentlich mit einer Meinung, die aus der Zeit gefallen war.
Es scherte sie nicht, dass sie in ihren Gefühlen und Gedanken in einer anderen Epoche lebte und mich damit zwangsläufig zu einem Bewohner zweier Welten machte, ihrer und der wirklichen. Als Kind genoss ich es, zwischen diesen Welten zu wechseln und malte mir aus, wie meine Mutter mit dem Klassenkameraden auf dem Schwarzweiß-Bild zum Tanzen gegangen war und später, auf einem Faschingsball in einem Matrosenhemd Champagner aus der Flasche trank. Oder die Ahnung, wie es nach Sommer geduftet haben musste, als meine Großmutter, mit einem Kopftuch gegen die transsylvanische Hitze geschützt (in Deutschland hatte sie nie eins getragen), drei ihrer Kinder auf den Knien hielt, in einer Erntepause im Schäßburger Garten, vor dem zweiten großen Krieg.
Erst jetzt, als Erwachsenem, dämmerte mir das Selbstverständliche, das als Kind nicht gedacht werden kann: diese Vergangenheit war für meine Mutter Gegenwart gewesen. Eine Welt, die sie mit ihren Augen wirklich gesehen hatte, nicht wie ich nur auf Fotos. Jetzt, da sie nicht mehr lebte, brachten die Fotos mir meine Mutter in einem Alter zurück, in dem ich sie nicht gekannt hatte. Ihre Erzählungen waren ihre Wahrheit, die mit ihr erloschen war; die damalige Wirklichkeit musste nun, da niemand mehr erzählen konnte, meine Vorstellung ergänzen.
Ich hatte die weißen und roten Blumen in die Friedhofsvase gestellt und sie neben dem tiefgrünen Grabstein in die Erde gesteckt. Rot, Weiß, Grün – die Farben Ungarns. Ganz ironiefrei hatte meine Mutter verfügt, dass nur diese auf dem Grab etwas zu suchen hätten. Alle anderen Farben waren unerwünscht, und eine sogar ausdrücklich verboten: Gelb, das ihrer Ansicht nach die rumänische Flagge vertrat. Das Land, an das ihre Heimat gefallen war.
Transsylvanien.
Ich erinnerte mich, meine Mutter gefragt zu haben, ob es nicht noch Verwandtschaft geben könnte dort, von wo sie zu fliehen gehabt hatte?
„Gut möglich“, hatte sie gesagt, „wahrscheinlich sogar.“
„Und würdest du diese Leute nicht wiedersehen wollen? Oder ihre Nachkommen? Möchtest du die Orte nicht besuchen?“ hakte ich nach.
„Nein.“ Sie zögerte kurz, wie um die Rechtschaffenheit ihrer Antwort zu prüfen.
„Es ist nicht mehr so, wie es war. Es wird nie mehr so sein. Und Menschen ändern sich, wenn sie es müssen.“
Ein Windhauch kam auf, für die Jahreszeit zu kühl.
Es war Ende Juni. Zeit, meine Sommer-Enklave zu planen, jene Woche, in der ich mich jedes Jahr in Gegenden auf Wanderschaft begab, in denen es wahrscheinlicher war, vom Blitz getroffen zu werden, als einen anderen Menschen zu treffen.
Der Gedanke daran wärmte mich.
Welche Einsamkeiten hatte ich schon durchstreift! Böhmische Wälder, norddeutsche Heiden, dalmatinische Berge, griechische Inseln. Eine so sinnlos wie die andere. Immer auf der Suche, nie wissend, wonach.
Diesmal würde es anders sein.


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