Keisd
Nicht weit von Schäßburg, durchschnitten von der Hauptroute in den Süden, liegt das Dorf Keisd. Sein rumänischer Name lautet „Saschiz“ und leitet sich vom ungarischen „Szászkézd“ ab, was „Sachsenhand“ bedeutet und die Vermutung zulässt, dass Ort und umliegende Gegend von den Széklern als traditionell sächsisch betrachtet wurden.
Hier kam 1897 mein Großvater zu Welt, denn seine Mutter war zur Entbindung ins Elternhaus zurückgekehrt und es grämte meinen Großvater ein Leben lang, kein gebürtiger Schäßburger zu sein.
Im Morgengrauen machte ich mich mit leichtsinnig leichtem Gepäck und der Absicht, am späten Nachmittag zurück zu sein, auf den Weg von Schäßburg nach Keisd. Da die Landstraße selbst für rumänische Verhältnisse stark befahren ist und in einem weitläufigen Bogen ans Ziel führt, hielt ich es für praktischer und obendrein reizvoller, ein paar Steigungen auf mich zu nehmen und Waldstücke auf Trampelpfaden zu durchqueren, als der Straße zu folgen. Zudem würde ich auf diese Weise ein paar der rund 20 Kilometer Entfernung einsparen.
Kartenlos verließ ich die Stadt. Mein legendärer Orientierungssinn, dank dessen ich einst in Bologna mein achtlos geparktes Auto wiedergefunden hatte, würde mich auch hier richtig leiten; zudem schien die Sonne und ich musste ja bloß nach Südosten laufen.
Am Ortsende Schäßburgs zweigte eine kleine Straße verlockend korrekt und bergauf ab. Die Steigung war so stark, dass Serpentinen nötig waren. In der siebten Kehre pausierte ich sehr dumm ganz außen, weshalb mich fast ein Pferd samt Wagen überfuhrwerkte, meterhoch mit Heu beladen. Hatte der Kutscher mich geseh’n, war’s ihm egal. Wenn nicht, erst recht. Asphalt wurde zu Schotter bald, später zu Geröll, dann Lehm, und fortan lief der Weg an Wellblechhütten, Obstgärtchen, Hühnerhäusern und auch zwei weiteren Friedhöfen vorbei (die ich jetzt unbeachtet ließ) auf einen unsichtbaren Gipfel zu.
Eine Weile lang geschah nun nichts, dann etwas länger.
Häuser und Verschläge waren einem Wald gewichen, erst links, dann beiderseits.
Nach einer Stunde traf ich einen Mann. Er trug rumänische Nationaltracht – Jackett, Pullover, Jogginghose – , war demnach also auf dem Weg zu wichtigen Geschäften.
Wohin ich wolle? fragte er. Es klang wie Italienisch mit vollem Mund und war nicht sehr schwer zu verstehen.
„Nach Saschiz“, sagte ich.
„Sahskiez?“ korrigierte er. Das sei doch weit! Leicht 30 Kilometer! Wie ich das schaffen wolle?
„Non preoccuparti!“, beschwichtigte ich dreist auf italienisch, zum Mittagessen bin ich dort!
Er sah mich an wie einen, den man verloren gibt und beschloss blitzartig, das Beste aus meinem nahen Tod zu machen:
„Rauchst du? Gib mir deine Zigaretten!“
Als ich verneinte, war es mit seiner Sorge um mich vorbei. Eine Handbewegung verabschiedete mich, während er schon weiterzog; ob ein Segenswunsch darin lag oder die Hoffnung, der Teufel möge mich holen, war schwer zu sagen.
Der Weg führte nun kaum noch bergauf, dafür durch ziemlich dichten Wald, der nur noch gelegentlich so viel Sonnenschein zu mir ließ, wie nötig war, um die Marschrichtung zu prüfen. Als die raren Strahlen irgendwann mein linkes Ohr von hinten trafen, war es Zeit für eine klare Korrektur. Links schwenkt, Marsch, beim nächsten Pfad. Durch jetzt sehr dichten Wald gelangte ich nach einer Weile auf einen besseren Weg, der erst leicht, dann stärker bergab führte, während sich jetzt das andere Ohr im Sonnenlicht befand, was ärgerlicherweise hieß, dass ich nach Norden lief.
Bald tauchten wieder Häuser auf, und indem ich dem Weg in die einzige Richtung folgte, die er zuließ, gelangte ich in ein bezauberndes Industriegebiet an der Hauptstraße nach Keisd, etwa vier Kilometer hinter meinem Ausgangspunkt. Von dem aus ich acht Kilometer durch den Wald gelaufen war.
Der Zeitverlust entledigte mich meines Vorsatzes, nicht per Anhalter zu reisen. Bald fuhrwerkte abermals ein Pferd in meinem Rücken, und als es mich – diesmal heulos – mit dem Tempo eines müden Fahrradfahrers überholte, winkte mir vom Kutschbock eine Hand. Ich lief los – und als der Kutscher die Geste wiederholte, sprang ich auf.
Auf der Ladefläche war nichts als der Schatten des Kutschers. In ihn setzte ich mich. So war ich nah genug, um den Mann zu hören, falls er denn reden wollte, beließ mich aber zugleich im Status von Frachtgut. Doch dem Chauffeur war nicht nach Reden. Nur kurz erkundigte er sich nach meinem Ziel, doch nur, um sicher zu gehen, dass ich nicht nach Bukarest oder an die Schwarzmeerküste wollte, denn das würden wir heute nicht mehr schaffen. Dann schwieg er für gut eine Stunde, während mich das knarzende, holpernde Gefährt und die schon hoch stehende Sonne in hitzeträgen Halbschlaf wiegten.
Am Keisder Ortseingang schreckte ein Schrei mich auf. Es war der Kutscher, der nun drängend etwas brummelte, nicht aber hielt. Erst, als wir uns dem Dorfplatz näherten, rief er erneut „Saschiz, Saschiz!“ und zeigte neben das Pferd.
Ich bedankte mich artig auf deutsch, sprang ab, winkte, als gäbe es einen Rückspiegel, in dem der Kutscher mich sehen konnte, blickte in die Runde und staunte: das also war eine Wehrkirche. Ein gewaltiger Turm stand direkt vor mir, alt, mächtig, den gläubigen Dörflern zum Schutze, den dräuenden Muslimen zur Wehr‘. So einfach war das damals. Und so brutal.
Der Eingang war geschlossen, ein Schild kündigte baldige Öffnung an.
Strategie gehörte nicht zu den Vorbereitungen dieser Reise. Ich hatte mich zwar bei sächsischen Heimatverbünden und -verbündeten nach den Nummern jener Häuser erkundigt, die sich einst oder noch im Besitz von Menschen befanden, die hießen wie ich, doch die Zählung hatte sich mehrfach geändert. Was im letzten Jahrhundert Haus Nummer 10 war, konnte jetzt 280 sein. Ich entschied, die gesamte Hauptstraße einmal rauf und runter zu laufen und alles zu fotografieren, was noch als Haus und zugleich Adresse in Frage kam. Insbesondere ein Gebäude war mir aus Genealogen-Kreisen empfohlen worden: eine gewisse Sara Theil sollte darin leben, hochbetagt zwar, doch mit bestem Gedächtnis gesegnet, die sicherlich höchst Interessantes zu erzählen wisse. Ich fand es auch schnell, es lag mitten im Ort. Auf mein hartnäckiges Klopfen aber öffnete niemand.
Auf dem Weg zurück zur Kirche war von wenigen Läden nur einer geöffnet, überraschend ein Spirituosengeschäft. Davor ein Holzfass diente einem Trupp Rumänen als Tisch fürs zweite Schnapsfrühstück. Sie beäugten mich mit Misstrauen, ganz anders als im touristenvollen Schäßburg, und wandten ihre Blicke erst gelangweilt ab, als ich mit einer Plastikflasche Wasser aus dem Laden trat. Sie wussten besser, was darin war, alles klar.
Inzwischen wurde die Kirche wieder belagert. Ein Reisebus, natürlich aus dem Schwäbischen, hatte eine Rentnergruppe ausgesetzt, die vor dem Eingang, wohl um Schatten zu sparen, kurz ein Träubchen bildete, ehe man ihr Einlass gewährte.
Am Eingang verkaufte ein Mädchen Eintrittskarten und selbstgemachten Honig. Während ich beides erwarb, fragte es mich in fließendem, wenn auch stark gefärbtem Deutsch, ob ich der Fremde sei, der durch Keisd laufe und die Häuser fotografiere?
„Securitate!“, sagte ich, „na sicher!“ Voller Freude über meinen Scherz und das hervorragende Funktionieren des Keisdes Nachrichtendienstes erklärte ich dem Mädel, was mich hergeführt hatte und wonach ich suchte. Das überforderte das Kind. Es griff zum Telefon und alarmierte seine Mutter. Die eilte erstaunlich rasch und stark besorgt herbei, sprach ebenfalls deutsch und erwies sich als Vertretung der eigentlichen Kirchenkuratorin, die praktischerweise gerade auf einem Klassentreffen in Deutschland weilte.
Meine Erklärungsversuche interessierten in kürzester Zeit ein gutes Dutzend Personen, die unsichtbar ins Kirchenschiff gesickert waren und mich jetzt im Kreis umstanden. Den Schwaben aus dem Bus war ich zum Glück genauso egal wie die Kirche; bei denen ging’s nur um das Mittagessen. Die Sachsen hingegen lauschten mir sehr interessiert. Ein weiteres Telefonat wurde geführt und man gab mir zu verstehen, dass man zur Beantwortung meiner Fragen soeben das kollektive Ortsgedächtnis verständigt habe, einen alten Herrn, der bereits auf dem Weg hierher sei. Einstweilen könne ich mir ja die Kirche ansehen.
Immer noch staunend über die Effizienz des siebenbürgischen Fernmeldewesens, fiel mir beim Rundgang die hölzerne Kanzel auf, deren Sockel ein Schriftband aus inkrustinierten Buchstaben zierte. Von weitem schon erkannte ich vertraute Worte; aus der Nähe wurde klar, dass auch hier Vorfahren gewirkt hatten: gleich mehrere Theils waren als Schreiner an der Fertigung der Kanzel beteiligt gewesen und durften dafür ihre Namen darauf verewigen, sparsamerweise jedoch nur in mehrsinnigen Buchstabenformen.
Eine tiefe Männerstimme, getragen von einem Hauch Knoblauch drang von hinten in Ohr und Nase: das Gedächtnis war eingetroffen. Es gehörte einem überaus rüstigen, vermutlich weit über siebzigjährigem Mann in blauem Arbeitsoverall und gebügeltem, weißen Hemd, der mir sofort wie ein alter Bekannter erschien, da auch er den Dialekt meines Großvaters sprach.
Herr Binder, wie er sich mir als Namensvetter meiner Urgroßmutter vorstellte, erwies sich rasch als wandelndes, überaus freundliches Lexikon für Keisder Stadt- und Familiengeschichte. Trotz seines Alters und des schon wieder sehr warmen Tages ließ er es sich nicht nehmen, mich durch fast den gesamten Ort zu führen und dabei zu nahezu jedem Gebäude eine Erläuterung zu dessen ehemaligen und heutigen Eigentümern abzugeben, bis wir schließlich vor seinem eigenen Zuhause standen. Es war dies eines der wenigen gepflegten Häuser Keisds, denn der alte Herr brachte den größten Teil des Jahres in der siebenbürgischen Heimat zu und floh nur während der kältesten Monate in eine beheizbare Wohnung nach Deutschland. Sommerliche Abwesenheit dürfe man sich nicht leisten, wie er sagte, denn sie führe zu erheblichen Verlusten. Neuerdings seien die Zigeuner dazu übergegangen, sogar fruchttragende Obstbäume zu fällen, um diese als Nahrung, Baustoff und Brennholz zu nutzen, während sie sich früher aufs Grundstück geschlichen hätten, um „bloß“ zu ernten. Wo niemand auf seine Habe achte, werde alles, was nicht niet- und nagelfest sei, binnen kürzester Zeit gestohlen oder annektiert. Leerstehende Gebäude würden sogleich besetzt und rasch zu Ruinen, da die nomadisierenden Bewohner nicht davor zurückschreckten, im Winter den Dachstuhl zu verheizen.
Wir wandten uns wieder der Kirche zu, bogen dann aber links Richtung Waldrand ab. Herr Binder wies mich auf einen kleinen Brunnen hin, die sogenannte „Tannenquelle“ und versicherte mir mehrfach, unbesorgt daraus trinken zu können. Das Wasser war herrlich und sein Genuss blieb darmseitig folgenlos. Wie sich außerdem zeigen sollte, wäre es schlau gewesen, mir eine Flasche davon abzufüllen, denn die gekaufte war längst leer.
Die Anstrengung unseres Marsches war dem alten Herrn jetzt deutlich anzusehen. Da mein nächstes Ziel der Friedhof war, verabschiedete ich mich so taktvoll wie ausgiebig von meinem so hilfreichen Begleiter und stapfte in der mittäglichen Spätsommerhitze bergauf zu einem weiteren Gräberfeld, gespannt, welche Verwandtschaft ich dort finden würde.
Die „Ausbeute“ war weitaus geringer als in Schäßburg. Hier waren Binders (natürlich), Ehrmanns, Dörners, Fritschs und Thellmanns klar in der Mehrheit, doch es gab auch ein Grab mit dem Namen Theil. Es ließ mich lang innehalten. Nun war klar, weshalb bei Sara niemand geöffnet hatte. Wir hatten uns nur um ein paar Monate verpasst.