Auf dem Burgberg

Freitag, 28. September

Auch die zweite Unterkunft der Reise überraschte angenehm bis hin zum Anstrich der Fassade: dieses grelle Orange würde ich auch ohne Stadtplan, zu fortgeschrittenster Stunde und im fahlen Licht von Straßenlaternen wiederfinden. Die Rezeptionistin der „Pensiunea Mario“, eine freundliche ältere Dame, die passabel deutsch sprach, warf einen kurzen, routinierten Blick auf meine Reservierung, ohne in Preisnachverhandlungen zu treten oder andere Komplikationen auszulösen, und abermals punktete Transsilvanien gegenüber manch touristisch stärker frequentiertem Konkurrenten.

Das Zimmer im Souterrain war angenehm kühl. Die niedrige Decke zeigte die gleichen regelmäßigen Wölbungen, die mir auch im Keller des großväterlichen Hauses aufgefallen waren. Nur wenige Ecken von diesem entfernt, mochte es durchaus zur selben Zeit erbaut worden sein.

Endlich rucksacklos machte ich mich gleich wieder auf den Weg, jetzt in die Oberstadt, der Schäßburg seine Einstufung als Weltkulturerbe verdankt.

Aus nördlicher Richtung kommend, nähert man sich dem Burgberg von einer weniger spektakulären Flanke. Eine kurze, aber sehr steile Treppe führt hier nach oben und mündet an der äußeren Befestigungsmauer, wo sie den Schnaufenden aus dem Schatten der Bäume in die pralle Sonne entlässt, deren warme Strahlen das Kopfsteinpflaster rasch von unappetitlichen Schweißflecken befreien. Diese Mauer, beinahe 700 Jahre alt und noch immer mehr als 5 Meter hoch, umschließt den Burgberg auf einer Länge von nahezu einem Kilometer fast vollständig. Unterbrochen wurde sie ursprünglich von 14 Wehrtürmen; neun sind noch erhalten. Sie tragen die Namen der Zünfte, die in der Stadt ansässig waren, wie etwa Fleischer-, Kürschner- oder Zinngießerturm. Am Schneiderturm bot sich mir die erste Gelegenheit, in die Altstadt zu gelangen.

Auch innerhalb der Mauer blieb ich auf der ringförmigen Straße, die nach einer Weile einen weiten Ausblick über den Nordwesten der Unterstadt bot. Das Siechhofkirchlein war klar zu sehen, dahinter der Friedhof. Das würde fürdem mein ideologisches Basislager sein, und wer denkt, der Vergleich hinke, weil von Friedhöfen keine Expeditionen ausgehen, rufe sich in Erinnerung, dass wir in Transsilvanien sind…

Die Straße führte weiter zum Schusterturm, der mit jedem Meter, den man ihm näherkam, weniger anheimelnd und zugleich bewohnt wirkte. Ohne Zweifel lebte hier ein Werwolf. Schon malte ich mir aus, wie der brave Schuster Schorsch in sturmgepeitschter Herbstnacht im Zimmer hinter dem Erkerfenster ein paar Stiefel besohlt, als ihn das Licht des Vollmonds trifft und er, sich verwandelnd und schon geifernd und heulend, die hölzerne Außentreppe hinabspringt, um Beute zu reissen – natürlich nicht ahnend, dass Kate Beckinsale mit einer Ladung Silberkugeln im Vorderlader auf der Dächer höchstem First nichts anderes erwartet hat…

Doch selbst, wenn’s nur ein Normalsterblicher war, der diesen Turm sein Häuschen nennt, fiel die Vorstellung leicht, dass er abends keine Horrorfilme schauen muss, um sich im dunklen nicht über den Flur zu trauen.

Ein Blick in den Reiseführer holte mich aus den Phantasien eines sich anbahnenden Sonnenstichs in die Realität zurück. Niemand haust im Schusterturm, hieß es da, denn nur einer der Schäßburger Türme sei bewohnt, der Seilerturm, mit seiner typischen Vampirschloss-Architektur, gleich neben dem Eingang zum Bergfriedhof. Und es ist auch nur der Friedhofsgärtner, der hier geradezu idyllisch lebt.

So erreichte ich, die katholische Kirche wie üblich links liegenlassend, die Tischlergasse, wahrscheinlich das nach dem Stundturm zweitmeist fotografierte Motiv Schäßburgs. Während ich erwog, auch ein paar Fotos zu schießen, erschien ein hoch betagter Fußgänger, für den Zeit keine Rolle mehr zu spielen schien. Er schlurfte in äußerster Gemächlichkeit, doch keineswegs gebrechlich auf der schattigen Seite der Straße an den Hauswänden entlang, bis er nach geraumer Zeit sein Heim erreicht hatte. Erst jetzt begann er, nach seinem Schlüssel zu fahnden, was lange dauerte, und als er ihn schließlich gefunden, in größter Ruhe aufgesperrt und sein Haus betreten hatte, war die Sonne hinter der Stadtmauer versunken.

Auch ich ging nun langsamer und traf wenige Ecken weiter auf das ehemalige Dominikanerkloster, in dem sich heute das kaputtrenovierte Rathaus befindet. Rundum drängen sich bunte, mittelalterliche Wohnhäuser, von denen mir eines besonders auffiel, weil sich darin eine Gruppe rumänischer Bauarbeiter zum Rauchen in den Schutz der jahrhunderte alten, morschen, ausgedörrten Holzbalken des Dachstuhls zurückgezogen hatte. Im Ansetzen der Kamera spürte ich einen Blick in meinem Rücken. Stand ich jemandem im Weg? Hatte ich Taschendiebe auf mich aufmerksam gemacht? Entschlossen, den Gaffer zu verewigen, drehte ich mich abrupt mit dem Fotoapparat im Anschlag um, und obwohl mich dabei der Gleichgewichtssinn kurz im Stich ließ, erkannte ich sofort, wen ich vor mir hatte.

Diese riesigen Augen.

Die überlange Nase.

Der monströse Schnurrbart.

Es musste also sein. Wäre ja auch zu schön gewesen, ihm – ausgerechnet IHM – hier nicht zu begegnen, und so starrten wir uns kurz, aber heftig an, Graf Dracula und ich.

Eigentlich war es kein Wunder, dass die Stadt ihrem berühmtesten Sohn (Hermann Oberths Jünger mögen mir verzeihen!) ein Denkmal errichtet hatte, wenn auch nicht restlos klar ist, ob Vlad III. Draculea tatsächlich Schäßburger war. Dass er auf der Büste mit seinem Beinamen „der Pfähler“ firmierte, den er seiner etwas eigenwilligen Art verdankte, Exempel zu statuieren, war aber in jedem Fall bemerkenswert, denn damit konnte man im 21. Jahrhundert nur noch in Transsilvanien Beifall finden.

Am Museumsplatz, wenige Meter von des Grafen Statue entfernt, nimmt die Touristendichte abrupt und stark zu. Grund dafür sind zum einen der Stundturm, Schäßburgs Wahrzeichen, der begehbar ist und eine schöne Aussicht bieten soll, wenn man seiner Statik vertraut, sowie ein sehr altes, aber ordentlich restauriertes Haus, in dem 1431 ebenjener Vlad III. geboren worden sein und eine kurze Zeit seiner Kindheit verbracht haben soll, ehe es ihn zum Türkenpfählen aus dem Städtele zog.

Das Haus beherbergt heute ein Café. Kein schlechtes, wie es heißt, doch muss man sich erstmal hineintrauen. An einem der filigranen Metalltische im Freien sitzt nämlich – dem Zustand seines Kostüms nach zu schließen ganzjährig – ein lieblos geschminkter Vampirdarsteller, der betrübt auf den Platz blickt. Er ist so offenkundig angewidert von seinem Los, für ein paar Lei den Dracula geben zu müssen, dass man annehmen müsste, dies würde selbst die amerikanischen und asiatischen Touristen davon abhalten, sich und ihre Kinder gemeinsam mit dem armen Kerl fotografieren zu lassen – doch die schrecken vor nichts zurück.

Hundert Meter weiter nördlich, an der Ecke zum Burgplatz, befindet sich eine weitere oft erwähnte Sehenswürdigkeit der Oberstadt, das sogenannte „Haus mit dem Hirschgeweih“. Es wurde aufwendig renoviert, vermochte mich aber nicht so zu begeistern wie den Autor meines Reiseführers, der von einem „Renaissance-Juwel“ spricht. Unter dem Geweih beginnt die Strada Scolii, die zur „Schülertreppe“ führt.

1634 errichtet, verbindet das hölzerne Bauwerk das Zwischenplateau des Schäßburger Burgbergs mit seinem Gipfel, auf dem sich neben der Bergkirche auch das Gymnasium befindet. Die Schüler sollten während des steilen Ansteigs nicht auch noch unter schlechtem Wetter zu leiden haben, sondern überdacht zum Lernen und – das Gelernte trocken überdenkend – von dort zurück gelangen. Zu Füßen der Treppe stößt man auf einen letzten Andenkenladen, in dem ich einen ebenso letzten wie erfolglosen Versuch startete, eine Postkarte zu finden, die etwas anderes zeigt als blutverschmierte Comicfiguren, dann nahm ich den Aufstieg in Angriff. Schnell beneidete ich die mir entgegenkommenden Kinder: es war später Nachmittag, die Schule zu Ende, und Dutzende erleichterter Schüler sprangen, mich ignorierend, bergab, während ich schnaufend und schwitzend Stufe um Stufe zählte (und sofort vergaß, wie viele es waren).

Oben angekommen gestattete ich mir den Luxus, mich auf die nackte Erde zu setzen und für ein Weilchen der Frage nachzuhängen, ob meine Mutter diese Treppe zum Schulbesuch begangen haben mochte, und wenn, wie oft?

Als 28er Jahrgang konnte sie beim Weggang der Familie Gymnasiastin gewesen sein, während die Zweitgeborene, knapp zu jung fürs Gymnasium war und das jüngste der fünf Geschwister noch nicht einmal auf der Welt…

Kurz erwog ich, an der Pfarrei der Bergkirche zu klopfen, den Herrn über unfassbare Informationsschätze kurzerhand heimzusuchen und bis zum Einbruch völliger Dunkelheit mit Fragen zu löchern, doch das Haus wirkte wenig einladend, während das Tor zum Friedhof offenstand und mich mit einer interessanten Formulierung aufforderte, mich früheren Einwohnern dieser Stadt nicht nur über das Kirchenbuch zu nähern.

Schon nach wenigen Schritten wurde mir klar, dass meine Erwartungen an das Ausmaß des Schäßburger Bergfriedhofs mit dem Begriff „naiv“ völlig unzureichend beschrieben sind. Das Meer aus Grabsteinen bewies anschaulich die Richtigkeit der Theorie vom gekrümmten Raum, denn anders war nicht erklärbar, wie auf einem so kleinen Berg so unfassbar viele Gräber Platz finden konnten. Nicht einmal die Existenz eines Wurmlochs, durch das man über den Wiener Zentralfriedhof direkt auf den Pariser Pêre Lachaise gelangen könnte, erschien mir völlig ausgeschlossen.

Wie schon auf dem Friedhof am Siechhof dauerte es nicht lang, ehe ich auf das erste Grab stieß, das Theil’sche Überreste barg. Diesmal aber schien das Phänomen kein Ende nehmen zu wollen. Schon nach wenigen Schritten folgte das nächste Grab eines „Theil“; links seitab ein weiteres, und von dessen Einfassung aus, kaum hatte man diese wie bei „Himmel und Hölle“ erhüpft (tritt nie auf ein Grab, nicht mal auf ein aufgelassenes, ermahnte mich meine Mutter vor Zeiten), war bereits ein neuer Grabstein zu sehen, der meinen Nachnamen trug. Viele der im Hang angelegten Gräber waren im Lauf der Zeit etwas aus der Form geraten. Umfassungsmäuerchen waren abgerutscht, Grabsteine hatten sich gegeneinander verschoben, Bepflanzungen waren abhanden gekommen. In manchen Fällen schien die Tiefe, in der Särge gewöhnlich beigesetzt werden, gerade noch ausgereicht zu haben, um eine Rückkehr ihres Inhalts ans Tageslicht zu verhindern. Bedenkt man die im transsilvanischen Volksglauben angeblich noch heutigen Tages latente Furcht vor Wiedergängern, muss der Friedhof Abergläubischen maximal abschreckend erscheinen. Dass ich während meines ganzen Aufenthaltes der einzige Besucher blieb, hatte hoffentlich andere Gründe.

Nach dem vierzigsten Grab eines „Theil“ hörte ich auf zu zählen. Mit dem Fotografieren hatte ich längst aufgehört. Der Friedhof erschien mir wie eine open air Familiengruft: Wanderer, kommst du nach Schäßburg, wem willst du noch etwas verkünden? Es liegen schon alle hier! Fotos kamen mir in den Sinn, die mir unbekannte Personen zeigten, an deren Gräbern ich nun stand. Sie waren gestorben, bevor ich geboren wurde, und ein nüchterner Betrachter könnte einwenden: Was schert’s dich?“

„Sie waren mir ähnlich“, würde ich antworten, „jedenfalls nehme ich das an. Und ohne sie wäre ich nicht.“

Solche Dialoge führen Dehydrierte. Seit dem Frühstückskaffee hatte ich nichts getrunken, aber tapfer geschwitzt. Um mich auf diesem Friedhof, wenn schon nicht körperlich, doch wenigstens seelisch zu erden, ließ ich mich per SMS an einen Freund von diesem wachrütteln und trat den Rückzug an, weg vom Leichenberg, die Schülertreppe meidend und stattdessen auf Serpentinenwegen hinab. Ich kam, den Weg nicht recht begreifend, unterhalb des Stundturms heraus, stolperte auf die Piaţa Hermann Oberth, den ehemaligen Markt, und fand einen kleinen Lebensmittelladen, dessen Anblick mich auf die Idee brachte, mir endlich etwas zu trinken zu kaufen.

Als Kohlensäure, Kälte und Koffein ihre belebende Wirkung zu zeigen begannen, war mein erster Gedanke die Frage, ob Schäßburgs jüngst Verstorbene wohl immer noch die Schülertreppe hinaufgetragen werden oder den Weg nehmen, dem ich hinab gefolgt war? War Sargträger eigentlich ein gut bezahlter Beruf in einer so steilen Stadt? Gab es eine unterirdische Zahnradbahn? Mit der leeren, aber immer noch schön kalten Dose in der Hand schlurfte ich voran und stand sehr plötzlich am Anfang der Strada Stefan Octavian Josif. Die hieß früher „Hintergasse“, was mir die Erkenntnis bescherte, dass man als „Theil“ in Schäßburg nur einmal der Länge nach hinschlagen musste, um auf etwas zu stoßen, das mit der eigenen Vergangenheit zu tun hatte: Hier wohnte mein Großvater nach seiner Heirat mit Frau und Kindern, bloß kannte ich dieses Mal weder die Hausnummer, noch hatte ich eine türöffnende Urkunde im Gepäck. Die Straße führt ein kurzes Stück auf den Berg zu, der Schäßburg nach Süden hin abschließt und weiter an ihm entlang in westlicher Richtung. In der Kurve drehte ich mich um und fotografierte den Burgberg, von dem ich soeben gekommen war. Von dem Haus in meinem Rücken nahm ich kaum Notiz, denn schon gab es rechter Hand spannenderes zu sehen, die Grundschule, von der ich annehme, dass Tante und Onkel sie besucht hatten. Die Hintergasse verläuft kurz und bündig: direkt am Berg entlang nämlich. Bald kommt eine Linkskurve, die nächste Straße beginnt. Erst daheim sollte ich merken, wie unklug es auf Ahnenforschungspfaden ist, nicht weit genug zu gehen; wie sehr gerade diese Straße meine Aufmerksamkeit verdient hätte, handelte es sich dabei doch um die Strada Pastorilor, das deutschsprachige Hirtengässchen, zu der das Haus gehörte (oder noch gehört?), in dem im Juli 1943 jene Mutter meines Großvaters gestorben war, die nun auf dem Siechhof Friedhof lag.

Und schon zuvor, in der Hintergasse, hatte ich, wie sich zuhause herausstellte, beim Fotografieren des Stadtpanoramas mit dem Rücken zum Wohnhaus meiner Großeltern gestanden – dem einzigen in der ganzen Straße, das ich folglich nicht fotografiert habe. Etwas entschädigt wurde ich auf dem Rückweg ins Hotel, als ich abermals unterhalb des Stundturms vorbeikam und auf eine Ansicht stieß, die ich als Foto in einem Buch meiner Mutter über Schäßburg kannte: Ein altes, weißes Haus war zwar gelb, als es vor Jahrzehnten für das Buch aufgenommen worden war und der Schriftzug „Bijou“ noch nicht vorhanden, aber es war zweifelsfrei dasselbe Gebäude. Auch in diesem Haus hatte meine Urgroßmutter eine zeitlang gelebt, und ihre Enkelin erinnerte sich, bei Besuchen gern auf dem Fensterbrett gelegen zu haben. So breit seien die Mauern gewesen, erzählte meine Mutter, dass sie sich als Kind in ihrer gesamten Körperlänge habe ausstrecken müssen, um hinaussehen zu können. Zu gern hätte ich diese Fensterbänke gesehen, doch das Haus wurde von einem außerordentlich unfreundlichen Schäferhund bewacht, der mir schon aus mehreren Metern Entfernung zu verstehen gab, dass er mein Näherkommen oder gar den Versuch, die Klingel an der Haustür zu betätigen, nicht gutheißen werde. Es war dies meine erste Begegnung mit einem transsilvanischen Hund; im Nachhinein würde ich sie als „Warm-up“ bezeichnen. Zu erschöpft, um mich nach all diesen Entdeckungen meines ersten Tages in Schäßburg noch auf die Suche nach einem Spezialitätenrestaurant oder einer anderen außergewöhnlichen Nahrungsquelle zu begeben, aß ich in der nächstbesten Pizzeria zu Abend und lag weit vor meiner gewohnten Zeit im Bett.

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