Der Fliesenflorist

Freitag, 28. September

Die Verlängerung der Straße, auf der ich gekommen war, erwies sich als Sackgasse. Ich kehrte zur Strada Libertaţii zurück, folgte ihr ein kurzes Stück in vom Bahnhof wegführender Richtung und erreichte den Fluss. Wieder hatte ich etwas Reales mit Bildern meiner Phantasie abzugleichen, die sich aus Erzählungen entwickelt hatten. „Große Kokel“ nannten ihn die Schäßburger, Târnava Mare die Rumänen und „Küküllö“ hieß er auf ungarisch – für meine Ohren die harmloseste Variante, die mich stets an einen friedlichen Ententeich denken ließ. Meine Mutter liebte die Ufer der Kokel als Spielplatz. Es kostete mich Mühe, mir diese ohne „Promenade“ und andere bauliche Absonderlichkeiten der letzten Jahrzehnte vorzustellen. Wie mochte es hier ausgesehen haben, vor über 80 Jahren, als die Kokel ein unbefestigtes Ufer hatte, an dem die Kinder im Schlamm wateten, Frösche jagten, die schönsten Kieselsteine suchten, die hässlichen übers Wasser springen ließen, Dämme bauten und – wer weiß – einen Fisch fingen?

Jenseits der Brücke stieß ich auf einen Lebensmittelmarkt. Unter dunkelroten Sonnenschirmen häuften sich Salatköpfe, Zwiebeln, Paprikaschoten, Wassermelonen, Knoblauchknollen und Kräutergebinde. Die Vielfalt war geringer als in Mittelmeerländern, doch die Größe und Qualität der Produkte machte das wett. Mit größter Contenance ertrugen die Marktleute ungeheure Schwärme von Wespen, die im Fruchtzuckerrausch sicher auch mal eine Beere mit einer Nase verwechselten. Ein Hundertstel dieses Insektenaufkommens hätte in Deutschland im Fernsehen Erwähnung gefunden und vielleicht sogar einen ARD Brennpunkt zur Folge gehabt.

Dem planlosen Umher der Wespen nicht unähnlich war mein Weg auf der Suche nach einem Blumengeschäft. Ich schätzte die Chance, in der mittelalterlichen Oberstadt ein solches zu finden höher ein, als hier unten. Doch die Verwirrung hielt noch an, weshalb ich dem Fluß, nachdem ich ihn überquert hatte, auf der anderen Seite wieder zurück folgte und so, mit etwas mehr Glück als Orientierung, an den Anfang der Unterstadt-Hauptstraße gelangte.

Nach einem Hotel kam eine Bäckerei, neben der – wenig überraschend – ein Schnapsladen lag, auf den etwas folgte, was ich erst bei sehr genauem Hinsehen als mein Ziel erkannte. Vor einem schmalen Gebäude führten vier Stufen zu einer gläsernen Doppeltür, die vom Boden bis über den Türsturz vollständig von Plastikblumen umrankt war, die man an die Fassade geklebt haben musste. Vieles sprach dafür, weiterzugehen, aber würde es ein zweites Geschäft geben? Unentschlossen strolchte ich ein paar Mal am Eingang vorüber, wie zufällig hier in der Mittagshitze nichts besseres zu tun habend. Plastikblumen! Waren die nicht längst verboten? Andererseits ließ ein Blick durch die Glastür vermuten, dass drinnen auch richtiges Grünzeug erhältlich und es vor allem deutlich kühler sein dürfte als auf der Straße.

Der Inhaber war, kaum meiner ansichtig geworden, sogleich hoch erfreut und begann umgehend mit der Präsentation diverser Kunststoffkränze und anderer Geschmacklosigkeiten. Ich gebot ihm auf Englisch, zu schweigen, was er nicht verstand, weshalb ich auf Italienisch nach „fiori veri“ – echten Blumen – fragte und auch nicht versäumte, auf die Ernsthaftigkeit meines Anliegens hinzuweisen, una decorazione della tomba, eine Grabesschmückung! Das erste Wort schien etwas in ihm zum Erleuchten zu bringen, und als ich „tomba“ durch „cimitero“ ersetzte, traf ich die gemeinsame lateinische Wurzel. Doch statt auf rumänisch, antwortete er mir in gar nicht üblem Deutsch und verkündete mit seltsam rasch ins Bedauernde gestülpter Miene, er habe derzeit nur Rosen „in echt“ – ob’s die sein dürften?

Sie durften; hatte ich eine Wahl? Immerhin waren die Rosen rot, und nicht pink-türkis, und so stimmte ich zu, als hätte ich mich nach langem Bedenken endlich entschieden. Der Floristenprätendent machte sich sofort ans Werk und begann, die ersten Rosen in einer Weise, wie ich sie noch nie gesehen hatte, ineinander zu drehen, wundersamerweise ohne sich an den Dornen zu stechen. Dann fügte er weitere Blumen von oben in den Strudel, wobei er etwa nach jeder dritten (wir hatten die Gesamtzahl der zu verwendenden Rosen noch nicht verhandelt) eine dünne, farbige Plastikfolie halb dazwischen quetschte, halb im Wind flattern ließ. Während dieses Tuns erklärte er mir freimütig, eigentlich gelernter Fliesenleger zu sein und schönste Erinnerungen an Gelsenkirchen in sich zu tragen, einen Ort, an dem, im Vergleich zu Schäßburg, das Geld auf der Straße gelegen habe – und dies nicht nur berufsbedingt – , weshalb er noch heute bedaure, dort nicht mehr tätig sein zu können (warum, sagte er nicht).

Hitze, Schlafmangel, Ergriffenheit, Dehydrierung, Sprachgeschwurbel und ein paar andere Dinge führten dazu, dass ich ihn gewähren ließ, als er immer wieder um Erlaubnis bat, weitere Deko-Folien, Zierbändchen und Feuchtlackspray-Schichten auf- und anbringen zu dürfen, bis der Strauß aussah, wie ich mir schwule Faschingsunterwäsche vorstellen würde, wenn ich es müsste.

Spätestens als der Blumenwürger anfing, Zahlen in seinen riesigen Casio-Taschenrechner zu tippen (eine Kommunikationsmethode, die mich auch schon bei Preisverhandlungen in Süditalien oder der Türkei überzeugt hatte), wäre es an der Zeit gewesen, den Rosenklumpen mit meinen noch arbeitenden Gehirnzellen zu synchronisieren; stattdessen glotzte ich in überfordertem Einverständnis auf die Zahl „90“, die das Display des Rechners anzeigte (warum nur vertraue ich japanischen Produkten blind?) und fummelte zum Entzücken des Fliesenfloristen die gewünschte Summe in rumänischen Lei aus meinem Portemonnaie.

Es dauerte bis zur Mitte der Brücke über die Kokel, ehe ich mich wie Ron Weasley fühlte, nachdem ihn die Wirkung des Liebestrankes verlassen hat. Ich hatte 20 Euro für Blumen ausgegeben – in einem Land, in dem man für diesen Betrag nobel logieren oder seine fünf besten Freunde zu einem Junggesellenabschied einladen kann.

Als ich den Friedhof erreichte, war ich dennoch halbwegs versöhnt. Ich hatte im Gehen die meisten der Folien gelöst, die Bändchen entzurrt, fast alles aus Plastik fortgeworfen und mir ausgerechnet, dass ich in Deutschland für’s gleiche Geld nur einen Bruchteil der hier aufgewendeten Rosen erhalten hätte, freilich eleganter arrangiert. Einen Teil des Glitterfummels hatte ich behalten, um die als Vase dienende Plastikflasche aufzuhübschen, die ich ebenfalls behalten musste, da es weit und breit nichts anderes gab.

Jetzt holte ich die Andacht nach, und als ich mich nach einer langen Unterredung mit meinen Ahnen auf den Weg machte, nun endlich in meiner Pension einzuchecken, hoffte ich, die Legende von dem Fremden, der weder einen Sarg hinter sich her schleift, noch Mundharmonika spielt, dafür aber seinen Urgroßeltern Blumen bringt, möge im erzählfreudigen Siebenbürgen, gleich auf welchen Wegen, vielleicht jene Person zum Vorschein treten lassen, der die Palmkatzerl zu verdanken waren.

Zurück / Anfang / Vorwärts