Bevor wir gleich um besagte Ecke sehen, ist es Zeit für einen kleinen
Exkurs
mit welchem jenen Lesern, die mit den ethnischen und sonstigen Verhältnissen Transsilvaniens weniger eng vertraut sind, das Auseinanderhalten der genannten Völker erleichtert werden soll.
Da sind zum einen die Rumänen, deren häufige Erwähnung allein der Tatsache geschuldet ist, dass Begegnungen mit ihnen in Rumänien nicht leicht zu vermeiden sind, und wenn man sie schon mal alle so schön beisammen hat, beobachtet man sie natürlich auch.
Die zweithäufigste Bevölkerungsgruppe Transsilvaniens sind die Ungarn. Doch Vorsicht!, denn die meisten unter ihnen sind eigentlich Székler. Sie sprechen zwar einen ungarischen Dialekt, schreiben aber mitunter in Runen, was Völkerkundler vermuten ließ, es könne eine frühgeschichtliche germanische Verwandtschaft bestehen. Dagegen wiederum spricht, dass die Székler mit hoher Wahrscheinlichkeit gemeinsam mit den Ungarn von Osten her nach Transsilvanien eingewandert sind. Nur wegen dieser jahrhundertelangen gemeinsamen Wanderschaft konnten sie notdürftig Ungarisch lernen.
Will man einen Székler von einem Ungarn unterscheiden, ohne dies anhand der Sprache zu können, muss man sein Haus ausfindig machen. Besteht der Eingang aus einer Tür, wohnt ein Ungar hier. Steht vor dem Haus hingegen ein hölzernes Tor, sorgfältigst mit geschnitzten Mustern, einer Jahreszahl und einem Segensspruch versehen, dabei von einem Ausmaß, dass es die Sicht aufs Haus versperrt, gekrönt von einem Vogelhäuschen, das in ein Dach übergeht, unter dem die Vögel kegeln könnten, darf man einen Schnaps drauf wetten, dass ein Székler es gebaut hat.
Die dritte Gruppe sind die Siebenbürger Sachsen. Deren Herkunft kennt man recht genau – nur weiß man leider nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Ihren Namen verdanken sie einer nachlässigen Übersetzung des lateinischen „Saxones“, mit dem im Mittelalter ganz allgemein deutschstämmige Siedler bezeichnet wurden, weshalb sie rein gar nichts mit den heutigen Sachsen im Osten Deutschlands zu tun haben. Sie sind vielmehr ab dem 13. Jahrhundert aus linksrheinischen Gebieten zwischen Lothringen und der Eifel nach Transsilvanien ausgewandert, was sich u.a. dadurch beweisen lässt, dass sie in ihrem seit 800 Jahren unveränderten Dialekt, dem Såxesch, von einem heutigen Luxemburger verstanden werden, keineswegs aber von einem Leipziger.
Angelockt hat sie der damalige ungarische König Géza II, der ihnen weitgehende Autonomie in Aussicht stellte, wenn sie im Gegenzug das Land ein wenig auf Vordermann brächten. Was er ihnen vermutlich verschwieg, war der Grund für die Unordnung, der in den unentwegten Raubzügen östlicher und südlicher Nachbarvölker zu suchen war. Nachdem die Siebenbürger Sachsen gemeinsam mit den Széklern die Petschenegen, Kumanen, Kabaren und Baschkiren zurückgeschlagen hatten und dachten, nun sei für eine Weile Ruhe, kamen die Türken. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Bis vor rund einhundert Jahren bildeten die Siebenbürger Sachsen gemeinsam mit den Széklern das Gros der transsilvanischen Bevölkerung. Als meine Großeltern mütterlicherseits geboren wurden – er Siebenbürger Sachse, sie Széklerin – lagen ihre Heimatorte auf ungarischem Staatsgebiet. Erst die Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg führte zur territorialen Begünstigung Rumäniens (das in letzter Minute die Seiten gewechselt hatte und so zu einem der Sieger des Krieges geworden war) und zur Eingliederung Transsilvaniens, wodurch die deutsch- und ungarischsprachigen Volksgruppen trotz Überzahl zu Minderheiten im einstmals eigenen Land wurden.
Festgenagelt wurde das im „Trianon“, einem Nebenbau des Schlosses Versailles, und sollten Sie mal Anlass haben, einem Ungarn den Tag zu verderben, genügt es, dieses eine Wort fallen zu lassen.
Der Vollständigkeit halber (und obwohl ihr Wirken eher auf Unvollständigkeit abzielt), sei noch die Volksgruppe der Sinti und Roma genannt, deren Aussehen und Verhalten verblüffend an die schlimmen Vorurteile erinnert, die man früher Zigeunern entgegenbrachte.
Nachdem die Bevölkerungszahlen der Siebenbürger Sachsen dramatisch und die der Székler stark zurückgegangen sind, werden neuerdings auch die Rumänen weniger. Grund dafür ist nach offiziellen Angaben nicht ein Rückgang der Geburten, sondern die hohe Abwanderung in westliche EU Länder. Einmal dort, bleiben viele, denn Bürgergeld und Gitterstäbe verhindern häufig eine Rückkehr in die Heimat.
Inzwischen hat der rumänische Präsident (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes ein Siebenbürger Sachse) einen Aufruf an die Nachkommen seiner Landsleute gerichtet, nach Transsilvanien zurückzukehren und dabei zu helfen, das Land ein zweites Mal aufzubauen – diesmal ohne Türkenstress. Zu einer bemerkenswerten Rückwanderung hat das bislang nicht geführt.
Dennoch arbeiten Banken und andere international operierende Verbrecherbanden bereits hart daran, an einem künftigen Boom mitzuverdienen, indem sie im großen Stil Ackerland kaufen, etwas Geld in die Umwidmung zu Bauland durch bedürftige Beamte investieren und darauf warten, es eines Tages parzellenweise an expansionsfreudige Unternehmen zu verkaufen. Derzeit (2012) bekommt man 240 Hektar Obstanbaufläche für 5000 Euro.
Die Sachsen interessiert das kaum. Sie haben es sich im Westen bequem gemacht und pflegen Sentimentalität statt Realität. Alljährlich am Pfingstsonntag treffen sie sich auf der Operettenbühne Dinkelsbühl, grillen problematisch aussehende Würstchen und lamentieren spätestens nach dem dritten Timişoreana über den Verlust der Heimat. Es werden bestickte Kissen und bemalte Holzteller verkauft, auf denen Schäßburgs Wahrzeichen, der Stundturm zu sehen ist. Dann tanzt eine Folkloregruppe aus einer Kleinstadt in Missouri, allesamt Nachfahren ausgewanderter Sachsen, eine zu Recht unbekannte Malerin darf ihr Lebenswerk präsentieren, ein gemeinnütziger Verein stellt das neueste Genealogieprojekt vor, bei dem man nach zwanzig Jahren Recherche bereits beim Buchstaben B aus Ort C angekommen ist, der Vorsitzende der Vertriebenenvereinigung findet unnötige Worte zur Notwendigkeit der friedlichen Koexistenz von Sachsen und Rumänen, und alle lieben am innigsten die Stadt, in der sie nicht mehr leben wollen: Schäßburg.
Exkurs Ende.