Großvaters Haus
Schäßburg empfing mich mit Sonnenschein und Wärme. Um langsam anzukommen, wandte ich mich erst der Bahnhofsbar zu, trank einen schnellen Café und trat erst dann voller Aufmerksamkeit auf den Vorplatz hinaus.
Was ich sah, war weder überwältigend, noch deprimierend; dennoch empfand ich sowohl eine gewisse Feierlichkeit wie auch leichte Traurigkeit, nach so langer Vorbereitung und Anreise endlich in dieser kleinen Stadt angekommen zu sein, von der ich als Kind mehr gehört hatte als über alle Metropolen dieser Welt.
Zu meiner Linken grenzte ein Gewerbegebiet an den Bahnhof. Es sah zur Abwechslung nicht verwahrlost aus, nur ungenutzt und unbenötigt. Vor mir befand sich das „Restaurant Pensiune Café Chic“, das mit einem zusätzlichen Schriftzug in roten Neonbuchstaben für „Hot Pizza“ warb, ohne dem ersten der beiden Wörter Strom zuzuführen. Auf dem Kunstrasen, der vor dem Eingang vorgab, auf einer Holzterrasse gewachsen zu sein erhoben Plastiktische in Form halbierter Baumstämme Anspruch auf rustikalen Charme. Rechter Hand schließlich, am Taxistand, begann jene Strada Libertaţii, auf die ich es abgesehen hatte und die eine der ganz wenigen ist, die heute noch so heißen wie vor 86 Jahren, als mein Großvater auf Hausnummer 8 wohnte.
Was würde er denken, dachte ich, wenn er mich jetzt sähe, der ich nur noch in meiner Erinnerung sein Enkel war? Wenn er sähe wie ich jetzt, die erste Ergriffenheit abschüttelnd, mit großen Schritten der Straße in Richtung Fluß folgte, mein Hotel im wahrsten Wortsinn links liegen lassend ohne einzuchecken oder auch nur den Rucksack abzulegen, im Gehen immer weiter nach rechts driftend bis ich mitten auf der Fahrbahn lief, um die langgezogene Linkskurve der Straße auszugleichen und das Haus so früh wie möglich zu sehen.
Ein Haus, von dem ich nur wusste, dass es heute Jugend beherbergte und in dem kein Platz mehr frei gewesen war, als ich von Deutschland aus angefragt hatte; ein Haus, dessen Anschrift mein Großvater bei seiner Trauung am 27. November 1926 als seine angegeben hatte und die dadurch in einem Registerauszug überliefert worden ist.
Diesen Auszug trug ich bei mir, in der Hoffnung, mich damit als jemand ausweisen zu können, dem man nicht ohne weiteres den Zutritt verwehren konnte – denn selbstverständlich wollte ich das Haus nicht nur von außen sehen.
Die junge Frau, die auf mein Klingeln öffnete, verstand nicht gleich. Sie glaubte, ich wollte mir unter dem Vorwand, einen Bewohner zu kennen, ein gratis Zimmer erbetteln. Als ich das Dokument vorzeigte, folgten Herzlichkeit und Überschwang. Gewiss könne ich das gesamte Haus besichtigen, keine Frage. Wo wollen wir beginnen?
Ich entschied mich für den Keller. Auch in Rumänien sollten hier jene Räume sein, die sich am wenigsten verändert haben sollten, doch ich sah mich getäuscht. Der Partyraum, den man mir zeigte, brachte mir meine eigene Jugend näher als die meines Großvaters. Mit Lack bestrichene Wände, Tropfkerzenreste in leeren Flaschen, durchgesessene Cordsamt-Sofas, Marlboro Plastikaschenbecher auf einem niedrigen, dunkelgrün getönten Glastisch und der Geruch von abgestandenem Alkohol und kaltem Rauch ließen Erinnerungen an die späten 70er Jahre und jenen Zeitpunkt auf einer Party aufkommen, zu dem es am besten war, nach Hause zu gehen. Nebenan gab es noch eine Waschküche, ein Getränkelager, einen Billardraum und eine winzige Bartheke, die als einzige in den Genuß von etwas Tageslicht aus dem Erdgeschoß kam, wo ich meine Besichtigung fortsetzte.
Obwohl die Räume zu Schlafsälen umgebaut worden waren, ließ sich noch erkennen, dass es einst zwei stattliche Zimmer gegeben haben musste, deren jeweils beide Fenster zur Straße zeigten, während sich im zum Garten gewandten Teil eine riesige Küche, eine Kammer und ein Bad befunden haben mussten.
Meine Führerin erläuterte, das Haus sei zur Zeit des Ceauşescu-Regimes als zu groß für eine einzige Familie betrachtet worden, weshalb mehrere Trennwände eingezogen worden seien. Man habe die Küche halbiert und aus den beiden vorderen Räumen vier kleine gemacht, um zwei Familien mit getrennten Schlafzimmern für Eltern und Kinder unterbringen zu können. Der jetzige Zustand komme somit dem ursprünglichen wieder näher.
Nach hinten führten mehrere Stufen ins Freie. Der Garten, der vor einem Jahrhundert eine Grundversorgung an Nahrung geliefert haben dürfte, war schlampig und lückenhaft zubetoniert worden. Einen Weinstock und zwei Feigenbäume hatte man ausgespart. Die Bodenfläche erinnerte in ihrer verschobenen, rissigen Struktur an die Fassaden der direkt hinter dem Haus aufragenden Plattenbauten. Viele alte Gebäude mussten diesen zum Opfer gefallen sein, und es erschien mir seltsam, dass genau hier die Grenze zwischen alt und neu verlief.
Ja, sagte die junge Frau, das sei ein unglaubliches Glück gewesen damals!
Man habe an der Kokel mit dem Demolieren der alten Häuser begonnen und unmittelbar danach die sozialistischen Scheußlichkeiten aufgetürmt. Nummer 12 hatte man eben niedergerissen, 10 und 8 wären als nächste an der Reise gewesen – da stoppten die Bauarbeiten von einem Tag auf den anderen, weil man den Diktator gerade noch rechtzeitig erschossen habe.
Ich erinnerte mich an die Fernsehbilder von der Verkündung des Todesurteils gegen Ceauşescu an Weihnachten 1989 und an seine wegwerfende Handbewegung im Moment des Schuldspruchs. Diese Geste hatte mich erschüttert und zugleich gerührt, denn so typisch wie sie für die Region ist, unterstreicht sie doch nur, dass man ein unbedeutendes Missgeschick akzeptiert und mit ihm abschließt. Sie stand in keinem Verhältnis zu Ceauşescus Verbrechen und war doch alles, was er vor seiner bevorstehenden Hinrichtung ausdrücken konnte.
Im Jetzt zu sehen, was seine Bautrupps Schäßburg angetan hatten, beendete die erinnerte Rührung schnell.
Beim Abschied fragte ich die junge Frau nach der ursprünglichen Fassadenfarbe, da mir Hochwasser- Markierungen auf der Wand aufgefallen waren. Es ist nicht das Original, sagte sie, aber nahe dran. Nach dem Rekordhochwasser 1975 – wieder tauchten Bilder aus dem Fernsehen in meiner Erinnerung auf, apokalyptische Fluten, die bis zu den Dächern der Schäßburger Altstadt reichten, dazu das Entsetzen im Gesicht meiner Mutter und ihrer Eltern bei deren Anblick – habe man zur Auflage bekommen, beim Neuanstrich Farben und Ornamente so genau wie möglich wiederherzustellen. Wenn ich mehr darüber wissen wolle, könne ich gern am Abend oder am Sonntag nochmal vorbeischauen. Dann könne mir Nicola, der jetzige Eigentümer des Hauses, noch das ein oder andere Detail erzählen.
Ich dankte, verließ Großvaters Haus, winkte im Gehen noch einmal zurück und wandte mich der übernächsten Straßenecke zu, wo es Café, Gogoşi – und einen kleinen Schnaps gab.