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Wie bei jedem Besuch am Grab meiner Mutter fragte ich mich, warum sie gerade diesen Platz ausgesucht hatte. An der äußersten Ecke des Friedhofs, einem Schrottplatz gegenüber, nur durch einen Kiesweg vom alten Eisen getrennt, von Gassigehern gerne genutzt.
Hatte sie sich wirklich etwas dabei gedacht, als beim Tod ihrer Mutter eine schnelle Entscheidung anstand? Ihr muss klar gewesen sein, dass auch sie eines Tages hier liegen würde – wie ihre Eltern und ihr jüngster Bruder. Hatte sie womöglich auch mich schon in den Plan einbezogen?
Ihre Ironie war berüchtigt. Sie pausierte nicht an Krankenbetten, nicht bei Taufen, nicht bei Scheidungen. Warum sollte sie’s vor dem Friedhof?
Acht Monate waren seit ihrem Tod vergangen und noch immer wühlte und grub ich mich durch ihren Nachlass, der in erster Linie aus Fotos und Briefen von Menschen bestand, die ich nie gesehen oder als Kind nur kurz getroffen hatte. Auch eine Schatulle war darunter. Ich kannte den Inhalt und ließ sie geschlossen.
Zu jedem Blatt, zu jedem Bild gab es eine Geschichte. Meist melancholisch, manchmal heiter, häufig mit Stolz oder Ehrfurcht verziert und gelegentlich mit einer Meinung, die aus der Zeit gefallen war.
Es scherte sie nicht, dass sie in ihren Gefühlen und Gedanken in einer anderen Epoche lebte und mich damit zwangsläufig zu einem Bewohner zweier Welten machte, ihrer und der wirklichen. Als Kind genoss ich es, zwischen diesen Welten zu wechseln und malte mir aus, wie meine Mutter mit dem Klassenkameraden auf dem Schwarzweiß-Bild zum Tanzen gegangen war und später, auf einem Faschingsball, in einem Matrosenhemd Champagner aus der Flasche trank. Oder zu ahnen, wie es nach Sommer geduftet haben musste, als meine Großmutter, mit einem Kopftuch gegen die transsylvanische Hitze geschützt (in Deutschland hatte sie nie eins getragen), drei ihrer Kinder auf den Knien hielt, in einer Erntepause im Schäßburger Garten, vor dem zweiten großen Krieg.
Erst jetzt, als Erwachsenem, dämmerte mir das Selbstverständliche, das als Kind nicht gedacht werden kann: diese Vergangenheit war für meine Mutter Gegenwart gewesen. Eine Welt, die sie mit ihren Augen wirklich gesehen hatte, nicht wie ich nur auf Fotos. Jetzt, da sie nicht mehr lebte, brachten diese Bilder mir meine Mutter in einem Alter zurück, in dem ich sie nicht gekannt hatte. Ihre Erzählungen waren ihre Wahrheit, die mit ihr erloschen war; die damalige Wirklichkeit musste nun, da niemand mehr erzählen konnte, meine Vorstellung ergänzen.
Ich hatte die weißen und roten Blumen in die Friedhofsvase gestellt und sie neben dem tiefgrünen Grabstein in die Erde gesteckt. Grünweißrot – die Farben Ungarns. Ganz ironiefrei hatte meine Mutter verfügt, dass nur diese auf dem Grab etwas zu suchen hätten. Alle anderen Farben waren unerwünscht, und eine sogar ausdrücklich verboten: Gelb, das ihrer Ansicht nach die rumänische Flagge vertrat. Das Land, an das ihre Heimat gefallen war.
Transsylvanien.
Ich erinnerte mich, meine Mutter gefragt zu haben, ob es nicht noch Verwandtschaft geben könnte, dort, von wo sie zu fliehen gehabt hatte?
„Gut möglich“, hatte sie gesagt, „wahrscheinlich sogar.“
„Und würdest du diese Leute nicht wiedersehen wollen? Oder ihre Nachkommen? Möchtest du die Orte nicht besuchen?“ hakte ich nach.
„Nein.“ Sie zögerte kurz, wie um die Rechtschaffenheit ihrer Antwort zu prüfen.
„Es ist nicht mehr so, wie es war. Es wird nie mehr so sein. Und Menschen ändern sich, wenn sie es müssen.“
Ein Windhauch kam auf, zu kühl für den Juni. Es rauschte kurz in den Kronen der Bäume, entflachte, die Stille stand mir wieder zur Seite. Zeit zu gehen, sagte sie. Zeit, das Gehen zu planen: meine Sommer-Enklave, jene Wanderschaftswoche, in der es wahrscheinlicher war, vom Blitz getroffen zu werden, als einen anderen Menschen zu treffen.
Der Gedanke wärmte mich.
Wälder, Steppen, Inseln. Was hatte ich nicht schon für Einsamkeiten durchstreift! Immer auf der Suche, nie wissend, wonach.
Diesmal würde es anders sein.