Monat: Januar 2026 (Seite 1 von 1)

Ein Waldspaziergang

Ein Waldspaziergang

Bei 30 Grad mittags in der prallen Sonne ohne Kopfbedeckung auf einem Friedhof mit der Kamera im Anschlag von Grab zu Grab zu huschen, ohne etwas gegessen und nur wenig mehr getrunken zu haben, führt im besten Fall zu einem angenehmen Flow. Man bewegt sich wie von selbst, die Zeit erlischt, und wenn man bemerkt, dass man nicht mehr weiß, wo man ist, wird es gefährlich. Der Kreislaufkollaps blieb mir erspart, nicht aber seine Vorstufe, leichte Verwirrung. Jedem Begleiter wäre das aufgefallen, doch den gab es nicht. Es gab überhaupt niemanden außer mir auf diesem Gräberfeld, und selbst wenn ich aus der Entfernung vom Keisder Secret Service beobachtet worden sein sollte, geschah dies ohne Einflussnahme. Man hatte vermutlich längst erkannt, dass sich die einzige Bedrohung, die von dem Irren auf dem Friedhofshügel ausging, gegen ihn selbst richtete.

Ich hatte vollkommen vergessen, auf die Zeit zu achten, ich blendete den Rückweg aus, mein Durstgefühl war längst in Ohnmacht gesunken und erst als der Akku der Kamera restlos erschöpft war, merkte ich, dass es mir nicht viel besser ging.

Es mochte gegen 14 Uhr sein, als mir langsam und dickflüssig die Erkenntnis ins Bewusstsein rann, 20 Kilometer von meinem Hotel entfernt in einem Ort zu sein, der keinen Bahnhof hatte.

Ein rostiges Gitter versperrte den Getränkeladen, in dem ich am Vormittag noch Wasser gekauft hatte. Das Dorf lag staubig, flimmernd und wie unbewohnt. Selbst die Hunde waren still.

Weit kamen wir nicht, die Stille und ich. Denn die Straße, auf der ich nach Norden schlurfte, führte im Süden zu belebteren Orten als Keisd es war: Braşov, Bukarest und danach Sofia, Thessaloniki oder Istanbul, je nach Wahl. Von dort kamen und dorthin donnerten LKW im Minutentakt mit 100 Sachen oder mehr durch jede leise Landschaft und noch das verschlafenste Kaff. Wanderer auf der Strecke waren nicht vorgesehen, und auch für Tiere wurde nicht gebremst. Der Fahrtwind des ersten 30-Tonners, der nur Zentimeter an mir vorbei dröhnte, hatte mich fast in den Graben gedrückt. Bald folgte der nächste, dann einer in Gegenrichtung. Keiner davon würde stoppen, wenn ich den Daumen raushielt. Das müsste schon ein anderer Finger sein, aber dann wäre es besser, der Truck hielte nicht.

So konnte ich nicht weitergehen.

Ein ambitioniert asphaltiertes Sträßchen erlaubte linker Hand den Weg aus dem Ort heraus, zurück in die Natur. Es führte talwärts bis zu einem Bach, den eine kleine Brücke überwand, dann wieder leicht nach oben auf eine weite Graslandschaft, fern dahinter lag ein Wald. Schön war es hier, vor allem schön einsam. Keine Strommasten, keine Zäune, keine Schilder, man könnte sagen: menschenleer. Ob das auch für Tiere galt?

Weiter dem Bach folgend nahm die Steilheit des Hügels zu. Ein Weg zweigte nach links zum Waldrand ab, ein Trampelpfad folgte dem Wasser. Dort musste ich bleiben. Nur nicht in den Wald! Doch die Falle hatte sich schon aufgetan; allein der müde Wanderer sah sie noch nicht.

Denn der Wald: kam näher. Mehr und mehr bedeckte er den Hügel hinab zum Bach, der sich ihm gleichzeitig immer stärker entgegen wand. Auch der Uferbewuchs nahm jetzt zu, als wollte das Grünzeug sich bald die Äste reichen. Jetzt war klar, ich musste ans andere Ufer, so rasch wie möglich. Durch das Gestrüpp ließ sich erkennen, dass drüben eine flache Wiese lag. Ein paar Schafe standen dort. Noch immer ging mir kein Lämpchen auf, noch nicht mal ein Lämmchen.

Endlich ein Durchlass. Der Bach war hier etwas breiter und dadurch deutlich flacher. Mit etwas Glück würde das Wasser keine allzu empfindlichen Stellen erreichen. War es ratsam, die Wanderschuhe von den dampfenden Füßen zu ziehen – oder lieber keine Verletzung zu riskieren und dafür mit nassen Schuhen weiterzulaufen?

Die Entscheidung blieb mir erspart, denn auf der anderen Bachseite knurrte es, fast grunzend. Laut, wütend, eindrucksvoll.

Gab es Orks in Transsylvanien?

Nein, das nicht. Aber Hunde. Hausschweingroße, übellaunige Hirtenhunde, zottig weiß behaart, die direkt gegenüber von mir Stellung bezogen hatten und mit ihren beeindruckend sichtbaren Zahnreihen keinen Zweifel daran ließen, mich unter keinen Umständen auf der ihnen überantworteten Weide zu dulden.

Vlad und Dracul, wie ich sie spontan taufte, knurrten und geiferten sich ans Ufer heran. Wie wasserscheu waren die beiden?

Ich tastete in den tiefen Taschen meiner Hose nach dem Pfefferspray, von dem ich so sehr gehofft hatte, es nie zu brauchen, fand es – und ließ es stecken. Bloß keine Neugier in den beiden Monstren wecken!

Froh, am Ausziehen der Schuhe gehindert worden zu sein, machte ich die Erfahrung, dass man bei hinreichender Adrenalinausschüttung problemlos rückwärts bergauf gehen kann. Ich wagte nicht, Vlad und Dracul den Rücken zuzukehren, auf das ihre Instinkte dadurch nicht weiter angefeuert würden. Gleichzeitig galt es, die beiden nicht allzu panisch anzuglotzen. Wohl wissend, dass umgekehrt vier Augen fest auf mich gerichtet waren, tat ich, als sei der Ausflug an den Bach ein Irrtum und ich erleichtert, wieder auf dem rechten Weg zu sein – der leider immer noch der linke war.

Während ich dem Wald nun immer näher kam, hatten Vlad und Dracul freies Feld vor sich. Und sie waren nicht dumm. Kaum bot sich mir eine neue Gelegenheit, die Ufer zu wechseln, besetzten sie meine Anlandezone. So ging das ein paar Mal, dann hatte der Bach den Wald erreicht und für den Feigeren wurde es Zeit, nachzugeben und das kleinere Übel zu wählen.

Nachgeben hieß in diesem Fall, zwischen Nadelbäumen einen ziemlich steilen Hang in einer Richtung hinaufzukrabbeln, die von meinem Ziel wegführte. Gut daran waren nur der Schatten der Bäume, der schön langsam länger wurde und die Tatsache, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der kleinen Bahnstation wusste, die keine 500 Meter hinter Vlads und Draculs Weide lag; ich hätte mich sonst womöglich geärgert.

Oben auf dem Hügel lichtete sich der Wald. Die Sonne stand nun über meinem Ziel, was die Orientierung stark erleichterte: wenn ich maximal geblendet war, stimmte die Richtung. Leider wurde der Weg jetzt zunehmend von Sträuchern und Büschen verstellt, und bald war ich so dicht von Gestrüpp und dornigen Hecken umgeben, dass die Sichtweite auf unter einen Meter sank. Waren das etwa Brombeeren, die hier links wuchsen? Oder was? Moment. Waren Beeren nicht das natürliche Umfeld von Bären? Besonders hier?

Was wusste ich über Bären? Man soll nicht weglaufen, fiel mir ein. Auf sich aufmerksam machen, Singen, Tanzen, Hüpfen. Am sichersten ist man, wenn der Bär glaubt, einen Geisteskranken vor sich zu haben, dem er lieber aus dem Weg geht.

Gut. Das mit dem Vorwarnen würde nicht funktionieren, solange die Büsche so dicht standen, dass ich praktisch mit jedem Schritt einen vor mir hockenden Bären versehentlich in den Hintern treten konnte, weil ich ihn nicht sah.

Wie er es schätzen würde, beim Beerenschlabbern getreten zu werden! Käme es dazu, würde ich mich nicht totstellen müssen. Ich würde sicherheitshalber tot umfallen.

Das Pfefferspray jetzt umklammernd wie einen Haltegriff in der Straßenbahn, bahnte ich mir in sehr kleinen Schritten den Weg durch die Dornen, die sich an Hemd und Hose verhakten, von unten durch befreundete Disteln stark unterstützt. Alles stach, zwickte, zog an mir, behinderte mich. Der strenge Geruch von warmem Gebüsch, Gräsern, Brennnesseln und altem Holz warf die Frage auf, woher der Wind eigentlich wehte? Wenn es nach Bär röche (wie riecht Bär eigentlich?), hieße das, dass der Bär mich nicht riechen konnte; roch es aber nicht nach Bär, wurde ich ihm quasi auf dem Tablett serviert. Nur kurz ließ mein hormongetränktes Hirn die sachliche Erwägung zu, dass die Anwesenheit von Bären in diesem Waldgebiet überhaupt nicht gewiss war. Lebten die nicht alle viel weiter im Süden, wo es in die Bergwälder der Karpaten ging? Oder am Ortsrand von Kronstadt, wo Bären von ein paar Schlaubergern als Touristenattraktion angefüttert worden waren, was dazu geführt hatte, dass sie nun regelmäßig Kronstadts Mülltonnen leerten, falls sich kein unvorsichtiger amerikanischer Leckerbissen fand, der vor Schloss Bran ein Selfie schießen wollte…

Eine Wurzel vor meinem Fuß beendete das Gegrübel. Im Fallen löste das Pfefferspray aus, traf mich seitlich und rollte aus meiner Hand, als ich im Dornbusch aufschlug.

Gesicht, Hände und Unterarme mit brennenden Striemen blutig gekratzt, dazu hustend und japsend, lag ich eine Weile orientierungslos herum, ehe mir das Fehlen des Sprays auffiel. Halbblind auf die Handflächen gestützt, suchte ich den Umkreis ab, fand aber nichts außer Brennnesseln, in die ich mit tränenden Augen beidhändig griff und die mich beim Zurückweichen im Gesicht streiften.

Wut, Schmerz, Durst, Hitze, Müdigkeit und ein Anflug von Panik vereinten sich jetzt endlich zur richtigen Entscheidung: scheiß auf den Weg, du musst raus aus diesem Gestrüpp, raus aus dem Wald, egal wohin. Und wenn du es nicht mehr bis Schäßburg schaffst, wird sich irgendein Ort finden lassen, wo es Menschen, Wasser und Hilfe gab.

Ohne Kontrolle der Himmelsrichtung und ohne jede Rücksicht auf unwahrscheinliche Bären stapfte ich auf die erstbesten Bäume zu, die ich sehen konnte. Tatsächlich wurde das Strauchwerk lichter und endete bald. Im Wald lief ich so gerade wie möglich bergab und schlug nur einen Haken, wenn neuerlich Büsche auftauchten. Die Sonne stand jetzt tief und strahlte die Bäume fast waagrecht mit goldenen Strahlen an, für deren Schönheit ich absolut keinen Sinn hatte. Jetzt zählte nur, wo nichts angestrahlt wurde! Gut eine halbe Stunde verging, bis der Waldrand in Sicht kam. Ein Acker trennte ihn von einer fernen Straße, dahinter lag ein Dorf.

Vânători“ stand auf dem abgeblätterten Stationsschild des Bahnhofs-Verschlages, denn ein Haus war das nicht. Der Bahnsteig ein länglicher Betonklumpen, die Gleise rot vom Rost. Und doch waren Menschen hier, die auf einen Zug zu warten schienen und sich Mühe gaben, mich nicht anzustarren. Ich sah aus wie frisch gegeißelt, dazu verklebt von Schweiß und Schmutz, und konnte kaum noch aufrecht stehen, vollkommen dehydriert und ausgelaugt.

Der Zug kam kurz nach sechs und brauchte 12 Minuten zum Bahnhofsbüfee in Schäßburg, wo eine kleine Gruppe Rumänen um einen Bistrotisch saß und sich in den Samstagabend hineintrank. Sie würden sich noch lange die Geschichte von dem blutverschmierten Fremden erzählen, der leicht zitternd 50 Lei auf den Tresen legte, eine Literflasche Wasser aus dem Kühlschrank nahm, sie auf Ex austrank und in die untergehende Sonne verschwand.

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Keisd

Keisd

Nicht weit von Schäßburg, durchschnitten von der Hauptroute in den Süden, liegt das Dorf Keisd. Sein rumänischer Name lautet „Saschiz“ und leitet sich vom ungarischen „Szászkézd“ ab, was „Sachsenhand“ bedeutet und die Vermutung zulässt, dass Ort und umliegende Gegend von den Széklern als traditionell sächsisch betrachtet wurden.
Hier kam 1897 mein Großvater zu Welt, denn seine Mutter war zur Entbindung ins Elternhaus zurückgekehrt und es grämte meinen Großvater ein Leben lang, kein gebürtiger Schäßburger zu sein.
Im Morgengrauen machte ich mich mit leichtsinnig leichtem Gepäck und der Absicht, am späten Nachmittag zurück zu sein, auf den Weg von Schäßburg nach Keisd. Da die Landstraße selbst für rumänische Verhältnisse stark befahren ist und in einem weitläufigen Bogen ans Ziel führt, hielt ich es für praktischer und obendrein reizvoller, ein paar Steigungen auf mich zu nehmen und Waldstücke auf Trampelpfaden zu durchqueren, als der Straße zu folgen. Zudem würde ich auf diese Weise ein paar der rund 20 Kilometer Entfernung einsparen.
Kartenlos verließ ich die Stadt. Mein legendärer Orientierungssinn, dank dessen ich einst in Bologna mein achtlos geparktes Auto wiedergefunden hatte, würde mich auch hier richtig leiten; zudem schien die Sonne und ich musste ja bloß nach Südosten laufen.
Am Ortsende Schäßburgs zweigte eine kleine Straße verlockend korrekt und bergauf ab. Die Steigung war so stark, dass Serpentinen nötig waren. In der siebten Kehre pausierte ich sehr dumm ganz außen, weshalb mich fast ein Pferd samt Wagen überfuhrwerkte, meterhoch mit Heu beladen. Hatte der Kutscher mich geseh’n, war’s ihm egal. Wenn nicht, erst recht. Asphalt wurde zu Schotter bald, später zu Geröll, dann Lehm, und fortan lief der Weg an Wellblechhütten, Obstgärtchen, Hühnerhäusern und auch zwei weiteren Friedhöfen vorbei (die ich jetzt unbeachtet ließ) auf einen unsichtbaren Gipfel zu.
Eine Weile lang geschah nun nichts, dann etwas länger.
Häuser und Verschläge waren einem Wald gewichen, erst links, dann beiderseits.
Nach einer Stunde traf ich einen Mann. Er trug rumänische Nationaltracht – Jackett, Pullover, Jogginghose – , war demnach also auf dem Weg zu wichtigen Geschäften.
Wohin ich wolle? fragte er. Es klang wie Italienisch mit vollem Mund und war nicht sehr schwer zu verstehen.
„Nach Saschiz“, sagte ich.
„Sahskiez?“ korrigierte er. Das sei doch weit! Leicht 30 Kilometer! Wie ich das schaffen wolle?
„Non preoccuparti!“, beschwichtigte ich dreist auf italienisch, zum Mittagessen bin ich dort!
Er sah mich an wie einen, den man verloren gibt und beschloss blitzartig, das Beste aus meinem nahen Tod zu machen:
„Rauchst du? Gib mir deine Zigaretten!“
Als ich verneinte, war es mit seiner Sorge um mich vorbei. Eine Handbewegung verabschiedete mich, während er schon weiterzog; ob ein Segenswunsch darin lag oder die Hoffnung, der Teufel möge mich holen, war schwer zu sagen.
Der Weg führte nun kaum noch bergauf, dafür durch ziemlich dichten Wald, der nur noch gelegentlich so viel Sonnenschein zu mir ließ, wie nötig war, um die Marschrichtung zu prüfen. Als die raren Strahlen irgendwann mein linkes Ohr von hinten trafen, war es Zeit für eine klare Korrektur. Links schwenkt, Marsch, beim nächsten Pfad. Durch jetzt sehr dichten Wald gelangte ich nach einer Weile auf einen besseren Weg, der erst leicht, dann stärker bergab führte, während sich jetzt das andere Ohr im Sonnenlicht befand, was ärgerlicherweise hieß, dass ich nach Norden lief.
Bald tauchten wieder Häuser auf, und indem ich dem Weg in die einzige Richtung folgte, die er zuließ, gelangte ich in ein bezauberndes Industriegebiet an der Hauptstraße nach Keisd, etwa vier Kilometer hinter meinem Ausgangspunkt. Von dem aus ich acht Kilometer durch den Wald gelaufen war.
Der Zeitverlust entledigte mich meines Vorsatzes, nicht per Anhalter zu reisen. Bald fuhrwerkte abermals ein Pferd in meinem Rücken, und als es mich – diesmal heulos – mit dem Tempo eines müden Fahrradfahrers überholte, winkte mir vom Kutschbock eine Hand. Ich lief los – und als der Kutscher die Geste wiederholte, sprang ich auf.
Auf der Ladefläche war nichts als der Schatten des Kutschers. In ihn setzte ich mich. So war ich nah genug, um den Mann zu hören, falls er denn reden wollte, beließ mich aber zugleich im Status von Frachtgut. Doch dem Chauffeur war nicht nach Reden. Nur kurz erkundigte er sich nach meinem Ziel, doch nur, um sicher zu gehen, dass ich nicht nach Bukarest oder an die Schwarzmeerküste wollte, denn das würden wir heute nicht mehr schaffen. Dann schwieg er für gut eine Stunde, während mich das knarzende, holpernde Gefährt und die schon hoch stehende Sonne in hitzeträgen Halbschlaf wiegten.
Am Keisder Ortseingang schreckte ein Schrei mich auf. Es war der Kutscher, der nun drängend etwas brummelte, nicht aber hielt. Erst, als wir uns dem Dorfplatz näherten, rief er erneut „Saschiz, Saschiz!“ und zeigte neben das Pferd.
Ich bedankte mich artig auf deutsch, sprang ab, winkte, als gäbe es einen Rückspiegel, in dem der Kutscher mich sehen konnte, blickte in die Runde und staunte: das also war eine Wehrkirche. Ein gewaltiger Turm stand direkt vor mir, alt, mächtig, den gläubigen Dörflern zum Schutze, den dräuenden Muslimen zur Wehr‘. So einfach war das damals. Und so brutal.
Der Eingang war geschlossen, ein Schild kündigte baldige Öffnung an.
Strategie gehörte nicht zu den Vorbereitungen dieser Reise. Ich hatte mich zwar bei sächsischen Heimatverbünden und -verbündeten nach den Nummern jener Häuser erkundigt, die sich einst oder noch im Besitz von Menschen befanden, die hießen wie ich, doch die Zählung hatte sich mehrfach geändert. Was im letzten Jahrhundert Haus Nummer 10 war, konnte jetzt 280 sein. Ich entschied, die gesamte Hauptstraße einmal rauf und runter zu laufen und alles zu fotografieren, was noch als Haus und zugleich Adresse in Frage kam. Insbesondere ein Gebäude war mir aus Genealogen-Kreisen empfohlen worden: eine gewisse Sara Theil sollte darin leben, hochbetagt zwar, doch mit bestem Gedächtnis gesegnet, die sicherlich höchst Interessantes zu erzählen wisse. Ich fand es auch schnell, es lag mitten im Ort. Auf mein hartnäckiges Klopfen aber öffnete niemand.
Auf dem Weg zurück zur Kirche war von wenigen Läden nur einer geöffnet, überraschend ein Spirituosengeschäft. Davor ein Holzfass diente einem Trupp Rumänen als Tisch fürs zweite Schnapsfrühstück. Sie beäugten mich mit Misstrauen, ganz anders als im touristenvollen Schäßburg, und wandten ihre Blicke erst gelangweilt ab, als ich mit einer Plastikflasche Wasser aus dem Laden trat. Sie wussten besser, was darin war, alles klar.
Inzwischen wurde die Kirche wieder belagert. Ein Reisebus, natürlich aus dem Schwäbischen, hatte eine Rentnergruppe ausgesetzt, die vor dem Eingang, wohl um Schatten zu sparen, kurz ein Träubchen bildete, ehe man ihr Einlass gewährte.
Am Eingang verkaufte ein Mädchen Eintrittskarten und selbstgemachten Honig. Während ich beides erwarb, fragte es mich in fließendem, wenn auch stark gefärbtem Deutsch, ob ich der Fremde sei, der durch Keisd laufe und die Häuser fotografiere?
„Securitate!“, sagte ich, „na sicher!“ Voller Freude über meinen Scherz und das hervorragende Funktionieren des Keisdes Nachrichtendienstes erklärte ich dem Mädel, was mich hergeführt hatte und wonach ich suchte. Das überforderte das Kind. Es griff zum Telefon und alarmierte seine Mutter. Die eilte erstaunlich rasch und stark besorgt herbei, sprach ebenfalls deutsch und erwies sich als Vertretung der eigentlichen Kirchenkuratorin, die praktischerweise gerade auf einem Klassentreffen in Deutschland weilte.
Meine Erklärungsversuche interessierten in kürzester Zeit ein gutes Dutzend Personen, die unsichtbar ins Kirchenschiff gesickert waren und mich jetzt im Kreis umstanden. Den Schwaben aus dem Bus war ich zum Glück genauso egal wie die Kirche; bei denen ging’s nur um das Mittagessen. Die Sachsen hingegen lauschten mir sehr interessiert. Ein weiteres Telefonat wurde geführt und man gab mir zu verstehen, dass man zur Beantwortung meiner Fragen soeben das kollektive Ortsgedächtnis verständigt habe, einen alten Herrn, der bereits auf dem Weg hierher sei. Einstweilen könne ich mir ja die Kirche ansehen.
Immer noch staunend über die Effizienz des siebenbürgischen Fernmeldewesens, fiel mir beim Rundgang die hölzerne Kanzel auf, deren Sockel ein Schriftband aus inkrustinierten Buchstaben zierte. Von weitem schon erkannte ich vertraute Worte; aus der Nähe wurde klar, dass auch hier Vorfahren gewirkt hatten: gleich mehrere Theils waren als Schreiner an der Fertigung der Kanzel beteiligt gewesen und durften dafür ihre Namen darauf verewigen, sparsamerweise jedoch nur in mehrsinnigen Buchstabenformen.
Eine tiefe Männerstimme, getragen von einem Hauch Knoblauch drang von hinten in Ohr und Nase: das Gedächtnis war eingetroffen. Es gehörte einem überaus rüstigen, vermutlich weit über siebzigjährigem Mann in blauem Arbeitsoverall und gebügeltem, weißen Hemd, der mir sofort wie ein alter Bekannter erschien, da auch er den Dialekt meines Großvaters sprach.
Herr Binder, wie er sich mir als Namensvetter meiner Urgroßmutter vorstellte, erwies sich rasch als wandelndes, überaus freundliches Lexikon für Keisder Stadt- und Familiengeschichte. Trotz seines Alters und des schon wieder sehr warmen Tages ließ er es sich nicht nehmen, mich durch fast den gesamten Ort zu führen und dabei zu nahezu jedem Gebäude eine Erläuterung zu dessen ehemaligen und heutigen Eigentümern abzugeben, bis wir schließlich vor seinem eigenen Zuhause standen. Es war dies eines der wenigen gepflegten Häuser Keisds, denn der alte Herr brachte den größten Teil des Jahres in der siebenbürgischen Heimat zu und floh nur während der kältesten Monate in eine beheizbare Wohnung nach Deutschland. Sommerliche Abwesenheit dürfe man sich nicht leisten, wie er sagte, denn sie führe zu erheblichen Verlusten. Neuerdings seien die Zigeuner dazu übergegangen, sogar fruchttragende Obstbäume zu fällen, um diese als Nahrung, Baustoff und Brennholz zu nutzen, während sie sich früher aufs Grundstück geschlichen hätten, um „bloß“ zu ernten. Wo niemand auf seine Habe achte, werde alles, was nicht niet- und nagelfest sei, binnen kürzester Zeit gestohlen oder annektiert. Leerstehende Gebäude würden sogleich besetzt und rasch zu Ruinen, da die nomadisierenden Bewohner nicht davor zurückschreckten, im Winter den Dachstuhl zu verheizen.
Wir wandten uns wieder der Kirche zu, bogen dann aber links Richtung Waldrand ab. Herr Binder wies mich auf einen kleinen Brunnen hin, die sogenannte „Tannenquelle“ und versicherte mir mehrfach, unbesorgt daraus trinken zu können. Das Wasser war herrlich und sein Genuss blieb darmseitig folgenlos. Wie sich außerdem zeigen sollte, wäre es schlau gewesen, mir eine Flasche davon abzufüllen, denn die gekaufte war längst leer.
Die Anstrengung unseres Marsches war dem alten Herrn jetzt deutlich anzusehen. Da mein nächstes Ziel der Friedhof war, verabschiedete ich mich so taktvoll wie ausgiebig von meinem so hilfreichen Begleiter und stapfte in der mittäglichen Spätsommerhitze bergauf zu einem weiteren Gräberfeld, gespannt, welche Verwandtschaft ich dort finden würde.
Die „Ausbeute“ war weitaus geringer als in Schäßburg. Hier waren Binders (natürlich), Ehrmanns, Dörners, Fritschs und Thellmanns klar in der Mehrheit, doch es gab auch ein Grab mit dem Namen Theil. Es ließ mich lang innehalten. Nun war klar, weshalb bei Sara niemand geöffnet hatte. Wir hatten uns nur um ein paar Monate verpasst.

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Auf dem Burgberg

Auf dem Burgberg

Freitag, 28. September

Auch die zweite Unterkunft der Reise überraschte angenehm bis hin zum Anstrich der Fassade: dieses grelle Orange würde ich auch ohne Stadtplan, zu fortgeschrittenster Stunde und im fahlen Licht von Straßenlaternen wiederfinden. Die Rezeptionistin der „Pensiunea Mario“, eine freundliche ältere Dame, die passabel deutsch sprach, warf einen kurzen, routinierten Blick auf meine Reservierung, ohne in Preisnachverhandlungen zu treten oder andere Komplikationen auszulösen, und abermals punktete Transsilvanien gegenüber manch touristisch stärker frequentiertem Konkurrenten.

Das Zimmer im Souterrain war angenehm kühl. Die niedrige Decke zeigte die gleichen regelmäßigen Wölbungen, die mir auch im Keller des großväterlichen Hauses aufgefallen waren. Nur wenige Ecken von diesem entfernt, mochte es durchaus zur selben Zeit erbaut worden sein.

Endlich rucksacklos machte ich mich gleich wieder auf den Weg, jetzt in die Oberstadt, der Schäßburg seine Einstufung als Weltkulturerbe verdankt.

Aus nördlicher Richtung kommend, nähert man sich dem Burgberg von einer weniger spektakulären Flanke. Eine kurze, aber sehr steile Treppe führt hier nach oben und mündet an der äußeren Befestigungsmauer, wo sie den Schnaufenden aus dem Schatten der Bäume in die pralle Sonne entlässt, deren warme Strahlen das Kopfsteinpflaster rasch von unappetitlichen Schweißflecken befreien. Diese Mauer, beinahe 700 Jahre alt und noch immer mehr als 5 Meter hoch, umschließt den Burgberg auf einer Länge von nahezu einem Kilometer fast vollständig. Unterbrochen wurde sie ursprünglich von 14 Wehrtürmen; neun sind noch erhalten. Sie tragen die Namen der Zünfte, die in der Stadt ansässig waren, wie etwa Fleischer-, Kürschner- oder Zinngießerturm. Am Schneiderturm bot sich mir die erste Gelegenheit, in die Altstadt zu gelangen.

Auch innerhalb der Mauer blieb ich auf der ringförmigen Straße, die nach einer Weile einen weiten Ausblick über den Nordwesten der Unterstadt bot. Das Siechhofkirchlein war klar zu sehen, dahinter der Friedhof. Das würde fürdem mein ideologisches Basislager sein, und wer denkt, der Vergleich hinke, weil von Friedhöfen keine Expeditionen ausgehen, rufe sich in Erinnerung, dass wir in Transsilvanien sind…

Die Straße führte weiter zum Schusterturm, der mit jedem Meter, den man ihm näherkam, weniger anheimelnd und zugleich bewohnt wirkte. Ohne Zweifel lebte hier ein Werwolf. Schon malte ich mir aus, wie der brave Schuster Schorsch in sturmgepeitschter Herbstnacht im Zimmer hinter dem Erkerfenster ein paar Stiefel besohlt, als ihn das Licht des Vollmonds trifft und er, sich verwandelnd und schon geifernd und heulend, die hölzerne Außentreppe hinabspringt, um Beute zu reissen – natürlich nicht ahnend, dass Kate Beckinsale mit einer Ladung Silberkugeln im Vorderlader auf der Dächer höchstem First nichts anderes erwartet hat…

Doch selbst, wenn’s nur ein Normalsterblicher war, der diesen Turm sein Häuschen nennt, fiel die Vorstellung leicht, dass er abends keine Horrorfilme schauen muss, um sich im dunklen nicht über den Flur zu trauen.

Ein Blick in den Reiseführer holte mich aus den Phantasien eines sich anbahnenden Sonnenstichs in die Realität zurück. Niemand haust im Schusterturm, hieß es da, denn nur einer der Schäßburger Türme sei bewohnt, der Seilerturm, mit seiner typischen Vampirschloss-Architektur, gleich neben dem Eingang zum Bergfriedhof. Und es ist auch nur der Friedhofsgärtner, der hier geradezu idyllisch lebt.

So erreichte ich, die katholische Kirche wie üblich links liegenlassend, die Tischlergasse, wahrscheinlich das nach dem Stundturm zweitmeist fotografierte Motiv Schäßburgs. Während ich erwog, auch ein paar Fotos zu schießen, erschien ein hoch betagter Fußgänger, für den Zeit keine Rolle mehr zu spielen schien. Er schlurfte in äußerster Gemächlichkeit, doch keineswegs gebrechlich auf der schattigen Seite der Straße an den Hauswänden entlang, bis er nach geraumer Zeit sein Heim erreicht hatte. Erst jetzt begann er, nach seinem Schlüssel zu fahnden, was lange dauerte, und als er ihn schließlich gefunden, in größter Ruhe aufgesperrt und sein Haus betreten hatte, war die Sonne hinter der Stadtmauer versunken.

Auch ich ging nun langsamer und traf wenige Ecken weiter auf das ehemalige Dominikanerkloster, in dem sich heute das kaputtrenovierte Rathaus befindet. Rundum drängen sich bunte, mittelalterliche Wohnhäuser, von denen mir eines besonders auffiel, weil sich darin eine Gruppe rumänischer Bauarbeiter zum Rauchen in den Schutz der jahrhunderte alten, morschen, ausgedörrten Holzbalken des Dachstuhls zurückgezogen hatte. Im Ansetzen der Kamera spürte ich einen Blick in meinem Rücken. Stand ich jemandem im Weg? Hatte ich Taschendiebe auf mich aufmerksam gemacht? Entschlossen, den Gaffer zu verewigen, drehte ich mich abrupt mit dem Fotoapparat im Anschlag um, und obwohl mich dabei der Gleichgewichtssinn kurz im Stich ließ, erkannte ich sofort, wen ich vor mir hatte.

Diese riesigen Augen.

Die überlange Nase.

Der monströse Schnurrbart.

Es musste also sein. Wäre ja auch zu schön gewesen, ihm – ausgerechnet IHM – hier nicht zu begegnen, und so starrten wir uns kurz, aber heftig an, Graf Dracula und ich.

Eigentlich war es kein Wunder, dass die Stadt ihrem berühmtesten Sohn (Hermann Oberths Jünger mögen mir verzeihen!) ein Denkmal errichtet hatte, wenn auch nicht restlos klar ist, ob Vlad III. Draculea tatsächlich Schäßburger war. Dass er auf der Büste mit seinem Beinamen „der Pfähler“ firmierte, den er seiner etwas eigenwilligen Art verdankte, Exempel zu statuieren, war aber in jedem Fall bemerkenswert, denn damit konnte man im 21. Jahrhundert nur noch in Transsilvanien Beifall finden.

Am Museumsplatz, wenige Meter von des Grafen Statue entfernt, nimmt die Touristendichte abrupt und stark zu. Grund dafür sind zum einen der Stundturm, Schäßburgs Wahrzeichen, der begehbar ist und eine schöne Aussicht bieten soll, wenn man seiner Statik vertraut, sowie ein sehr altes, aber ordentlich restauriertes Haus, in dem 1431 ebenjener Vlad III. geboren worden sein und eine kurze Zeit seiner Kindheit verbracht haben soll, ehe es ihn zum Türkenpfählen aus dem Städtele zog.

Das Haus beherbergt heute ein Café. Kein schlechtes, wie es heißt, doch muss man sich erstmal hineintrauen. An einem der filigranen Metalltische im Freien sitzt nämlich – dem Zustand seines Kostüms nach zu schließen ganzjährig – ein lieblos geschminkter Vampirdarsteller, der betrübt auf den Platz blickt. Er ist so offenkundig angewidert von seinem Los, für ein paar Lei den Dracula geben zu müssen, dass man annehmen müsste, dies würde selbst die amerikanischen und asiatischen Touristen davon abhalten, sich und ihre Kinder gemeinsam mit dem armen Kerl fotografieren zu lassen – doch die schrecken vor nichts zurück.

Hundert Meter weiter nördlich, an der Ecke zum Burgplatz, befindet sich eine weitere oft erwähnte Sehenswürdigkeit der Oberstadt, das sogenannte „Haus mit dem Hirschgeweih“. Es wurde aufwendig renoviert, vermochte mich aber nicht so zu begeistern wie den Autor meines Reiseführers, der von einem „Renaissance-Juwel“ spricht. Unter dem Geweih beginnt die Strada Scolii, die zur „Schülertreppe“ führt.

1634 errichtet, verbindet das hölzerne Bauwerk das Zwischenplateau des Schäßburger Burgbergs mit seinem Gipfel, auf dem sich neben der Bergkirche auch das Gymnasium befindet. Die Schüler sollten während des steilen Ansteigs nicht auch noch unter schlechtem Wetter zu leiden haben, sondern überdacht zum Lernen und – das Gelernte trocken überdenkend – von dort zurück gelangen. Zu Füßen der Treppe stößt man auf einen letzten Andenkenladen, in dem ich einen ebenso letzten wie erfolglosen Versuch startete, eine Postkarte zu finden, die etwas anderes zeigt als blutverschmierte Comicfiguren, dann nahm ich den Aufstieg in Angriff. Schnell beneidete ich die mir entgegenkommenden Kinder: es war später Nachmittag, die Schule zu Ende, und Dutzende erleichterter Schüler sprangen, mich ignorierend, bergab, während ich schnaufend und schwitzend Stufe um Stufe zählte (und sofort vergaß, wie viele es waren).

Oben angekommen gestattete ich mir den Luxus, mich auf die nackte Erde zu setzen und für ein Weilchen der Frage nachzuhängen, ob meine Mutter diese Treppe zum Schulbesuch begangen haben mochte, und wenn, wie oft?

Als 28er Jahrgang konnte sie beim Weggang der Familie Gymnasiastin gewesen sein, während die Zweitgeborene, knapp zu jung fürs Gymnasium war und das jüngste der fünf Geschwister noch nicht einmal auf der Welt…

Kurz erwog ich, an der Pfarrei der Bergkirche zu klopfen, den Herrn über unfassbare Informationsschätze kurzerhand heimzusuchen und bis zum Einbruch völliger Dunkelheit mit Fragen zu löchern, doch das Haus wirkte wenig einladend, während das Tor zum Friedhof offenstand und mich mit einer interessanten Formulierung aufforderte, mich früheren Einwohnern dieser Stadt nicht nur über das Kirchenbuch zu nähern.

Schon nach wenigen Schritten wurde mir klar, dass meine Erwartungen an das Ausmaß des Schäßburger Bergfriedhofs mit dem Begriff „naiv“ völlig unzureichend beschrieben sind. Das Meer aus Grabsteinen bewies anschaulich die Richtigkeit der Theorie vom gekrümmten Raum, denn anders war nicht erklärbar, wie auf einem so kleinen Berg so unfassbar viele Gräber Platz finden konnten. Nicht einmal die Existenz eines Wurmlochs, durch das man über den Wiener Zentralfriedhof direkt auf den Pariser Pêre Lachaise gelangen könnte, erschien mir völlig ausgeschlossen.

Wie schon auf dem Friedhof am Siechhof dauerte es nicht lang, ehe ich auf das erste Grab stieß, das Theil’sche Überreste barg. Diesmal aber schien das Phänomen kein Ende nehmen zu wollen. Schon nach wenigen Schritten folgte das nächste Grab eines „Theil“; links seitab ein weiteres, und von dessen Einfassung aus, kaum hatte man diese wie bei „Himmel und Hölle“ erhüpft (tritt nie auf ein Grab, nicht mal auf ein aufgelassenes, ermahnte mich meine Mutter vor Zeiten), war bereits ein neuer Grabstein zu sehen, der meinen Nachnamen trug. Viele der im Hang angelegten Gräber waren im Lauf der Zeit etwas aus der Form geraten. Umfassungsmäuerchen waren abgerutscht, Grabsteine hatten sich gegeneinander verschoben, Bepflanzungen waren abhanden gekommen. In manchen Fällen schien die Tiefe, in der Särge gewöhnlich beigesetzt werden, gerade noch ausgereicht zu haben, um eine Rückkehr ihres Inhalts ans Tageslicht zu verhindern. Bedenkt man die im transsilvanischen Volksglauben angeblich noch heutigen Tages latente Furcht vor Wiedergängern, muss der Friedhof Abergläubischen maximal abschreckend erscheinen. Dass ich während meines ganzen Aufenthaltes der einzige Besucher blieb, hatte hoffentlich andere Gründe.

Nach dem vierzigsten Grab eines „Theil“ hörte ich auf zu zählen. Mit dem Fotografieren hatte ich längst aufgehört. Der Friedhof erschien mir wie eine open air Familiengruft: Wanderer, kommst du nach Schäßburg, wem willst du noch etwas verkünden? Es liegen schon alle hier! Fotos kamen mir in den Sinn, die mir unbekannte Personen zeigten, an deren Gräbern ich nun stand. Sie waren gestorben, bevor ich geboren wurde, und ein nüchterner Betrachter könnte einwenden: Was schert’s dich?“

„Sie waren mir ähnlich“, würde ich antworten, „jedenfalls nehme ich das an. Und ohne sie wäre ich nicht.“

Solche Dialoge führen Dehydrierte. Seit dem Frühstückskaffee hatte ich nichts getrunken, aber tapfer geschwitzt. Um mich auf diesem Friedhof, wenn schon nicht körperlich, doch wenigstens seelisch zu erden, ließ ich mich per SMS an einen Freund von diesem wachrütteln und trat den Rückzug an, weg vom Leichenberg, die Schülertreppe meidend und stattdessen auf Serpentinenwegen hinab. Ich kam, den Weg nicht recht begreifend, unterhalb des Stundturms heraus, stolperte auf die Piaţa Hermann Oberth, den ehemaligen Markt, und fand einen kleinen Lebensmittelladen, dessen Anblick mich auf die Idee brachte, mir endlich etwas zu trinken zu kaufen.

Als Kohlensäure, Kälte und Koffein ihre belebende Wirkung zu zeigen begannen, war mein erster Gedanke die Frage, ob Schäßburgs jüngst Verstorbene wohl immer noch die Schülertreppe hinaufgetragen werden oder den Weg nehmen, dem ich hinab gefolgt war? War Sargträger eigentlich ein gut bezahlter Beruf in einer so steilen Stadt? Gab es eine unterirdische Zahnradbahn? Mit der leeren, aber immer noch schön kalten Dose in der Hand schlurfte ich voran und stand sehr plötzlich am Anfang der Strada Stefan Octavian Josif. Die hieß früher „Hintergasse“, was mir die Erkenntnis bescherte, dass man als „Theil“ in Schäßburg nur einmal der Länge nach hinschlagen musste, um auf etwas zu stoßen, das mit der eigenen Vergangenheit zu tun hatte: Hier wohnte mein Großvater nach seiner Heirat mit Frau und Kindern, bloß kannte ich dieses Mal weder die Hausnummer, noch hatte ich eine türöffnende Urkunde im Gepäck. Die Straße führt ein kurzes Stück auf den Berg zu, der Schäßburg nach Süden hin abschließt und weiter an ihm entlang in westlicher Richtung. In der Kurve drehte ich mich um und fotografierte den Burgberg, von dem ich soeben gekommen war. Von dem Haus in meinem Rücken nahm ich kaum Notiz, denn schon gab es rechter Hand spannenderes zu sehen, die Grundschule, von der ich annehme, dass Tante und Onkel sie besucht hatten. Die Hintergasse verläuft kurz und bündig: direkt am Berg entlang nämlich. Bald kommt eine Linkskurve, die nächste Straße beginnt. Erst daheim sollte ich merken, wie unklug es auf Ahnenforschungspfaden ist, nicht weit genug zu gehen; wie sehr gerade diese Straße meine Aufmerksamkeit verdient hätte, handelte es sich dabei doch um die Strada Pastorilor, das deutschsprachige Hirtengässchen, zu der das Haus gehörte (oder noch gehört?), in dem im Juli 1943 jene Mutter meines Großvaters gestorben war, die nun auf dem Siechhof Friedhof lag.

Und schon zuvor, in der Hintergasse, hatte ich, wie sich zuhause herausstellte, beim Fotografieren des Stadtpanoramas mit dem Rücken zum Wohnhaus meiner Großeltern gestanden – dem einzigen in der ganzen Straße, das ich folglich nicht fotografiert habe. Etwas entschädigt wurde ich auf dem Rückweg ins Hotel, als ich abermals unterhalb des Stundturms vorbeikam und auf eine Ansicht stieß, die ich als Foto in einem Buch meiner Mutter über Schäßburg kannte: Ein altes, weißes Haus war zwar gelb, als es vor Jahrzehnten für das Buch aufgenommen worden war und der Schriftzug „Bijou“ noch nicht vorhanden, aber es war zweifelsfrei dasselbe Gebäude. Auch in diesem Haus hatte meine Urgroßmutter eine zeitlang gelebt, und ihre Enkelin erinnerte sich, bei Besuchen gern auf dem Fensterbrett gelegen zu haben. So breit seien die Mauern gewesen, erzählte meine Mutter, dass sie sich als Kind in ihrer gesamten Körperlänge habe ausstrecken müssen, um hinaussehen zu können. Zu gern hätte ich diese Fensterbänke gesehen, doch das Haus wurde von einem außerordentlich unfreundlichen Schäferhund bewacht, der mir schon aus mehreren Metern Entfernung zu verstehen gab, dass er mein Näherkommen oder gar den Versuch, die Klingel an der Haustür zu betätigen, nicht gutheißen werde. Es war dies meine erste Begegnung mit einem transsilvanischen Hund; im Nachhinein würde ich sie als „Warm-up“ bezeichnen. Zu erschöpft, um mich nach all diesen Entdeckungen meines ersten Tages in Schäßburg noch auf die Suche nach einem Spezialitätenrestaurant oder einer anderen außergewöhnlichen Nahrungsquelle zu begeben, aß ich in der nächstbesten Pizzeria zu Abend und lag weit vor meiner gewohnten Zeit im Bett.

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Der Fliesenflorist

Der Fliesenflorist

Freitag, 28. September

Die Verlängerung der Straße, auf der ich gekommen war, erwies sich als Sackgasse. Ich kehrte zur Strada Libertaţii zurück, folgte ihr ein kurzes Stück in vom Bahnhof wegführender Richtung und erreichte den Fluss. Wieder hatte ich etwas Reales mit Bildern meiner Phantasie abzugleichen, die sich aus Erzählungen entwickelt hatten. „Große Kokel“ nannten ihn die Schäßburger, Târnava Mare die Rumänen und „Küküllö“ hieß er auf ungarisch – für meine Ohren die harmloseste Variante, die mich stets an einen friedlichen Ententeich denken ließ. Meine Mutter liebte die Ufer der Kokel als Spielplatz. Es kostete mich Mühe, mir diese ohne „Promenade“ und andere bauliche Absonderlichkeiten der letzten Jahrzehnte vorzustellen. Wie mochte es hier ausgesehen haben, vor über 80 Jahren, als die Kokel ein unbefestigtes Ufer hatte, an dem die Kinder im Schlamm wateten, Frösche jagten, die schönsten Kieselsteine suchten, die hässlichen übers Wasser springen ließen, Dämme bauten und – wer weiß – einen Fisch fingen?

Jenseits der Brücke stieß ich auf einen Lebensmittelmarkt. Unter dunkelroten Sonnenschirmen häuften sich Salatköpfe, Zwiebeln, Paprikaschoten, Wassermelonen, Knoblauchknollen und Kräutergebinde. Die Vielfalt war geringer als in Mittelmeerländern, doch die Größe und Qualität der Produkte machte das wett. Mit größter Contenance ertrugen die Marktleute ungeheure Schwärme von Wespen, die im Fruchtzuckerrausch sicher auch mal eine Beere mit einer Nase verwechselten. Ein Hundertstel dieses Insektenaufkommens hätte in Deutschland im Fernsehen Erwähnung gefunden und vielleicht sogar einen ARD Brennpunkt zur Folge gehabt.

Dem planlosen Umher der Wespen nicht unähnlich war mein Weg auf der Suche nach einem Blumengeschäft. Ich schätzte die Chance, in der mittelalterlichen Oberstadt ein solches zu finden höher ein, als hier unten. Doch die Verwirrung hielt noch an, weshalb ich dem Fluß, nachdem ich ihn überquert hatte, auf der anderen Seite wieder zurück folgte und so, mit etwas mehr Glück als Orientierung, an den Anfang der Unterstadt-Hauptstraße gelangte.

Nach einem Hotel kam eine Bäckerei, neben der – wenig überraschend – ein Schnapsladen lag, auf den etwas folgte, was ich erst bei sehr genauem Hinsehen als mein Ziel erkannte. Vor einem schmalen Gebäude führten vier Stufen zu einer gläsernen Doppeltür, die vom Boden bis über den Türsturz vollständig von Plastikblumen umrankt war, die man an die Fassade geklebt haben musste. Vieles sprach dafür, weiterzugehen, aber würde es ein zweites Geschäft geben? Unentschlossen strolchte ich ein paar Mal am Eingang vorüber, wie zufällig hier in der Mittagshitze nichts besseres zu tun habend. Plastikblumen! Waren die nicht längst verboten? Andererseits ließ ein Blick durch die Glastür vermuten, dass drinnen auch richtiges Grünzeug erhältlich und es vor allem deutlich kühler sein dürfte als auf der Straße.

Der Inhaber war, kaum meiner ansichtig geworden, sogleich hoch erfreut und begann umgehend mit der Präsentation diverser Kunststoffkränze und anderer Geschmacklosigkeiten. Ich gebot ihm auf Englisch, zu schweigen, was er nicht verstand, weshalb ich auf Italienisch nach „fiori veri“ – echten Blumen – fragte und auch nicht versäumte, auf die Ernsthaftigkeit meines Anliegens hinzuweisen, una decorazione della tomba, eine Grabesschmückung! Das erste Wort schien etwas in ihm zum Erleuchten zu bringen, und als ich „tomba“ durch „cimitero“ ersetzte, traf ich die gemeinsame lateinische Wurzel. Doch statt auf rumänisch, antwortete er mir in gar nicht üblem Deutsch und verkündete mit seltsam rasch ins Bedauernde gestülpter Miene, er habe derzeit nur Rosen „in echt“ – ob’s die sein dürften?

Sie durften; hatte ich eine Wahl? Immerhin waren die Rosen rot, und nicht pink-türkis, und so stimmte ich zu, als hätte ich mich nach langem Bedenken endlich entschieden. Der Floristenprätendent machte sich sofort ans Werk und begann, die ersten Rosen in einer Weise, wie ich sie noch nie gesehen hatte, ineinander zu drehen, wundersamerweise ohne sich an den Dornen zu stechen. Dann fügte er weitere Blumen von oben in den Strudel, wobei er etwa nach jeder dritten (wir hatten die Gesamtzahl der zu verwendenden Rosen noch nicht verhandelt) eine dünne, farbige Plastikfolie halb dazwischen quetschte, halb im Wind flattern ließ. Während dieses Tuns erklärte er mir freimütig, eigentlich gelernter Fliesenleger zu sein und schönste Erinnerungen an Gelsenkirchen in sich zu tragen, einen Ort, an dem, im Vergleich zu Schäßburg, das Geld auf der Straße gelegen habe – und dies nicht nur berufsbedingt – , weshalb er noch heute bedaure, dort nicht mehr tätig sein zu können (warum, sagte er nicht).

Hitze, Schlafmangel, Ergriffenheit, Dehydrierung, Sprachgeschwurbel und ein paar andere Dinge führten dazu, dass ich ihn gewähren ließ, als er immer wieder um Erlaubnis bat, weitere Deko-Folien, Zierbändchen und Feuchtlackspray-Schichten auf- und anbringen zu dürfen, bis der Strauß aussah, wie ich mir schwule Faschingsunterwäsche vorstellen würde, wenn ich es müsste.

Spätestens als der Blumenwürger anfing, Zahlen in seinen riesigen Casio-Taschenrechner zu tippen (eine Kommunikationsmethode, die mich auch schon bei Preisverhandlungen in Süditalien oder der Türkei überzeugt hatte), wäre es an der Zeit gewesen, den Rosenklumpen mit meinen noch arbeitenden Gehirnzellen zu synchronisieren; stattdessen glotzte ich in überfordertem Einverständnis auf die Zahl „90“, die das Display des Rechners anzeigte (warum nur vertraue ich japanischen Produkten blind?) und fummelte zum Entzücken des Fliesenfloristen die gewünschte Summe in rumänischen Lei aus meinem Portemonnaie.

Es dauerte bis zur Mitte der Brücke über die Kokel, ehe ich mich wie Ron Weasley fühlte, nachdem ihn die Wirkung des Liebestrankes verlassen hat. Ich hatte 20 Euro für Blumen ausgegeben – in einem Land, in dem man für diesen Betrag nobel logieren oder seine fünf besten Freunde zu einem Junggesellenabschied einladen kann.

Als ich den Friedhof erreichte, war ich dennoch halbwegs versöhnt. Ich hatte im Gehen die meisten der Folien gelöst, die Bändchen entzurrt, fast alles aus Plastik fortgeworfen und mir ausgerechnet, dass ich in Deutschland für’s gleiche Geld nur einen Bruchteil der hier aufgewendeten Rosen erhalten hätte, freilich eleganter arrangiert. Einen Teil des Glitterfummels hatte ich behalten, um die als Vase dienende Plastikflasche aufzuhübschen, die ich ebenfalls behalten musste, da es weit und breit nichts anderes gab.

Jetzt holte ich die Andacht nach, und als ich mich nach einer langen Unterredung mit meinen Ahnen auf den Weg machte, nun endlich in meiner Pension einzuchecken, hoffte ich, die Legende von dem Fremden, der weder einen Sarg hinter sich her schleift, noch Mundharmonika spielt, dafür aber seinen Urgroßeltern Blumen bringt, möge im erzählfreudigen Siebenbürgen, gleich auf welchen Wegen, vielleicht jene Person zum Vorschein treten lassen, der die Palmkatzerl zu verdanken waren.

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Am Siechhof

Am Siechhof

Sind Sie noch da? Oder hat der Exkurs sie schon ein paar Schritte um die Straßenecke laufen lassen? Dann haben Sie sicher das alte, etwas heruntergekommene Kirchlein bemerkt, dass auch mir bereits beim Blick aus dem Zug aufgefallen war, denn es steht direkt an den Gleisen.
Auch ich folgte jetzt der kurzen Strada Stefan cel Mare, die in einem sehr spitzen Winkel auf den kleinen, von den Jahrhunderten tiefer gelegten Kirchhof stieß. Das Türmchen, ohnehin nicht hoch, hatte dadurch stark an Höhe eingebüßt. Stieg man auf die niedrige Umfassungsmauer, befand sich die Augenhöhe bereits oberhalb der Kirchentür. Hier waren Schilder angebracht; nicht weit davon auch eine Außenkanzel.
Aber was stand denn dort? Die Lettern in alter Schrift waren aus der Entfernung nicht leicht zu entziffern.
Hieß das etwa „Siechhof“?
Etwas krabbelte an meinem Rücken nach oben. Ein Tier konnte es nicht sein, denn es fühlte sich an, als passierte es innen, irgendwo zwischen Haut und Wirbelsäule. Als es im Nacken angekommen war, klingelten sämtliche Glocken, nur die Kirche blieb still.
„Am Siechhof No. 4“ war die Adresse eines der Trauzeugen meiner Großeltern gewesen. So stand es auf dem Hochzeitsdokument in meiner Tasche. Alles passte jetzt zusammen: hier, genau hier, hatten alle meine Vorfahren gelebt, seit Jahrhunderten, in den eingeschossigen, uralten, ziegelgedeckten Häusern, die sich links hinter den Bahngleisen den Hang hinauf fortsetzten und rechts, hinter dem Kirchlein, in Richtung Bahnhof duckten. Ich zitterte leicht, als ich von der Kirchmauer stieg und etwas stärker, als tief aus den dunkelsten Winkeln meiner Erinnerung die Stimme meines Großvaters zu hören war, wie er das Wort ausgesprochen hatte: „Sichoff“ nannte er im sächsischen Dialekt das Areal, und während ich das als Kind für einen Namen ohne Bedeutung gehalten hatte, dämmerte mir nun alles – und das Kirchenschild bestätigte es: im kleinen Hof der Kirche lebten – bis ins 19. Jahrhundert! – die „Siechen“, wie man sie damals nannte, die Leprösen also, mit denen man den Kontakt scheute wie der Teufel das Weihwasser. Deshalb auch die Außenkanzel! Die Kranken sollten sich nicht in der engen Kirche drängen, sondern die sonntägliche Predigt im Freien hören können. Nur der Pfarrer betrat die Kirche, gelangte innen über eine Treppe auf die Kanzel und konnte zu den Todgeweihten sprechen, ohne eine Ansteckung befürchten zu müssen.
Damit war klar, dass die Siedlung rund um den Siechhof keine wohlhabenden Familien beherbergt haben konnte. Wer wollte schon in der Nähe dieser Erbarmungswürdigen leben? Nur die, die sich einen anderen Stadtteil nicht leisten konnten, deren Felder direkt an die Stadt grenzten, Kleinbauern, deren Parzelle eben so lag, wie sie lag und die von dieser Scholle zu leben hatten.
In meinem Gedächtnis drängelten sich die Erinnerungen jetzt um den besten Platz. Erzählungen meines Großvaters tauchten auf, die nur teilweise hierhin gehörten; ich sah den missbilligenden Blick meiner Großmutter, wenn er den Siechhof erwähnte; ich hörte die Stimme einer Großtante am Telefon, die ihren Bruder sprechen wollte; meine Mutter erzählte von einer Brücke über die Kokel, die vom Wasser fortgerissen worden war – – – und so umrundete ich den Kirchhof wie in Trance, querte die Gleise am unbeschrankten Übergang, ohne den möglichen Zug zu bedenken und folgte geistesabwesend der Strecke wenige Meter, bis mein Blick links auf Gräber fiel.
Sie lagen unspektakulär, doch bestens sichtbar in dem hier steil ansteigenden Hang. Alt waren sie, das sah man auch mit Abstand. Im Näherkommen zeigte sich, dass dieser Friedhof unter den Bäumen, die ihn verdeckten, weit nach oben reichte. Ein Zaun aus schwarz gebeizten Holzbrettern grenzte ihn von der Straße ab, verlor sich jedoch mit zunehmendem Anstieg in einzelne Latten. Noch später hörte er einfach auf.
Hatte sich die Vergangenheit bisher nur angeschlichen, sprang sie mich an, als ich das weiße Blechschild am Eingang sah: „Evangelischer Friedhof Siechhof“ stand da. Auf deutsch.
Ich hatte vor der Reise nicht nachgeforscht, wie viele Friedhöfe es in Schäßburg gibt. Gewiss war mit mehr als einem zu rechnen gewesen, doch als Ort, um nach Gräbern meiner Vorfahren zu suchen, kam für mich nur jener „berühmte“ Friedhof an der Bergkirche in Frage. Wie naiv das war! Ein evangelischer Friedhof (alle meine Ahnen mütterlicherseits waren Protestanten oder schlimmeres) in einem Land, das großteils katholisch ist, konnte ein Volltreffer sein!
Plötzlich merkte ich wieder, wie heiß es an diesem Morgen und wie schwer der Rucksack war. Hinter der Pforte, die nach warmem Holz roch, gab es einen Brunnen. Sein graubraunes Wasser schien von der letzten Schneeschmelze zu stammen. Ich lehnte den Rucksack an den Brunnenrand und begann mit der Gräberschau.
So gut wie alle Namen waren deutsch. Bald stieß ich auf den ersten Theil, doch Vorname und Lebensdaten sagten mir nichts. Zwei weitere folgten, ehe ich, nun schon zur dritten Steinreihe hochgestiegen, ein Grab fand, das mir seltsam vertraut war, denn ich hatte es auf einem Foto aus dem Nachlass meiner Mutter schon einmal gesehen. Es war die Ruhestätte eines Großonkels und seiner Frau. Unter ihren Namen der einer Tante von mir, mit fünf Jahren verstorben. Auf dem Foto war er durch Kränze verdeckt. Der Fotograf musste an der gleichen Stelle gestanden haben wie jetzt ich. Wer mochte es gewesen sein? Ein Bruder, eine Schwester? Lag sie oder er inzwischen auch hier? Und wie viele Tote, die hießen wie ich, waren hier noch? Mir war, als befände ich mich in familiärer Gesellschaft. Konnte man mich womöglich gar sehen? Ich wagte nicht, mich abzuwenden. Langsam, im Rückwärtsgehen, entfernte ich mich. Ein Baum stand im Weg. Harz klebte an seiner Rinde und jetzt auch auf mir. Ich drehte mich seitlich, um das Hemd mit Vorsicht zu lösen – und sah auf das Grab meiner Urgroßeltern.
Eine halbierte Plastikflasche mit Palmkätzchenzweigen stand auf der mächtigen Steinplatte, die das Grab bedeckte. Über ihr, gemeißelt in den Stein der Stirnseite, dennoch bereits im Verblassen, las ich die Namen von Stefan Theil, Katharina Binder und ihrer als Kind gestorbenen Tochter Maria.
Wer hatte die Palmkätzchen hierher gebracht?
Und wann?
Das war zu viel in zu kurzer Zeit. Verwirrung folgte der Versenkung. Kämpfen oder Fliehen? Das Stammhirn befahl Aktivismus statt Andacht. Ich brach den Friedhofsbesuch ab, weil mich das übermächtige Bedürfnis gepackt hatte, Ersatz für die Palmkätzchen zu schaffen. Im Gehen entdeckte ich, fast schon gleichgültig, das Grab einer Adele Novak, geborene Theil, zog den Rucksack auf meine Schultern statt eine Schlußfolgerung daraus und eilte, mit einem unvorhergesehenen Auftrag höchster Dringlichkeit im Kopf, in die Ortsmitte Schäßburgs: Blumen mussten her!

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Exkurs

Bevor wir gleich um besagte Ecke sehen, ist es Zeit für einen kleinen

Exkurs

mit welchem jenen Lesern, die mit den ethnischen und sonstigen Verhältnissen Transsilvaniens weniger eng vertraut sind, das Auseinanderhalten der genannten Völker erleichtert werden soll.
Da sind zum einen die Rumänen, deren häufige Erwähnung allein der Tatsache geschuldet ist, dass Begegnungen mit ihnen in Rumänien nicht leicht zu vermeiden sind, und wenn man sie schon mal alle so schön beisammen hat, beobachtet man sie natürlich auch.
Die zweithäufigste Bevölkerungsgruppe Transsilvaniens sind die Ungarn. Doch Vorsicht!, denn die meisten unter ihnen sind eigentlich Székler. Sie sprechen zwar einen ungarischen Dialekt, schreiben aber mitunter in Runen, was Völkerkundler vermuten ließ, es könne eine frühgeschichtliche germanische Verwandtschaft bestehen. Dagegen wiederum spricht, dass die Székler mit hoher Wahrscheinlichkeit gemeinsam mit den Ungarn von Osten her nach Transsilvanien eingewandert sind. Nur wegen dieser jahrhundertelangen gemeinsamen Wanderschaft konnten sie notdürftig Ungarisch lernen.
Will man einen Székler von einem Ungarn unterscheiden, ohne dies anhand der Sprache zu können, muss man sein Haus ausfindig machen. Besteht der Eingang aus einer Tür, wohnt ein Ungar hier. Steht vor dem Haus hingegen ein hölzernes Tor, sorgfältigst mit geschnitzten Mustern, einer Jahreszahl und einem Segensspruch versehen, dabei von einem Ausmaß, dass es die Sicht aufs Haus versperrt, gekrönt von einem Vogelhäuschen, das in ein Dach übergeht, unter dem die Vögel kegeln könnten, darf man einen Schnaps drauf wetten, dass ein Székler es gebaut hat.
Die dritte Gruppe sind die Siebenbürger Sachsen. Deren Herkunft kennt man recht genau – nur weiß man leider nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Ihren Namen verdanken sie einer nachlässigen Übersetzung des lateinischen „Saxones“, mit dem im Mittelalter ganz allgemein deutschstämmige Siedler bezeichnet wurden, weshalb sie rein gar nichts mit den heutigen Sachsen im Osten Deutschlands zu tun haben. Sie sind vielmehr ab dem 13. Jahrhundert aus linksrheinischen Gebieten zwischen Lothringen und der Eifel nach Transsilvanien ausgewandert, was sich u.a. dadurch beweisen lässt, dass sie in ihrem seit 800 Jahren unveränderten Dialekt, dem Såxesch, von einem heutigen Luxemburger verstanden werden, keineswegs aber von einem Leipziger.
Angelockt hat sie der damalige ungarische König Géza II, der ihnen weitgehende Autonomie in Aussicht stellte, wenn sie im Gegenzug das Land ein wenig auf Vordermann brächten. Was er ihnen vermutlich verschwieg, war der Grund für die Unordnung, der in den unentwegten Raubzügen östlicher und südlicher Nachbarvölker zu suchen war. Nachdem die Siebenbürger Sachsen gemeinsam mit den Széklern die Petschenegen, Kumanen, Kabaren und Baschkiren zurückgeschlagen hatten und dachten, nun sei für eine Weile Ruhe, kamen die Türken. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Bis vor rund einhundert Jahren bildeten die Siebenbürger Sachsen gemeinsam mit den Széklern das Gros der transsilvanischen Bevölkerung. Als meine Großeltern mütterlicherseits geboren wurden – er Siebenbürger Sachse, sie Széklerin – lagen ihre Heimatorte auf ungarischem Staatsgebiet. Erst die Niederlage Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg führte zur territorialen Begünstigung Rumäniens (das in letzter Minute die Seiten gewechselt hatte und so zu einem der Sieger des Krieges geworden war) und zur Eingliederung Transsilvaniens, wodurch die deutsch- und ungarischsprachigen Volksgruppen trotz Überzahl zu Minderheiten im einstmals eigenen Land wurden.
Festgenagelt wurde das im „Trianon“, einem Nebenbau des Schlosses Versailles, und sollten Sie mal Anlass haben, einem Ungarn den Tag zu verderben, genügt es, dieses eine Wort fallen zu lassen.
Der Vollständigkeit halber (und obwohl ihr Wirken eher auf Unvollständigkeit abzielt), sei noch die Volksgruppe der Sinti und Roma genannt, deren Aussehen und Verhalten verblüffend an die schlimmen Vorurteile erinnert, die man früher Zigeunern entgegenbrachte.
Nachdem die Bevölkerungszahlen der Siebenbürger Sachsen dramatisch und die der Székler stark zurückgegangen sind, werden neuerdings auch die Rumänen weniger. Grund dafür ist nach offiziellen Angaben nicht ein Rückgang der Geburten, sondern die hohe Abwanderung in westliche EU Länder. Einmal dort, bleiben viele, denn Bürgergeld und Gitterstäbe verhindern häufig eine Rückkehr in die Heimat.
Inzwischen hat der rumänische Präsident (zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes ein Siebenbürger Sachse) einen Aufruf an die Nachkommen seiner Landsleute gerichtet, nach Transsilvanien zurückzukehren und dabei zu helfen, das Land ein zweites Mal aufzubauen – diesmal ohne Türkenstress. Zu einer bemerkenswerten Rückwanderung hat das bislang nicht geführt.
Dennoch arbeiten Banken und andere international operierende Verbrecherbanden bereits hart daran, an einem künftigen Boom mitzuverdienen, indem sie im großen Stil Ackerland kaufen, etwas Geld in die Umwidmung zu Bauland durch bedürftige Beamte investieren und darauf warten, es eines Tages parzellenweise an expansionsfreudige Unternehmen zu verkaufen. Derzeit (2012) bekommt man 240 Hektar Obstanbaufläche für 5000 Euro.
Die Sachsen interessiert das kaum. Sie haben es sich im Westen bequem gemacht und pflegen Sentimentalität statt Realität. Alljährlich am Pfingstsonntag treffen sie sich auf der Operettenbühne Dinkelsbühl, grillen problematisch aussehende Würstchen und lamentieren spätestens nach dem dritten Timişoreana über den Verlust der Heimat. Es werden bestickte Kissen und bemalte Holzteller verkauft, auf denen Schäßburgs Wahrzeichen, der Stundturm zu sehen ist. Dann tanzt eine Folkloregruppe aus einer Kleinstadt in Missouri, allesamt Nachfahren ausgewanderter Sachsen, eine zu Recht unbekannte Malerin darf ihr Lebenswerk präsentieren, ein gemeinnütziger Verein stellt das neueste Genealogieprojekt vor, bei dem man nach zwanzig Jahren Recherche bereits beim Buchstaben B aus Ort C angekommen ist, der Vorsitzende der Vertriebenenvereinigung findet unnötige Worte zur Notwendigkeit der friedlichen Koexistenz von Sachsen und Rumänen, und alle lieben am innigsten die Stadt, in der sie nicht mehr leben wollen: Schäßburg.

Exkurs Ende.

 

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Großvaters Haus

Großvaters Haus

Schäßburg empfing mich mit Sonnenschein und Wärme. Um langsam anzukommen, wandte ich mich erst der Bahnhofsbar zu, trank einen schnellen Café und trat erst dann voller Aufmerksamkeit auf den Vorplatz hinaus.

Was ich sah, war weder überwältigend, noch deprimierend; dennoch empfand ich sowohl eine gewisse Feierlichkeit wie auch leichte Traurigkeit, nach so langer Vorbereitung und Anreise endlich in dieser kleinen Stadt angekommen zu sein, von der ich als Kind mehr gehört hatte als über alle Metropolen dieser Welt.

Zu meiner Linken grenzte ein Gewerbegebiet an den Bahnhof. Es sah zur Abwechslung nicht verwahrlost aus, nur ungenutzt und unbenötigt. Vor mir befand sich das „Restaurant Pensiune Café Chic“, das mit einem zusätzlichen Schriftzug in roten Neonbuchstaben für „Hot Pizza“ warb, ohne dem ersten der beiden Wörter Strom zuzuführen. Auf dem Kunstrasen, der vor dem Eingang vorgab, auf einer Holzterrasse gewachsen zu sein erhoben Plastiktische in Form halbierter Baumstämme Anspruch auf rustikalen Charme. Rechter Hand schließlich, am Taxistand, begann jene Strada Libertaţii, auf die ich es abgesehen hatte und die eine der ganz wenigen ist, die heute noch so heißen wie vor 86 Jahren, als mein Großvater auf Hausnummer 8 wohnte.

Was würde er denken, dachte ich, wenn er mich jetzt sähe, der ich nur noch in meiner Erinnerung sein Enkel war? Wenn er sähe wie ich jetzt, die erste Ergriffenheit abschüttelnd, mit großen Schritten der Straße in Richtung Fluß folgte, mein Hotel im wahrsten Wortsinn links liegen lassend ohne einzuchecken oder auch nur den Rucksack abzulegen, im Gehen immer weiter nach rechts driftend bis ich mitten auf der Fahrbahn lief, um die langgezogene Linkskurve der Straße auszugleichen und das Haus so früh wie möglich zu sehen.

Ein Haus, von dem ich nur wusste, dass es heute Jugend beherbergte und in dem kein Platz mehr frei gewesen war, als ich von Deutschland aus angefragt hatte; ein Haus, dessen Anschrift mein Großvater bei seiner Trauung am 27. November 1926 als seine angegeben hatte und die dadurch in einem Registerauszug überliefert worden ist.

Diesen Auszug trug ich bei mir, in der Hoffnung, mich damit als jemand ausweisen zu können, dem man nicht ohne weiteres den Zutritt verwehren konnte – denn selbstverständlich wollte ich das Haus nicht nur von außen sehen.

Die junge Frau, die auf mein Klingeln öffnete, verstand nicht gleich. Sie glaubte, ich wollte mir unter dem Vorwand, einen Bewohner zu kennen, ein gratis Zimmer erbetteln. Als ich das Dokument vorzeigte, folgten Herzlichkeit und Überschwang. Gewiss könne ich das gesamte Haus besichtigen, keine Frage. Wo wollen wir beginnen?

Ich entschied mich für den Keller. Auch in Rumänien sollten hier jene Räume sein, die sich am wenigsten verändert haben sollten, doch ich sah mich getäuscht. Der Partyraum, den man mir zeigte, brachte mir meine eigene Jugend näher als die meines Großvaters. Mit Lack bestrichene Wände, Tropfkerzenreste in leeren Flaschen, durchgesessene Cordsamt-Sofas, Marlboro Plastikaschenbecher auf einem niedrigen, dunkelgrün getönten Glastisch und der Geruch von abgestandenem Alkohol und kaltem Rauch ließen Erinnerungen an die späten 70er Jahre und jenen Zeitpunkt auf einer Party aufkommen, zu dem es am besten war, nach Hause zu gehen. Nebenan gab es noch eine Waschküche, ein Getränkelager, einen Billardraum und eine winzige Bartheke, die als einzige in den Genuß von etwas Tageslicht aus dem Erdgeschoß kam, wo ich meine Besichtigung fortsetzte.

Obwohl die Räume zu Schlafsälen umgebaut worden waren, ließ sich noch erkennen, dass es einst zwei stattliche Zimmer gegeben haben musste, deren jeweils beide Fenster zur Straße zeigten, während sich im zum Garten gewandten Teil eine riesige Küche, eine Kammer und ein Bad befunden haben mussten.

Meine Führerin erläuterte, das Haus sei zur Zeit des Ceauşescu-Regimes als zu groß für eine einzige Familie betrachtet worden, weshalb mehrere Trennwände eingezogen worden seien. Man habe die Küche halbiert und aus den beiden vorderen Räumen vier kleine gemacht, um zwei Familien mit getrennten Schlafzimmern für Eltern und Kinder unterbringen zu können. Der jetzige Zustand komme somit dem ursprünglichen wieder näher.

Nach hinten führten mehrere Stufen ins Freie. Der Garten, der vor einem Jahrhundert eine Grundversorgung an Nahrung geliefert haben dürfte, war schlampig und lückenhaft zubetoniert worden. Einen Weinstock und zwei Feigenbäume hatte man ausgespart. Die Bodenfläche erinnerte in ihrer verschobenen, rissigen Struktur an die Fassaden der direkt hinter dem Haus aufragenden Plattenbauten. Viele alte Gebäude mussten diesen zum Opfer gefallen sein, und es erschien mir seltsam, dass genau hier die Grenze zwischen alt und neu verlief.

Ja, sagte die junge Frau, das sei ein unglaubliches Glück gewesen damals!

Man habe an der Kokel mit dem Demolieren der alten Häuser begonnen und unmittelbar danach die sozialistischen Scheußlichkeiten aufgetürmt. Nummer 12 hatte man eben niedergerissen, 10 und 8 wären als nächste an der Reise gewesen – da stoppten die Bauarbeiten von einem Tag auf den anderen, weil man den Diktator gerade noch rechtzeitig erschossen habe.

Ich erinnerte mich an die Fernsehbilder von der Verkündung des Todesurteils gegen Ceauşescu an Weihnachten 1989 und an seine wegwerfende Handbewegung im Moment des Schuldspruchs. Diese Geste hatte mich erschüttert und zugleich gerührt, denn so typisch wie sie für die Region ist, unterstreicht sie doch nur, dass man ein unbedeutendes Missgeschick akzeptiert und mit ihm abschließt. Sie stand in keinem Verhältnis zu Ceauşescus Verbrechen und war doch alles, was er vor seiner bevorstehenden Hinrichtung ausdrücken konnte.

Im Jetzt zu sehen, was seine Bautrupps Schäßburg angetan hatten, beendete die erinnerte Rührung schnell.

Beim Abschied fragte ich die junge Frau nach der ursprünglichen Fassadenfarbe, da mir Hochwasser- Markierungen auf der Wand aufgefallen waren. Es ist nicht das Original, sagte sie, aber nahe dran. Nach dem Rekordhochwasser 1975 – wieder tauchten Bilder aus dem Fernsehen in meiner Erinnerung auf, apokalyptische Fluten, die bis zu den Dächern der Schäßburger Altstadt reichten, dazu das Entsetzen im Gesicht meiner Mutter und ihrer Eltern bei deren Anblick – habe man zur Auflage bekommen, beim Neuanstrich Farben und Ornamente so genau wie möglich wiederherzustellen. Wenn ich mehr darüber wissen wolle, könne ich gern am Abend oder am Sonntag nochmal vorbeischauen. Dann könne mir Nicola, der jetzige Eigentümer des Hauses, noch das ein oder andere Detail erzählen.

Ich dankte, verließ Großvaters Haus, winkte im Gehen noch einmal zurück und wandte mich der übernächsten Straßenecke zu, wo es Café, Gogoşi – und einen kleinen Schnaps gab.

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Im Zug nach Schässburg

Im Zug nach Schäßburg

 

Freitag, 28. September
Das Zimmer bot für 20 Euro den Komfort eines deutschen Drei-Sterne-Hotels. Modern eingerichtet und sauber, war es mit einigen Bequemlichkeiten und einem Bett ausgestattet, dessen Matratze noch nichts wirklich Schlimmes erlebt haben konnte. Etwas getrübt wurde diese freudige Überraschung durch Mücken, die ich mit der ungarischen Tiefebene hinter mir gelassen zu haben gehofft hatte; dass sie auch in Hermannstadt nachtaktiv waren, ließ für die ländlicheren Gebiete, in die es noch gehen sollte, wenig Gutes erwarten. Aber was ist ein Transsylvanienaufenthalt ohne Blutverlust?
Das Handy weckte mich um Sechs. Zu dieser Zeit gab es im Hotel noch nichts zu essen, weshalb ich mir auf dem Weg zum nahen Bahnhof zunächst den festen Teil meines Frühstücks, die rumänische Version der ungarischen Lángos beschaffte. Man bekommt sie an jeder Ecke, fast rund um die Uhr und immer frisch. Sie heißen “Gogoşi”, sind etwas dicker als Lángos, schmecken aber ähnlich, was sich durch die identische Zubereitungsweise erklärt, dem Herausgebackenwerden in Schmalz.
Neben der Grundvariante, d.h. fettgetränkt bis zur Grenze der Saugfähigkeit, gibt es sie gefüllt, etwa mit Marmelade, Schinken oder Käse, womöglich auch mit allem. Schulkinder bevorzugen eine mit Puderzucker gesüßte Version, wie ich beobachten konnte, während Bauarbeiter gern zwei Gefüllte nehmen und sich eine Handbreit Sauerrahm mit Knoblauch dazwischenstreichen lassen. So konnte es mich eigentlich nicht überraschen, in der Bahnhofsbar, die ich aufsuchte, um mein Frühstück durch seine flüssige Hälfte – Kaffee – zu ergänzen, Gogoşi essende Männer anzutreffen, die zur Anregung der Fettverdauung morgens um halb sieben Wodka aus Wassergläsern tranken und – ein wenig alibihaft – einen Espresso dazu.
Später sollte ich lernen, dass Rumänen nicht nur zum Frühstück Schnaps trinken, sondern praktisch immer, während das Begleitgetränk je nach Tageszeit wechselt: vor neun Uhr ist es Café, danach Bier. Mittags kann, aber eher versehentlich, eine Cola dazwischengeraten, doch spätestens ab dem frühen Abend gleicht sich das aus, indem man zum Schnaps gleich noch einen großen Extraschnaps trinkt. All dies geht mit erstaunlicher Normalität einher, wie ich überhaupt den Eindruck gewann, dass das Trinken in diesem Land anderen Regeln folgt als bei uns. Nirgendwo auf meiner Reise sah ich eine einzelne Person mit Bierflasche, wie sie in Deutschland längst zum Straßenbild gehört; wenn in Transsylvanien getrunken wird, dann wie beim Ball von Graf Kroloc in Roman Polanskis “Tanz der Vampire”: in der Gruppe, und die Getränke werden geteilt.
Auch im Zug nach Schäßburg (damit die Reise endlich weitergeht) saßen fünf oder sechs Männer, die eine Zweiliter-Plastik-Blutkonserve … nein: Bierflasche herumgehen ließen. Sie waren offensichtlich auf dem Weg zur Arbeit, dabei bester Dinge und verhielten sich dennoch erheblich leiser und gesitteter als eine vergleichbare Anzahl nur halb so betrunkener Holzkirchner Teenager am Freitagabend in der S3 nach München.
Ach ja, das Bahnfahren. Wäre es nach seiner Erfindung nicht sofort realisiert worden, hätte man es vielleicht noch verbieten können. Jetzt aber müssen wir da durch.
Nach meiner Beobachtung gibt es zwei Kategorien von Zügen in Transsylvanien. Die erste besteht aus Wagen, die früher der französischen Bahn gehörten. Sie sind nach wie vor entsprechend beschriftet, und mit etwas Glück steckt noch ein Jahrzehnte altes Schild in seiner Halterung, dem zu entnehmen ist, dass dieser Zug im Elsaß verkehrte, einst, als ich zur Schule ging. Diese Züge wurden nach Rumänien überstellt, weil vermutlich kein Franzose mehr bereit wäre, ihnen sein Leben anzuvertrauen. Sie stellen die modernere der beiden Kategorien dar und kommen hauptsächlich auf Strecken zum Einsatz, auf denen viele Pendler unterwegs sind.
Die zweite Kategorie könnte wahlweise aus einem Werbespot für Sagrotan, einem Schulungsfilm fürs THW oder vom Truppenübungsplatz stammen.
Es sind Züge, denen auch kein Rumäne sein Leben anvertrauen würde. Sie überbrücken daher die Langstrecken, auf denen sie nicht so oft dem Abenteuer von Anfahren und Anhalten ausgesetzt sind und werden im Wesentlichen von Touristen genutzt, die nichts von den komfortablen Fernreisebussen wissen, mit denen die Rumänen größere Distanzen zurücklegen.
Beide Kategorien haben eine Gemeinsamkeit: sie fahren nur unwesentlich schneller als ein beherzter Greis mit Rollator, halten aber öfter an. Zum Ausgleich sind die Fahrkarten so billig, dass man von den Schaffnern häufig nicht kontrolliert wird, da die Preisdifferenz zwischen einem Ticket und keinem Ticket nicht ins Gewicht fällt. Da es vorkommen kann, nicht kontrolliert zu werden, weil der Schaffner auch an der großen Bierflasche teilhaben durfte und seine Lochzange nicht findet, lässt sich zusammenfassend sagen, dass man im Grunde überhaupt nie kontrolliert wird.
Nach Schäßburg brachte mich ein ziemlich neuer Waggon der ersten Kategorie, der ungewöhnlich sauber war und nicht in allen Kurven beunruhigende Geräusche von sich gab.
Gleich an der ersten Station nahmen zwei Männer und eine Frau fortgeschrittenen Alters auf den drei Sitzen um mich herum Platz. Die Männer trugen wagenradgroße schwarze Hüte, mächtige Schnurrbärte und außerordentlich weit geschnittene schwarze Nadelstreifenanzüge, die aussahen, als handle es sich um Arbeitskleidung für die Weide.
Die Frau war entweder sehr dick oder hatte sich in sehr viele Schichten bunter Röcke und graubrauner Strickjacken gehüllt, die zuoberst von einer taschenreichen Lederweste bedeckt wurden. Auf dem Kopf trug sie ein ebenfalls sehr buntes Tuch. Sie nickte mir lächelnd kurz zu, zeigte dabei klischeegemäß ein paar Goldzähne und wandte sich dann ab, um mit den Männern zu streiten. Als es diesen zu dumm wurde (denn obwohl ich kein Wort verstand, schien sich ein rascher und klarer Sieg der Frau abzuzeichnen), zogen sie sich in den Übergang zum nächsten Waggon zurück und zündeten sich dort zur Beruhigung erstmal ein Pfeifchen an.
Die Frau besann sich hierauf wieder meiner und sprach mich – zwar mit schwerem Akzent, aber durchaus verständlich – auf deutsch an: “Hast du Schokolade? Bisschen Schokolade?”
Ich verneinte, spontan von Mitleid für die anscheinend hungrige Alte ergriffen und nach Erklärungen (die Wärme) und Rechtfertigungen (woher Schokolade nehmen?) suchend, doch die Frau wollte das gar nicht hören: “Keine Schokolade? Nicht schlimm. Gibst du Geld, ich kaufe.”
Meine Ablehnung verlängerte die gefühlte Reisedauer um einige Jahre, da die Frau mitnichten dadurch reagierte, ihren Platz zu räumen, um den nächstbesten Fahrgast anzubetteln, sondern beharrlich neben mir sitzenblieb für den Fall, dass ich es mir anders überlegen könnte; ein zweites Mal fragte sie jedoch nicht und stieg in Dumbrăveni, mich freundlich grüßend, gemeinsam mit den beiden Männern aus.
Die weitere Fahrt verlief störungslos – mit Ausnahme des Auftritts eines autistisch wirkenden jungen Mannes, der aus mehreren Plastiktüten ein Sammelsurium so neuwertiger wie unnötiger Utensilien hervorkramte und diese trotz des bedenklich schaukelnden Zuges um mich herum ausbreitete. Darunter waren Dinge wie ein aufklappbares Kfz-Reparatur Werkzeug-Set im Miniaturformat, ein Duftwasser-Flacon in Form einer Jukebox, pailettenbeklebte Kugelschreiber, die glitzerten wie eine Disco-Kugel, Plastikkrawatten, Kaugummispender aus verchromtem Kunststoff (mit Kurbel!) oder Damenstrumpfhosen mit perlenbesetzter Naht. Kaum war alles ausgepackt, hastete der Mann ins nächste Abteil, den Rest seiner Tüten zu entleeren, ohne sich damit aufzuhalten, etwa ein Erklärkärtchen zu zücken, aus dem hervorgegangen wäre, dass er taubstumm oder anderweitig behindert war und vom Verkauf dieses Mülls zu leben hatte.
Fest entschlossen, dem Burschen im Notfall lieber Bargeld zu schenken, als etwas von dem Zeug zu kaufen, rührte ich nichts davon an, denn ich bildete mir ein, vor Jahren im “Cosmopolitan” oder einem anderen Fachblatt für Globetrotter gelesen zu haben, dass schon der Hauch einer Berührung dieser Objekte nach balkanischem Rechtsverständnis eine unanfechtbare Willenserklärung darstelle, die Artefakte erwerben zu wollen.
Prompt fiel die Jukebox zu Boden, zerbrach aber glücklicherweise nicht. Aufheben oder liegenlassen, das war jetzt die Frage? Ließ ich den Flacon auf dem Boden herumkullern, hätte man mir unterstellen können, ihn heruntergeworfen zu haben. Hob ich ihn auf, war das eine Kaufbereitschaftsdemonstration. Als ich sah, dass andere Reisende die Kostbarkeiten durchaus zu Studienzwecken in die Hand nahmen und durch Abschätzen des Gewichtes zu einem Erahnen des Wertes zu gelangen suchten, legte ich die Jukebox mit einem schnellen Griff auf den Sitz zurück.
Nach wenigen Minuten kehrte der Autist leicht gehetzt zurück (es hätte mich nicht gewundert, wenn er durch dieselbe Tür gekommen wäre wie beim ersten Mal), packte – wahrscheinlich war er wirklich taubstumm – alles wortlos wieder ein und verschwand, ohne mir die geringsten Schwierigkeiten zu bereiten. Zwei Reihen weiter kaufte ein Mann ein Feuerzeug (für welchen Betrag konnte ich nicht sehen), das er beiläufig aus dem Fenster warf, nachdem der Verkäufer den Waggon erneut verlassen hatte.
Viel später, nur noch acht Kilometer westlich von Schäßburg, erreichte der Zug die vorletzte Station dieser Fahrt, Seleuş. Dieser Ort, der auf deutsch Groß-Alisch heißt und auf ungarisch Nagyszőllős, wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts von Siebenbürger Sachsen gegründet und im Lauf der Jahrhunderte neun Mal umbenannt – je nachdem, wer gerade das Sagen hatte.
Am 23. Januar 1662 wurde diese Frage ein weiteres Mal vorübergehend geklärt – in einer besonders erbitterten Schlacht, deren Ausgang für die ungarische Linie meiner Vorfahren eine gewisse Bedeutung hatte, indem der Sieger, der siebenbürgische Fürst Mihály (Michael) Apaffy kurze Zeit später meinen Vorfahren István (Stefan) Mátéffy für seine Verdienste im Kampf während der Türkenkriege in den Adelsstand erhob.
Es ist dies ein in mehrfacher Hinsicht heikles Thema. Zum einen führen Worte wie “Adelstitel”, “Monarchie”, “Schlacht” oder gar “Türkenkriege” heutzutage bei vielen Leuten rasch zu Menschenrechtsverletzungspusteln, die nur durch mehrstündige Empörung wieder zum Abklingen gebracht werden können. Fast ebenso bedenklich sind “Bauchschmerzen”, die auftreten können, wenn, “ich sag’ mal”, sonst nicht viel wehtun kann.
Leider kann ich auf all diese Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen, da sich derlei zum einen nicht ändern lässt und ich zum anderen der Ansicht bin, dass die Türken, meinethalben auch Teile derselben, schon geraume Zeit vor der Gründung ihrer SüperLig und Fenerbahce Istanbuls eine lärmende, gewaltbereite Horde darstellten, deren hauptsächlicher Daseinszweck im Überrennen Anderer bestand.
So war mein Vorfahr, dessen alten, mit Klebeband geflickten Adelsbrief meine Großmutter in einer Kopie* aufbewahrte und den sie nur äußerst selten und nach langem Zureden hervorholte, um ihn durch mich bestaunen zu lassen, selbstverständlich ein Held meiner Kindertage, denn was gab es edleres, als das Abendland vor dem leibhaftigen Bösen zu bewahren?
Dumm nur, dass mein Ahne seine Lorbeeren keineswegs auf Seiten der “Bewahrer” errang, wie ich erst viel später herausfinden sollte, sondern als Gegner des österreichisch-ungarischen Truppenverbands. Obwohl selbst Ungar, genau genommen Székler, kämpfte er für seinen Herrn, der zum Zeitpunkt der Schlacht ein Herrscher von türkischen Gnaden war, gegen seine eigenen Landsleute.
Zugleich kooperierte Fürst Apaffy mit dem nicht minder moralelastischen Hof zu Wien und ersuchte sogar den englischen König um Hilfe gegen die Tataren, die er im Auftrag seiner Verbündeten, der Türken, als Bestrafungstruppe gegen Aufständische einsetzte. Mein Vorfahr war demnach kein “edler Ritter” im westlichen Sinne, wie jener Prinz Eugen von Savoyen, den ein Lied besingt, weil er Belgrad belagerte und im “Großen Türkenkrieg” 1683 Wien vor der Einnahme bewahrte. Uralt-Bácsi István dürfte – politisch unkorrekt, aber dafür sehr realitätsnah – nach dem Motto “wer zahlt, schafft an” gelebt und gekämpft haben, genau wie sein Chef.
Dass Apaffys Heer gemeinsam mit 4000 türkischen Soldaten in Schäßburg herumlungernd auf den Gegner wartete und dort gewiss keine geringe Plage für die regulären Einwohner darstellte; dass Johann Kemény, der für manch einen spätgeborenen Siebenbürger Sachsen noch heute als eigentlicher Fürst des Landes zu jener Zeit gilt, gleich zu Beginn der Schlacht und vermutlich aufgrund seiner Korpulenz vom Pferde stürzte und dabei zu Tode kam, was die Niederlage seiner Truppen eingeleitet haben dürfte; dass die Türken sich anschließend trotz ihres Sieges mal wieder nicht beherrschen konnten und in unmittelbarer Nachbarschaft des Kirchturms von Groß-Alisch alle übriggebliebenen Gegner massakrierten (im Flurstück “Weiher” kommen noch heute beim Pflügen der Erde Menschenknochen zutage) – nun, das macht’s natürlich nicht besser.
Ich frage mich derweil, welche Seite der damals Gefallenen sich in ihrem jeweiligen Jenseits wohl mehr darüber grämt, es wegen zu früher Geburt entweder nicht zu einer Dönerbude in Berlin-Neukölln oder einem Badeurlaub in Antalya gebracht zu haben?
Solchen Gedanken nachhängend blickte ich aus dem Zugfenster, bis der Ort des so lang vergangenen Geschehens hinter einer Kurve verschwand und allmählich, nach ein paar weiteren Kurven – Schäßburg auftauchte.

* Anm.: Das Original ist angeblich auf gegerbte Hundehaut geschrieben. Warum es fehlt, welcher Rasse der Hund angehörte, ob ein Vizsla das Rennen machte (man denke an die hervorragend beschreibbare Fläche zwischen Hinterlauf und Torso), und ob dem eine Bedeutung zukommt, ist so unklar wie die Frage, weshalb es überhaupt ein Hund sein musste? Nach den Hermannstädter Erlebnissen neige ich zu der Antwort: weil alles andere schon auf dem Grill hing.

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